»Was?«
»Ihr liebt Richard.«
Nicci richtete den Blick wieder nach vorn. »Wir alle lieben ihn.« »Das habe ich nicht gemeint, wie Ihr sehr wohl wisst.« Nicci gelang es, ihre Fassung zu bewahren, zumindest nach außen hin.
»Ann, Richard ist verheiratet, und zwar mit einer Frau, die er liebt. Und nicht nur liebt, sondern mehr liebt als das Leben.« Ann schwieg.
»Außerdem«, sagte Nicci in die beklemmende Stille hinein, »hätte ich sein Leben, unser aller Leben, ruinieren können, als ich ihn in die Alte Welt entführte. Fast hätte ich es getan. Er hätte mich von Rechts wegen damals töten sollen.«
»Mag sein«, erwiderte Ann. »Aber das war damals, und nun ist jetzt.«
»Was soll das heißen?«
Sie zuckte die Achseln, als sie an einer Einmündung abbogen und auf eine weitere Flucht von Stufen zuhielten, die sie zur Ebene der Grabstätten hinunterführen würde. »Nun, ich denke, Nathan hätte ebenso allen Grund gehabt, mich zu hassen, wie Richard allen Grund gehabt hätte, Euch zu hassen. Nur haben sich die Dinge nun einmal nicht so entwickelt.
Wie ich bereits vor einer Weile erwähnte, machen wir alle Fehler. Nathan hat mir meine verzeihen können, und da Ihr noch lebt, hat Richard Euch Eure wohl ebenfalls verziehen. Offenbar liegt ihm also etwas an Euch.«
»Ich sagte doch schon, Richard ist mit der Frau verheiratet, die er liebt.«
»Einer Frau, die möglicherweise existiert, möglicherweise aber auch nicht.«
»Ich habe die Macht der Ordnung ins Spiel gebracht. Glaubt mir, ich weiß, sie existiert.«
»Das ist nicht genau das, was ich meinte.«
Niccis Schritte wurden langsamer. »Was meint Ihr dann?«
»Schaut, Nicci...« Ann zögerte, als wäre sie zerstreut. »Macht Ihr Euch eigentlich eine Vorstellung, wie schwer es mir fällt, Euch ›Schwester‹
Nicci zu nennen?«
»Ihr weicht vom Thema ab.«
Ann ließ sie ein kurzes Lächeln sehen. »Allerdings. Was ich meine ist:
Hierbei geht es um mehr als um einen einzelnen Mann.« »Wobei genau?«
Ann warf die Arme in die Höhe. »Na, bei allem. In diesem Krieg, dabei, dass er Lord Rahl ist, seiner Gabe, dem Krieg gegen die Imperiale Ordnung, den von den Chimären verursachten Problemen mit der Magie, dem Feuerkettenbann, den Kästchen der Ordnung - allem eben. Wer weiß im Augenblick schon, in welchen Schwierigkeiten er steckt? Seht doch, was er alles zu bewältigen hat. Er ist nur ein einzelner Mann, ein einsamer Mann, dem niemand hilft.«
»Das vermag ich wirklich nicht zu bestreiten«, sagte Nicci.
»Richard ist der Kiesel im Teich - ein Individuum im Mittelpunkt ungeheuer vieler Dinge. Er berührt so vieles, er hat sich als zentrales Element in unser aller Leben erwiesen, alles kreist um das, was er tut, um die von ihm getroffenen Entscheidungen. Tut er einen falschen Schritt, stürzen wir alle.
Und seht Euch den armen Jungen an, den Ersten seit dreitausend Jahren, der mit subtraktiver Magie geboren wurde, der aufwuchs, ohne im Gebrauch seiner Gabe unterwiesen zu werden. Geboren als Kriegszauberer, ohne auch nur zu wissen, wie er von seinen Talenten Gebrauch machen kann.«
»Mag sein. Und weiter?«
»Nicci, könnt Ihr Euch überhaupt vorstellen, wie es für ihn sein muss, welcher Druck auf ihm lastet? Er ist in einem winzigen Dorf in Westland aufgewachsen und war dort Waldführer. Könnt Ihr Euch vorstellen, was es heißt, solche Verantwortung aufgebürdet zu bekommen, ohne auch nur zu wissen, wie man seine Gabe herbeirufen kann? Und nun ist er zu allem Überfluss auch noch ein Spieler für die Macht der Ordnung. Könnt Ihr Euch vorstellen, wie sehr es ihn erschrecken wird, wenn er dahinterkommt, dass die Macht der Ordnung ins Spiel gebracht wurde – in seinem Namen? Er weiß nicht einmal, wie er Verbindung zu seinem Han aufnehmen kann, und nun soll er die vermutlich komplexeste Magie handhaben, die je vom menschlichen Geist ersonnen worden ist?«
»Dafür bin ich ja da«, sagte Nicci und setzte sich erneut in Bewegung.
