Als er jetzt den schweren Vorhang, der sein Schlafgemach verschloss, wieder fallen ließ, erschlafften Kahlans angespannte Muskeln schlagartig. Mit einem Seufzer der Erleichterung sackte sie in sich zusammen und schien sich nach ihrer stummen Qual kaum noch von der Stelle rühren zu können.
»Also«, wandte Jagang sich wieder Nicci zu. »Liebst du ihn?«
Nicci machte ein verständnisloses Gesicht. »Was?«
Das Gesicht zornesrot, ging er auf sie los. »Was soll das heißen, was? Du hast mich schon verstanden!« Er krallte ihr die Faust ins Haar und beugte sich bis auf wenige Zoll über sie. »Versuch nicht, so zu tun, als hättest du mich nicht verstanden, sonst reiße ich dir den Kopf ab!«
Nicci reckte ihr Kinn vor, so gut es eben ging, bot ihm ihre entblößte Kehle dar und lächelte. »Bitte, nur zu. Das wird uns beiden eine Menge Ärger ersparen.«
Einen Moment lang musterte er sie wütend, dann ließ er ihr Haar los und strich es glatt. Schließlich machte er kehrt und entfernte sich einige Schritte.
»Ist es das, was du willst? Sterben?« Er wandte sich wieder herum. »Um dich deiner Pflicht gegenüber dem Hüter und der Imperialen Ordnung zu entziehen? Deiner Pflicht mir gegenüber?«
Gleichgültig zuckte Nicci die Achseln. »Was ich will, spielt doch wohl keine Rolle, oder?«
»Was soll das heißen?«
»Ihr wisst sehr gut, was das heißt. Wann hat es Euch je im Mindesten geschert, was ich möchte? Ihr werdet tun, was immer Euch beliebt, ganz gleich, was ich dazu zu sagen habe. Schließlich bin ich nichts weiter als ein Untertan der Imperialen Ordnung, oder? Ich würde sagen, Ihr wollt, was Ihr immer schon wolltet - mich letztendlich töten.«
»Dich töten?« Er breitete die Arme aus. »Wie kommst du darauf?«
»Durch Eure Zügellosigkeit.«
»Zügellosigkeit?« Er funkelte sie von der Seite an. »Ich bin wohl alles andere als zügellos. Ich bin Jagang, der Gerechte.«
»Vergesst Ihr etwa, dass ich es war, die Euch diesen Titel gegeben hat? Und zwar nicht etwa, weil er die Wahrheit widerspiegelte, sondern ganz im Gegenteil, um ein Bild zu entwerfen, das den Zwecken der Imperialen Ordnung diente. Und dieses Bild habe ich Euretwillen entworfen, weil ich wusste, die gedankenlosen Menschen würden es allein schon deswegen glauben, weil wir es in die Welt gesetzt haben. Ihr wüsstet diese Rolle nicht einmal dann auszufüllen, wenn Euer Leben davon abhinge!«
Die wolkigen Schatten in seinen Augen trieben durch ein tiefschwarzes Dunkel, das sie an das jenseitige Schwarz des Kästchens der Ordnung erinnerte, das sie in Richards Namen ins Spiel gebracht hatte.
»Ich weiß nicht, wie du so etwas behaupten kannst, Nicci. Ich war stets mehr als gerecht zu dir, habe dir Dinge zugestanden, wie sonst keinem. Warum sollte ich das tun, wenn ich die Absicht hätte, dich zu töten?«
Nicci seufzte ungeduldig. »Sagt einfach, was Ihr sagen wollt, schlagt mir den Schädel ein oder schickt mich in die Folterzelte. Ich bin nicht sonderlich interessiert an diesem Spiel. Ihr glaubt, was immer Ihr glauben wollt, ohne Rücksicht auf die Wirklichkeit. Ihr wisst ebenso gut wie ich, dass nichts, was ich zu welchem Thema auch immer sagen könnte, irgendwas bewirken wird.«
»Was du sagst, hat stets etwas bewirkt.« Als die Erregung in seiner Stimme wuchs, erhob er die Hand gegen sie. »Sieh doch, was du gerade über meinen Titel Jagang, der Gerechte, gesagt hast. Das war deine Idee. Ich habe auf dich gehört und sie mir zu eigen gemacht, denn sie war gut. Sie war unseren Zwecken dienlich. Gute Arbeit. Ich habe es dir schon einmal gesagt: Ist dieser Krieg erst gewonnen, wirst du an meiner Seite sitzen.«
Nicci verzichtete darauf, ihm zu antworten.
Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken und entfernte sich einige Schritte.
