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Dann sah sie, dass auch Jillian hier war. Die kupferfarbenen Augen des Mädchens blinzelten überrascht, als sie Nicci vor sich stehen sah. So nachvollziehbar Kahlans Anwesenheit hier sein mochte, Julians war gänzlich unerklärlich.

Jillian beugte sich zu Kahlan hinüber und flüsterte ihr hinter vorgehaltener Hand leise etwas ins Ohr - zweifellos Niccis Namen. Kahlans einzige Reaktion war ein kaum merkliches Nicken, ihre Augen jedoch verrieten sehr viel mehr. Sie hatte den Namen schon einmal gehört. Als Jagang das Buch, in dem er gelesen hatte, auf den Nachttisch schleuderte, wies Nicci rasch mit zwei Fingern erst auf Kahlans, dann auf ihre Augen, ehe sie einen mit der Bitte um Stillschweigen an ihre Lippen legte. Jagang sollte nicht wissen, dass sie Kahlan sehen konnte, und erst recht nicht, dass sie Jillian kannte. Je weniger er wusste, desto sicherer würden die beiden sein - wenn sich so etwas überhaupt von Gefangenen Kaiser Jagangs sagen ließ. Ohne eine Bestätigung ab zuwarten, löste Nicci den Blick von den beiden und wandte sich herum zu Jagang.

Als er sie mit seinem düsteren Blick fixierte, glaubte Nicci in Ohnmacht zu fallen. Sich seiner zu erinnern war eine Sache, etwas ganz anderes aber war es, leibhaftig vor ihm zu stehen.

Sich wieder dem prüfenden Blick dieser albtraumhaften Augen ausgesetzt zu sehen, machte all ihren Mut zunichte. Sie wusste, was sie erwartete.

»Sieh an.« Den Blick auf sie geheftet, kam Jagang um das Bett herum.

»Sieh an, wer endlich wieder zurückgefunden hat.« Ein breites Grinsen ging über sein Gesicht. »Du bist noch schöner als all die Träume, die ich von dir hatte, seit du das letzte Mal hier bei mir warst.«

Sie fand sein Verhalten weder überraschend, noch hatte es irgendetwas zu bedeuten. Seine Reaktion niemals wirklich einschätzen zu können, hielt alle in seiner Umgebung in einem Zustand beständiger Angst. Sein Zorn konnte sich jederzeit an der geringsten Kleinigkeit entzünden, oder auch an gar nichts. Nicci hatte ihn einen Sklaven mit bloßen Händen erwürgen sehen, nur weil dieser ein Brotschneidebrett hatte fallen lassen, während er bei einer anderen Gelegenheit einen Teller mit Lammbraten aufgehoben und seinem Diener beiläufig zurückgegeben hatte, ohne auch nur seine Unterhaltung zu unterbrechen.

Diese Launenhaftigkeit spiegelte in nicht geringem Maße das irrationale, unvorhersehbare und unverständliche Gebaren der Imperialen Ordnung selbst wider. Die Tugendhaftigkeit - ja die Zweckdienlichkeit - der Selbstaufopferung für die Sache wurde an unmerklichen, unergründlichen, ja nicht einmal nachvollziehbaren Anforderungen gemessen. Glück oder Unglück schienen stets nur von einer Laune abzuhängen. Dieser ständig bohrende Zweifel raubte der Bevölkerung jede Kraft. Die Last unablässiger Anspannung bewirkte, dass ein jeder jeden des Aufruhrs zu bezichtigen bereit war, sogar die eigenen Familienangehörigen - solange das Schicksal sich dadurch in Schach halten ließe.

Wie viele Männer glaubte auch Jagang, Niccis Gunst mit ein wenig hohler Schmeichelei gewinnen zu können. Sich selber sah er gerne als charmant. Die Form, die seine Hudeleien annahmen, offenbarten allerdings mehr über seine Wertvorstellungen als über ihre.

Nicci verzichtete darauf, sich zu verbeugen. Sie war sich des Rings um ihren Hals nur zu deutlich bewusst, der sie daran hinderte, von ihrer Gabe Gebrauch zu machen. Auch wenn sie sich gegen diesen Mann nicht wehren konnte, würde sie weder durch eine Verbeugung Respekt heucheln, noch war sie gewillt, vor seiner elegant formulierten Lüsternheit zu kriechen.

