Ann hob erstaunt eine Braue. »Ich war darin keineswegs so gut, wie Ihr denkt, meine Liebe. Andernfalls hätten sich die Schwestern der Finsternis unmittelbar vor meinen Augen wohl kaum so frei entfalten können.«
»Aber Ihr hattet einen Verdacht und habt Vorkehrungen getroffen.«
»Richtig. In jedem Falle aber unzureichende, wie sich nun herausstellt.«
»Niemand ist ohne Fehl, und niemand unbesiegbar. Richtig aber bleibt, dass Ihr lange Zeit Hervorragendes dafür geleistet habt, um sie in Schach zu halten. Ich weiß, dass sie wegen Eures Informantennetzes über Jahre unablässig über ihre Schulter geschaut haben, weil sie Euch fürchteten. Und dank dieses Netzes, wie nur die Prälatin es zu spinnen vermag, müsstet Ihr etwas über Sechs gehört haben.«
»Ich weiß nicht, Nicci. In all den Jahren haben sich Unmengen wichtiger Dinge zugetragen, da haben mich Gerüchte über eine Hexe nicht sonderlich interessiert. Es gab Wichtigeres. Was Sechs anbetrifft, so ist mir eigentlich nichts Bemerkenswertes zu Ohren gekommen.«
»Mir liegt nichts daran, Euch zum Verrat von Vertraulichkeiten zu bewegen, Ann. Mich interessiert nur alles, was Ihr über sie wisst. Aus irgendeinem Grund hat sie das Kästchen der Ordnung in ihren Besitz gebracht, das ich für Richard wiederbeschaffen muss. Schon der kleinste Hinweis könnte dabei hilfreich sein.«
»Von meinen Quellen habe ich einfach nie etwas über sie gehört.«
Schließlich nickte sie, fast wie zu sich selbst. »Aber ganz allgemein schon, daher weiß ich auch, dass sie die Macht der Ordnung nicht ins Spiel bringen kann.«
»Warum hätte sie es dann in ihren Besitz bringen sollen?«
»Nun, bis auf das, was Shota uns über sie berichtet hat, weiß ich zwar nichts über sie, gleichwohl ist mir bekannt, dass manche Menschen ihre Bestimmung in dem Wunsch sehen, alles Gute im Leben zu zerstören – eine besonders verdrehte Überzeugung, die im Grunde nichts anderes ist, als die Rechtfertigung vor sich selbst für ihren alles beherrschenden Hass auf alles Gute. Dieser zentrale Antrieb verbindet sie mit anderen, die wie sie das Ziel verfolgen, jeden zu vernichten, der in Freiheit lebt und nach Besserung trachtet. Dieses Ziel - die Vernichtung alles Guten - ist es, die ihre Leidenschaft anfacht.
Letztendlich ist diesen Leuten das Leben selbst verhasst, sie fühlen sich den Herausforderungen des Daseins nicht gewachsen. Die Notwendigkeit, sich der Welt zu stellen, so wie sie tatsächlich ist, ist ihnen ein Gräuel, also trachten sie danach, auf einem kürzeren Weg ans Ziel zu kommen. Statt selber hart zu arbeiten, entscheiden sie sich für die Vernichtung derer, die dies tun. Statt etwas Sinnvolles zu schaffen, versuchen sie, anderen ebendies zu nehmen.«
»Mit anderen Worten, obwohl Ihr nichts Genaues über diese Sechs wisst, vermutet Ihr, dass sie sich aufgrund ihrer Natur anderen von Hass getriebenen Personen anschließen wird.«
»Genau so ist es«, sagte Ann. »Und was besagt das?«
Am unteren Treppenende angekommen, blieb Nicci kurz stehen, legte ihre Hand auf den Treppenpfosten und tippte, den starren Blick gedankenverloren geradeaus gerichtet, mit dem Fingernagel auf den weißen Marmor. »Es besagt, dass sie sich letztendlich mit denen zusammentun möchte, die die beiden anderen Kästchen haben: die Schwestern der Finsternis. So sehr sie sich in ihren Uberzeugungen unterscheiden mögen, ihr Hass vereint sie.«
Ann lächelte bei sich. »Sehr gut, meine Liebe.«
»Sie selbst kann mit dem Kästchen nichts anfangen«, dachte Nicci schließlich laut nach. »Was bedeutet, dass sie es sich als Unterpfand für einen Handel verschafft haben muss. Mit seiner Hilfe will sie sich selbst Macht verschaffen. Nach dem Fall der Großen Grenze erschien ihr die Neue Welt angreifbar, sie ersann einen Plan und entwendete schließlich, was Shota hier in der Neuen Welt erschaffen hatte. Aber letztendlich reicht ihr das noch nicht. Für das Kästchen, das sich jetzt in ihrem Besitz befindet, verlangt sie Macht.«
Ann nickte. »Damit wäre gewährleistet, dass sie bei der Entfesselung der Macht der Ordnung mit von der Partie ist. Sie fühlt sich von der Möglichkeit der massiven Vernichtung alles Guten angezogen. Mag sein, dass es sie selbst nach Macht verlangt, aber ich denke, ihr eigentliches Ziel ist es, Teil dieser Demontage aller Werte und jeglicher Ordnung zu sein.«
»Eins aber ergibt dabei keinen Sinn.« Kopfschüttelnd starrte Nicci in den langen Flur. »Die Schwestern der Finsternis werden vermutlich nicht sonderlich erpicht auf einen Handel mit der Hexe sein. Sie fürchten sich vor ihr.«
»Den Hüter fürchten sie mehr. Sie brauchen das Kästchen unbedingt für die Entfesselung der Macht der Ordnung. Vergesst nicht, jetzt, da sie die Kästchen ins Spiel gebracht haben, ist ihr Leben verwirkt, sofern sie das falsche öffnen. Sie werden gar nicht anders können, als sich auf einen Handel mit Sechs einzulassen.«
»Vermutlich«, sagte Nicci.
