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Adie wandte sich herum zu Verna. »Warum fragt Ihr sie nicht einfach?«

Verna musterte die alte Hexenmeisterin mir gerunzelter Stirn. »Ihr meint, ich soll das Reisebuch benutzen?«

Adie nickte einmal knapp und entschieden. »Ja. Fragt sie.«

Verna war skeptisch. »Hier im Palast ist es wenig wahrscheinlich, dass sie wegen einer Nachricht von mir in ihr Reisebuch schaut.«

»Vielleicht befindet sie sich ja gar nicht im Palast. Vielleicht mussten die beiden aus einem unerwartet wichtigen Grund von hier fort. Vielleicht hat sie Euch im Reisebuch bereits eine Nachricht hinterlassen.«

»Wie in aller Welt sollten die beiden den Palast verlassen? Wir sind umzingelt von einer Armee der Imperialen Ordnung.«

Adie zuckte die Achseln. »Unmöglich wäre es nicht. Ich sehe mit meiner Gabe, nicht mit meinen Augen. Gestern Abend war es stockfinster. Vielleicht mussten sie sich aus irgendeinem Grund im Dunkeln fortschleichen, vielleicht war es wichtig, und sie hatten keine Zeit, uns Bescheid zu sagen.«

»Das könntet Ihr?«, fragte Cara. »Ihr könntet im Dunkeln dort hinausgehen und Euch einen Weg durch die feindlichen Linien bahnen?«

»Aber natürlich.«

Verna blätterte bereits in ihrem Reisebuch. Wie erwartet, war es vollkommen leer. »Hier ist keine Nachricht zu sehen.« Sie schob das schmale Büchlein wieder hinter ihren Gürtel. »Aber ich werde Euren Vorschlag beherzigen und Ann eine Nachricht schreiben. Vielleicht schaut sie ja hinein und antwortet mir.«

Mit einem kunstvollen Schwung seines Umhangs setzte sich Nathan wieder in Bewegung. »Ehe wir uns anderswo umsehen, möchte ich noch einmal einen Blick in das Grabmal werfen.«

»Lasst einen Posten hier oben zurück«, rief Cara den Soldaten zu. »Der Rest kommt mit uns.«

Nathan, der bereits ein gutes Stück voraus war, bog in einen Treppenschacht ein. Die anderen folgten. Ihre Schritte hallten durch den Flur, als sie ihn hastig einzuholen versuchten. Nathan, Cara, Adie, Verna und die die Nachhut bildenden Soldaten stiegen hinunter auf die nächste Ebene.

Dort bestanden die Wände nicht aus Marmor, sondern aus Steinquadern, die an manchen Stellen von dem seit Jahrhunderten durchsickernden Wasser fleckig waren. An diesen Sickerstellen hatten sich gelbliche Kristallformationen gebildet, die den Stein aussehen ließen, als schmelze er.

Kurz darauf trafen sie auf Gestein, das tatsächlich geschmolzen war. Vor dem Eingang zu Panis Rahls Grabmal blieb Nathan stehen und starrte mit grimmiger Miene vorbei an dem geschmolzenen Gestein in die Grabstätte. Jetzt war er schon zum vierten Mal hierher zurückgekehrt, um einen Blick in das Grab zu werfen, und auch diesmal sah es nicht anders aus als bei seinen vorherigen Besuchen.

Welche Türen dieses Grabgewölbe einst gesichert haben mochten, sie waren durch ein weißliches Gestein ersetzt worden, das die große Grabkammer verschließen sollte. Die Arbeiten schienen in großer Eile ausgeführt worden zu sein, allerdings ohne Erfolg. Sie hatten die seltsamen Zustände, die Panis Rahls Grabstätte heimsuchten, nicht verhindern können.

Drinnen steckten siebenundfünfzig erkaltete Fackeln in ihren verzierten Goldhalterungen. Nathan streckte eine Hand vor und entzündete mehrere von ihnen mithilfe von Magie. Als sie aufloderten, erwachten die Seitenwände der Grabkammer flackernd zum Leben, in einem Licht, das von dem polierten Granit des überwölbten Raums zurückgeworfen wurde. Aus der Anzahl der Fackeln schloss Verna, dass Panis Rahl vermutlich im Alter von siebenundfünfzig Jahren verstorben war. Ein niedriger Pfeiler in der Mitte der höhlenartigen Kammer stützte den eigentlichen Sarg, so dass es aussah, als schwebte er über dem weißen Marmorfußboden. Der goldverkleidete Sarg schimmerte matt im zuckenden warmen Schein der vier Fackeln. Angesichts der Verkleidung aus poliertem kristallinem Granit, die Seitenwände und Kuppel des Gewölbes bedeckte, vermutete Verna, dass der Sarg, sobald alle Fackeln im Raum entzündet waren, scheinbar losgelöst in der Mitte des Raumes schwebend, in güldener Pracht erglühte.

