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»Wird denen, die sich im Palast auskennen, nicht auffallen, dass die Einmündung dort verschlossen wurde?«

»Nicht, sofern es vollkommen nahtlos geschieht, wenn es so aussieht, als wäre es schon immer so gewesen. Es handelt sich um den Grabbereich des Palasts. Lord Rahl benutzt ihn, um seine Ahnen zu besuchen, aber nur, wenn ihn das Bedürfnis danach überkommt. Außer ihm lässt sich dort unten so gut wie nie jemand blicken, das Fehlen der Einmündung dürfte also unbemerkt bleiben - jedenfalls so lange, bis es zu spät ist.«

Der Soldat bedachte Nicci mit einem bedrohlichen Blick. »Und was hatte dann sie dort unten zu suchen?«

Schwester Armina musterte sie fragend, und im selben Moment spürte Nicci einen jähen Schmerz, hervorgerufen durch den Rada’-Han. Schwester Armina hob eine Braue. »Nun? Antworte dem Mann.«

Keuchend sog Nicci gegen den rasiermesserscharfen Schmerz, der ihre Arme und Beine hinablief, einen Atemzug in ihre Lungen. »Ich befand mich gerade auf einem Spaziergang ... um mich ungestört mit jemandem zu unterhalten ... wo uns niemand stören konnte«, brachte sie, immer wieder unterbrochen von gequältem Keuchen, hervor.

Die Schwester schien von ihrer Erklärung wenig beeindruckt. »Wie Ihr seht, ist der Bereich weitgehend ungenutzt. Gleichwohl muss es erledigt werden, ehe sich jemand auf der Suche nach ihr oder der Frau, die wir getötet haben, dorthin verirrt. Arbeitet so zügig wie irgend möglich.«

Der Soldat strich sich mit der Hand über seinen kahlrasierten, tätowierten Schädel. »Na schön. Aber für die Vertuschung eines so geringfügigen Schadens scheint mir das eine Menge Arbeit.« Er zuckte die Achseln. »Schließlich wird kein Mensch wissen, woher der Schaden rührt, sofern er überhaupt entdeckt wird. Wahrscheinlich wird man denken, er stammt noch von früher. Es hat in der jüngeren Vergangenheit einige Auseinandersetzungen im Palast gegeben.«

Es schien Schwester Armina nicht eben zu behagen, dass sie sich von diesem Soldaten kritisieren lassen musste. »Seine Exzellenz möchte verhindern, dass jemand von oben bemerkt, wo wir einen Eingang gefunden haben. Das ist für ihn von höchstrangiger Bedeutung. Soll ich ihm vielleicht erklären, Eurer Meinung nach lohnt die Arbeit die Mühe nicht, und er soll sich keine Sorgen machen?«

Der Soldat räusperte sich. »Nein. Natürlich nicht.«

»Außerdem erhalten wir dadurch einen Ort, an dem wir uns aufstellen und vorbereiten können, ohne dass jemand weiß, dass wir uns bereits unmittelbar auf der anderen Seite dieser dünnen Marmorwand befinden.«

Er verneigte kurz sein Haupt. »Ich werde mich augenblicklich um die Sache kümmern, Schwester.«

Nicci wurde übel. War die Öffnung erst mit einer Marmorplatte verschlossen, würde die Imperiale Ordnung, für die Bewohner des Palasts unsichtbar, einen Eroberungstrupp von beträchtlicher Größe dort zusammenziehen können. Niemand würde wissen, dass der Feind einen Weg nach drinnen gefunden hatte, da man davon ausging, dass die Imperiale Ordnung vor einem Angriff erst die Rampe fertig stellen musste. Die Verteidiger im Inneren des Palasts würden überrumpelt werden.

Ein schmerzhafter Stoß bewog Nicci, weiterzugehen. Schwester Armina zog es vor, sie über diese schmerzhaften Stiche zu lenken, anstatt ihr einfach zu sagen, wo sie abbiegen musste. Es ging durch endlose, ausnahmslos aus Steinquadern errichtete und mit einem Fassgewölbe versehene Flure, die bestimmte Gruppen von Räumlichkeiten und Systeme von Durchgängen miteinander zu verbinden schienen. Als sie um eine Ecke bogen, erblickte Nicci in der Ferne eine von Fackeln beschienene Personengrappe. Im Näherkommen sah sie eine Leiter, die sich nach oben in der Dunkelheit verlor. Längst hatte sie begriffen, wo sie sich befanden, und wohin ihr Weg sie führte. Kaiserliche Gardisten hatten sich um eine in das Fassgewölbe gebrochene Öffnung massiert, ausnahmslos Elitesoldaten, die sich bestens auf ihr Handwerk verstanden.

