Выбрать главу

»Was soll plötzlich dieser Unfug über Vergewaltigung!«, explodierte er und machte einen großen Schritt auf sie zu. »Du weißt, ich bin dir zugetan! Und ich weiß, dass es sich andersherum ebenso verhält.«

Nicci machte sich nicht die Mühe, darauf zu antworten. Er hatte sogar recht, insofern, als sie derartige Einwände ihm gegenüber noch nie geäußert hatte - sie hätte gar nicht gewusst, wie. Früher hatte sie geglaubt, ihr Leben gehöre gar nicht ihr. Wie hätte sie sich da beschweren können, der Orden missbrauche sie für seine Zwecke? Oder dessen Anführer?

Erst durch Richard hatte sie begriffen, dass ihr Leben ihr gehörte, und damit auch ihr Körper, und dass sie beides niemandem gegen ihren Willen überlassen musste.

»Ich weiß, was du vorhast, Nicci.« Er ballte erneut eine Faust. »Du benutzt ihn, um mich eifersüchtig zu machen. Du bedienst dich deiner weiblichen Schliche, damit ich dich auf das Bett dort werfe und dir die Kleider vom Leib reiße - darauf hast du es in Wahrheit abgesehen, und wir beide wissen das. Du benutzt ihn, um mich in einen Zustand erhitzter Leidenschaft zu versetzen. Aber in Wahrheit verzehrst du dich nach mir und verbirgst deine wahren Gefühle für mich hinter deinen Vergewaltigungsvorwürfen.«

Nicci betrachtete seine aufgebrachte Miene. »Eure Hoden sind ein schlechter Ratgeber.«

Er zog seine Faust zurück. Sie ließ sich nicht von ihrer Meinung abbringen und blickte wütend in die wolkigen Schatten, die durch die mitternachtsschwarze Landschaft seiner Augen trieben. Zu guter Letzt ließ er seine Hand vollends sinken. »Ich habe dir angeboten, was ich noch keiner anderen jemals angeboten habe - in allen praktischen Belangen meine Königin zu sein und über allen anderen zu stehen. Richard Rahl hat dir nichts zu bieten. Ich allein kann dir bieten, was dir nur ein Kaiser bieten kann - einen Teil jener Macht, die die Welt regieren wird.«

Mit einer Armbewegung erfasste Nicci das Innere des königlichen Zeltes.

»Verstehe, den Zauber, das Böse mit offenen Armen zu umschlingen. Und das alles gehört mir, wenn ich nur meinen denkenden Verstand aufgebe und absolute Ungerechtigkeit zur Tugend erkläre.«

»Ich habe dir die Macht angeboten, an meiner Seite zu herrschen!«

Nicci ließ den Arm sinken und bedachte ihn mit einem kalten, zornigen Funkeln. »Nein, Ihr habt mir angeboten, mich als Eure Hure zu verdingen, und als Mörderin all derer, die sich nicht Eurer Herrschaft beugen.«

»Es ist die Herrschaft der Imperialen Ordnung! Dieser Krieg wird nicht um meines persönlichen Ruhms willen geführt, wie du sehr wohl weißt! Diese Auseinandersetzung wird geführt für die Ziele des Schöpfers - für die Erlösung der Menschheit. Wir bringen den Heiden den wahren Willen des Schöpfers, wir bringen all denen die Lehren des Ordens, die sich nach Bedeutung und Sinn in ihrem Leben sehnen.«

Nicci verstummte. Er hatte recht. So sehr er die äußeren Insignien der Macht genießen mochte, in Wahrheit war er aufrichtig überzeugt, ein Kämpfer für das höhere Wohl zu sein, ein Krieger, der dem wahren Willen des Schöpfers diente, indem er den Lehren des Ordens in diesem Leben Geltung verschaffte, auf dass die Menschheit im nächsten zu Ruhm gelangen konnte.

Sie wusste nur zu gut, was es hieß, gläubig zu sein. Und Jagang war ein Gläubiger.

Fast erschien es ihr lächerlich, dass diese Ideologie, die sie einst selbst vertreten hatte, jetzt so abgrundtief albern wirkte. Im Gegensatz zu Jagang und den meisten anderen, die sich den Überzeugungen des Ordens bereitwillig verschrieben hatten, hatte sie sie nur akzeptiert, weil sie glaubte, es zu müssen, ihr nur so ein tugendhaftes Leben erreichbar schien. Sie hatte das Joch der Knechtschaft für andere akzeptiert und sich gleichzeitig dafür gehasst, dass sie nicht glücklich dabei wurde. Im Grunde waren die Schwestern des Lichts nicht besser gewesen, hatten sie ihr doch nur eine andere Spielart desselben selbstaufopfernden Pflichtgefühls geboten. Deshalb hatte sie sich der ausweglosen Herrschaft der Ordensbruderschaft nie entzogen. Als deren abgestumpfte Dienerin war ihr der Missbrauch durch Jagang nur als notwendiges Opfer auf dem Weg zu einem guten und tugendhaften Dasein erschienen. Und dann hatte sich alles verändert.

