»O ja, das ergibt jede Menge Sinn«, meinte Cara aus dem Hinterhalt der Türöffnung. »Wenn das stimmt, was Ihr da sagt, bedeutet das doch, dass sie sich gegenseitig aufheben.«
Der Prophet hob einen Finger. »Keineswegs. Sie sind voneinander abhängig, und doch antithetisch. So wie additive und subtraktive Magie gegensätzliche Kräfte sind und dennoch beide als Ausgleich für die jeweils andere existieren. Schöpfung und Zerstörung, Leben und Tod. Magie braucht Ausgewogenheit, um zu funktionieren, und das Gleiche gilt für die Magie der Prophezeiungen. Sie funktioniert dank der Existenz ihres Gegenparts, des freien Willens. Das war eine der größeren Schwierigkeiten, die wir in diesem Zusammenhang zu überwinden hatten - das Verständnis des Wechselspiels zwischen Prophezeiungen und freiem Willen.«
Cara rümpfte die Nase. »Ihr seid Prophet und glaubt an den freien Willen? Also, das ergibt nun wirklich keinen Sinn.«
»Setzt der Tod das Leben außer Kraft? Nein, er definiert es und schafft dadurch seinen Wert.«
Cara schien nicht vollends überzeugt. »Ich verstehe nicht, wie es in den Prophezeiungen überhaupt so etwas wie freien Willen geben kann.«
Nathan zuckte die Achseln. »Das beste Beispiel ist Richard selbst. Er ignoriert die Prophezeiungen und bildet gleichzeitig ihr Gegengewicht.«
»Mich ignoriert er auch, und wenn er das tut, gerät er jedes Mal in Schwierigkeiten.«
»Da haben wir etwas gemeinsam«, bemerkte Ann.
Cara seufzte. »Nicci hat es jedenfalls ganz richtig gemacht. Und ich glaube, nicht die Prophezeiungen, sondern ihr freier Wille hat sie dazu gebracht, das Vernünftige zu tun. Deswegen vertraut Lord Rahl ihr auch.«
»Da mag ich nicht widersprechen«, meinte Nathan achselzuckend. »So nervös es mich macht: Manchmal müssen wir Richard nach eigenem Gutdünken handeln lassen. Vielleicht hat Nicci letztendlich genau das getan - ihm das Werkzeug in die Hand gegeben, seinem freien Willen zu folgen.«
Nicci hörte kaum noch zu, sie war in Gedanken bereits ganz woanders. Unvermittelt wandte sie sich herum zu Nathan.
»Ich muss zum Grab von Panis Rahl. Ich glaube zu wissen, warum es schmilzt.«
Während allmählich die Dämmerung heraufzog, rollte aus der Ferne ein Tosen heran, das ihre Aufmerksamkeit erregte.
Cara reckte den Hals, um etwas zu erkennen. »Was ist denn da los?«
Nicci ließ den Blick über das Meer der Soldaten schweifen. »Der Jubel gilt einer Ja’La-Partie. Jagang bedient sich ihrer als Mittel der Zerstreuung, sowohl für die Menschen in der Alten Welt als auch für seine Truppen. Allerdings sind die in der Armee verwendeten Regeln ein gutes Stück brutaler. Das Spiel stillt den Blutdurst seiner Männer.«
Nicci war Jagangs Leidenschaft für dieses Spiel noch bestens in Erinnerung. Der Mann verstand es, die Gefühle seiner Untergebenen zu kontrollieren und zu steuern. Indem er die Schuld für jedes noch so alltägliche Problem denen zuschanzte, die sich weigerten, sich zum Glauben an die Imperiale Ordnung zu bekennen - in jüngster Zeit eben den Heiden aus dem Norden -, lenkte er die Menschen von ihrem alltäglichen Elend ab. Dieses Ablenkungsmanöver verhinderte, dass die Menschen die Ordenslehren hinterfragten, da dem Zweifler automatisch alle Schuld zugeschoben wurde.
Nicci kannte dies alles aus ihrer Zeit als Herrin des Todes - aus eigener Erfahrung. Für alles Leid wurden die Eigensüchtigen verantwortlich gemacht, und den Vorwurf der Eigensucht handelte sich ein, wer Fragen stellte. Auf diese Weise wurden die alltäglichen Probleme zu einer ständigen Erinnerung an den Feind, der sie nach landläufiger Meinung erst verursachte. Gleichzeitig galt es, in Freiheit und Wohlstand lebende Völker auszulöschen, da ihre bloße Existenz die Ordenslehren Lügen strafte.
Genau diesem Zweck diente auch Ja’La. Die etwas zivilisierte Spielart in den Städten richtete die emotionale Energie der Bevölkerung auf ein weitgehend bedeutungsloses Ereignis. Es bot ihr einen Anlass, sich zusammenzurotten und zu jubeln, und förderte so eine Geisteshaltung, die den Menschen mit dem Glauben durchtränkte, sich im Widerstand gegen andere zusammengeschlossen zu haben.
