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»So wie ich ihn kenne, wird er es.«

Ann breitete die Hände aus. »Und wenn, was dann? Was soll daraus entstehen?«

Die feinen Härchen in Niccis Nacken sträubten sich. »Was wollt Ihr damit sagen?«

»Ich habe das Feuerkettenbuch gelesen, ich weiß, wie der Bann funktioniert. Seht den Tatsachen ins Gesicht: Die Frau, die Kahlan einst war, existiert nicht mehr. Das alles hat der Feuerkettenbann ausgelöscht. Der Feuerkettenbann bewirkt nicht nur, dass die Menschen ihre Vergangenheit vergessen, er tilgt ihr Erinnerungsvermögen und vernichtet ihre Vergangenheit. In allen praktischen Belangen existiert die Kahlan, die es einst gab, nicht mehr.«

»Aber sie ...«

»Ihr liebt Richard. Stellt ihn in Euren Gedanken an die allererste Stelle und denkt nur an seine Bedürfnisse. Kahlan ist verloren - jedenfalls ihre Seele. So zutreffend alles, was Ihr über sie sagt, sein mag, die Frau, die Richard einst liebte, existiert nicht mehr. Selbst wenn er sie wiederfände, wäre sie nichts weiter als der Körper seiner einstigen Geliebten, eine leere Hülle, in der sich nichts mehr befindet, was er lieben könnte. Ist Richard die Art Mann, der sie alleine wegen ihrer äußeren Gestalt, wegen ihres Körpers lieben würde? Wohl kaum. Die Seele macht den Menschen zu dem, was er ist, und ihre Seele war es, die er geliebt hat – doch die ist verloren.

Wollt Ihr Euer Leben etwa ebenso fortwerfen, wie ich das meine? Ich habe ein ganzes Leben verloren, das ich hätte mit Nathan verbringen können, einem Mann, den ich eigentlich schon immer geliebt habe. Macht nicht denselben Fehler, Nicci. Lasst nicht zu, dass Richard sein Glück ebenso entgleitet.«

Nicci presste ihre zitternden Finger fest zusammen. »Vergesst Ihr etwa, wen Ihr vor Euch habt? Ist Euch klar, dass Ihr Richard eine Schwester der Finsternis aufnötigt, dem Mann, von dem Ihr behauptet, er sei die Hoffnung für die Zukunft aller?«

»Ach was«, spottete Ann. »Ihr seid keine Schwester der Finsternis, Ihr habt mit den anderen nichts gemein. Sie sind wahre Schwestern der Finsternis, Ihr nicht.« Sie tippte ihr gegen die Brust. »Nicht hier drinnen. Ihre Gier hat sie zu dem gemacht, was sie sind, denn sie wollten etwas, was sie sich nicht verdienen konnten - Macht und die Erfüllung dunkler Versprechungen.

Ihr dagegen wart anders. Ihr seid nicht eine Schwester der Finsternis geworden, weil es Euch nach Macht gelüstete, sondern aus genau dem gegenteiligen Grund. Ihr wart der Meinung, Eures eigenen Lebens unwürdig zu sein.«

Es stimmte. Nicci war als einzige Schwester der Finsternis nicht übergetreten, um Macht oder einen Vorteil für sich selbst zu erlangen, sondern vielmehr aus dem Gefühl, nichts wirklich Gutes verdient zu haben. Selbstlosigkeit, sich für die Bedürfnisse anderer aufopfern zu müssen, kein selbstbestimmtes Leben führen zu können, war ihr zutiefst verhasst. Und diese Einstellung gab ihr das Gefühl, eigensüchtig zu sein, machte sie zu einer unwürdigen Person. Anders als die anderen Schwestern der Finsternis glaubte sie nichts anderes zu verdienen als immerwährende Strafe.

Dieses aus Schuldgefühlen statt aus Gier motivierte Verhalten hatte die anderen Schwestern der Finsternis stets verunsichert, weshalb sie ihr misstrauten. Sie gehörte letztlich nicht zu ihnen.

»Bei den Gütigen Seelen«, entfuhr es ihr. Sie konnte kaum glauben, dass diese Frau, die sie während ihres jahrzehntelangen Zusammenlebens im Palast der Propheten kaum jemals zu Gesicht bekommen hatte, einen so klaren Blick für die damalige Situation besaß.