In die Seitenwände waren Worte in der alten Sprache Hoch-D’Haran gemeißelt, während rings um den Raum ein in den Granit unterhalb der Fackeln und Goldvasen gemeißelter Fries aus Worten in derselben, nahezu vergessenen Sprache lief. Die tief eingekerbten Buchstaben schimmerten im Schein der Fackeln, fast so, als wären sie von innen beleuchtet.

Was immer das weiße, einst den Eingang versiegelnde Gestein zum Schmelzen gebracht hatte, begann nun auch auf die eigentliche Kam mer überzugreifen, wenn auch nicht im selben Ausmaß. Verna vermutete, dass das weiße Gestein, das man zum Zumauern des Eingangs verwendet hatte, nur ein Notbehelf gewesen war, eine Opfersubstanz, bewusst ausgesucht, um die unsichtbare Kraft, die für die Probleme verantwortlich war, anzusaugen und in sich aufzunehmen. Jetzt, da das weiße Gestein nahezu vollständig weggeschmolzen war, griffen diese Kräfte auf die Kammer selbst über.

Die Steinplatten an Wand und Boden waren weder geschmolzen, noch wiesen sie Risse auf, allerdings hatten sie sich zu verziehen begonnen, so als wären sie großer Hitze oder Druck ausgesetzt gewesen. Die Fugen zwischen Decke und Seitenwänden draußen auf dem Gang hatten sich unter dem Druck der Verformung im Innern der Kammer bereits geweitet. Was immer dies hervorgerufen hatte, es war offensichtlich, dass es nicht an einer fehlerhaften Konstruktion lag, sondern an irgendwelchen von außen einwirkenden Kräften.

Nicci hatte das Grab noch einmal aufsuchen wollen, weil sie den Grund für dieses Schmelzen zu kennen glaubte. Leider hatte sie ihren Verdacht nicht näher begründet, noch wies irgendetwas darauf hin, dass sie und Ann die Grabkammer überhaupt betreten hatten.

Verna war erpicht darauf, die beiden Frauen zu finden, damit das Rätsel gelöst werden konnte. Sie selbst hatte keine Ahnung, was mit dem Grab von Richards Großvater nicht in Ordnung sein könnte, oder wie sehr sich dieser Zustand noch verschlimmern sollte, aber etwas Angenehmes würde es wohl kaum sein. Zudem war sie der Meinung, dass ihnen für die Lösung des Rätsels - für welchen Teil auch immer - nur noch wenig Zeit blieb.

»Lord Rahl«, rief eine Stimme.

Alle drehten sich um. Unweit von ihnen war ein Bote stehen geblieben, der, wie alle seiner Zunft, mit einem weißen, am Hals und auf der Vorderseite mit einem aus ineinander verschlungenen violetten Ranken bestehenden Saum besetzten Gewand bekleidet war.

»Was gibt es?«, fragte Nathan.

Verna musste daran denken, dass sie sich wohl nie würde daran gewöhnen können, die Leute Nathan als »Lord Rahl« bezeichnen zu hören.

Der Mann machte eine knappe Verbeugung. »Eine Abordnung der Imperialen Ordnung wartet auf der anderen Seite der Zugbrücke.«

Nathan machte ein überraschtes Gesicht. »Was wollen sie?« »Den Lord Rahl sprechen.«

Nathan sah kurz zu Cara und dann zu Verna. Die beiden waren ebenso erstaunt wie er.

»Es könnte ein Täuschungsmanöver sein«, gab Adie zu bedenken.

»Oder eine Falle«, fügte Cara hinzu.

Nathan verzog säuerlich das Gesicht. »Was immer es ist, ich denke, ich sollte es mir ansehen.« »Ich gehe mit«, sagte Cara. »Ich auch«, meinte Verna.

»Wir werden alle zusammen gehen«, bestimmte Nathan und machte sich auf den Weg.

Verna und die kleine Gruppe in ihrer Begleitung folgten Nathan durch den prunkvollen Eingang des Palasts des Volkes in das strahlend helle Spätnachmittagslicht. Vor ihnen fielen die langen Schatten der aufragenden Säulen über die breite Treppe. In der Ferne, jenseits des weitläufigen Geländes, erhob sich am Rande des Hochplateaus die mächtige Außenmauer, auf deren Wehrgang, zwischen den mit Zinnen bewehrten Befestigungen, Soldaten patrouillierten.

Es war ein weiter Weg von den Grabstätten tief im Innern des Palasts, und alle waren außer Atem. Verna schützte ihre Augen mit vorgehaltener Hand, als sie im Schlepp des langbeinigen Propheten die breite Freitreppe hinunterstiegen. Gardisten auf jedem der ausgedehnten Absätze salutierten dem Lord Rahl mit einem Faustschlag auf ihr Herz, und auch der breite Geländestreifen, der zur fernen Außenmauer führte, wurde von zahlreichen Soldaten überwacht.