In der Armee hingegen diente es dazu, die Männer von der Drangsal des Armeedienstes abzulenken. Da sich das Publikum aus aggressiven jungen Männern zusammensetzte, wurden diese Spiele unter verschärften und brutaleren Regeln abgehalten. Jagang wusste nur zu gut, dass er ohne diese Spiele kaum in der Läge wäre, in einer derart gewaltigen und kaum handzuhabenden Streitmacht Disziplin und Herrschaft aufrechtzuerhalten. Ohne Ja’La würde sich ihre aus Müßiggang geborene Aggressivität nach innen kehren, gegen sie selbst.
Jagang besaß selbst auch eine Mannschaft, deren Zweck es war, die unerschütterliche Überlegenheit ihres Kaisers zu demonstrieren. Sie war der verlängerte Arm seiner Macht und Stärke, ein Objekt der Ehrerbietung, einer Ehrerbietung, die auf den Kaiser zurückfiel. Seine Ja’La-Mannschaft war die Verbindung zwischen ihm und seinen Männern, machte ihn zu einem der ihren, während sie gleichzeitig seine Überlegenheit unterstrich.
Bei aller Berechnung wusste Nicci, dass Jagang, wie seine Männer, längst diesem Spiel verfallen war. Kampf war für ihn das allerhöchste Spiel, und Ja’La dh Jin war jene Art Kampf, an der er sich ergötzen konnte, wenn er nicht selber kämpfte. Es hielt seine aggressiven Säfte im Fluss und gab ihm, dank seiner immer wieder aus unschlagbaren Männern neu zusammengestellten Mannschaft, das Gefühl, er höchstpersönlich sei der Meister dieses Spiels.
Es war für ihn längst mehr als das, es war eine Verlängerung seines Selbst.
Nicci wandte sich vom Anblick der unten versammelten Truppen der Imperialen Ordnung ab. Sie ertrug ihn nicht länger, ebenso wenig wie den Gedanken an die blutigen, ihr so verhassten Spiele. Die gedämpften Jubelschreie brandeten über sie hinweg, Ausdruck einer sich immer mehr steigernden Blutgier, die letztendlich gegen den Palast des Volkes entfesselt werden würde.
Wieder drinnen, wartete sie, bis Nathan die schwere Tür gegen die kalte Nacht, die sich über die Welt draußen herabsenkte, geschlossen hatte.
»Ich muss nach unten, um mir das Grab von Panis Rahl anzusehen.«
Er schaute über seine Schulter, als er den Schnäpper an seinen Platz drückte. »Das sagtet Ihr bereits. Also, gehen wir.«
Als sie Anstalten machten, zu gehen, zögerte Ann. »Ich weiß, wie ungern du in diese Grabstätte hinuntersteigst«, sagte sie und fasste ihn am Arm, so dass er stehen bleiben musste. »Verna und Adie warten bestimmt schon. Vielleicht könntest du dich um sie kümmern, während ich Nicci in das Grabmal hinunterbegleite.«
Nathan bedachte sie mit einem argwöhnischen Blick und wollte gerade etwas sagen, als Ann ihn ihrerseits anschaute. Dann schien er zu begreifen.
»Ja, ausgezeichnete Idee, Liebes. Cara und ich werden gehen und mit Verna und Adie sprechen.«
Caras Lederanzug knarzte, als sie die Arme vor der Brust ver schränkte. »Ich bleibe bei Nicci. In Lord Rahls Abwesenheit ist es meine Aufgabe, sie zu beschützen.«
»Ich bin ziemlich sicher, Berdine und Nyda möchten gern einige die Sicherheit im Palast betreffende Punkte mit Euch besprechen«, erwiderte Ann. Als Cara noch immer nicht geneigt schien, einzuwilligen, fügte sie rasch hinzu: »Für die Zeit nach Richards Rückkehr. Sie wollen sich vergewissern, dass alles getan wird, um bei seiner Rückkehr in den Palast seine Sicherheit zu gewährleisten.«
Es gab nur wenige Menschen, die so auf der Hut waren wie Mord-Sith. Ständig schienen sie Verdacht zu schöpfen, das Allerschlimmste anzunehmen. Nicci konnte sehen, dass Ann sie einfach nur alleine sprechen wollte, deshalb verstand sie nicht, warum sie das nicht einfach sagte. Vermutlich war Ann nicht überzeugt, dass ein solches Vorgehen von Erfolg gekrönt sein würde.
Sie legte Cara eine Hand ins Kreuz und beugte sich zu ihr. »Schon in Ordnung, Cara. Geht nur mit Nathan, ich werde in Kürze nachkommen.«
Cara sah von Niccis Augen zu Ann. »Und wohin?«