»Liebst du ihn?«
Nicci warf einen verstohlenen Blick zur Seite. Kahlan hockte auf dem Teppich und beobachtete sie - mit sorgenzerfurchtem Gesicht, weil sie die Gefahr spürte, die in der Luft lag. Es war, als wollte sie Nicci auffordern, den Mann nicht länger aufzustacheln. Doch ob-schon sie Jagangs mögliche Reaktion sichtlich besorgte, schien sie gleichzeitig neugierig, wie Nicci auf die Frage des Kaisers antworten würde. Nicci drehte sich der Kopf, als sie sich ihre Antwort überlegte -nicht etwa aus Sorge, wie Jagang, sondern wie Kahlan darüber denken würde. Immerhin galt es den Feuerkettenbann zu bedenken, die Notwendigkeit eines sterilen Feldes. Nach Lage der Dinge würde sie bis dahin vermutlich tot sein, doch sollte es Richard irgendwie gelingen, der Feuerkettenreaktion mithilfe der Kraft der Ordnung entgegenzuwirken, musste Kahlan ein steriles Feld bleiben, wenn er eine Chance haben wollte, ihre frühere Persönlichkeit wiederherzustellen.
»Liebst du ihn?«, wiederholte er, ohne sich zu ihr umzudrehen. Nicci kam zu dem Schluss, dass es für die Aufrechterhaltung des sterilen Feldes egal war, was sie auf die Frage antwortete. Kahlan würde gefühlsmäßig unvorbelastet bleiben. Was zählte, war Kahlans emotionale Bindung zu Richard, nicht zu ihr.
»Bislang habt Ihr Euch noch nie mit meinen Gefühlen belastet«, sagte sie schließlich leicht gereizt. »Welchen Unterschied könnte das für Euch bedeuten?«
Er wandte sich herum und starrte sie an. »Welchen Unterschied? Wie kannst du so was fragen? Ich habe dich praktisch zu meiner Königin gemacht. Du hast mich gebeten, dir zu vertrauen und dich gehen zu lassen, um Lord Rahl zu vernichten. Ich wollte, dass du bleibst, und doch habe ich dich gehen lassen. Ich habe dir vertraut.«
»Das sagt Ihr jetzt. Hättet Ihr mir damals tatsächlich vertraut, würdet Ihr es jetzt wieder tun, anstatt mich zu verhören. Offenbar habt Ihr Schwierigkeiten, die in dem Wort enthaltene Bedeutung zu erfassen.«
»Das war vor anderthalb Jahren. Seitdem habe ich dich weder gesehen, noch Nachricht von dir erhalten.« »Ihr habt mich bei Tovi gesehen.«
Er nickte. »Ich habe durch Tovis Augen - durch die Augen aller vier Frauen - eine Menge Dinge gesehen.«
»Sie hielten sich für gerissen, als sie sich der Bande zu Lord Rahl bedienten.« Ein zaghaftes Lächeln ging über Niccis Gesicht. »Nur hattet Ihr sie die ganze Zeit beobachtet. Ihr wart über alles informiert.«
Er schloss sich ihrem Lächeln an. »Du warst schon immer gerissener als Ulicia und die anderen.« Er hob eine Braue. »Als du sagtest, du würdest gehen, um Richard umzubringen, habe ich dir vertraut. Stattdessen hat es dir nicht das Geringste ausgemacht, die Bande zu deinem eigenen Vorteil zu benutzen. Wie ist das möglich, Schätzchen? Diese Bande funktionieren nur über deine Ergebenheit zu ihm. Möchtest du mir das vielleicht erklären?«
Nicci verschränkte die Arme. »Mir leuchtet nicht ein, wieso das so schwer zu begreifen sein sollte. Ihr vernichtet, er schafft. Ihr bietet ein dem Tode gewidmetes Dasein, er bietet das Leben. Das sind keine leeren Worte – von keinem von Euch beiden. Er hat mich nie blutig geprügelt oder vergewaltigt.«
Jagangs Gesicht und sein kahlrasierter Schädel wurden puterrot vor Zorn. »Vergewaltigt? Wollte ich dich vergewaltigen, würde ich es tun – und zwar legitim -, aber das war keine Vergewaltigung. Du wolltest es selbst, nur bist du zu verstockt, um es auch zuzugeben. Deine gespielte Empörung diente nur dazu, deine lustvollen Begierden vor mir zu verbergen.«
Nicci ließ ihre Arme sinken, beugte sich vor, und erwiderte, jetzt selber wütend: »Biegt Euch die Dinge zurecht, so viel Ihr wollt, um Euer Tun zu rechtfertigen, aber dadurch werden sie nicht wahr.«
Einen mörderischen Ausdruck im Gesicht, wandte er sich von ihrem Anblick ab.
»Also«, fuhr er schließlich, noch immer mit dem Rücken zu ihr, fort, »beantworte endlich meine Frage. Liebst du ihn?«
Matt fuhr sich Nicci mit der Hand über die Stirn. »Seit wann interessiert Ihr Euch für meine Gefühle? Bisher haben sie Euch noch nie daran gehindert, mich zu vergewaltigen.«