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Rachel schmiegte sich in die Armbeuge der Frau. »Weißt du das auch ganz bestimmt?«

»Aber ja. Du musst dem Pferd Gelegenheit geben, wieder zu Kräften zu kommen. Es zu Tode zu hetzen hilft dir nicht weiter. Vertrau mir, in dieser gottverlassenen Gegend möchtest du nicht ohne Pferd sein.«

»Weil mich dann die gespenstischen Kobolde erwischen?« Die Frau nickte. »Ganz genau.«

Als Rachel ein Schauder überlief, nahm die Frau sie fest in ihre Arme, bis es vorüber war. Plötzlich merkte Rachel, dass sie den Saum ihres Kleides in den Mund genommen hatte, ganz so wie früher, als sie noch klein war.

»Halt deine Hand auf«, sagte die Frau mit ihrer besänftigenden Stimme.

»Ich hab etwas für dich.« »Was ist es denn?« »Halt deine Hand auf.«

Rachel tat, wie ihr geheißen, und die Frau legte einen kleinen Gegenstand hinein. Rachel hielt ihn vors Gesicht, um ihn besser betrachten zu können. Er war kurz und gerade.

»Steck ihn in deine Tasche.«

Rachel blickte zu dem sanften Gesicht auf, das sie beobachtete. »Wozu?«

»Damit du ihn hast, wenn du ihn brauchst.«

»Ihn brauchen? Wofür sollte ich ihn denn brauchen?«

»Das wirst du wissen, wenn der Moment gekommen ist. Du wirst wissen, wann du ihn brauchst. Und wenn es so weit ist, denk daran, dass er sich dort, in deiner Tasche, befindet.«

»Aber was ist es?«

Die Frau lächelte ihr berückendes Lächeln. »Es ist das, was du brauchst, Rachel.«

In ihrer Verwirrung kam Rachel einfach nicht auf des Rätsels Lösung. Sie ließ den kleinen Gegenstand in ihre Tasche gleiten.

»Ist er magisch?«, fragte sie.

»Nein, magisch ist er nicht. Aber er ist das, was du brauchen wirst.«

»Wird er mich retten?«

»Ich muss jetzt gehen«, erwiderte die Frau.

Rachel spürte, wie ein Kloß ihr die Kehle zu verschließen drohte.

»Könntest du nicht noch ein Weilchen am Feuer sitzen bleiben?«

Die Frau betrachtete sie mit ihren sanften, wissenden Augen. »Ja, vermutlich könnte ich das.«

Wieder spürte Rachel, wie sie an den Armen eine kribbelnde Gänsehaut überlief.

Jetzt wusste sie, wer die Frau war.

»Du bist meine Mutter, nicht wahr?«

Die Frau strich ihr übers Haar. Sie hatte ein trauriges Lächeln im Gesicht, und eine Träne lief über ihre Wange.

Rachel wusste, dass ihre Mutter tot war, oder zumindest hatte man ihr das erzählt.

Vielleicht war dies ja die gütige Seele ihrer Mutter. Sie öffnete den Mund, um noch etwas zu sagen, doch ihre Mutter brachte sie sacht zum Schweigen und zog dann ihren Kopf zu sich heran. »Du musst dich ausruhen. Ich werde auf dich aufpassen. Schlaf jetzt. Bei mir bist du in Sicherheit.«

Eine ungeheure Müdigkeit überkam Rachel. Sie lauschte auf das wundervolle Geräusch des Herzschlags ihrer Mutter, schlang ihre Arme um den Körper und schmiegte sich an sie.

Sie hatte tausend Fragen, trotzdem, mit dem Kloß in ihrer Kehle glaubte sie kaum, auch nur ein einziges Wort über ihre Lippen zu bringen. Außerdem mochte sie eigentlich auch gar nicht sprechen. Sie wollte einfach nur in den beschützenden Armen ihrer Mutter gehalten werden. So sehr sie Chase liebte, dieses Gefühl war so besonders, dass es ungerecht gewesen wäre, es mit irgendetwas anderem zu vergleichen. Sie liebte Chase von ganzem Herzen, aber dies war auf eine ganz eigene Weise wundervoll. So als wären zwei Hälften zu einem Ganzen zusammengefügt worden.

Dass sie eingeschlummert war, merkte Rachel erst daran, dass es bereits dämmerte, als sie die Augen aufschlug. Tiefviolette Wolken schienen die heraufdämmernde Helligkeit am östlichen Himmel zurückhalten zu wollen.

Abrupt richtete sie sich auf.

Außer der erkalteten Asche war vom Feuer nichts mehr übrig. Sie war allein.

Ehe sie einen anderen Gedanken fassen konnte, ehe sie Gelegenheit hatte, traurig zu werden, schoss es ihr durch den Kopf, dass sie sich beeilen musste.