Oh, wie sie Richard vermisste.

»Alles, was Ihr der Menschheit bringen werdet, sind tausend Jahre Finsternis.« Sie war es leid, mit einem wahren Gläubigen, dessen theologisches Konstrukt auf den Predigten des Ordens und nicht auf der Wirklichkeit beruhte, über die Wahrheit zu streiten. »Ihr werdet die Welt nur in ein langes düsteres und unzivilisiertes Zeitalter stoßen.« Einen Moment lang musterte er sie aufgebracht. »Das bist nicht du, die da spricht, Nicci. Das weiß ich genau. Das sagst du nur, weil dieser Lord Rahl einen solchen Hass gegen seine Mitmenschen predigt. Und du plapperst es nach, damit ich glaube, dass du ihn liebst.«

»Vielleicht tue ich es ja.«

Er grinste und schüttelte den Kopf. »Nein. Du willst ihn nur benutzen, um mich um deinen kleinen Finger zu wickeln. So sind die Frauen - stets versuchen sie, die Männer zu manipulieren und auszunutzen.«

Statt sich von ihm eine Diskussion über ihre wahren Gefühle für Richard aufzwingen zu lassen, wechselte sie das Thema.

»Eure Herrschaftspläne, denen zufolge der Orden seine Ideen in die ganze Welt tragen soll, werden nicht funktionieren. Ihr benötigt alle drei Kästchen der Ordnung. Ich war bei Schwester Tovis Tod zugegen. Sie hatte das dritte Kästchen, allerdings ist es ihr gestohlen worden.«

»Ja, richtig, der tapfere Sucher, der das Schwert der Wahrheit schwingt«

- er äffte einen Schwertstoß nach - »tritt auf den Plan, um das Kästchen der Ordnung aus den Händen einer boshaften Schwester der Finsternis zu befreien.« Er bedachte sie mit einem säuerlichen Blick. »Ich war schließlich dabei und habe alles mit ihren Augen mitverfolgt.«

Nicci hatte er ebenfalls mit Tovis Augen beobachtet.

»Bleibt die Tatsache, dass die Schwestern im Besitz aller drei Kästchen waren. Ihr mögt sie jetzt in Eurer Gewalt haben, aber von den Kästchen habt Ihr nur zwei.«

Seine Gereiztheit wich einem verschlagenen Feixen. »Oh, ich denke, das wird kein so großes Problem werden, wie du glaubst. Noch wird es eine Rolle spielen, dass du das Kästchen ins Spiel gebracht hast. Ich verfüge über Möglichkeiten, solch unbedeutende Schwierigkeiten zu umgehen.«

Sie war ein wenig schockiert, zu hören, dass er davon wusste, versuchte es sich aber nicht anmerken zu lassen.

»Und die wären?«

Das Feixen wurde noch breiter. »Was wäre ich für ein Herrscher, besäße ich nicht für jede Möglichkeit einen Plan. Sei unbesorgt, Schätzchen, ich habe alles gut im Griff. Am Ende zählt allein, dass ich für die Vereinigung aller drei Kästchen sorgen werde. Dann endlich werde ich die Kraft der Ordnung dazu verwenden, jedweden Widerstand gegen die Herrschaft der Imperialen Ordnung zu beenden.«

»Vorausgesetzt, Ihr überlebt bis dahin.«

Seine Gereiztheit kehrte zurück, während er prüfend ihren leeren Gesichtsausdruck musterte. »Was soll das denn heißen?«

Sie wies in die Ferne. »Richard Rahl hat die Wölfe auf Eure geliebte Herde losgelassen.«

»Und das bedeutet?«

Sie zog keck eine Braue hoch. »Die Armee, die Ihr bis hier herauf verfolgt habt, ist abgetaucht. Ihr habt sie nicht vernichten können, hab ich recht? Ratet mal, wo sie sich jetzt befindet.«

»Sie hat sich in Todesangst in alle Winde zerstreut.«

Sein verärgerter Gesichtsausdruck entlockte ihr ein Lächeln. »Nicht ganz. Die D’Haranische Armee erhielt den Befehl, den Krieg in die Alte Welt zu tragen, zu all denen, die diesen Krieg unterstützen und die mit ihren Lehren diese Aggression erst provoziert und Unschuldige damit überzogen haben. Diese Leute werden sich den Konsequenzen der Entsendung Eurer mörderischen Stellvertreter in den Norden stellen müssen. An ihren Händen, wie an Euren, klebt das Blut unschuldiger Menschen. Aufgrund der großen Entfernung glauben sie, ihre Hände in Unschuld waschen zu können, aber das wird sie nicht von ihren unmittelbar mitverschuldeten Verbrechen freisprechen. Sie werden den Preis dafür bezahlen.«