Ein mächtiger, aber frauenloser General ist durchaus in der Lage, Schlachten zu schlagen und Kriege zu gewinnen. Jagang ist imstande, jeden zu vernichten, der sich ihm in den Weg stellt, zu mehr aber auch nicht - jedenfalls zu nichts, was die Mühe lohnte.
In unserem Fall verhält es sich anders. Es gehört mehr dazu, nicht nur einen Krieg zu gewinnen, wie wir ihn derzeit gewärtigen, sondern auch die Zukunft, die wir uns danach erhoffen. Richard braucht nicht einfach nur jemanden, der ihn liebt, sondern jemanden, den er lieben kann. Ein Leben mit dem Schwert allein reicht nicht, was er braucht, ist gefühlsmäßige Anteilnahme. Er muss Liebe nicht nur empfangen, sondern auch geben können.«
Nicci mochte diese Diskussion nicht noch einmal führen. »Diese Frau bin ich nicht.«
»Aber Ihr könntet es sein«, hakte Ann mit sanfter Beharrlichkeit nach.
»Ich bin sicher, dass Kahlan seiner Liebe würdig ist; auf mich trifft das nicht zu. Ich habe Schreckliches getan, Dinge, die ich nie wieder gutmachen kann. Ich habe einen sehr finsteren Pfad beschritten und kann jetzt nichts weiter tun, als die üblen Ideen zu unterbinden, für die ich einst gekämpft habe. Gelingt mir das, kann ich die Erlösung meines Herzens erlangen. Aber Richards Liebe könnte ich mir nie verdienen. Sie steht allein Kahlan zu, nicht mir.«
»Nicci, Kahlan ist für uns keine Möglichkeit. Es ist sinnlos, es als eine Entscheidung zwischen Euch und der Bereitschaft Kahlans, für ihn da zu sein, darzustellen. Diese Rolle kann sie nicht mehr erfüllen. Der Feuerkettenbann hat sich ihrer bemächtigt. Diese Rolle könnt jetzt nur noch Ihr ausfüllen. Ihr müsst Richard ehelichen und ihm diese Frau sein.«
»Ihn heiraten!« Nicci entfuhr ein kurzes, bitteres Lachen. Sie schüttelte den Kopf. »Aber er liebt mich nicht. Er hätte gar keinen Grund, mich zu heiraten.«
»Habt Ihr im Palast der Propheten denn gar nichts gelernt?« Ann schnalzte ungeduldig mit der Zunge. »Wie habt Ihr es nur bis zur Schwester gebracht?«
Nicci warf die Hände in die Höhe. »Wovon redet Ihr denn nun?«
»Männer haben Bedürfnisse.« Ann drohte ihr mit erhobenem Finger.
»Bedient sie mit all Eurem Geschick als Frau - der schönen Frau, zu der der Schöpfer Euch gemacht hat -, und er wird nach mehr verlangen. Er wird Euch heiraten, um es zu bekommen.«
Nicci hätte sie am liebsten geohrfeigt. Stattdessen sagte sie: »Richard ist nicht so. Er weiß, dass nur die Liebe der Leidenschaft zwischen Mann und Frau Bedeutung verleiht.«
»Die wird er am Ende auch bekommen. Ihr würdet dieser bedeutungsvollen Leidenschaft nur ein wenig auf die Sprünge helfen. Das Herz eines Mannes folgt seinen Bedürfnissen. Oder seid Ihr so altmodisch zu glauben, alle Paare heirateten aus Liebe? Die Weisheit der Älteren erwirkt oftmals eine bessere Partie. Und da Kahlan nicht zur Verfügung steht, ist dies der gebotene Weg.
Es ist Eure Aufgabe, ihn in Euer Bett zu bekommen und ihm zu zeigen, dass Ihr ihm geben könnt, was er braucht. Nehmt Ihr Euch seiner Leidenschaft an, wird sein Herz Euch gehören - und am Ende wird er diese bedeutungsvolle Leidenschaft erfahren.«
Nicci fühlte, wie ihr Gesicht tiefrot anlief. Sie konnte kaum fassen, dass sie diese Unterhaltung führten. Sie musste unbedingt das Thema wechseln, aber offenbar hatte es ihr die Sprache verschlagen. Natürlich besaß sie Richards Vertrauen und Freundschaft, aber Anns Vorschlag zu befolgen, hieße diese zu verletzen und das Vertrauen zu zerstören. Ihre Freundschaft gab Richard Sicherheit, und ihre beschützende Aufrichtigkeit qualifizierte sie in gewisser Weise für seine Liebe. Griffe sie dagegen Anns Anregung auf, würde dies sein Vertrauen in ihre Freundschaft erschüttern und ihr die Berechtigung absprechen, ihr jemals würdig gewesen zu sein.
