»Ich bin über die jüngsten Sünden des Lord Rahl im Bilde.« Jagangs Kiefermuskeln spannten sich, als er mit den Zähnen knirschte. »Richard Rahl ist ein Feigling, der Jagd auf unschuldige Frauen und Kinder macht, weil er es nicht erträgt, wahren Männern ins Gesicht zu sehen.«
»Wenn Ihr das wirklich glaubt, wäre das die übelste Art bewussten Leugnens, aber dem ist nicht so. Vielmehr sollen andere dies glauben, also reißt Ihr sorgfältig ausgewählte Halbwahrheiten aus dem Zusammenhang, um Eurer Sache einen scheinbar moralischen Anstrich zu geben. Ihr versucht eine Entschuldigung für das Unentschuldbare zu finden. Ihr verkriecht Euch sozusagen hinter den Röcken einer Frau und schießt mit Pfeilen, um Euch, erwidert man den Beschuss, über diese Abscheulichkeit empören zu können.
In Wahrheit wollt Ihr denen, die Ihr vernichten wollt, das unveräußerliche Recht auf Selbstverteidigung nehmen.
Richard hat die durch den Glauben des Ordens verkörperte Gefahr erkannt. Er lässt sich nicht durch aufgebauschte Probleme kaltstellen, deren Zweck es ist, die Wahrheit zu verschleiern. Er weiß, um zu überleben, muss er stark genug sein, diese Gefahr auszuschalten, in welcher Form sie sich auch zeigt - selbst wenn das bedeutet, die Felder zu zerstören, auf denen die Nahrungsmittel wachsen, die Euren Männern die Kraft geben, friedlich ihr Dasein fristenden Menschen die Kehlen durchzuschneiden. Jeder, der diese Felder verteidigt, macht sich der Mithilfe an dem Morden schuldig.
Er weiß um die schlichte Wahrheit, dass es ohne einen Sieg kein Überleben für sein Volk gibt.«
»Diese Leute haben ihr Leid doch selbst verschuldet, indem sie sich den rechtschaffenen Lehren des Ordens widersetzen«, warf Jagang ein. Die Muskeln seiner Arme angespannt, die Fäuste geballt, lief er auf und ab, offenbar kurz vor einem Gewaltausbruch. Er mochte es nicht, wenn man seine Behauptungen in Zweifel zog, also fuhr er Nicci an und wiederholte sie mit größerem Nachdruck, so als könnte seine erhobene Stimme und die darin enthaltene Drohung die Angelegenheit klären.
»Richard Rahl liefert selbst den Beweis für seine Verdorbenheit und die Korruption derer, die er anführt, indem er seine Männer losschickt, um unschuldige Frauen und Kinder aus der Alten Welt zu töten, statt sich unseren Soldaten im Kampf zu stellen. Seine an ihnen begangenen Abscheulichkeiten zeigen, was für ein feiger Verbrecher er in Wahrheit ist. Es ist unsere Pflicht, die Welt von solchen Sündern zu befreien.«
Nicci verschränkte die Arme und bedachte ihn mit einem Funkeln, wie es früher denen vorbehalten war, die sich dem Willen des Ordens nicht beugen wollten, ein Blick, der oftmals den Taten vorausging, die ihr den Namen Herrin des Todes eingetragen hatten. Und der Jagang zu denken gab.
»Die Menschen in der Neuen Welt sind unschuldig«, erklärte sie schließlich. »Nicht sie haben den Krieg zur Imperialen Ordnung getragen, sondern umgekehrt. Es stimmt, durch die Kämpfe werden Menschen in der Alten Welt - darunter auch Kinder - zu Schaden kommen oder gar getötet werden. Aber was haben sie denn für eine Wahl? Sollen sie sich weiter abschlachten und als Sklaven verschleppen lassen, nur weil sie befürchten, einem Unschuldigen Schaden zuzufügen? Sie sind unschuldig, ebenso wie ihre Kinder. Sie sind es, denen Leid geschieht.
Dank Eures Eindringens in Schwester Ulicias Verstand wart Ihr über ihre Pläne informiert und wusstet, dass Richards höchstes Gut das Leben ist. Schwester Ulicia ersann einen Plan, der ihr, sobald sie mithilfe der Macht der Ordnung den Hüter aus der Unterwelt befreit hätte, die Möglichkeit geben würde, Richard ewiges Leben zu gewähren. Dass Richard dies weder für möglich halten, noch jemals akzeptieren würde, war in ihren Augen bedeutungslos. Sie glaubte, allein aufgrund ihrer Absicht immun gegen Eure Talente als Traumwandler zu sein.
Doch da Ihr bereits in ihren Verstand eingedrungen wart, kanntet Ihr Richards höchstes Gut bereits - das Leben.
Dieser Gedanke ist Euch vollkommen fremd, für den Orden ist dies kein Gut. Dort lehrt man, unser Leben sei nichts weiter als ein Übergangszustand auf unserem Weg ins Leben nach dem Tode, eine Hülle, die unsere Seele bis zum Erreichen eines höheren Seinszustandes in sich birgt. Den Ordenslehren entsprechend ist das Leben nach dem Tod unser höchstes Gut, eine Herrlichkeit, die man sich durch die Aufopferung des hiesigen Lebens verdient. Demzufolge ist für den Orden der Tod das höchste Gut.
