Doch Schwester Greta hatte Niccis Taille fest im Griff. Sie wand sich zur Seite und konnte sie mühelos mit dem Gesicht voran zu Boden werfen. Schwester Armina, das Gesicht blutüberströmt, pflanzte ihr einen Stiefel auf die Brust. Neben ihr kam Schwester Greta schwer atmend wieder auf die Beine.
Ehe Nicci ihrem Beispiel folgen konnte, schoss ein stechender Schmerz durch ihren Körper und explodierte an ihrer Schädelbasis. Der Schock presste ihr den Atem aus den Lungen. Dank ihrer vereinten Gabe hatten die beiden keine Mühe, Nicci außer Gefecht zu setzen.
»Keine sehr elegante Art, deine Schwestern zu begrüßen«, bemerkte Schwester Greta.
Nicci versuchte die Schmerzen zu ignorieren und mit den Armen rudernd wieder auf die Beine zu kommen, doch Schwester Armina erhöhte den Druck ihres Fußes und jagte weitere spitze Schmerzenssignale durch ihren Körper. Den Rücken durchgebogen, die Muskeln zusammengezogen zu harten Knoten, schmolz Niccis Blickfeld zu einem winzigen Punkt am Ende eines langen schwarzen Tunnels. Sie krallte die Finger in den Fußboden und hatte nur einen Gedanken: Sie würde alles tun, nur damit es aufhörte.
»Ich schlage vor, du bleibst, wo du bist, oder, falls du das vorziehen solltest, wir erinnern dich daran, wie viel größere Schmerzen wir dir noch bereiten können.« Sie musterte sie mit hochgezogener Braue. »Nun?«
Nicci brachte kein Wort über die Lippen. Tränen der Qual rannen ihr aus den Augen, also nickte sie stattdessen.
Nun kam auch Schwester Julia stolpernd hinzu, beide Hände fest auf ihren Mund gepresst, während sie vor Schmerz und Wut heulte. Blut troff ihr in Fäden vom Kinn, bedeckte die Vorderseite ihres verblichenen, blauen Kleides und tropfte von ihren Ellbogen.
Schwester Armina, den Fuß noch immer auf Niccis Brust, beugte sich vor, stützte einen Arm auf ihre Knie und sagte mit einer Stimme, die nur zum Teil die ihre war: »Endlich wieder zurück bei uns, Schätzchen?«
Niccis Blut gefror schlagartig zu Eis.
Sie hatte sofort erkannt, dass es Jagangs Augen waren, die auf sie herabblickten.
Hätte sie nicht solche Schmerzen gehabt, es nicht nur mit knapper Not geschafft, überhaupt Luft zu bekommen, sie hätte gewiss die Flucht ergriffen, selbst wenn das ihren sofortigen Tod bedeutet hätte. Ein schneller Tod war diesen Qualen allemal vorzuziehen. Doch dazu war sie nicht imstande, also stellte sie sich stattdessen vor, wie sie Schwester Armina die Augen ausstieß - Jagangs Fenster.
»Dafür trete ich dir die Zähne ein«, presste Schwester Julia mit gedämpfter Stimme hinter ihrer vorgehaltenen Hand hervor. »Ich werd-«
»Halt den Mund«, fuhr Schwester Armina sie mit der grauenhaften Stimme an, die nur halb ihr gehörte, »oder ich erlaube nicht, dass sie dich heilen.«
Entsetzen blitzte in Schwester Julias Augen auf, als sie erkannte, dass es Jagang war, der zu ihr sprach. Sie verstummte.
Schwester Armina hielt ihr die Hand hin. »Gib ihn mir.«
Mit blutverschmierten Fingern förderte sie einen unerwarteten Gegenstand zutage, einen Gegenstand, der Nicci vor Angst den Atem stocken ließ. Sie gab ihn Schwester Armina.
Diese nahm ihren Fuß zurück, ließ sich auf ein Knie hinunter und beugte sich über die am Boden liegende Nicci. Nicci wusste, was nun kommen würde. Voller Panik sträubte sie sich mit aller Macht dagegen, doch es gelang ihr nicht, ihrem Körper eine Reaktion zu entlocken. Die kribbelnde Kraft, die sich durch ihre Nervenbahnen fraß, ließ ihre angespannte Muskulatur vollends erstarren.
Schwester Armina beugte sich vor und legte ihr einen bluttriefenden Ring um den Hals.
Nicci spürte, wie sich der Rada’Han mit einem Klicken schloss. Im selben Augenblick verlor sie die Verbindung zu ihrem Han. Sie war mit der Gabe geboren und schenkte ihr daher meist keine Beachtung. Doch nun war sie vollkommen von ihrem Talent getrennt, das, wie ihr Augenlicht oder Gehör, stets vorhanden war, und das sie stets benutzte, ohne je darüber nachzudenken. An seine Stelle trat nun eine erschreckende, ungewohnte Leere.