»Ich werde ihn darin unterweisen, ich werde seine Führerin sein.«
»Genau das meinte ich. Er braucht Euch.«
»Nun, ich bin für ihn da. Ich würde alles für ihn tun.«
»Würdet Ihr das wirklich?«
Die Stirn in Falten gelegt, betrachtete Nicci die unentzifferbare Miene der Prälatin. »Worauf spielt Ihr an?«
»Würdet Ihr wirklich alles tun? Würdet Ihr ihm der Mensch sein, den er am meisten braucht?«
»Und welcher wäre das?«
»Seine Partnerin.«
Sie rümpfte die Nase unter ihrer gerunzelten Stirn. »Seine Partnerin?«
»Seine Partnerin im Leben.« »Aber die hat er bereits.« »Kann sie Magie wirken?« »Sie ist die Mutter Konfessor.«
»Ja, aber kann sie Magie wirken? Kann sie, so wie Ihr, ihr Han heraufbeschwören?«
»Nun, ich weiß nicht.«
»Kann sie subtraktive Magie benutzen? Ihr könnt es. Richard wurde mit der Gabe für subtraktive Magie geboren. Im Gegensatz zu mir wisst Ihr mit einer solchen Kraft umzugehen, damit seid Ihr die Einzige auf unserer Seite, die das vermag. Habt Ihr je darüber nachgedacht, dass es Euch aus einem ganz bestimmten Grund in seine Nähe verschlagen haben könnte?« »Einem Grund?«
»Selbstverständlich. Allein kann er dies nicht bewältigen. Vielleicht seid Ihr die einzige Lebende, die ihm das sein kann, was er am meisten braucht - eine liebende Partnerin, die ihn unterrichten und anleiten kann, und die imstande ist, ihm eine angemessene Gefährtin zu sein.«
»Seine angemessene Gefährtin?« Nicci mochte kaum ihren Ohren trauen. »Bei den Gütigen Seelen, Ann, er liebt Kahlan. Was meint Ihr nur damit, seine angemessene Gefährtin?«
»Nun, genau das, was ich sage.« Sie machte eine vage Handbewegung.
»Ihm ebenbürtig - im weiblichen Sinne jedenfalls. Wer wäre besser geeignet für das, was er wirklich braucht, was wir wirklich brauchen?«
»Seht, ich kenne Richard.« Nicci hatte die Hand gehoben, um das Gespräch abzuwürgen, ehe es noch abwegiger wurde. »Und ich weiß, wenn er Kahlan liebt, muss sie eine wirklich bemerkenswerte Person sein. Sie muss ihm ebenbürtig sein. Man liebt, was man bewundert. Es entspricht dem Wesen der Imperialen Ordnung, genau das Gegenteil zu tun, zu lieben, was man verabscheut.
Mag sein, dass sie nicht so wie er Magie wirken kann, dennoch muss sie jemand sein, den er bewundert, jemand, der ihn ergänzt, zu einer vollständigen Person macht. Eine Geringere würde Richard niemals lieben.
Ihr würdigt sie herab, ohne auch nur das Geringste über sie zu wissen. Keiner von uns erinnert sich an sie, aber man braucht doch nur Richard zu kennen, um zu begreifen, wie außergewöhnlich sie sein muss. Außerdem ist sie die Mutter Konfessor, eine überaus mächtige Frau. Vielleicht kann sie mit ihrer Kraft nicht die gleichen Dinge tun wie eine Hexenmeisterin, aber das Gleiche gilt auch im umgekehrten Fall. Vor dem Fall der Grenzen herrschte die Mutter Konfessor über die Midlands. Königinnen und Könige verneigten vor ihr das Haupt. Könnten wir das auch? Ihr habt über einen Palast geherrscht, ich bin nichts weiter als die Sklavenkönigin. Kahlan dagegen ist eine wahre Herrscherin, eine Herrscherin, auf die ihr Volk vertraut, eine Herrscherin, die für es gekämpft hat, für die Bewahrung seiner Freiheit. Eine Frau, die nach Richards Worten die Grenze überschritten und in die Unterwelt hinabgestiegen ist, um Hilfe für ihr Volk zu erhalten. Als ich Richard in der Alten Welt gefangen hielt, ist sie für ihn eingesprungen, hat mit den D’Haranischen Streitkräften gekämpft und sie befehligt, um Jagangs Vormarsch aufzuhalten und so Zeit zu gewinnen, um eine Möglichkeit zu finden, ihm endgültig Einhalt zu gebieten. Richard liebt Kahlan. Damit ist alles gesagt.«
Nicci konnte kaum glauben, zu welcher Rechtfertigung sie sich hatte hinreißen lassen.
»Nun, was Ihr da sagt, mag ja alles durchaus richtig sein. Er mag diese Kahlan lieben, nur wer weiß schon, ob sie überhaupt noch lebt? Ihr seid mit dem bösartigen Wesen der Schwestern, in deren Gewalt sie sich befindet, sehr viel besser vertraut als ich. Niemand vermag zu sagen, ob er sie jemals wiedersehen wird.«