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Statt dem Unvermeidlichen aus dem Weg zu gehen, marschierte sie geradewegs darauf zu, ohne ihre Schritte am ersten der Kontrollpunkte des äußeren Schutzrings um die Kommandozone auch nur abzubremsen. Die hünenhaften Kerle, die dort Wache standen, beäugten sie, als sie näher kam, und musterten auch den Trupp der hinter ihr folgenden persönlichen Leibgarde des Kaisers. Sie war froh, dass sie ein schwarzes Kleid trug, denn in einem solchen hatten diese Männer sie auch früher stets gesehen. Sie wollte wiedererkannt werden, gleichwohl stellte sie mit einem kurzen Funkeln ihrer Augen sicher, dass niemand sie anzusprechen wagte.

Je mehr sie sich dem Zentrum dieses umzäunten Bereichs näherte, desto größer das Vertrauen, das die dort Wache haltenden Soldaten genossen. Jeder Schutzring um die Kommandozelte bestand aus einer gesonderten Einheit mit eigenen Methoden und einer eigenen Ausrüstung, sie alle wollten diejenigen sein, die verhinderten, dass irgendeine Gefahr bis zum Kaiser vordrang. Zudem hatte jeder Ring eine eigene Prozedur für das Betreten seines Zuständigkeitsbereichs. Nicci ignorierte sie alle. Sie war die Herrin des Todes, die Sklavenkönigin des Kaisers. Sie machte für niemanden Halt, und niemand wagte sie wegen einer Losung anzusprechen.

Jagangs Zelt stand ein wenig zurückversetzt inmitten einer Gruppe größerer Zelte, war jedoch, anders als alle anderen Zelte im Lager, von reichlich Platz umgeben. Die auf dem Gelände patrouillierenden Schwestern wie auch die mit der Gabe gesegneten jungen Männer, denen sie begegnete, bemerkten sie, schlugen jedoch sofort die Augen nieder, als Nicci sie mit ihrem stechenden Blick fixierte. Auch die Wachen hielten ein Auge auf sie, waren aber bemüht, dabei weniger offensichtlich vorzugehen.

Es war ermutigend, dass keine dieser Personen in ihr etwas anderes zu sehen schien, als bei ihrem letzten Aufenthalt im Lager. Dann bot sich ihr ein merkwürdiges Bild. Außer dem Kader der persönlichen Leibgarde Jagangs, der zu beiden Seiten der schweren Vorhänge vor seinem Zelteingang Aufstellung genommen hatte, gab es noch andere Soldaten, reguläre Truppen, die auf und ab gehend ebenfalls das Zelt zu bewachen schienen. Sie konnte sich nicht vorstellen, warum in aller Welt gewöhnliche Soldaten sich im Umfeld des Kaisers aufhalten, noch viel weniger sein Zelt bewachen sollten. Früher wären solche Männer innerhalb der Kommandozone niemals geduldet worden. Sie ignorierte diese Merkwürdigkeit und hielt geradewegs auf den schweren Vorhang zu. Die beiden Schwestern, die sich schon vorher hatten leicht zurückfallen lassen, folgten ihr nur widerstrebend. Alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen. Niemand, erst recht keine Frau, war erpicht darauf, Jagangs privates Heiligtum zu betreten, denn obschon er sich gegenüber seinen vertrauten Offizieren mitunter freundlich zeigte, ließ er gegenüber anderen niemals Nachsicht walten. Zwei kräftige Kerle, jeder mit einer Lanze in der Hand, die Gesichter mit animalistischen Tätowierungen gezeichnet, schlugen den Vorhang zurück. Die kleinen Silberscheiben am Lammfell gaben ein leises metallisches Klingeln von sich, welches dem Kaiser verriet, dass jemand im Begriff war, sein Zelt zu betreten. Obwohl Nicci die beiden Männer wiedererkannte, würdigte sie sie keines Blicks, als sie ihre Röcke raffte, um über die Schwelle und in das dahinterliegende Dunkel zu treten.

Im Innern waren Sklaven mit dem Abräumen von Tellern und Servierplatten vom kaiserlichen Tisch beschäftigt. Der Essensgeruch erinnerte Nicci daran, dass sie nichts gegessen hatte, doch das Angstgefühl in ihrer Magengegend überdeckte ihren Hunger.

Dutzende von Kerzen verliehen dem Zeltinnern eine spärlich ausgeleuchtete Atmosphäre dumpfer Gemütlichkeit. Dicke Teppiche bedeckten den Fußboden, um zu verhindern, dass die Schritte der ihrer Arbeit nachgehenden Sklaven den Kaiser störten. Einige der gesenkten Hauptes umherhuschenden Sklaven waren neu, andere erkannte sie wieder. Offenbar hatte Jagang seine Mahlzeit bereits beendet, denn er befand sich nicht in diesem äußeren Bereich.

Unterdessen waren die beiden Schwestern hinter ihr ins Zelt getreten und begaben sich zögernd hinüber in die Schatten vor der gegenüberliegenden Zeltwand. Offenbar war ihnen ein weiteres Vordringen nicht gestattet, und im Vorraum wollten sie offenbar so weit wie möglich auf Distanz bleiben.