Beim Gedanken, was sich am oberen Ende dieser Leiter befand, drohten Niccis Beine nachzugeben.

Einer der kaiserlichen Gardisten, der Nicci offensichtlich wiedererkannte, trat zur Seite, ohne auch nur einen Moment die Augen von ihr zu lassen.

»So klettere schon hinauf!«, kommandierte Schwester Armina.

22

Nicci gelangte an einer Stelle ins Freie, bei der es sich offenbar um eine gewaltige, in den Boden der Azrith-Ebene gegrabene Grube handelte. Was sich jenseits der Erd- und Felswände befand, konnte sie nicht erkennen. Das war aber auch nicht nötig, um zu wissen, was dort oben war.

Von Fackeln beschienen, erhob sich jenseits des Grubenrandes die eindrucksvolle Rampe in den kalten Nachthimmel, eine Rampe aus Erde und Geröll, überragt nur vom dunklen Schatten der fernen Hochebene mit dem Palast des Volkes obendrauf, der aussah, als würde er bis zu den Sternen reichen.

Der Grubenboden bestand aus einem verwirrenden Labyrinth unterschiedlicher Erhebungen, offenbar das Resultat der mühevollen Schufterei verschiedener Arbeitstrupps beim Ausheben des für die Rampe benötigten Baumaterials. Jetzt war von diesen Arbeitern nichts zu sehen. Offenbar hatten sie die Katakomben beim Graben an der Stelle, wo sie jetzt stand, entdeckt.

Die Arbeiter mochten längst verschwunden sein, stattdessen wimmelte es jetzt allenthalben von Soldaten. Die, die sie sah, gehörten nicht den regulären Truppen der Imperialen Ordnung an, die kaum mehr als ein schlecht organisierter Mob brutaler Schläger waren. Dies waren die Berufssoldaten, die erfahrenen Krieger aus Jagangs unmittelbarer Umgebung, die vertraute Kerntruppe von Männern, die ihn über die Jahre bereits auf zahlreichen Feldzügen begleitet hatten. Und weil sie sich schon seit jeher in seiner unmittelbaren Umgebung aufgehalten hatten, erkannte Nicci viele von ihnen wieder. Zwar sah sie niemanden, den sie mit Namen kannte, aber viele der ihr entgegenstarrenden Gesichter waren ihr nur zu vertraut. Auch die Männer erkannten sie wieder.

Eine Frau wie sie, mit langen blonden Haaren und blendender Figur, konnte im Lager der Imperialen Ordnung schwerlich unbemerkt bleiben. Vor allem aber erkannte jeder dieser Männer in ihr die Herrin des Todes wieder.

Namentlich bekannt war sie ihnen, weil sie in der Vergangenheit viele von ihnen befehligt hatte - und weil sie gefürchtet war. Einige ihrer Kameraden waren, weil sie ihre Befehle nicht in der erwarteten Weise ausgeführt hatten, sogar von ihr getötet worden. Und obschon die hier verbreiteten Glaubensüberzeugungen selbstlose Opfer zugunsten eines höheren Guts erforderten - bis hin zur Aufopferung des eigenen Lebens für ein Leben nach dem Tod -, hatte sie sich bei ihnen überaus unbeliebt gemacht, als sie dieses angeblich doch so berechtigte Opfer einforderte, indem sie sie in das lang ersehnte Jenseits beförderte. Auch wusste jeder, dass sie Jagang gehörte. In einer Bewegung, in der das Allgemeinwohl mehr galt als individuelle Rechte, die sich dem Ideal absoluter Gleichheit aller verschrieben hatte, genoss er es, herauszustreichen, dass sie sein persönlicher Besitz war. Wie die gewöhnlichen Soldaten, so wagte auch keiner dieser Männer, Hand an sie zu legen. Gleichwohl hatte Jagang sie in der Vergangenheit einigen aus dem engsten Kreis seiner Offiziere - Männern etwa wie Kommandant Kadar Kardeef - als besondere Vergünstigung überlassen. Viele von ihnen waren an jenem Tag dabei gewesen, als Nicci Kardeefs Verbrennung angeordnet hatte. Einige hatten auf ihr Geheiß sogar mitgeholfen, ihren Kommandanten an den Brandpfahl zu binden und ihn den Flammen zu übergeben. So sehr es ihnen widerstrebte: Niemand hatte gewagt, sich ihren Befehlen zu widersetzen.

Diese frühere Stellung rief sie sich in Erinnerung, als sie unter den Blicken aller in der frostigen Nachtluft stand und sich einmal mehr wie in ein schützendes Gewand in ihre einstige Rolle hüllte. Das Bild, das andere von ihr hatten, war ihr einziger Schutz. Erhobenen Hauptes, den Rücken durchgedrückt, war sie die Herrin des Todes, und das sollte jeder wissen.