Stattdessen hattet Ihr versehentlich eine falsche Abzweigung gewählt – und endetet, ohne es zu merken, auf einem unfruchtbaren Zweig. Statt ihm zu helfen, habt Ihr ihn durch Eure Fehleinschätzung dazu gebracht, die große Barriere einzureißen, so dass Jagang zu ebenjener Bedrohung wurde, vor denen die Prophezeiungen ursprünglich gewarnt hatten. Euretwegen konnten die Schwestern der Finsternis die Kästchen der Ordnung in ihren Besitz bringen, konnte ihnen der Hüter der Unterwelt seinen Willen aufzwingen. Ohne Euer Eingreifen wäre nichts von alledem möglich gewesen.«
Nicci musterte die einstige Prälatin fassungslos, während ihr die Ungeheuerlichkeit ihres Tuns bewusst wurde. Die Erkenntnis bereitete ihr eine Gänsehaut.
»Ihr selbst habt das alles verschuldet - unwissentlich. Mithilfe der Prophezeiungen wolltet Ihr eine Katastrophe abwenden und habt Euch stattdessen zu ihrem Erfüllungsgehilfen gemacht. Euer Entschluss einzugreifen hat die Katastrophe überhaupt erst möglich gemacht.«
Ann verzog das Gesicht zu einer säuerlichen Miene. »Auch wenn es so aussehen mag, als hätten wir ...«
»All die Arbeit, die Pläne, das jahrhundertelange Warten, und Ihr habt es verdorben.« Nicci strich sich das windgepeitschte Haar aus dem Gesicht.
»Und nun stellt sich heraus, dass ich diejenige bin, auf die die Prophezeiungen angewiesen sind - weil Ihr Euch eingemischt habt.«
Nathan räusperte sich. »Nun, das ist eine ziemlich starke - und leicht irreführende - Vereinfachung, aber ich muss zugeben, es ist etwas dran.«
Plötzlich sah Nicci die Prälatin, die sie stets für nahezu unfehlbar gehalten hatte, eine Frau, die jederzeit bereit war, anderen den winzigsten Fehler anzukreiden, in völlig neuem Licht. »Euch ist ein Fehler unterlaufen. Ihr habt alles falsch verstanden. Während Ihr darauf hingearbeitet habt, dass Richard seine Rolle als Dreh- und Angelpunkt spielen konnte, der uns womöglich retten würde, wurdet Ihr selbst zum zentralen Faktor, der möglicherweise unser aller Untergang bedeuten könnte.« »Hätten wir nicht...«
»Ja, wir haben einige Fehler gemacht«, fiel Nathan Ann ins Wort, ehe sie richtig ansetzen konnte. »Aber mir scheint, das trifft auf uns alle zu. Betrachtet Euch doch selbst, eine Frau, die ihr ganzes Leben für die Überzeugungen der Imperialen Ordnung gekämpft hat, nur um sich schließlich ganz einem Leben als Schwester der Finsternis zu verschreiben. Soll ich aufgrund Eurer in der Vergangenheit gemachten Fehler etwa alles für nichtig erklären, was Ihr jetzt sagt und tut? Wollt Ihr alle unsere Erkenntnisse und Errungenschaften für gegenstandslos erklären, nur weil uns vor langer Zeit ein Fehler unterlaufen ist? Vielleicht waren unsere Fehler in Wirklichkeit gar keine Fehler, sondern lediglich ein Mittel der Prophezeiungen, Teile eines größeren Plans. Immerhin war es Euch von Anfang an bestimmt, Richard so nahe zu sein, dass Ihr ihm helfen konntet. Vielleicht haben wir es Euch durch unser Handeln ermöglicht, ihm so nahe zu kommen und eine entscheidende Rolle zu spielen, eine Rolle, die nur Ihr übernehmen konntet.«
»In den Prophezeiungen ist der freie Wille eine Variable«, sagte Ann.
»Wo wärt Ihr ohne Richard und all die Geschehnisse, die sich dank seiner so gefügt haben? Was wärt Ihr, hätten wir nicht zu gegebener Zeit gehandelt? Wo wärt Ihr jetzt, wenn Ihr Richard nie begegnet wärt?«
Über diese Möglichkeit mochte Nicci nicht einmal nachdenken.
»Wie viele mehr könnten am Ende, so wie Ihr, gerettet werden, weil sich die Dinge genau so ereignet haben«, fügte die Prälatin hinzu.
»Gut möglich«, sagte Nathan, »dass die Prophezeiungen ganz einfach einen anderen Weg gefunden hätten, zu den gleichen Ergebnissen zu gelangen, wenn wir, sei es aus den richtigen oder falschen Gründen, nicht so gehandelt hätten. So wie diese Sprossen ineinander verschlungen sind, waren die jetzigen Ereignisse auf die eine oder andere Art vielleicht unvermeidlich.«
»So wie Wasser stets einen Weg nach unten findet?«, fragte Cara.