Hektisch sammelte sie ihre paar Habseligkeiten zusammen - die Decke, den Feuerstein, den Wasserschlauch - und stopfte sie in die Satteltaschen. Nicht weit entfernt sah sie das Pferd. Es beobachtete sie. Sie musste unbedingt darauf achten, es nicht zu forsch anzutreiben. Wenn sie es zu sehr hetzte und es starb, würde sie zu Fuß gehen müssen. Und dann würden die gespenstischen Kobolde sie holen kommen.

25

Behutsam schloss Kahlan beide Hände um Niccis zitternde, locker geballte Faust, in der Hoffnung, die blutüberströmte Frau auf Jagangs Bett könnte durch diese Berührung, durch diese simple Geste, wenigstens ein wenig Trost erfahren. So sehr sie sich vor Mitgefühl verzehrte, helfen konnte sie ihr kaum.

Die Nacht war beängstigend gewesen, fürchterlich. Es kam des Öfteren vor, dass Jagang sich weibliche Gefangene in sein Bett holte, und nicht selten tat er ihnen weh, sei es, weil er seine Körperkraft nicht einzuschätzen vermochte, oder auch absichtlich, wenn sie sich nicht willig zeigten.

In diesem Fall jedoch verhielt es sich anders. Bei Nicci hatte er seiner Eifersucht Luft gemacht.

Noch nie hatte er einer dieser anderen Frauen so wehgetan wie Nicci. In seinen Augen zahlte er ihr nur etwas heim, beglich er eine Rechnung, ließ er Nicci dafür bezahlen, dass sie ihm untreu gewesen war. Außerdem hatte er Kahlan vor Augen führen wollen, welche Behandlung sie zu erwarten hatte, sobald ihr Erinnerungsvermögen wieder vollständig hergestellt wäre. Kahlan versuchte, das Gehörte und Gesehene aus ihren Gedanken zu verbannen, da sie sich sonst hätte übergeben müssen, und konzentrierte sich stattdessen auf die Gegenwart - und die Zukunft.

Sie löste eine Hand und drehte sich herum, um einen auf dem Boden liegenden Wasserschlauch aufzunehmen. Nicci klammerte sich fester an die noch verbliebene Hand, offenbar befürchtete sie, das in dieser Berührung enthaltene Mitgefühl könnte ihr entzogen werden.

»Hier.« Kahlans Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, als sie ihr den Wasserschlauch an die Lippen hielt. Niccis Gesicht und ihre Haare waren mit Spritzern getrockneten Blutes bedeckt. Sie reagierte nicht, hielt einfach nur weiter locker Kahlans Hand.

»So trinkt doch«, drängte Kahlan. »Es ist Wasser.«

Als Nicci keinerlei Anstalten machte zu trinken, ließ sie ein paar Tropfen über ihre Lippen und in ihren Mund rinnen. Nicci schluckte, drehte dann den Kopf mit einem Schmerzensschrei zur Seite, fort vom Wasserschlauch.

»Sch«, drängte Kahlan. »Ich weiß, es tut weh, aber versucht, leise zu bleiben. Ihr müsst unbedingt trinken. Ihr braucht Wasser. Euer Körper braucht Flüssigkeit, damit Ihr Euch wieder erholen könnt.«

So wie Jagang sie in seinem Zornesausbruch gewürgt hatte, kam es einem Wunder gleich, dass er ihr nicht die Luftröhre zerquetscht hatte. Allerdings hatten seine kräftigen Hände tiefdunkle Blutergüsse hinterlassen, und das nicht nur am Hals.

Niccis blaue Augen öffneten sich langsam und konzentrierten sich auf die Züge Kahlans, die neben dem Bett unten auf dem Boden kauerte. Dicht über Nicci gebeugt, versuchte sie ihre Stimme gesenkt zu halten, damit man sie außerhalb des Schlafgemachs nicht hörte. Sie wollte nicht, dass jemand mitbekam, wie sie mit Nicci sprach, schließlich hatte diese Jagang verheimlicht, dass sie Kahlan sehen konnte. Im Übrigen hielt sie es stets für klug, dem Feind nicht mehr als absolut notwendig zu verraten. Nicci dachte offenbar ebenso.

Es war unbequem, sich über die Bettkante beugen zu müssen, doch Kahlan wagte nicht, den Teppich zu verlassen - sie wusste, welche Folgen es haben würde, wenn sie seinem ausdrücklichen Befehl zuwiderhandelte.

Die schartige Platzwunde an Niccis Haaransatz, rechts an der Stirn, blutete noch immer. Ein Streifschlag von Jagangs beringter Faust hatte dort einen Hautfetzen weggerissen. Kahlan schnappte sich einen kleinen Lappen, faltete ihn zusammen und drückte ihn sachte auf die Wunde, um den losen Hautfetzen zurückzudrücken, während sie durch den Druck die Blutung zu stillen versuchte. Augenblicke später war der Lappen blutdurchtränkt. So gern sie ihr geholfen hätte, etwas anderes als das Stillen ihrer Blutungen und ihr einen Schluck Wasser anzubieten fiel ihr nicht ein.