Auch früher schon hatte sie einzig ihre Gleichgültigkeit, nicht ihre Gabe vor dem zu schützen vermocht, was er ihr antun konnte. Damals war es ihr schlicht egal gewesen, ob er ihr wehtat oder sich irgendwann entschied, sie umzubringen. Sie glaubte, jedes Leid, das er ihr zufügen könnte, zu verdienen, und scherte sich nicht darum, ob sie starb. Es hatte sie gleichgültig gegen die allgegenwärtige Möglichkeit gemacht, dass ihn die Lust zu morden überkommen könnte. Auch wenn sich das dank Richard nun geändert hatte - ihm durfte sie es nicht zeigen! Ihre einzige Chance, ihre einzige Verteidigung, bestand darin, ihn im Glauben zu lassen, ihre Haltung wäre unverändert, und es wäre ihr ebenso egal wie damals, was ihr widerfuhr. Die Herrin des Todes kümmerte es nicht, ob sie von ihrer Kraft Gebrauch machen konnte oder nicht. Der Halsring war für sie bedeutungslos. Sachte ließ Jagang den langen unter seiner Unterlippe wachsenden Haarzopf durch seine Finger gleiten. Er maß sie mit seinem Blick, dann stieß er einen tiefen Seufzer aus, so als dächte er darüber nach, was er mit ihr zuerst anstellen sollte.

Sie musste nicht lange warten.

Völlig unvermittelt schlug er ihr den Handrücken so hart ins Gesicht, dass es sie von den Füßen riss. Bei der Landung schlug sie mit dem Kopf auf den Boden, doch zum Glück wurde der Aufprall durch die dicken Teppiche gedämpft. Es fühlte sich an, als wären ihre Kiefernmuskeln gerissen und der Knochen zertrümmert. Die Wucht des Schlages raubte ihr jedes Gefühl.

Obwohl der Raum sich zu drehen und zu kippen schien, war sie fest entschlossen, unter allen Umständen wieder auf die Beine zu kommen. Eine Herrin des Todes verkroch sich nicht, sie blickte dem Tod gleichgültig ins Angesicht.

Wieder auf den Knien, wischte sie sich mit der Innenseite ihres Handgelenks das Blut aus dem Mundwinkel und bemühte sich, ihr Gleichgewicht wiederzuerlangen. Trotz der Schmerzen schien ihr Kiefer unversehrt. Sie mühte sich, die Beine unter ihren Körper zu bekommen. Sie hatte es noch nicht ganz geschafft, als Julian sich zwischen sie und Jagang warf. »Lasst sie in Ruhe!«

Während Jagang das Mädchen, die Hände in die Hüften gestemmt, mit einem zornigen Blick bedachte, warf Nicci einen verstohlenen Seitenblick auf Kahlan und erkannte am Glanz in ihren Augen, dass sie Schmerzen litt. Das Zittern ihrer Finger verriet ihr auch, welche Art Qualen Jagang ihr über den Halsring bereitete. Solche vorsorglich zugefügten Schmerzen sollten jeden Versuch, sich einzumischen, im Keim ersticken und dafür sorgen, dass sie sich nicht von der Stelle rührte.

Nach Niccis Einschätzung war das aus Jagangs Sicht eine weise Entscheidung.

So weit sie zurückdenken konnte, hatte Nicci Menschen einzuschätzen vermocht, und das in kürzester Zeit. Eine wertvolle Eigenschaft, denn nicht selten hing das Uberleben in einer gewalttätigen Auseinandersetzung von der genauen Bewertung ihres Gegenübers ab. Ein Blick auf Kahlan sagte ihr, dass sie eine überaus gefährliche Frau war, eine Frau, die es gewohnt war, sich einzumischen. Jagang packte Julian im Nacken, hob sie wie ein lästiges Katzenjunges in die Höhe und trug sie quer durch das Gemach, wobei sie, wohl eher aus Furcht denn aus Schmerz, spitze Schreie ausstieß und wirkungslos an seinen übergroßen Pranken zerrte. Ihre strampelnden Füße traten ins Leere. Jagang schlug den schweren Vorhang aus wattierter Wolle zur Seite, der die Öffnung zu seinem Schlafgemach verdeckte, und schmiss Julian hinaus.

»Armina! Pass auf das Kind auf. Ich will mit meiner Königin allein sein!«

Nicci bekam gerade noch mit, wie Schwester Armina Julian in ihre Arme nahm und sie wegzerrte. Ein kurzer Blick ergab, dass Kahlan, am ganzen Körper leicht zitternd, noch immer auf derselben Stelle auf dem Teppich kauerte. Eine Schmerzensträne lief über ihre Wange. Nicci fragte sich, ob Jagang überhaupt ahnte, welche Qualen er ihr bereitete. Manchmal war er sich seiner ungeheuren Kräfte gar nicht bewusst, und das in mehr als einer Weise. Sein ungehemmter Zorn war allumfassend und wirkte sich nicht nur auf seine Muskelkraft, sondern auch auf seine geistigen Fähigkeiten aus.

Nicht selten hatte er Nicci in der Vergangenheit sehr viel härter geschlagen, als beabsichtigt, hatte er ihr als Traumwandler eine Schmerzensdosis verabreicht, die leicht hätte tödlich sein können, nur um sich später mit der lapidaren Bemerkung zu rechtfertigen, sie sei selbst schuld daran, weil sie ihn so wütend gemacht habe.