Doch irgendetwas schien zu fehlen, nur kam sie nicht darauf, was. Irgendwie musste noch mehr dahinterstecken.
19
Niccis Hand glitt vom Pfosten und fiel herab, als sie weitergingen. Böden, Wände und Decke des stillen, sich in der Ferne verlierenden Flurs bestanden ausschließlich aus polierten Platten weißen Marmors, durchzogen von zarten grauen und goldenen Adern, die dem gesamten Gang ein leicht ungeordnetes Aussehen verliehen.
Die in gleichmäßigen Abständen entlang den Wänden angebrachten Fackeln in Eisenhalterungen tauchten den noblen Flur in ein flackerndes Licht. Ein aufdringlicher Geruch von Pech hing in der stehenden Luft, sowie ein kaum merklicher Anflug beißenden Rauchs. An verschiedenen Stellen des Flures gingen andere Gänge ab, die zu den Grabstätten führten.
»Wir leben in gefährlichen Zeiten«, meinte Ann. Ihre Schritte hall ten auf dem Steinboden wider. »Wir nähern uns der gefährlichsten mir bekannten Stelle in den Prophezeiungen, einer Stelle, die unseren möglichen Untergang bedeuten könnte.«
Nicci sah die alte Prälatin an. »Deswegen muss ich Zedd helfen, Richard zu finden, während Sechs gleichzeitig unbedingt daran gehindert werden muss, alle drei Kästchen der Ordnung zusammenzubringen. Sie hat mir ihre Gefährlichkeit bereits bewiesen, gelingt es uns aber, sie zu finden, könnte Zedd uns helfen, mit ihr fertigzuwerden.
Noch wichtiger könnte es sein, dass ich an Schwester Ulicia und Armina herankomme, die die beiden anderen Kästchen haben. Haben sie erst alle drei zusammen, werden sie Richard mit dem Öffnen eines der Kästchen wohl kaum bis zum ersten Tag des nächsten Winters Zeit lassen, sondern sie sofort zu öffnen versuchen. Ich werde das unangenehme Gefühl nicht los, dass uns die Zeit davonläuft.«
»Der Meinung bin ich auch«, sagte Ann, als sie eine der zischenden Fackeln passierten. »Deswegen ist es ja so wichtig, dass Ihr für Richard da seid und ihn unterstützt.«
»Aber das will ich doch.«
Ann sah zu ihr hoch. »Ein Mann braucht eine Frau, um seine Entscheidungen mit ihr abzustimmen, erst recht, wenn diese den Lauf des Lebens verändern können.«
Nicci beobachtete, wie ihre Schatten sich um sie drehten, als sie eine weitere Fackel passierten. »Ich bin nicht sicher, ob ich weiß, wovon Ihr sprecht.«
»Nur eine Frau, die ihn liebt, die ihm zur Seite steht und sein uneingeschränktes Vertrauen genießt, ist in der Lage, günstig auf ihn einzuwirken.«
»Ich liebe ihn doch und werde ihm zur Seite stehen.«
»Ihr werdet mehr als das tun müssen, Nicci, wenn Ihr die Frau sein wollt, die ihn in der erforderlichen Weise beeinflussen kann.«
Nicci schielte aus dem Augenwinkel zu ihr hinüber. »Und welcher Einfluss genau wäre Eurer Meinung nach vonnöten?«
»Ein Kind bedarf ebenso der Strenge des Vaters wie der feinfühligen Erziehung der Mutter.« Sie hielt ihre beiden ersten Finger fest aneinandergepresst in die Höhe. »Das Männliche und das Weibliche zusammen formen uns, bestimmen uns und weisen uns den Weg. In diesem Fall verhält es sich nicht anders. Ein Mann benötigt das weib liehe Element in seinem Leben, um ein wahrer Herrscher zu sein, der die Geschicke der Menschheit lenkt.