Die Treppe endete in einem breiten Bereich aus blauem Sandstein, durch den sie zu einer von hohen Zypressen gesäumten Straße gelangten, die sich an der Seite heraufwand, wo sich die Stallungen und Kutschen befanden.
Jenseits des Tores in der massiven Außenmauer führte die hier nicht mehr ganz so prachtvolle Straße in einer Abfolge von Spitzkehren an der jähen Seitenwand des Hochplateaus nach unten. Jede Kehre gewährte der Gruppe einen ungehinderten Ausblick auf die sich tief unten ausbreitende Streitmacht der Imperialen Ordnung.
Die Zugbrücke wurde von Hunderten Soldaten der Ersten Rotte bewacht, hervorragend ausgebildeten, schwer bewaffneten Kriegern, deren Aufgabe es war, niemanden die Straße hinaufzulassen, der den Palast anzugreifen beabsichtigte. Die Chancen dafür waren ohnehin gering, denn die Straße war viel zu schmal, als dass man einen sinnvollen Angriff auf die Beine hätte stellen können. Auf diesem eng begrenzten Raum reichte ein gutes Dutzend guter Krieger, um eine ganze Armee in Schach zu halten. Darüber hinaus war die Zugbrücke hochgezogen, und der jähe Abhang schwindelerregend, dessen Spannweite zu groß war für Enterleitern oder mit Widerhaken versehene Taue. War die Brücke nicht heruntergelassen, konnte niemand den Abgrund überwinden, um sich dem Palast zu nähern.
Jenseits der Brücke wartete eine kleine Abordnung, Boten, nach ihrer schlichten Kleidung zu urteilen. Verna konnte ein paar leicht bewaffnete Soldaten ausmachen, die jedoch weit im Hintergrund blieben, um jeden Anschein von Bedrohung zu vermeiden.
Nathan, der sein Gewand trotz der kühlen Witterung über seine Schulter geknüpft hatte, blieb mit gespreizten Beinen und in die Hüfte gestemmten Händen am Rand des Abgrunds stehen. Er bot einen eindrucksvollen Anblick.
»Ich bin Lord Rahl«, verkündete er der Gruppe jenseits des Abgrunds.
»Was wollt Ihr?«
Einer der Männer, ein schlanker Bursche in einem schlichten Waffenrock aus dunkel eingefärbtem Leder, wechselte einen Blick mit seinen Kameraden und trat dann ein Stück näher an seinen Rand des Abgrunds heran.
»Seine Exzellenz, Kaiser Jagang, schickt mich mit einer Botschaft für das D’Haranische Volk.«
Nathan sah sich zu den anderen um. »Nun, ich bin Lord Rahl, also spreche ich für mein Volk. Wie lautet diese Botschaft?«
Verna schob sich neben den Propheten.
Der Bote wirkte mit jedem Moment ärgerlicher. »Ihr seid nicht Lord Rahl.«
Nathan musterte ihn mit dem finsteren Blick der Rahls. »Möchtet Ihr, dass ich einen Wind herbeizaubere, der Euch von der Straße fegt? Würde das die Frage zu Eurer Zufriedenheit klären?«
Die Männer auf der anderen Seite warfen verstohlene Blicke hinunter in den Abgrund.
»Wir hatten lediglich jemand anderen erwartet«, erwiderte der Bote.
»Nun, ich bin Lord Rahl, also werdet Ihr mit mir vorliebnehmen müssen. Wenn Ihr etwas zu sagen habt, sprecht, andernfalls habe ich zu tun. Wir werden auf einem Bankett erwartet.«
Zu guter Letzt deutete er eine Verbeugung an. »Kaiser Jagang erklärt sich bereit, den Bewohnern des Palasts des Volkes ein großzügiges Angebot zu unterbreiten.«
»Was denn für ein Angebot?«
»Seine Exzellenz hat nicht den Wunsch, den Palast oder seine Bewohner zu vernichten. Ergebt Euch kampflos, und man wird sie am Leben lassen. Weigert Ihr Euch zu kapitulieren, wird jeder einzelne von ihnen eines langsamen und qualvollen Todes sterben, und ihre Leichen werden von den Mauern in die Ebene geschleudert werden, um den Geiern als Fraß zu dienen.«
»Zaubererfeuer«, bemerkte Cara mit kaum hörbarer Stimme. Die Stirn gerunzelt, sah Nathan über seine Schulter. »Was?«
»Hier funktioniert Eure Kraft. Ihre dagegen, sofern sie überhaupt mit der Gabe gesegnet sind, wird in dieser Höhe nutzlos sein, und ihre Schilde somit wenig wirkungsvoll. Ihr könntet sie von hier aus alle miteinander zu Asche verbrennen.«
Mit großer Geste wandte sich Nathan an die Männer drüben auf der anderen Seite. »Würdet Ihr mich einen Moment entschuldigen?«
Mit einer Verbeugung gewährte ihm der Mann die Bitte. Nathan führte Cara und Verna ein Stück zurück die Straße hinauf, wo Adie, mehrere andere Mord-Sith und ihre soldatische Eskorte warteten.
