Während alles wartete, ging Cara ein Stück weit in den Flur hinein. Als sie zurückkehrte, stemmte sie erneut die Fäuste in die Hüften.
»Irgendwas stimmt hier unten nicht.«
Nathan, der, ohne seine Absicht kundzutun, alleine ein Stück vorausgegangen war, sah sich zu ihnen um, und zum ersten Mal hatte sein Blick etwas Fragendes. »Etwas stimmt nicht? Was meint Ihr damit?«
»Weiß ich auch nicht«, gestand Cara. »Ich kann es nicht genau benennen, aber irgendwas hier unten fühlt sich nicht richtig an.«
Verna breitete Verständnis suchend die Hände aus. »Meint Ihr vielleicht irgendeine Art... magischer Essenz?«
»Nein.« Sie wies den bloßen Gedanken von sich. »Nichts dergleichen.«
Sie stützte die Hand wieder auf ihre rotverhüllte Hüfte. »Trotzdem scheint hier unten irgendwas nicht zu stimmen - ich weiß zwar nicht was, und doch ist es so.«
Verna blickte sich um. »Glaubt Ihr, dass etwas fehlt?« Sie wies nach vorne, in den leeren Flur. »Zierrat, Möbel, irgendwas Derartiges?«
»Nein. Soweit ich weiß, hat es in den meisten Fluren hier unten so was nie gegeben. Allerdings bin ich nicht oft hier gewesen - und auch sonst niemand.
Ab und zu hat Darken Rahl das Grabmal seines Vaters aufgesucht, aber soweit ich weiß, hat er sich für die anderen nicht interessiert. Der Bereich hier unten ist privat, außerdem hat er ihn zur Sperrzone erklärt. Wenn er das Grab seines Vaters aufsuchte, ließ er sich gewöhnlich von seiner Leibgarde begleiten, nicht von den Mord-Sith, deshalb bin ich mit dem Ort nicht sonderlich vertraut.«
»Vielleicht ist es ja nur das«, schlug Verna vor, »ein gewisses, durch Unvertrautheit ausgelöstes Unbehagen.«
»Na ja, könnte sein.« Die Verärgerung, es zugeben zu müssen, ließ sie den Mund verziehen.
Schweigend dachten alle darüber nach, wie man weiter vorgehen sollte. Schließlich war nicht völlig auszuschließen, dass die beiden verschollenen Frauen plötzlich auftauchten und sich wunderten, was die ganze Aufregung überhaupt sollte.
»Sagtet Ihr nicht eben, Ann und Nicci hätten alleine sein wollen, um sich ungestört unterhalten zu können?«, fragte Adie. »Vielleicht haben sie genau das getan.«
»Die ganze Nacht?«, meinte Verna. »Das kann ich mir nicht vorstellen, die beiden haben doch kaum Gemeinsamkeiten, waren nicht befreundet. Beim gütigen Schöpfer, ich glaube, sie mochten sich nicht mal besonders. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie die Nacht verplauderten.«
»Ich auch nicht«, sagte Cara.
Verna blickte zum Propheten. »Habt Ihr vielleicht eine Idee, worüber sich Ann mit Nicci unterhalten wollte?«
Sein langes weißes Haar streifte seine Schultern, als er den Kopf schüttelte. »Ann war, was Nicci anbetraf, von Natur aus skeptisch, immerhin hatte sie sich den Schwestern der Finsternis angeschlossen. Das hat ihr stets zu schaffen gemacht, und nicht ganz ohne Grund. Es war mehr als Verrat an der Sache der Schwestern des Lichts, es war ein persönlicher Verrat, einer am Palast. Vielleicht wollte sie sich Nicci alleine vornehmen, um sie zu einer Rückkehr zum Schöpfer zu überreden.«
»Das dürfte ein kurzes Gespräch gewesen sein«, meinte Cara.
»Vermutlich«, räumte Nathan ein und kratzte sich nachdenklich den Nasenrücken. »Wie ich Ann kenne, könnte es etwas mit Richard zu tun gehabt haben.«
Caras blaue Augen wurden zu schmalen Schlitzen, als sie den Propheten musterte. »Und was?«
Nathan zuckte die Achseln. »Das kann ich auch nicht mit Gewissheit sagen.«
Caras Stirn furchte sich noch tiefer. »Von Gewissheit war auch nicht die Rede.«
Es schien ihm ein wenig zu widerstreben, darüber zu sprechen, schließlich tat er es doch. »Ann sprach mitunter davon, Nicci könnte ihn womöglich bevormunden.«
Nun legte auch Verna die Stirn in Falten. »Ihn bevormunden? Inwiefern?«
»Ihr kennt doch Ann.« Nathan strich seine weiße Hemdenbrust glatt.
