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Die vom Goldring in Niccis Unterlippe zurückgebliebene Wunde nässte noch immer und hatte am Kinn und seitlich am Hals eine Blutspur hinterlassen, war aber ebenso wenig ernst wie die an ihrer Stirn, so dass Kahlan sie gar nicht erst zu behandeln versuchte.

Vorsichtig strich sie ihr eine Locke ihres blonden Haars aus dem Gesicht.

»Es tut mir so leid, was er Euch angetan hat.«

Nicci nickte matt, wobei ihr Kinn leicht zitterte, als sie ihre Tränen unterdrückte.

»Ich hätte ihn gern daran gehindert.«

Nicci fing die Träne mit dem Finger auf, die über Kahlans Wange lief.

»Ihr konntet nichts dagegen tun«, brachte sie hervor. »Gar nichts.«

Ihre Stimme war, bei aller Kraftlosigkeit, noch immer von derselben seidigen Anmut erfüllt wie zuvor, eine Stimme, die perfekt zu ihrer übrigen Erscheinung passte. Kahlan hätte es nie für möglich gehalten, dass eine Stimme von solchem Liebreiz zu solch abgrundtiefer Verachtung fähig wäre, wie Nicci sie gegenüber Jagang an den Tag gelegt hatte.

»Keiner von uns hätte etwas tun können«, hauchte Nicci, während sich ihre Lider wieder schlossen. »Außer vielleicht Richard.«

Einen Moment lang betrachtete Kahlan ihre blauen Augen. »Ihr glaubt wirklich, dieser Richard Rahl hätte etwas tun können?«

Nicci lächelte bei sich. »Verzeiht. Mir war nicht bewusst, dass ich den letzten Teil laut gesprochen habe. Wo ist Jagang?«

Ein kurzer prüfender Blick ergab, dass die Wunde unter dem Stofflappen, den sie auf Niccis Stirn presste, endlich aufgehört hatte zu bluten.

»Habt Ihr ihn nicht gehen hören?«, fragte sie und legte den blutgetränkten Stofffetzen beiseite.

Nicci bewegte den Kopf hin und her. Kahlan zeigte ihr den fraglichen Wasserschlauch. Nicci nickte. Sie zuckte bei jedem Schluck zusammen, aber sie trank.

»Nun«, sagte Kahlan, als Nicci zu Ende getrunken hatte, »jemand rief ihn, dann ging er zum Zelteingang, wo sich ein Mann mit gesenkter Stimme mit ihm unterhielt. Alles habe ich nicht verstanden, aber es klang, als hätte er gesagt, man habe eine Entdeckung gemacht. Daraufhin kam Jagang zurück, um sich anzuziehen. Und nach dem Tempo zu urteilen, das er dabei an den Tag legte, hatte er es offenbar sehr eilig, den Fund in Augenschein zu nehmen. Mir trug er auf, mich auf keinen Fall von der Stelle zu rühren.

Dann kniete er sich aufs Bett, beugte sich über Euch und murmelte eine Entschuldigung.«

Nicci entfuhr ein schnaubendes Lachen, das jedoch abrupt endete, als sie vor Schmerz zusammenzuckte. »Er ist zu Mitleid gar nicht fähig, außer mit sich selbst.«

»Da werde ich Euch nicht widersprechen. Jedenfalls versprach er, eine Schwester mitzubringen, die Euch heilen soll, strich Euch dann mit der Hand übers Gesicht und wiederholte, wie leid ihm alles tue. Schließlich beugte er sich mit den Worten ›Bitte, stirb nicht, Nicci‹ über Euch, ehe er nach draußen eilte, nicht ohne mir noch einmal einzuschärfen, auf dem Boden hocken zu bleiben.

Keine Ahnung, wie lange er fortbleiben wird. Ich vermute aber, dass jeden Moment wenigstens eine Schwester nach Euch sehen wird.«

Nicci nickte. Es schien sie nicht wirklich zu kümmern, ob sie geheilt wurde oder nicht. Irgendwie konnte Kahlan verstehen, dass sie lieber in das ewige Dunkel des Todes hinübergleiten würde, als gezwungen zu sein, sich ihrem künftigen Dasein hier, an diesem Ort, zu stellen.

»Es tut mir wirklich schrecklich leid, dass er Euch aufgegriffen hat. Aber Ihr ahnt gar nicht, wie gut es tut, jemanden um mich zu haben, der mich sehen kann - und der nicht zu denen gehört.«

»Das kann ich mir vorstellen«, erwiderte Nicci.

»Jillian meinte, sie hätte Euch schon früher gesehen. Zusammen mit Richard Rahl. Sie hat mir ein wenig über Euch erzählt. Ihr seid genauso schön, wie sie behauptet hat.«

»Meine Mutter meinte immer, Schönheit sei nur Huren nützlich. Vielleicht hatte sie ja recht.«

»Vielleicht war sie auf Euch eifersüchtig. Oder einfach eine Närrin.«

Ein so breites Strahlen ging über Niccis Gesicht, dass man es fast für ein Lachen hätte halten können. »Letzteres. Sie hat das Leben gehasst.«

Kahlans Blick schweifte von Nicci fort, während sie an einem losen Faden der Bettdecke zupfte.

