»Begreifst du jetzt, was dir blüht, wenn du uns nicht gehorchst?«, fragte Schwester Armina.
Nicci war nicht imstande zu antworten. Ihre Stimme versagte, allerdings brachte sie ein mattes Nicken zuwege.
Schwester Armina beugte sich über sie. Die Wunde in ihrer Kopfhaut hatte endlich zu bluten aufgehört. »Dann auf die Beine mit dir, Schwester.«
Zu guter Letzt ließ der Schmerz so weit nach, dass Nicci sich erheben konnte.
Sie wollte nicht aufstehen, sie wollte nur, dass man sie tötete. Doch das würde Jagang nicht zulassen. Er wollte sie selbst in die Finger bekommen.
Dann klärte sich ihr Sehvermögen allmählich und sie sah, dass Schwester Greta durch den Flur zurückgegangen war und Anns Taschen durchwühlte. Aus einer unter ihrem Gürtel verborgenen Tasche förderte sie einen Gegenstand zutage, betrachtete ihn kurz und hielt ihn dann in die Höhe.
»Ratet mal, was ich gefunden habe.« Sie schwenkte ihn hin und her, damit die beiden anderen ihn sehen konnten. »Sollen wir ihn mitnehmen?«
»Ja«, sagte Schwester Armina. »Aber beeil dich.«
Greta stopfte den kleinen Gegenstand in ihre Tasche und kehrte zu den beiden anderen zurück. »Sonst hatte sie nichts dabei.«
Schwester Armina nickte. »Wir sollten uns beeilen.«
Die drei standen Schulter an Schulter, den Blick den Flur entlang auf Ann gerichtet. Nicci konnte sehen, dass es ihnen trotz ihrer Verbindung Schwierigkeiten bereitete, von ihrer Kraft Gebrauch zu machen. Ohne den Bann des Palasts des Volkes, der ihr Han aufzehrte, hätte jede der drei allein mühelos die Kraft aufbieten können, die Ann getötet hatte. Die Luft knisterte, als die subtraktive Magie gezündet wurde. Das Licht in den Fluren wurde schwächer, und der Windstoß brachte noch ein paar weitere Fackeln zum Erlöschen. Eine tiefe Schwärze wogte durch den Gang auf die Prälatin zu und hüllte die Tote schließlich ein. Unter der erdrückenden Decke aus Schwärze raubte das Summen der Kraft Nicci vorübergehend abermals das Sehvermögen.
Als es wiederkehrte, war Ann nicht mehr da, und selbst ihr Blut, jeder Hinweis auf ihre Existenz, war von subtraktiver Magie ausgelöscht. Es schien unfassbar, dass ein nahezu eintausend Jahre währendes Leben in einem einzigen Augenblick vergehen konnte.
Niemand würde je erfahren, was ihr zugestoßen war.
Körper und Blut waren zwar vernichtet, der zerstörte Marmor hingegen würde sich nicht so einfach reparieren lassen. Die Schwestern schien es nicht zu kümmern.
Nicci hatte das Gefühl, als sei soeben alle Hoffnung gestorben. Schwester Armina packte sie unter dem Arm und stieß sie den Flur entlang. Nicci wäre fast gestolpert, konnte sich aber gerade noch fangen. Mit steifen Schritten ging sie vor den dreien her, immer wieder von spitzen, auf ihre überaus empfindlichen Nieren zielen den Stößen des Halsrings daran erinnert, nur ja nicht stehen zu bleiben. Sie waren noch nicht weit gegangen, als Nicci die Anweisung erhielt, links in einen Seitengang einzubiegen. Willenlos führte sie ihre Befehle aus, bog um Ecken und wählte auf Befehl schmalere Flure, bis sie am Ende eines kleineren Flurs zum Eingang einer Grabstätte gelangten, deren eher schlichte messingverkleidete Tür verschlossen war. Sie war nicht annähernd so massiv oder schmuckvoll verziert wie so manche andere, die sie bei ihrem Besuch der in einem entfernten Bereich gelegenen Grabstätte von Richards Großvater, Panis Rahl, gesehen hatte. Es erschien ihr seltsam, dass sie eine Grabstätte aufsuchten. Wollten sich die Schwestern womöglich verstecken, bis sie ihre Flucht aus dem schwerbewachten Palast in die Tat umsetzen konnten? Vielleicht wollten sie jetzt, mitten in der Nacht, eine geschäftigere Tageszeit abwarten, um nicht so leicht bemerkt zu werden? Nicci hatte nicht den leisesten Schimmer, wie sie hereingekommen waren.