»Immer glaubt sie, ihre Finger im Spiel haben zu müssen. Des Öfteren erwähnte sie mir gegenüber, wie unwohl ihr dabei sei, einen so schwachen Einfluss auf Richard zu haben.«
»Wieso glaubt sie, einen ›Einfluss‹ auf Lord Rahl haben zu müssen?«
Cara ignorierte den Umstand, dass Nathan derzeit Lord Rahl war und nicht Richard.
Verna konnte nicht behaupten, dass ihr diese Vorstellung mehr behagte als Cara.
»Sie meinte, Richards künftige Handlungen stets kontrollieren zu müssen«, antwortete Nathan. »Sie musste immer alles berechnen und planen, es war ihr zuwider, Dinge dem Zufall zu überlassen.«
»Wohl wahr«, sage Verna. »Sie besaß ein ganzes Netzwerk von Spionen, die ihr halfen sicherzustellen, dass die Dinge ihren ordnungsgemäßen Lauf nahmen. Selbst zu den entlegensten Orten unterhielt sie Verbindungen, um die Dinge dem, was sie als ihren Lebenszweck betrachtete, entsprechend zu beeinflussen. Wichtiges überließ sie nie gern anderen, und schon gar nicht dem Zufall.«
Nathan tat einen schweren Seufzer. »Ann ist eine Frau von großer Bestimmtheit. Ihrer Meinung nach hat Nicci - jetzt, nachdem sie den Schwestern der Finsternis abgeschworen hat - gar keine andere Wahl, als sich voller Hingabe der Sache der Schwestern des Lichts zu widmen.«
»Welcher Sache? Wieso glaubt sie, Nicci müsse sich den Schwestern des Lichts widmen?«, wollte Cara wissen.
Nathan beugte sich leicht zu ihr. »Sie glaubt, dass wir Zauberer eine Schwester des Lichts benötigen, die uns in all unsrem Tun und Denken lenkt. Ihrer Meinung nach sollte man uns unter keinen Umständen selbständiges Denken erlauben.«
Vernas Blick wanderte den menschenleeren Flur entlang. »Schätze, früher dachte ich genauso. Aber das war, bevor Richard aufgetaucht ist.«
»Aber bedenkt bitte, Ihr habt sehr viel mehr Zeit mit ihm verbracht als Ann.« Nathan schüttelte traurig den Kopf. »Einerseits muss sie, darin sind wir uns wohl alle einig, zu demselben Schluss gekommen sein, dass Richard gezwungen war, selbständig zu handeln, andererseits scheint sie in letzter Zeit wieder zu ihren alten Verhaltensweisen, ihren alten Überzeugungen zurückzukehren. Ich glaube nicht, dass der Feuerkettenbann diese einmal erlernten Dinge bei Ann völlig gelöscht hat.«
Verna hatte dasselbe vermutet. »Darüber kann nur Ann selbst Auskunft geben. Klar scheint aber, dass der Feuerkettenbann uns alle betrifft. Bleibt er ungehindert, wird er vermutlich weiter in unserem Verstand um sich greifen und uns höchstwahrscheinlich unserer Fähigkeit zu vernünftigem Denken berauben. Das Problem ist, keiner von uns ist sich der Veränderung bewusst, wir fühlen uns alle wie immer. Was aber wahrscheinlich gar nicht stimmt. Niemand vermag zu sagen, wie sehr sich jeder Einzelne von uns bereits verändert hat. Jeder von uns könnte, ohne es zu wollen, unsere Sache vom Kurs abbringen.«
»Das alles könnt Ihr mit Ann diskutieren, sobald wir sie gefunden haben.« Cara war ungeduldig, wieder zum eigentlichen Thema zurückzukehren. »Hier unten sind sie nicht, also müssen wir unsere Suche ausweiten.«
»Vielleicht haben sie ihr Gespräch noch gar nicht beendet«, schlug Nathan vor. »Vielleicht möchte Ann nicht gefunden werden, ehe sie Nicci nicht davon überzeugt hat, was sie tun muss.«
»Klingt, als könnte es eine Möglichkeit sein«, gab Verna ihm recht. Nathan nestelte am Saum seiner Kapuze. »Ich traue der Frau durchaus zu, dass sie sich heimlich mit Nicci davonstiehlt, um mit ihr allein zu sein und sie so lange zu drangsalieren, bis sie genauso denkt wie sie.«
Cara machte eine wegwerfende Handbewegung. »Niccis Ziel ist es, Richard zu helfen, nicht Ann. Bei so was würde sie nicht mitspielen, und zwingen könnte Ann sie nicht - immerhin weiß sie mit subtraktiver Magie umzugehen.«
»Der Meinung bin ich auch«, sagte Verna. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass die beiden sich so lange von hier entfernen, ohne uns zu sagen, wo sie stecken.«