Выбрать главу

Statt Schwester Arminas Anweisungen abzuwarten, begann sie die Rampe emporzusteigen. Sie hatte sich das Feldlager von der Aussichtsplattform im Palast angesehen und war mit seiner Anordnung vertraut. Sie wusste, wo die Kommandozelte zu finden waren, und würde keine Mühe haben, sich bis zu Jagangs Zelt durchzuschlagen. Da er sie vermutlich mit Schwester Arminas Augen beobachtete, hatte diese nichts dagegen, dass Nicci sich allein auf den Weg machte. Es wäre einigermaßen sinnlos, sich wild um sich schlagend und schreiend vor die Füße des Kaisers schleppen zu lassen. Das würde nicht das Geringste ändern. Ebenso gut konnte sie ihrem Schicksal aus eigenem Entschluss und erhobenen Hauptes gegenübertreten.

Vor allem aber wollte sie, dass Jagang sie so sah, wie er sie stets gesehen hatte. Selbst wenn er argwöhnte, sie könnte sich verändert haben, wollte sie ihm das vertraute Bild bieten.

In der Vergangenheit hatte ihr ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem, was er ihr antun könnte, Sicherheit gegeben, eine Gleichgültigkeit, die ihn verunsicherte. Sie machte ihn rasend, trieb ihn zur Verzweiflung, faszinierte ihn aber auch, und das gab ihr Macht über ihn. Kaum hatte sie die Grube verlassen und die schwer bewaffneten Posten des Schutzrings hinter sich gelassen, stieß sie auf Reihe um Reihe von Arbeitern, die Erdreich und Geröll aus anderen Gruben herbeischafften. Hunderte Maultiere, hinter sich jeden nur erdenklichen Karrentyp, stapften in endlosen Reihen durch die Dunkelheit. Fackeln wiesen den Männern den Weg zur Rampe, Männer, die, einst der Stolz der Alten Welt, nun als mittelmäßige Soldaten zu gewöhnlichen Arbeitern geworden waren. Dies war gewiss nicht das ruhmreiche Leben, für das sie in den Krieg gezogen waren.

Nicci schenkte dem Treiben kaum Beachtung. Es interessierte sie nicht länger, was aus der Rampe wurde - sie war ohnehin nicht mehr als ein Ablenkungsmanöver. Ihr wurde schlecht bei der Vorstellung, dass diese Rohlinge, die man überall im Lager sah, durch das Innere des Palasts nach oben gelangen konnten.

Sie musste einen Weg finden, sie noch aufzuhalten, und für einen winzigen Augenblick erschien ihr der Gedanke absurd. Wie sollte sie das bewerkstelligen? Sie festigte ihren Entschluss und drückte den Rücken durch. Wenn nötig, würde sie diese Leute bis zum letzten Atemzug bekämpfen.

Während sie mitten durch das hektische Treiben des Lagers marschierte, ließen sich Schwester Armina und Julia ein Stück zurückfallen. Schwester Armina würde sich nur lächerlich machen, wenn sie sich jetzt in den Vordergrund zu drängen versuchte. Mit der Übernahme der Führung hatte Nicci längst wieder ihren angestammten Platz als Sklavenkönigin eingenommen.

Eingefahrene Verhaltensmuster waren nur schwer zu durchbrechen. Jetzt, da sie ins Lager gelangten, mochte keine der Schwestern Niccis Verhalten in Frage stellen, jedenfalls vorerst nicht. Schließlich ging sie genau dorthin, wohin sie sie ohnehin gebracht hätten. Auch konnten sie nicht mit Sicherheit wissen, ob Jagang sich in ihrem Verstand befand oder nicht, und wie schon den Soldaten, so war auch ihnen klar, dass sie Jagang gehörte - wodurch Nicci im Rang unausgesprochen über ihnen stand. Schon im Palast der Propheten war sie den Schwestern stets ein Rätsel gewesen, hatten diese stets wütend und eifersüchtig auf sie reagiert - was bedeutete, dass sie sich vor ihr fürchteten. Soweit die Schwestern wussten, konnte es durchaus sein, dass Jagang sie nur geschickt hatte, um ihm diese eigensinnige und aufsässige Königin wiederzubringen. Und an dieser Sichtweise schien Jagang, der Nicci zweifellos mit ihren Augen beobachtete, nichts ändern zu wollen. Womöglich befand er sich tatsächlich im Glauben, sie zurückgewinnen zu können.

Sie hatte das umfangreiche Kontingent von Bewachern, das ihr mittlerweile in einem langen Zug folgte, zwar bemerkt, würdigte es aber keines Blickes. So verhielt sich eine Königin nicht gegenüber ihrem Gefolge. Diese Männer standen unter ihr. Zum Glück konnten sie ihr Herz nicht pochen hören.