Die unvermittelte Abtrennung von ihrer Gabe hatte etwas Lähmendes. Ohne sie zu sein, war, als fehle ein Teil ihres Selbst, der Kern dessen, was ihr Wesen ausmachte.
»Auf die Beine«, befahl Schwester Armina.
Als der Schmerz endlich abebbte, sackte Niccis Körper kraftlos zusammen. Sie wusste nicht, ob ihre Muskeln ihr gehorchen würden, ob sie überhaupt die Kraft besitzen würde, sich zu erheben, kannte Schwester Armina aber gut genug, um nicht zu zögern. Sie wälzte sich herum und stemmte sich hoch auf Hände und Knie. Als sie sich nach Meinung der Schwester nicht schnell genug bewegte, fuhr ihr ein lähmender Schmerzensschock ins Kreuz. Sie unterdrückte einen Aufschrei, streckte gegen ihren Willen alle viere von sich und landete erneut flach auf dem Boden.
Schwester Greta schien ihren Spaß zu haben.
»Auf mit dir«, kommandierte Schwester Armina, »oder ich zeige dir, was wirkliche Schmerzen sind.«
Wieder stemmte sich Nicci mit Händen und Knien hoch und versuchte keuchend Luft zu holen. Tränen fielen auf den staubigen Boden. Klug genug, nicht länger zu zögern, kämpfte sie sich mühsam auf die Beine. Ihre Beine zitterten, aber sie schaffte es, sich aufrecht zu halten.
»Bringt mich einfach um«, stieß sie hervor. »Ich werde nicht kooperieren, ganz gleich, wie viel Schmerzen Ihr mir bereitet.«
Schwester Armina neigte den Kopf zur Seite und brachte ihr eines Auge ganz nah an sie heran. »Oh, Schätzchen, ich denke, da täuschst du dich.«
Wieder war es Jagang, der gesprochen hatte.
Ein blendender, flimmernder Schmerz, ausgelöst von dem Ring um ihren Hals, strömte durch ihr Innerstes. Der Schmerz war so überwältigend, dass sie auf die Knie sackte.
Es war nicht das erste Mal, dass sie Jagangs Folter über sich ergehen lassen musste. Doch wenn er früher in ihren Verstand eindrang, so wie jetzt in den dieser Schwester, hatte er ihr das Gefühl gegeben, er stoße ihr dünne Eisendorne tief in die Ohren, ehe er den Schmerz durch ihren Körper nach unten schießen ließ.
Dies war schlimmer.
In der sicheren Erwartung, ihr Blut aus Ohren und Nase rinnen und die Steinplatten bedecken zu sehen, starrte sie auf den Boden. Aber so sehr sie in ihrer unendlichen Qual auch blinzelte und keuchte, Blut war keines zu erkennen. Es wäre ihr lieber gewesen. Wenn sie nur genug blutete, würde das Leben aus ihr weichen.
Allerdings kannte sie Jagang gut genug, um zu wissen, dass er ihr nicht erlauben würde, einfach wegzusterben. Noch nicht.
Der Traumwandler mochte es nicht, wenn Menschen, die seinen Zorn erregten, eines schnellen Todes starben, und vermutlich gab es niemanden, den er ausgiebiger leiden lassen wollte als sie. Irgendwann würde er sie natürlich töten, aber zuerst würde er sich rächen und sie dann, nur um sie zu demütigen, eine Zeitlang seinen Männern überlassen, ehe er sie in die Folterzelte schickte. Diese Phase würde sich über einen langen Zeitraum erstrecken. Und wenn er schließlich ihrer Qualen überdrüssig wäre, würde sie ihre letzten Tage damit verbringen, dass man ihr die Eingeweide langsam durch einen Schlitz in der Bauchdecke entfernte. Dabei würde er zugegen sein wollen, um Zeuge ihres Todes zu sein und sich zu vergewissern, dass sein triumphierendes Lächeln das Letzte war, was sie vor ihrem Ende sah. In diesem Moment der Erkenntnis ihres Schicksals bedauerte sie nur eins: dass sie Richard niemals wiedersehen würde. Wenn sie ihn nur noch einmal sehen könnte, davon war sie überzeugt, würde sie ertragen können, was ihr nun bevorstand.
Schwester Armina trat näher, nah genug, um sicher zu sein, dass Nicci ihr überlegenes Lächeln sehen konnte. Jetzt hatte sie die Gewalt über den Ring um Niccis Hals, aber auch Jagang vermochte sie über diese Verbindung zu kontrollieren.
Zitternd und keuchend vor Schmerzen lag Nicci auf den Knien. Ihr Blick verdunkelte sich mehr und mehr, bis sie kaum noch etwas erkennen konnte. Ihr klangen die Ohren.