In jeden der beiden Türflügel war das schlichte Motiv zweier ineinanderliegender Kreise getrieben. Schwester Greta zog die eine Hälfte auf und geleitete die anderen hinein. Nicci ging voran. Drinnen entzündete sie mithilfe eines Energiefunkens eine einzelne Fackel. In der Mitte des kleinen Raumes, auf dem leicht erhöhten Fußboden, stand ein kunstvoll verzierter Sarg. Die Wände über seinem höchsten Punkt waren mit Stein in ineinander verwirbelten Braun- und Gelbtönen verkleidet. Schwarzer Granit, durchsetzt mit kupferfarbenen, im Schein der Fackel aufleuchtenden Partikeln, bedeckte die untere Wandhälfte.
Die merkwürdige Einteilung ließ den oberen Teil, oberhalb des Sarges, wie die Welt des Lebens erscheinen, während die darunterliegende Hälfte an die Unterwelt erinnerte.
In das obere, hellere Gestein waren auf D’Haran die Hauptbeschwörungsformeln eingemeißelt, die sich in einem Bandfries um den gesamten Raum zogen. Ein flüchtiges Überfliegen der Schriftzeichen ergab, dass es sich um eher allgemein gehaltene Bittgesuche an die Gütigen Seelen handelte, diesen Rahl, wie schon seine Vorgänger, in ihre Reihen aufzunehmen. Sie kündeten vom Leben des Mannes und den Dingen, die er zum Wohle seines Volkes vollbracht hatte. Nichts an diesem Schriftband erschien Nicci sonderlich bemerkenswert. Es schien sich um das Grab eines Lord Rahl aus grauer Vorzeit zu handeln, der seinem Volk während einer vergleichsweise friedlichen Phase der D’Haranischen Geschichte gedient hatte. Der Text bezeichnete sie als eine Zeit des »Übergangs«.
In dem schwarzen Granit auf der unteren Wandhälfte befand sich eine recht merkwürdige Mahnung, stets des Fundaments zu gedenken, das alles darüber Liegende erst möglich gemacht habe. Dieses Fundament, stand dort zu lesen, sei von den zahllosen, längst der Vergessenheit anheimgefallenen Seelen gelegt worden.
Der Sarg selbst, aus glattem Stein bestehend und in schlichter Form gehalten, war mit Inschriften bedeckt, die alle Besucher ermahnten, all jene im Gedächtnis zu bewahren, die von diesem Leben in das nächste hinübergewechselt waren.
Überraschend stemmte sich Schwester Armina mit ihrem Gewicht gegen das eine Ende des Sarges und drückte unter angestrengtem Ächzen dagegen, bis er sich einige Zoll bewegte und ein Hebel sichtbar wurde. Sie griff in den schmalen Schlitz, packte ihn und zog ihn nach oben, bis er mit einem Klicken einrastete.
Mit einem kaum wahrnehmbaren Geräusch drehte sich der Sarg. Jetzt, da er zur Seite geschoben war, konnte Nicci zu ihrer Überraschung eine dunkle Öffnung erkennen. Dies war mitnichten eine Grabstätte, es war der verborgene Eingang zu irgendetwas, was darunter lag. Auf einen Schubs von Schwester Julia hin trat Nicci einen Schritt nach vorn auf die erhöhte Plattform, bis sie die grob aus dem Fels gehauenen Stufen sah, die in die Dunkelheit hinunterführten.
Schwester Greta kletterte in die Öffnung, entzündete eine der Dutzend Fackeln, die in einer Lochreihe in der unbehauenen Steinwand steckten, nahm sie mit und begann hinabzusteigen. Als Nächste folgte Schwester Julia, die ebenfalls eine Fackel mitnahm.
»Was ist?«, meinte Schwester Armina. »Worauf wartest du? Geh schon.«
21
Nicci raffte die Röcke ihres schwarzen Kleides und trat über die erhöhte Kante des Podests, auf dem der Sarg stand, hielt sich am Rand der Öffnung fest, um sich abzustützen, und begann dann die steile Treppenflucht hinabzusteigen. Die beiden anderen Schwestern waren bereits auf dem Weg nach unten. Im schwankenden Schein ihrer Fackeln war außer dem nahezu senkrechten Schacht nichts zu erkennen. Kaum war Schwester Armina hinter Nicci hineingeklettert, schob sie den Hebel in die Wand zurück und griff sich dann selbst eine Fackel. Über ihnen schwenkte der Sarg wieder in seine ursprüngliche Stellung und schloss sie ein.
Die Stufen wanden sich aufs Geratewohl nach unten. Der Schacht selbst war gerade breit genug für eine Person. Die in steilem Winkel abfallende Treppe wechselte auf winzigen Absätzen die Richtung, nur um sich anschließend in immer wechselnden Richtungen weiter in die Tiefe zu schrauben. Die Stufen waren grob gehauen, was den Abstieg tückisch machte. Offenbar war ihr Erbauer, wann immer möglich, Adern weicheren Gesteins gefolgt, was schließlich zu dieser verwinkelten und gewundenen Route geführt hatte.