»Ganz genau«, sagte Nathan, erfreut über ihre Auffassungsgabe.
»Bis zu einem gewissen Grad sind die Prophezeiungen selbstheilend. Auch wenn wir die Einzelheiten zu verstehen glauben, kann es gut sein, dass uns das größere Gesamtbild verborgen bleibt, so dass sich die Prophezeiungen, sofern wir es auf uns nehmen, einzugreifen, andere Sprossen suchen müssen, um den Baum zu nähren, damit er nicht abstirbt.
Was in gewissem Sinn jeden Versuch, in das Geschehen einzugreifen, sinnlos macht. Und doch liegt der Zweck der Prophezeiungen gerade darin, dass man sich ihrer bedient, sich durch sie zum Handeln anregen lässt. Nichtsdestotrotz bleibt ein solches Eingreifen stets gefährlich. Das Kunststück besteht darin, genau zu wissen, wann und wo man handeln muss. Selbst für einen Propheten ist das ein nicht sonderlich präzises Wissensgebiet.«
»Vielleicht weil wir uns unserer in bester Absicht gemachten Fehler so schmerzlich bewusst sind«, sagte Ann, »könnt Ihr nun auch verstehen, warum es uns so bestürzt, dass Ihr es auf Euch nehmen wollt, eine solche Entscheidung in Richards Namen zu treffen und ihn als Spieler für die Macht der Ordnung zu benennen. Wir wissen, welch ungeheuren Schaden schon die Einmischung in vergleichsweise mindere Fragen der Prophezeiungen zur Folge haben kann. Und die Kästchen der Ordnung sind ein entscheidender Knoten, der so ziemlich alles andere zu einer Frage minderer Bedeutung macht.«
So hatte Nicci es gar nicht gemeint, sie hatte sich nie für untadelig gehalten, im Gegenteil. Zeit ihres Lebens hatte sie sich als minderwertig, wenn nicht geradewegs als böse gesehen. Ihre Mutter, Bruder Narev und später Kaiser Jagang hatten ihr dies eingeredet, indem sie ihr immer wieder ihre Unzulänglichkeit vorhielten. Allerdings war sie überrascht, dass ausgerechnet die Prälatin solch ... menschliche Züge zeigte. Nicci wandte den Blick ab. »So meinte ich das alles gar nicht. Ich dachte nur, Euch würden niemals Fehler unterlaufen.«
»Auch wenn ich mit Eurer Darstellung der Ereignisse, die sich über fünf Jahrhunderte und zahllose Jahre voller Mühen und Anstrengungen erstrecken, nicht einverstanden bin«, sagte Ann, »so fürchte ich, wir alle machen Fehler. Und geben wir dies nicht zu, können sie nicht korrigiert werden und greifen um sich. Gäben wir andererseits aber einfach auf, weil wir einen Fehler, selbst einen schwerwiegenden, begangen haben, würde keiner von uns es im Leben weit bringen.
Und was Eure Sicht unserer Wechselwirkung mit den Prophezeiungen anbetrifft, so habt Ihr dabei einige Faktoren außer Acht gelassen - ganz zu schweigen von den Dingen, von denen Ihr nichts wisst. Ihr verbindet die Dinge auf vereinfachende, wenn auch nicht völlig unzutreffende Weise miteinander. Und die aufgrund dieser Verbindung getroffenen Annahmen lassen alle plötzlich eintretenden Umstände weitgehend außer Acht.«
Auf Nathans Räuspern setzte Ann hinzu: »Was aber nichts anderes heißt, als dass unsere Einschätzung nicht völlig falsch gewesen ist. Wir haben Fehler gemacht, und einige davon haben zu den von Euch gerade hervorgehobenen Ereignissen geführt. Aber wir sind auf dem besten Weg, sie zu korrigieren.«
»Also«, warf Cara, leicht ungeduldig geworden, ein, »was ist nun mit dieser Prophezeiung einer Nicht-Prophezeiung, der großen Leere? Nach Euren Worten müssen wir sicherstellen, dass Lord Rahl die abschließende Schlacht kämpft, weil es in den Prophezeiungen so vorgesehen ist. Und gleichzeitig behauptet ein Teil derselben Prophezeiung, dass die Prophezeiung selbst inhaltslos ist? Das ergibt keinen Sinn.«
Ann schürzte die Lippen. »Sind Mord-Sith jetzt auch schon Experten für Prophezeiungen?«
Nathan blickte über seine Schulter zu Cara. »Die Verknüpfung von Ereignissen im Verhältnis zu ihren Prophezeiungen erschließt sich nicht so einfach. Prophezeiungen und freier Wille, müsst Ihr wissen, stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander, es sind Gegensätze. Und doch beeinflussen sie einander. Prophezeiungen sind Magie, und alle Magie bedarf der Ausgewogenheit. Der Ausgleich für die Prophezeiungen, der ihre Existenz erst ermöglicht, ist der freie Wille.«