»Ihr dürft diese Gelegenheit nicht an Euch vorübergehen lassen, meine Liebe. Oder an uns.«
Nicci fasste sie beim Arm, so dass sie stehen bleiben musste. »An uns vorübergehen lassen?«
Ann nickte. »Ihr seid unsere Verbindung zu Richard.«
Niccis Blick verengte sich. »Was denn für eine Verbindung?«
Anns Züge spannten sich, und sie wurde mehr und mehr zu der Prälatin, die Nicci in Erinnerung hatte. »Die Verbindung, welche diejenigen unter uns, die junge Zauberer ausbilden, mit solchen Männern haben müssen.«
»Richard ist unser Anführer - nicht aufgrund seiner Geburt, sondern aufgrund seiner Talente und der Willenskraft, dies bis zum Ende durchzustehen. Es mag nicht von Anfang an sein Ziel gewesen sein, Lord Rahl zu werden, aber mit der Zeit ist er in die Rolle hineingewachsen. Er hat sich entschieden, dass ihm das Leben wichtig genug ist, um für ein selbstbestimmtes Dasein zu kämpfen, und dadurch hat er andere begeistert, die ebenso empfinden. Nur deswegen haben wir es überhaupt so weit gebracht.
Er ist kein halbwüchsiger Knabe im Palast der Propheten mit einem Rada’Han um den Hals, er ist sein eigener Herr.«
»Ist er das? Tretet einen Schritt zurück, meine Liebe, und versucht den größeren Zusammenhang zu erkennen. Richtig, Richard ist unser Anführer - und das meine ich vollkommen ernst -, aber gleichzeitig ist er jemand, der die Gabe besitzt, ohne etwas über sie zu wissen. Mehr noch, er ist ein Zauberer, der über beide Seiten der Gabe verfügt. Der Mann ist eine wandelnde Naturgewalt. Worin besteht die Aufgabe einer Schwester des Lichts, wenn nicht darin, solche Männer in der Beherrschung ihrer Talente zu unterweis-«
»Ich bin keine Schwester des Lichts.«
Ann machte eine wegwerfende Handbewegung. »Worte. Spielereien. Es abzustreiten, ändert nichts daran.« »Ich bin kei-«
»Doch, das seid Ihr.« Ann stieß ihr einen Finger gegen die Brust. »Dort drinnen seid Ihr es. Ihr seid ein Mensch, der, durch welche Fügung auch immer, das Leben mit offenen Armen angenommen hat. Das ist die Berufung des Schöpfers. Nennt Euch wie Ihr wollt, Schwester des Lichts oder einfach Nicci, es spielt keine Rolle und ändert nichts. Ihr kämpft für unsere Sache - den Kampf des Schöpfers um das Leben an sich. Und Ihr seid eine Schwester, eine Hexenmeisterin, die einen Mann in den Dingen, die er tun muss, unterweisen kann.«
»Ich bin niemandes Hure, weder Eure noch die eines anderen.«
Ann verdrehte die Augen. »Habe ich Euch etwa gebeten, mit einem Mann ins Bett zu gehen, den Ihr nicht liebt? Nein. Habe ich Euch gebeten, ihn durch Täuschung um etwas zu bringen? Nein. Ich habe Euch lediglich gebeten, einen Mann aufzusuchen, den Ihr liebt, ihm Liebe zu schenken und ihm die Frau zu sein, die er so dringend braucht, die Frau, die seine Liebe empfangen kann. Denn das braucht er, eine Frau, die ihn mit seinem Bedürfnis nach Liebe verbindet. Das ist letztlich die Verbindung zu seiner Menschlichkeit.«
Nicci wurde langsam wütend. »Eine Aufseherin aus dem Palast der Propheten, das ist es, was ich in Wirklichkeit für Euch sein soll.«
Ann murmelte ein Gebet um Stärke Richtung Decke. »Meine Liebe«, sagte sie, als sie den Blick endlich wieder senkte und auf Nicci heftete, »ich bitte Euch lediglich, nicht länger Euer Leben zu vergeuden. Offenbar ist Euch nicht wirklich klar, was Ihr überseht. Ihr denkt womöglich, hier ginge es um Liebe, dabei wisst Ihr im Grunde gar nicht, was das ist, hab ich recht? Ihr kennt nur ihren Beginn: das Verlangen. Die Umstände mögen vielleicht nicht so sein, wie man sie sich in einer vollkommenen Welt wünschen würde, gleichwohl ist dies die Chance, die Euch der Schöpfer gegeben hat, Eure Chance, die größte Freude zu erleben, die uns in diesem Leben vergönnt sein wird -Liebe. Bedingungslose Liebe. Derzeit ist Eure Liebe noch einseitig, unvollständig, unzulänglich, sie besteht nur aus süßem Verlangen und vorgestellter Wonne. Was sie wirklich bedeutet, könnt Ihr erst ermessen, wenn die Gefühle in Eurem Herzen erwidert und befreit werden. Erst dann ist es wahre, bedingungslose Liebe. Erst dann kann sich das Herz wirklich befreien. Noch ist Euch das Glücksgefühl dieser menschlichsten aller Empfindungen fremd.«