»Ich bin der gleichen Meinung wie Cara«, kam Verna dem Propheten zuvor. »Gebt ihnen unsere Antwort auf die einzige Weise, die man bei der Imperialen Ordnung versteht.«
Nathans buschige Brauen über seinen tiefblauen Augen zogen sich zusammen. »Das halte ich für keine gute Idee.«
Cara verschränkte die Arme. »Wieso nicht?«
»Vermutlich beobachtet Jagang unsere Reaktion durch die Augen eines dieser Männer«, sagte Verna. »Ich gebe Cara recht. Wir müssen ihm Stärke zeigen.«
Nathan runzelte die Stirn. »Ihr überrascht mich, Verna.« Mit einem höflichen Lächeln setzte er hinzu: »Ihr dagegen weniger, meine Liebe.«
»Und was überrascht Euch so?«, wollte Verna wissen.
»Nun, dass es genau das Falsche wäre. Normalerweise wartet Ihr nicht mit so schlechten Ratschlägen auf.«
Verna hielt sich zurück. Dies war nicht der rechte Augenblick, eine gereizte Lektion vom Stapel zu lassen - schon gar nicht vor den Augen Jagangs. Nur zu lebhaft erinnerte sie sich, dass sie den Propheten zeit ihres Lebens für verrückt gehalten hatte, und auch jetzt war sie nicht sicher, ob diese Einschätzung falsch gewesen war. Zudem wusste sie von früheren Erfahrungen, dass man ebenso gut der Sonne das Untergehen auszureden versuchen konnte.
Stattdessen sagte sie so leise, dass es auf der anderen Seite nicht zu verstehen war: »Ihr könnt eine Kapitulation unmöglich ernsthaft in Erwägung ziehen.«
Nathan setzte eine säuerliche Miene auf. »Selbstverständlich nicht. Was aber nicht bedeutet, dass wir sie wegen ihrer Anfrage umbringen sollten.«
»Und wieso nicht?« Caras Strafer schnellte in ihre Hand, als sie sich zu ihm beugte. »Ich für meinen Teil halte das für eine ausgezeichnete Idee.«
»Nun, ich nicht«, polterte Nathan. »Verbrenne ich sie, zeigt das Jagang, dass wir nicht beabsichtigen, sein Angebot in Betracht zu ziehen.«
Verna unterdrückte ihren Zorn. »Nun, das tun wir ja auch nicht.«
Nathan durchbohrte sie mit stechendem Blick. »Aber teilen wir ihnen das jetzt sofort mit, sind die Verhandlungen beendet.«
»Wir haben nicht die Absicht zu verhandeln«, erwiderte Verna mit wachsender Ungeduld.
»Aber das müssen wir ihnen nicht gerade auf die Nase binden«, gab Nathan übertrieben behutsam zurück.
Verna straffte sich, nestelte an ihrem Haar und nutzte die Gelegenheit, um einmal tief durchzuatmen. »Was hätte es für einen Sinn, ihnen zu verschweigen, dass wir keine Absicht haben, ihr Angebot ernsthaft in Erwägung zu ziehen?«
»Zeitgewinn«, erwiderte Nathan. »Fege ich sie jetzt gleich von der Straße, wäre das für Jagang Antwort genug, oder nicht? Ziehe ich sein Angebot jedoch in Erwägung, können wir die Verhandlungen hinauszögern.«
»Verhandlungen kommen nicht in Frage«, presste Verna zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Cara achtete gar nicht auf sie. »Mit welchem Ziel? Warum sollten wir so etwas tun?«
Nathan zuckte die Achseln, als wären sie alle Dummköpfe, unfähig, das Offensichtliche zu erkennen. »Um es hinauszuzögern. Sie wissen, wie schwierig eine Eroberung des Palastes sein wird. Beim Bau ihrer Rampe wachsen die Schwierigkeiten mit jedem Fuß Höhengewinn ins Unermessliche, so dass er leicht noch den ganzen Winter über, vielleicht sogar länger, dauern kann. Die Aussicht, eine Armee dieser Größe in der Azrith-Ebene überwintern lassen zu müssen, kann Jagang unmöglich erfreuen. Sie sind fern der Heimat, fern jeglichen Nachschubs. Durch Hunger oder eine um sich greifende Krankheit könnte er die gesamte Armee verlieren, und wo stünde er dann?
Haben sie aber den Eindruck, wir ziehen eine Kapitulation in Betracht, setzen sie vielleicht darauf, den Palast auf diese Weise einzunehmen. Ihr Problem wäre gelöst. Glauben sie dagegen, dass sie uns nur durch eine vernichtende Niederlage vertreiben können, werden sie sich ganz auf die Möglichkeit konzentrieren. Warum sie also mit der Nase darauf stoßen?«