»Mir war gar nicht bewusst, dass ich so leicht zu durchschauen war.«

»Für mich war es ein steter Quell von Traurigkeit«, sagte Ann mit sanfter Stimme, »dass ein so wunderschönes und begabtes Geschöpf wie Ihr eine so geringe Meinung von sich hatte.«

Nicci schluckte. »Warum habt Ihr mir das nie zu sagen versucht?«

»Hättet Ihr mir denn geglaubt?«

Nicci blieb am oberen Treppenende stehen und legte eine Hand auf den Endpfosten aus weißem Marmor. »Vermutlich nicht. Für diese Erkenntnis musste ich erst Richard begegnen.«

Ann seufzte. »Vielleicht hätte ich es versuchen sollen, aber ich lebte in der steten Angst, für zu nachgiebig gehalten zu werden und durch solche Vertrautheiten meine Autorität zu untergraben. Außerdem befürchtete ich, wenn ich Novizinnen meine aufrichtige Meinung über sie verriete, könnte dies dazu führen, dass sie zu sehr von sich eingenommen wären. Ihr wart aber keineswegs so leicht zu durchschauen, wie Ihr vielleicht denkt. Die Tiefe Eurer Gefühle war mir nie bewusst. Ich dachte, was ich bei Euch für Bescheidenheit hielt, würde Euch als Frau gut zu Gesicht stehen. Auch darin habe ich mich getäuscht.«

»Das war mir nie bewusst.« Niccis Gedanken schienen sich in jener fernen Zeit zu verlieren.

»Glaubt aber nicht, dass Ihr die Einzige wart. Andere habe ich noch viel schlimmer behandelt, weil ich so große Stücke auf sie hielt. Verna habe ich vielleicht mehr als jeder anderen vertraut, trotzdem habe ich es ihr nie gesagt, sondern sie vielmehr auf eine zwanzigjährige sinnlose Suche geschickt, weil ich sie als Einzige mit einer solchen Mission zu betrauen wagte. Alles Teil meiner Verwicklung mit verschiedenen Ereignissen aus den Prophezeiungen.« Ann schüttelte den Kopf. »Wie hat sie mich gehasst für diese zwanzig Jahre.«

»Ihr sprecht von ihrer Suche nach Richard?«

»Ja.« Ann lächelte bei sich. »Auf dieser Reise hat sie auch zu sich selbst gefunden.«

Nachdem sie einen Moment ihren Erinnerungen nachgehangen hatte, blickte sie lächelnd auf zu Nicci. »Wisst Ihr noch, wie Verna ihn endlich zu uns brachte? Erinnert Ihr Euch an den ersten Tag, als sich alle Schwestern in dem großen Saal versammelt hatten, um den neuen Knaben zu begrüßen, und sich herausstellte, dass Richard längst ein erwachsener Mann geworden war?«

»Ich erinnere mich.« Bei der Erinnerung musste sie ebenfalls lächeln.

»Ihr würdet es kaum für möglich halten, was dieser erste Tag alles in Gang gesetzt hat. Als ich ihn an diesem Tag sah, schwor ich mir, eine seiner Ausbilderinnen zu werden.«

Sie war zu seiner Lehrerin geworden, und Richard letztendlich zu ihrem Lehrer.

»Richard braucht Euch jetzt, Nicci. Er braucht jemanden, der zu ihm steht, er braucht eine Partnerin in diesem Kampf. Für einen einzelnen Mann ist diese Last zu groß. Er braucht eine Frau, die ihn liebt. Kahlan existiert nicht mehr, und wenn, ist er für sie ein Fremder. Der traurige Kern der Sache ist, dass er sie an diesen Krieg verloren hat. Jetzt braucht er jemanden, der ihm ein Partner im Leben ist.

Er braucht Euch, damit Ihr ihm nachts die Dinge ins Ohr flüstert, die er hören muss. Ob er sich dessen bewusst ist oder nicht, er braucht Euch mehr als alles andere.«

Nicci war kurz davor, in Schluchzen auszubrechen. Sich selbst gegen das argumentieren zu hören, wofür sie ihr Leben hergegeben hätte, zerriss sie innerlich. Nichts im Leben wünschte sie sich mehr als Richard. Aber gerade weil sie ihn liebte, konnte sie nicht tun, was Ann von ihr verlangte.

Den Blick starr in den Treppenschacht gerichtet, wechselte sie das Thema. »Ich muss mir die Grabstätte ansehen, und anschließend muss ich mit Verna und Adie sprechen. Ich habe keine Zeit zu verlieren. Ich muss nach Tamarang, um Zedd zu helfen, Richard aus dem Bann der Hexenmeisterin zu befreien. Das ist es, was Richard im Augenblick am dringendsten benötigt.

Und dafür muss ich alles über diese Sechs wissen. Vielleicht habt Ihr sie nicht gekannt, aber Ihr hattet doch ein sich über die gesamte Alte Welt erstreckendes Spionagenetz.«

»Ihr wusstet von den Spionen?« Ann folgte ihr die Treppe hinunter.

»Ich hatte einen Verdacht. Ohne Hilfe kann sich eine Frau wie Ihr nicht so lange an der Macht halten. Unter Eurer Herrschaft war der Palast der Propheten eine Insel der Stabilität und Ruhe in einer Welt in Aufruhr, einer Welt, die im Begriff war, unter den Bann der Bruderschaft der Imperialen Ordnung zu fallen. Ihr brauchtet ein im ganzen Land verbreitetes Spionagenetz, um stets über die Geschehnisse in der Außenwelt unterrichtet zu sein, das Euch über die möglichen Gefahren auf dem Laufenden hielt. Schließlich wart Ihr der Garant dafür, dass der Palast über Hunderte von Jahren frei und ungehindert seiner Arbeit nachgehen konnte.«