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Verna verzog den Mund. »Das ist wahrscheinlich nicht ganz von der Hand zu weisen.« Als Nathan über seinen kleinen Triumph lächelte, setzte sie hinzu: »Ein wenig aber doch.«

»Mich überzeugt das überhaupt nicht«, meinte Cara.

Nathan breitete die Arme aus. »Warum sie abweisen, dadurch wäre nichts gewonnen. Wir sollten sie im Ungewissen lassen, ob wir mit dem Gedanken spielen, uns kampflos zu ergeben. Das ist schon oft genug vorgekommen, um es plausibel erscheinen zu lassen. Und solange sie auf unsere Kapitulation hoffen, wird es sie davon abhalten, unter Hochdruck an der Fertigstellung der Rampe zu arbeiten, um uns dann gewaltsam aus dem Palast zu treiben.«

»Ich muss zugeben«, meinte Cara, »es hat was für sich, Leute so lange hinzuhalten, bis sie schließlich auf eine ihnen genehme Antwort zu warten beginnen.«

Zu guter Letzt nickte auch Verna. »Schätze, fürs Erste kann es nicht schaden, sie im Unklaren zu lassen.«

Zufrieden rieb sich Nathan die Hände. »Dann werde ich ihnen jetzt mitteilen, dass wir uns ihr Angebot durch den Kopf gehen lassen.«

Verna fragte sich, ob Nathan womöglich noch einen anderen Grund dafür hatte, ob er tatsächlich mit dem Gedanken spielte, den Palast aufzugeben. Zwar gab sie sich keinerlei Illusionen hin, dass Jagang Wort halten und die Bewohner im Falle einer Kapitulation verschonen könnte, aber sie war nicht sicher, ob Nathan nicht still und heimlich seine eigenen Kapitulationsbedingungen aushandelte, die ihn auf Dauer zum Lord Rahl eines eroberten D’Hara unter der Herrschaft der Imperialen Ordnung machen würden.

Schließlich brauchte Jagang nach Beendigung des Krieges Statthalter, die in den gewaltigen eroberten Gebieten regierten. War Nathan tatsächlich zu einem solchen Verrat fähig?

Wie sehr hatte seine fast lebenslängliche Gefangenschaft - für kein schwereres Verbrechen als das, dessen die Schwestern des Lichts ihn für fähig hielten - seinen Groll anwachsen lassen? Spielte er womöglich mit dem Gedanken, sich zu rächen?

Hatten die Schwestern des Lichts mit ihrer gut gemeinten Behandlung eines Mannes, der ihnen nicht das Geringste angetan hatte, womöglich den Samen der Vernichtung gesät?

Als sie ihn lächelnd zum Rand des Abgrunds zurückgehen sah, fragte sie sich, ob der Prophet am Ende plante, sie alle den Wölfen vorzuwerfen.

27

Richards Verdruss wuchs. Er hatte erwartet, in einer der Partien seine Chance zu bekommen, doch seit Jagangs Besuch des ersten Ja’La-Spiels in Kahlans Begleitung vor einem Dutzend Tagen hatte der sich als Zuschauer nicht mehr blicken lassen.

Richard war halb wahnsinnig vor Sorge, was der Grund dafür sein könnte. Er versuchte nicht daran zu denken, was dieser Mann Kahlan antun konnte, und doch plagten ihn ständig die schlimmsten Phantasien. Angekettet an seinen Wagen, umgeben von einem Ring aus Bewachern, konnte er nicht viel dagegen machen. So verzweifelt sein Bedürfnis war, endlich loszuschlagen, er musste seinen Verstand gebrauchen und die Augen nach der passenden Gelegenheit offen halten. Die Gefahr, dass diese sich nicht ergeben könnte, war stets vorhanden gewesen, aber aus Verzweiflung einfach irgendetwas zu tun würde seine Chancen womöglich vollends zunichtemachen. Trotzdem, diese Warterei trieb ihn in den Wahnsinn.

Nach der Partie des heutigen Tages hatte er in seinem zerschundenen Zustand nur einen Wunsch: sich hinzulegen und ein wenig auszuruhen. Ihm war jedoch klar, dass er wegen seiner Besorgnis, wie seit Tagen schon, kaum Schlaf finden würde. Trotzdem war er dringend darauf angewiesen, denn am nächsten Tag stand ihre bisher wichtigste Partie an - eine Partie, die ihm hoffentlich die lange gesuchte Gelegenheit bescheren würde.

Als er den Soldaten mit dem Abendessen kommen hörte, hob er den Kopf. Ausgehungert, wie er war, hörten sich sogar die üblichen hart gekochten Eier gut an. Der Soldat bahnte sich einen Weg durch den Ring aus Bewachern um die gefangenen Spieler aus Richards Mannschaft, hinter sich den kleinen Karren, in dem er gewöhnlich ihr Essen transportierte. Die Gardisten würdigten ihn nur eines flüchtigen Blicks. Die Räder des Karrens quietschten im vertrauten Rhythmus, als der Mann über den harten, verkrusteten Boden stapfte. Vor Richard blieb er stehen.