Als sie in das eigentliche Feldlager gelangte, wo die gewöhnlichen Soldaten ihre Zelte in elendigen Anhäufungen aufgeschlagen hatten, verstummten die Männer und verfolgten den vor ihnen vorüberziehenden königlichen Aufzug wie eine Horde Bettler. Andere kamen aus dem Dunkel herbeigelaufen, um zu sehen, was sich tat. Ein gedämpftes Tuscheln ging durch die Menge. Die Herrin des Todes war zu guter Letzt zurückgekehrt.

Obwohl diese Männer sie fürchteten, war sie für viele eine Heldin des Ordens, eine mächtige Waffe, die auf ihrer Seite stand. Sie alle hatten gesehen, wie sie Tod und Verderben über jeden brachte, der sich den Ordenslehren widersetzte.

Auch wenn es ein seltsames Gefühl war, wieder hier zu sein: Das Lager selbst hatte sich gegenüber ihrer Erinnerung nicht verändert. Es war noch immer das gewohnte Durcheinander aus Soldaten, Zelten, Tieren und Ausrüstungsgegenständen. Der einzige Unterschied bestand darin, dass wegen des langen Verharrens an einem Ort alles ein von Verwesung und Verfall bestimmtes Aussehen anzunehmen begann. Da es in der Azrith-Ebene so gut wie kein Brennholz gab, waren die Lagerfeuer klein und spärlich gesät, weshalb eine erbarmungslose Düsterkeit von allem Besitz ergriffen hatte. Die überall mitten zwischen den Männern emporwuchernden, nachlässig angelegten Misthaufen lockten Wolken von Fliegen an. Wegen der ungeheuren Massen von Menschen und Tieren, die so lange an ein und demselben Ort ausharren mussten, herrschte ein noch üblerer Gestank als sonst.

Früher hatte sie dem nie groß Beachtung geschenkt, doch jetzt hatte das Geschiebe der von allen Seiten herbeidrängenden Männer etwas Beunruhigendes. Diese Soldaten hatten kaum noch etwas Menschliches, und in vielerlei Hinsicht waren sie es auch nicht mehr. Damals hatte sich die Gleichgültigkeit gegenüber ihrem Schicksal auch auf diese Männer bezogen. Nun, da ihr das Leben nicht mehr egal war, hatte sich das geändert. Vor allem aber hatte sie damals gewusst, dass sie auf ihre Kraft zurückgreifen konnte, wenn die Furcht vor ihr nicht ausreichte, um sie sich vom Leib zu halten. Jetzt konnte sie nur hoffen, dass ihre Angst sie nicht zu nahe kommen ließ.

Es war ein langer Weg durch die Hunderttausende Männer bis zu ihrem Ziel, weil sich das Lager aber schon so lange am selben Ort befand, hatten sich Pfade gebildet, die sich mancherorts zu Straßen verbreitert und nach und nach Zelte und Koppeln zurückgedrängt hatten. Als Nicci nun mit ihrem Gefolge diese Straßen entlangschritt, säumten Männer mit großen Augen staunend ihren Weg.

Jenseits dieser stillen, schweigenden Masse, im Lager selbst, ging es zu dieser späten Stunde überaus geräuschvoll zu. Hinter ihr waren die Geräusche vom Bau der Rampe zu hören, von rollenden Wagen, von scharrenden und herabpolternden Felsbrocken, hörte man die kollektiven Rufe von an schweren Tauen ziehenden Männern. Überall im Lager ringsumher trugen die Stimmen lachender, streitender und sich unterhaltender Soldaten durch die kalte Nachtluft. Lauthals gebrüllte Befehle übertönten das rhythmische Klingen der Schmiedehämmer. Auch konnte sie das ferne Johlen der Menge hören, die die selbst jetzt, zu dieser späten Stunde, noch andauernden Ja’La-Partien bejubelte. Gelegentlich erhob sich ein kollektiver Aufschrei des Unmuts in die nächtliche Luft, nur um sogleich von wilden Anfeuerungsruf en übertönt zu werden. Ab und zu wurde ein Sturmlauf mit dem Broc von anfeuernden Rufen für eine bestimmte Mannschaft begleitet. Als sie erst eine Koppel voller mächtiger Streitrösser und kurz darauf eine Reihe leerer Vorratswagen passierte, kamen die Kommandozelte in Sicht. Unter dem sternenklaren Himmel flatterten Fähnchen an den Zelten in der kalten Brise. Beim Anblick des größten unter ihnen, des Zelts des Kaisers, hätte sie fast der Mut verlassen. Am liebsten hätte sie die Flucht ergriffen - doch diese Möglichkeit war ihr für immer verwehrt. Dies war der Ort, an dem ihr ganzes Leben sie einholte, der Ort, an dem alles endete.