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Unter ihrer Hand konnte sie Niccis rasenden Herzschlag spüren. Sie setzte ihre langsam kreisende Massage fort und redete weiter beruhigend auf sie ein.

»Es ist alles in Ordnung. Ihr bekommt ausreichend Luft, wenn Ihr Euch nur beruhigt und langsam einatmet.«

Nicci sah sie an, als hinge sie an jedem ihrer Worte.

»Das macht Ihr sehr gut. Gleich geht es schon wieder. Ich lasse Euch nicht sterben. Denkt nur an meine Hand. Spürt, wie Euer Atem bis in meine Hand hinunterreicht. Ja, so ist es gut... sachte. Ihr macht das ausgezeichnet. Denkt nur an meine Hand und atmet langsam weiter.«

Niccis Atem beruhigte sich, offenbar bekam sie endlich die so dringend benötigte Luft. Sachte massierte Kahlan weiter Niccis Unterleib gleich unterhalb des Rippenbogens und redete beruhigend auf sie ein. Die ganze Zeit über hielt sie Kahlans andere Hand. Nach kurzer Zeit war die Krise überstanden, und Nicci konnte wieder müheloser atmen, trotzdem benötigte sie mehr Hilfe, als Kahlan ihr geben konnte. Wenn doch nur endlich eine Schwester käme.

»Schaut, Nicci, vielleicht werden wir keine Gelegenheit mehr finden, miteinander zu sprechen, aber gebt nicht auf. Es gibt hier jemanden, der, glaube ich, irgendetwas plant.«

Nicci schluckte und gewann ihre Fassung zurück. »Wovon redet Ihr? Wer ist dieser Jemand?«

»Ein Ja’La-Spieler, die Angriffsspitze einer Mannschaft, die zu Kommandant Karg gehört.«

»Karg!« Sie spie angewidert aus. »Den Kerl kenne ich. Was er Frauen antut, ist in seinem Erfindungsreichtum noch abscheulicher als die Untaten Jagangs. Karg ist ein verquerer Bastard. Haltet Euch bloß von ihm fern.«

Kahlan hob erstaunt eine Braue. »Mit anderen Worten, ich soll ihm einen Korb geben, wenn er mich beim nächsten Ball zum Tanz auffordert?«

Nicci lächelte matt. »Das wäre vermutlich das Beste.«

»Diese Angriffsspitze aus der Mannschaft Kargs hat jedenfalls etwas. Er kennt mich, das sehe ich an seinen Augen. Ihr solltet ihn Ja’La spielen sehen.«

»Ich kann das Spiel nicht ausstehen.«

»Das meinte ich nicht. Dieser Mann ist anders. Er ist... gefährlich.«

Nicci betrachtete sie, die Stirn gerunzelt. »Gefährlich. Inwiefern?«

»Ich glaube, er führt etwas im Schilde.« »Und das wäre?«

»Ich weiß nicht. Er möchte nicht, dass ihn im Lager jemand erkennt.«

»Woher in aller Welt wollt Ihr das wissen?«

»Das ist eine lange Geschichte. Auf jeden Fall hat er einen Weg gefunden, genau das zu verhindern. Er hat sich sein Gesicht und das all seiner Mitspieler mit wüsten Zeichnungen bemalt - in leuchtend roter Farbe.«

Kahlan beugte sich näher. »Vielleicht ist er ein Meuchelmörder oder so etwas. Wäre doch denkbar, dass er plant, Jagang umzubringen.«

Niccis Interesse erlahmte, und sie schloss erneut die Augen. »An Eurer Stelle würde ich meine Hoffnung nicht auf so was setzen.«

»Doch, das würdet Ihr, wenn Ihr die Augen dieses Mannes gesehen hättet.«

Am liebsten hätte sie Nicci tausend Fragen gestellt, doch von jenseits der Türöffnung näherten sich Stimmen. Schließlich hörte sie draußen eine Frau einen Sklaven wegschicken.

»Da kommt die Schwester.« Sie drückte Niccis Hand. »Seid tapfer.«

»Ich glaube nich-« »Richard zuliebe.«

Unfähig, ein Wort hervorzubringen, starrte Nicci sie nur an. Hastig entfernte sich Kahlan ein Stück vom Bett, dann wurde der Vorhang vor der Zeltöffnung zurückgeschlagen und herein kam Schwester Armina, im Schlepp Julian.

26

»Also schön, was erwartet Ihr von mir?«, fragte Verna, als sie an einer qualmenden, in einer Eisenhalterung steckenden Fackel vorbeimarschierten. »Dass ich Nicci herbeizaubere, einfach aus dem Nichts?«

»Ich erwarte, dass Ihr herausfindet, wohin sie und Ann gegangen sind«, gab Cara zurück. »Nicht mehr und nicht weniger.«

Der Stichelei der Mord-Sith zum Trotz wollte Verna die beiden ebenso finden wie Cara, nur mochte sie nicht ständig darüber sprechen. Caras roter Lederanzug hob sich von dem jungfräulichen Weiß der Marmorwände ab wie Blut. Die Laune der Mord-Sith, die der Farbe ihres Anzugs angemessen schien, hatte sich im Laufe des Tages und angesichts der nach wie vor ergebnislosen Suche laufend verschlechtert. Ein Stück weiter hinten folgten mehrere andere Mord-Sith, zusammen mit der Ersten Rotte der Palastwache, unweit dahinter gefolgt von Adie, während Nathan einsam die Führung übernommen hatte.