Nicci wusste genau, wo sich Jagang aufhielt, also durchquerte sie den Raum. Die Sklaven machten ihr eilfertig Platz. Vor der Öffnung zu seinem Schlafgemach hob sie den Vorhang an und schlüpfte hinein. Hier endlich sah sie ihn. Er saß, ihr den Rücken zugekehrt, auf der gegenüberliegenden Seite des feudalen mit goldfarbener Seide überzogenen Betts. Auf seinem kahlrasierten Schädel spiegelten sich Lichtpunkte der Kerzen und Öllampen. Sein Stiernacken ging in breite, kräftige Schultern über. Bekleidet war er mit einer Weste aus Lammwolle, und seine mächtigen Arme waren nackt.

Er war damit beschäftigt, in einem Buch zu blättern und gedankenversunken den Text zu überfliegen. Trotz seines Hangs zu plötzlichen Gewaltausbrüchen war er auf gewissen Gebieten ein durchaus intelligenter Mann, der das in Büchern enthaltene oder aus dem Verstand derer, von denen er Besitz ergriff, gewonnene Wissen zu schätzen wusste. Gefühlsmäßig von der Richtigkeit seines Glaubens überzeugt, machte er sich nie die Mühe, diesen mit Vernunft zu hinterfra gen. Vielmehr betrachtete er diese Art des Hinterfragens als Ketzerei und bemühte sich stattdessen, Wissen aus entlegenen Bereichen anzuhäufen. Er war gerne gut gewappnet - mit jeder Art von Waffe. Irgendetwas erregte Niccis Aufmerksamkeit. Ihr Blick wanderte nach links.

In diesem Moment sah sie sie. Sie lag seitlich auf dem Fußboden, auf einen Arm gestützt. Sie war das nobelste, bezauberndste Geschöpf, das Nicci je gesehen hatte.

Sofort wusste sie ohne jeden Zweifel, wer diese Frau war: Kahlan, die Gemahlin Richards.

Ihre Blicke begegneten sich. Die Intelligenz, die Erhabenheit und Lebendigkeit ihrer grünen Augen nahmen sie vollkommen gefangen. Diese Frau war Richard ebenbürtig.

Ann hatte sich getäuscht. Diese Frau war die Einzige, der von Rechts wegen ein Platz an seiner Seite gebührte.

23

Nicci sah, dass sie einen Rada’Han um den Hals trug. Ihr Blick verriet, dass ihr Niccis Halsring ebenfalls nicht verborgen geblieben war. Nicci vermutete, dass diesem Blick nicht viel entging.

Während sie einander anstarrten, bemächtigte sich eine gewisse Zögerlichkeit Kahlans Augen, der Geist einer verhaltenen Ermutigung, geboren aus der Erkenntnis, dass Nicci sie tatsächlich sehen konnte. Sofort wurden sie auf mehr als eine Art zu Schwestern, zu Frauen, die mehr gemein hatten als nur einen Ring um ihren Hals. Wie einsam und verloren musste man sich fühlen, wenn man unsichtbar und vergessen im Mittelpunkt eines solch bösartigen Bannes vor sich hin vegetierte.

Unsichtbar jedenfalls für alle außer den Schwestern der Finsternis und offenbar Jagang. Es musste ihr Hoffnung machen, dass noch jemand anderes sie sehen konnte, selbst wenn es eine Fremde war. Auch ohne ihre erlesene Schönheit war dieser Frau eine Präsenz eigen, eine wache Bewusstheit, die Nicci augenblicklich an die von Richard in Stein gehauene Statue erinnerte. Diese Statue, mit Namen Seele, hatte Kahlan nicht ähnlich sehen, sondern ihren unbeugsamen Willen, ihren Mut wiedergeben sollen. Und genau das hatte sie getan, auf eine Weise, die Nicci jetzt, angesichts des lebendigen Vorbilds, fast den Atem raubte.

Jetzt begann sie auch zu verstehen, warum Kahlan in vergleichsweise jungen Jahren zur Mutter Konfessor ernannt worden war. Mittlerweile gab es keine Konfessorinnen mehr, sie war die Letzte ihrer Art. War sie zunächst überrascht, Kahlan hier zu sehen, so wurde ihr schnell klar, dass ihr Hiersein durchaus schlüssig war. Schwester Armina hatte zu den Schwestern gehört, die sie gefangen genommen und den Feuerkettenbann ausgelöst hatten. Schwester Tovi hatte ihr gestanden, dass sie Jagang mithilfe der Bande zu Richard hatten entgehen können. Auch wenn Jagang diese Bande vermutlich irgendwie hätte umgehen können, so schien es wahrscheinlicher, dass die Bande sie in Wahrheit zu keinem Zeitpunkt geschützt hatten, denn mit der Gefangennahme von Schwester Armina wären ihm auch Schwester Ulicia und Cecilia in die Hände gefallen. Das musste der Grund für Kahlans Anwesenheit hier sein. Die Schwestern hatten sie gefangen gehalten, damit auch sie Jagang ins Netz ginge.