»Demnach kennt Ihr diesen Richard Rahl gut?« »Ziemlich gut«, bestätigte Nicci. »Seid Ihr in ihn verliebt?«

Nicci drehte den Kopf und sah ihr lange in die Augen. »Es ist ein wenig komplizierter. Ich habe Verpflichtungen.«

Kahlan lächelte verhalten. »Verstehe.« Sie war froh, dass Nicci nicht gelogen und es abgestritten hatte.

»Ihr habt eine wundervolle Stimme, Kahlan Amnell«, bemerkte Nicci mit leiser Stimme, während sie Kahlan betrachtete. »Wirklich.«

»Danke, aber mir kommt sie gar nicht so wundervoll vor. Manchmal denke ich, ich klinge wie ein Frosch.« Nicci schmunzelte. »Wohl kaum.«

Kahlan runzelte die Stirn. »Dann kennt Ihr mich?« »Eigentlich nicht.«

»Aber Ihr kennt meinen Namen. Wisst Ihr irgendetwas über mich, über meine Vergangenheit? Wer ich wirklich bin?«

Niccis blaue Augen musterten sie auf höchst merkwürdige Weise. »Nur vom Hörensagen.«

»Und was habt Ihr gehört?«

»Dass Ihr die Mutter Konfessor seid.«

Kahlan strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Das habe ich auch schon gehört.«

Wieder schaute sie zur Tür, und als sie den Vorhang noch immer an seinem Platz hängen sah und keine Stimmen näher kommen hörte, wandte sie sich wieder herum zu Nicci. »Ich fürchte, ich habe keine Ahnung, was das bedeutet. Ich weiß nicht eben viel über mich, was, wie Ihr Euch zweifellos vorstellen könnt, ziemlich unbefriedigend ist. Manchmal verlässt mich aller Mut, weil ich mich an überhaupt nichts erinnern kann ...«

Sie ließ den Satz unbeendet, als ein stechender Schmerz Nicci zwang, die Augen zu schließen. Das Atmen bereitete ihr Mühe.

Kahlan legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Haltet durch, Nicci. Bitte, haltet durch. Jeden Augenblick wird eine Schwester hereinkommen und Euch heilen. Ich bin auch schon von ihnen verletzt worden, schwer sogar, und sie haben mich wieder geheilt. Ich weiß also, dass sie dazu imstande sind. Sobald sie erst hier waren, werdet Ihr auch wieder gesund.«

Nicci nickte matt, ohne jedoch die Augen aufzuschlagen. Kahlan wünschte sich, eine der Schwestern würde endlich kommen. Da sie nichts weiter tun konnte, flößte sie Nicci noch etwas Flüssigkeit ein, befeuchtete dann erneut den Lappen und tupfte ihr sachte die Stirn ab. Kahlan war hin und her gerissen zwischen der Möglichkeit, an Ort und Stelle auszuharren, wie man es ihr aufgetragen hatte, und zur Türöffnung des Schlafgemachs hinüberzustürzen und nach einer Schwes ter zu verlangen. Allerdings würde sie wohl kaum zwei Schritte weit kommen, ehe der Halsring sie zu Boden reißen würde. Ein wenig überraschte es sie schon, dass draußen keine Schwester war. Normalerweise war stets eine von ihnen in der Nähe.

»Ich habe noch nie jemanden Jagang so die Stirn bieten sehen«, bemerkte sie.

»Es war ohnehin egal.« Nicci hielt inne, um Luft zu holen. »Er hätte sowieso getan, was er wollte. Nur war ich halt damit nicht einverstanden.«

Niccis Trotz entlockte Kahlan ein Lächeln.

»Jagang war schon lange vor Eurem Eintreffen wütend auf Euch. Schwester Ulicia hatte ihm von Eurer Liebe zu Richard berichtet. Sie wollte gar nicht mehr aufhören, davon zu erzählen.«

Nicci hatte die Augen geöffnet, sagte aber nichts, sondern starrte nur an die Decke.

»Deswegen hat Jagang Euch auch so ausgefragt - wegen Schwester Ulicias Äußerungen über Euch. Er war eifersüchtig.«

»Dazu hat er keinen Grund. Er sollte besser darüber beunruhigt sein, dass ich ihn eines Tages töten werde.«

Nach einem ersten Schmunzeln fragte sich Kahlan, ob sie nun gemeint hatte, er habe keinen Grund zur Eifersucht, weil zwischen ihr und diesem Richard nichts war, oder weil der Kaiser keinen Anspruch auf ihr Herz hatte.