Verna verstand, wie Cara zumute war, und fühlte sich dadurch auf eigenartige Weise aufgemuntert. Nicci war nicht bloß Caras Schutzbefohlene, nicht bloß irgendeine Frau, die Richard ihrer Obhut anvertraut hatte, sie war Caras Freundin. Nicht, dass diese es offen zugegeben hätte, doch ihr schwelender Zorn machte das mehr als deutlich. Wie Cara hatte sich auch Nicci lange Zeit einer finsteren Sache verschrieben. Und nun waren sie beide aus diesem Tal der Finsternis zurückgekehrt, weil Richard ihnen nicht nur die Gelegenheit, sondern auch einen Grund dazu gegeben hatte.

Die Situationen, da die Mord-Sith herumschrien und zeterten, waren in Vernas Augen weitaus weniger beunruhigend als jene, in denen sie ganz ruhig knappe Fragen zu stellen begannen. In diesen Momenten sträubten sich ihr die Nackenhaare - wenn klar wurde, dass es ihnen überaus ernst mit etwas war, was bei den Mord-Sith nie etwas Gutes verhieß. Am besten, man geriet ihnen, wenn sie unbedingt Antworten wollten, gar nicht erst in die Quere. Verna hätte sie trotzdem nur zu gern gewusst. Sie verstand Caras Aufgebrachtheit. Die Ungewissheit, was mit Nicci und Ann passiert war, erfüllte sie nicht weniger mit Angst. Allerdings würde das ständige Wiederholen der immer gleichen Fragen die Antworten ebenso wenig hervorbringen, wie die beiden vermissten Frauen. Verhieß nichts anderes Erfolg, griffen die Mord-Sith offenbar gern auf das zurück, was man ihnen eingetrichtert hatte. Cara, die Hände in die Hüften gestemmt, blieb stehen und blickte zurück durch den mit Marmor ausgekleideten Flur. Um die vor ihnen Gehenden nicht umzurennen, kamen hinter ihnen nach und nach ein paar Hundert Mann der Ersten Rotte ebenfalls zum Stillstand. Das Echo ihrer Stiefel auf dem Steinfußboden verklang zu einem leisen Scharren. Mehrere von ihnen hielten schussbereite Armbrüste in den Händen, die gefiederten Pfeile bereits eingelegt. Diese Pfeile trieben Verna den Angstschweiß auf die Stirn. Fast wünschte sie, Nathan hätte sie niemals entdeckt. Doch nur fast.

Vom leisen Zischen der Fackeln abgesehen, herrschte in dem scheinbar endlosen Gewirr aus Gängen und Fluren hinter den schwer bewaffneten Soldaten menschenleere Stille. Einen Moment lang runzelte Cara nachdenklich die Stirn, ehe sie sich wieder in Bewegung setzte. Dies war nun schon das vierte Mal seit dem Verschwinden von Ann und Nicci am Vorabend, dass sie die zu den Grabmalen führenden Flure aufsuchten, und noch immer hatte Verna nicht den Hauch einer Vorstellung, was die Mord-Sith hier herauszufinden hofften. Menschenleere Flure waren menschenleere Flure. Die beiden Vermissten würden sich schwerlich einfach aus den Marmorwänden schälen.

»Sie müssen wohl irgendwo anders hingegangen sein«, bemerkte Verna, obwohl niemand die beiden gesehen hatte.

Cara wandte sich herum. »Und wohin?«

Verna hob die Arme und ließ sie wieder fallen. »Ich weiß es nicht.«

»Es ist ein weitläufiger Bereich«, sagte Adie, deren vollkommen weiße Augen im Schein der Fackeln verstörend durchsichtig aussahen. Verna wies in den stillen Flur. »Seit Stunden laufen wir nun schon durch diese Flure, und noch immer ist es ebenso offenkundig wie beim letzten – oder ersten - Mal, dass hier kein Mensch ist. Nicci und Ann müssen irgendwo oben im Palast sein, hier unten verschwenden wir nur unsere Zeit. Ich bin auch der Meinung, dass wir sie finden müssen, aber suchen müssen wir woanders.«

Caras Augen waren wie kaltes, blaues Feuer. »Sie sind hier unten gewesen.«

»Ja, da habt Ihr sicher recht - gewesen. Aber seht Ihr irgendetwas, das darauf hindeuten würde? Ich nicht. So richtig Eure Vermutung sein mag, es ist nicht zu übersehen, dass sie inzwischen woandershin gegangen sind.« Verna entfuhr ein ungeduldiger Seufzer. »Mit dem Herumirren in diesen menschenleeren Fluren verschwenden wir nur wertvolle Zeit.«