»Die Hände vor.« Er schnappte sich ein Messer und ging daran, irgendetwas in seinem Karren zu zerschneiden.

Richard tat, wie ihm geheißen. Der Soldat hob etwas aus dem Wagen und warf es ihm zu. Zu seiner Überraschung war es eine dicke Scheibe Schinken.

»Was hat das zu bedeuten? Eine letzte Henkersmahlzeit vor dem Schicksalsspiel morgen?«

Der Soldat packte die Griffe seiner Karre. »Nachschub ist eingetroffen. Alle kriegen was zu essen.«

Richard starrte auf seinen Rücken, als der Soldat die Karre die Reihe entlangschob, um den anderen ebenfalls ihr Essen auszuhändigen. Nicht weit entfernt quittierte Johnrock, Gesicht und Körper bedeckt mit dem Liniengeflecht aus roter Farbe, die überfällige Abwechslung im Speiseplan mit einem zufriedenen Pfeifen. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft im Lager hatten sie eine nennenswerte Menge Fleisch bekommen. Ab und zu hatte man ihnen Eintopf mit herzlich wenigen Fleischbrocken darin verabreicht, einmal sogar Rindfleischeintopf. Richard fragte sich, wie die Vorräte bis zum Feldlager hatten durchkommen können, wo doch das Aushungern der D’Haranischen Armee eigentlich genau dies hätte verhindern sollen. Es war ihre einzige realistische Chance, Jagangs Soldaten Einhalt zu gebieten. Als wären seine Sorgen nicht schon groß genug, bedeutete die dicke Schinkenscheibe in seiner Hand einen neuen, ernstzunehmenden Rückschlag. Aber vermutlich war es nur zu verständlich, dass von Zeit zu Zeit ein Nachschubkonvoi durchkam. Angesichts der zur Neige gehenden Vorräte war er gerade noch rechtzeitig eingetroffen. Die Alte Welt war riesig, daher war ihm klar, dass die D’Haranische Armee unmöglich das gesamte Land abdecken konnte. Andererseits fragte er sich, ob das Schinkenstück in seiner Hand womöglich ein Anzeichen dafür war, dass es für General Meiffert und die unter seiner Führung gen Süden marschierenden Truppen nicht so gut lief. Johnrock, seine Kette hinter sich herschleifend, robbte näher heran.

»Rüben! Wir kriegen Schinken! Ist das nicht wunderbar?«

»Wunderbar wäre es, frei zu sein. Als Sklave ordentlich zu essen entspricht nicht meiner Vorstellung von einem Wunder.«

Johnrocks Züge erschlafften leicht, ehe erneut ein Strahlen über sein Gesicht ging. »Aber ein Schinken essender Sklave zu sein ist doch wohl besser als ein Eier essender, oder etwa nicht?«

Richard war nicht in der Stimmung für diese Diskussion. »Ja, vielleicht hast du recht.«

Johnrock grinste. »Das will ich meinen.«

Die beiden Männer aßen schweigend, während sich langsam die Dämmerung über sie herabsenkte. Richard kostete vom Schinken und musste zugeben, dass Johnrock tatsächlich nicht ganz unrecht hatte. Er hatte fast vergessen, wie gut etwas anderes als Eier schmecken konnte. Außerdem würde der Schinken ihm und seiner Mannschaft frische Kräfte verleihen. Und die hatten sie bitter nötig.

Johnrock, den Mund voll Schinken, rutschte ein Stück näher. Er schluckte den Bissen hinunter und lutschte den Saft von seinen Fingern.

»Sag mal, Rüben, stimmt irgendwas nicht mit dir?«

Richard sah zu seinem massigen rechten Flügelstürmer hinüber. »Wie meinst du das?«

Der riss sich noch einen Streifen Fleisch ab. »Na ja, du warst heute nicht ganz so gut.«

»Wir haben mit fünf Punkten Unterschied gewonnen.«

Johnrock blickte unter seiner mächtigen Stirn hervor. »Aber vorher haben wir meist höher gewonnen.«

»Der Wettbewerb wird härter.«

Johnrock zuckte mit einer Schulter. »Wenn du meinst, Rüben.« Sichtlich unzufrieden, dachte er einen Moment nach. »Aber gegen diese Mannschaft aus riesigen Kerlen haben wir höher gewonnen ... vor ein paar Tagen erst, schon vergessen? Die uns erst beschimpft und dann, ehe es überhaupt losging, den Streit mit Bruce vom Zaun gebrochen haben.«