Wer hingegen das Leben achtet, den betrachtet Ihr als minderwertig. Euch ist unbegreiflich, was das Leben für jemanden wie Richard bedeutet, trotzdem wisst Ihr, wie Ihr das Gelernte nutzen könnt -indem Ihr Richard einzuschüchtern versucht, sich der größeren Herausforderung zu stellen, das Leben in seiner Gesamtheit zu beschützen. Indem Ihr ihn als Mörder von Frauen und Kindern hinstellt, um ihm seinen Mut zu rauben, indem Ihr ihn unter moralischen Druck setzt, damit er aus Angst, es könnten Zivilisten getötet werden, von seinem Angriff absieht. Indem Ihr ihn also darauf beschränkt, sich selbst zu verteidigen.
Als erfahrener Krieger wisst Ihr, dass Kriege nicht aus der Defensive gewonnen werden. Ohne die absolute Entschlossenheit, alle er forderlichen Kräfte aufzubieten, um das verworfene Gedankengut eines Aggressors zu zerschmettern, kann man einen Krieg nicht zu gewinnen hoffen, denn dieses Gedankengut hat den Krieg ja überhaupt erst ausgelöst.
Das weiß auch Richard. Deshalb ist er überzeugt, den Krieg nur gewinnen zu können, wenn er dem Aggressor die Möglichkeit nimmt, ihm Schaden zuzufügen, wenn er seine Hingabe an ebenjene Überzeugungen untergräbt, die ihn überhaupt erst zu dem Angriff bewogen haben. Also habt Ihr es Euch zum Ziel gemacht, diesen Mann mit völlig überzogenen Vorwürfen so weit zu verleumden und entehren, bis er Angst hat, so zu handeln, wie es für seinen Sieg vonnöten wäre. All dies soll von den wahren Folgen Eurer Glaubensüberzeugungen ablenken und Konvertiten zur verdrehten Ideologie des Ordens bekehren. Ihr beschuldigt andere genau jener Dinge, derer Ihr selbst schuldig seid, weil Ihr sehr gut wisst, dass Ihr dadurch Emotionen weckt. Letztendlich sind diese übertriebenen Vorwürfe nichts als ein Vorwand – der Versuch, Eure gewohnheitsmäßige Ermordung unvorstellbarer Menschenmassen zu rechtfertigen.
Wir beide wissen um die Wahrheit der zahllosen Frauen- und Kinderleichen, die der Orden hinterlässt, doch die werden angesichts Eurer moralischen Empörung einfach übersehen. In der Brutalität, Rohheit und Grausamkeit, mit der Ihr gegen Menschen vorgeht, die dem Volk der Alten Welt nichts angetan haben, zeigt sich das wahre Gesicht Eures Glaubens. Die Ungeheuerlichkeit Eurer Verdorbenheit wird allein dadurch kompensiert, dass Ihr dem Opfer die Schuld an den Verbrechen gebt, mit denen Ihr sein Volk überzieht, so wie Ihr mir die Schuld an meiner eigenen Vergewaltigung gebt.
Ich war zugegen, als Richard diesen Truppen seine Befehle gab, ich kenne die Wahrheit. Und die lautet, dass der Verstand der meisten Menschen in der Alten Welt unwiderruflich umnachtet ist - durch ihre fanatische Hingabe an Ideen, die nichts als Leid und Tod zur Folge haben. Diese Menschen sind für eine Erlösung mit Mitteln der Vernunft rettungslos verloren. Richard weiß, die einzige Möglichkeit, mit dem Bösen zu verfahren, und den Hang der Menschen zu ihm zu brechen, besteht darin, diese Neigung für sie unerträglich zu machen. Der Orden hat dies zu einem Krieg bis zum bitteren Ende gemacht. Richard weiß, dass der Versuch einer Koexistenz mit dem Bösen oder eine Rechtfertigung derer, die es nähren, sein Volk zum Untergang verdammen würde. Er weiß, dass er den Ursprung dieser Überzeugungen vernichten muss, da sonst alle freidenkenden Menschen überall zu Tode kommen werden, hingemetzelt von Kriegern, die von den Menschen aus der Alten Welt ermutigt und unterstützt werden.
Krieg ist ein grausames Geschäft. Je rascher er beendet wird, desto weniger Leid und Tod wird es geben. Genau das ist Richards Ziel. In Wahrheit besagen seine Befehle Folgendes: Wann immer möglich, sollen seine Soldaten verhindern, dass Menschen zu Schaden kommen, aber vorrangiges Ziel bleibt die Beendigung des Krieges -und dafür müssen sie dem Orden die Möglichkeit zur Kriegsführung nehmen. Sie verteidigen das Existenzrecht ihres Volkes. Alles andere wäre nichts weiter als ein Pfeifen auf dem Weg ins eigene Grab. Dieser Krieg ist nur eine Fortführung jenes Großen Krieges, der lange Zeit tobte, aber nie wirklich beendet worden ist.