»Das Spiel morgen wird ... gefährlich werden, Johnrock.«
Der nickte wissend. »Ich bin fest entschlossen, dafür zu sorgen.«
Wieder ging ein Lächeln über Richards Gesicht. »Pass auf dich auf, ja?«
»Meine Aufgabe ist es, auf dich aufzupassen.«
Richard schüttelte einen kleinen Stein, den er aus dem Boden gepult hatte, in seiner locker geschlossenen Hand und wählte seine Worte mit Bedacht.
»Die Zeit wird kommen, da ein Mann selbst auf sich aufpassen muss. Es gibt Momente, da-« »Da kommt Schlangengesicht.«
Die geraunte Warnung ließ Richard augenblicklich verstummen. Er blickte auf und sah Kommandant Karg durch die Linien der Bewacher stapfen. Er wirkte alles andere als glücklich.
Richard schmiss das Steinchen fort und stützte sich, als Kommandant Karg unmittelbar vor ihm stehen blieb, zurückgelehnt auf seine Hände. Staub stieg um dessen Stiefel auf. Karg stemmte die Fäuste in die Hüften.
»Was hatte das denn zu bedeuten, Rüben?«
Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete Richard die Schuppen der Schlangenhauttätowierung, die im schwindenden Licht gerade noch zu erkennen waren. »War es Euch nicht recht, dass wir gewonnen haben?«
Statt zu antworten, richtete der Kommandant seinen wütenden Blick auf Johnrock. Der verstand und entfernte sich bis hinter das andere Wagenende, bis der Spielraum seiner Kette ausgeschöpft war und er nicht mehr weiterkonnte. Der Kommandant ging vor Richard in die Hocke. Die Schuppen seiner Tätowierung bewegten sich so, dass Richard beinahe eine echte Schlangenhaut vor sich zu sehen meinte.
»Du weißt genau, was ich meine. Was sollte dieser Unfug?«
»Ich wurde niedergeschlagen. Das versucht die gegnerische Mannschaft immer, also musste es irgendwann einmal passieren.«
»Ich habe gesehen, wie du dein Bestes zu geben versucht hast, knapp gescheitert bist und nicht punkten konntest, ich hab gesehen, wie du nach Kräften einem Angriff der Blocker ausweichen wolltest, ohne dass es dir ganz gelungen wäre, aber noch nie habe ich dich einen so dummen Fehler machen sehen.«
»Tut mir leid.« Richard sah keinen Sinn darin, zu widersprechen.
»Ich will wissen, warum.«
Richard zuckte die Achseln. »Wir Ihr schon sagtet, es war ein dummer Fehler.« Er ärgerte sich mehr über sich selbst, als der Kommandant jemals würde begreifen können. Einen ähnlichen Fehler durfte er sich morgen nicht erlauben. »Trotzdem haben wir gewonnen, was bedeutet, dass wir gegen die Mannschaft des Kaisers antreten werden. Und genau das habe ich Euch versprochen - dass ich Eure Mannschaft bis in eine Partie gegen die Mannschaft Jagangs führen werde.«
Der Kommandant richtete seine Augen nach oben und betrachtete einen Moment lang die ersten Sterne am Abendhimmel, ehe er antwortete. »Du erinnerst dich doch noch an deine Gefangennahme, oder?«
»Ja.«
Er senkte die Augen wieder und fixierte Richard mit festem Blick. »Dann weißt du auch, dass du an jenem Tag eigentlich hättest getötet werden sollen. Ich habe dich am Leben gelassen, unter der Bedingung, dass du nach besten Kräften dafür sorgst, meine Mannschaft zur Meisterschaft zu führen. Davon konnte heute nicht die Rede sein. Du hättest mit deinem dummen Spielzug die Chancen meiner Mannschaft um ein Haar verspielt.«
Richard hielt seinem Blick stand. »Seid unbesorgt, Kommandant. Morgen werde ich mein Bestes geben. Versprochen.«
»Gut.« Endlich ging ein Lächeln über die Lippen von Schlangengesicht, auch wenn es nur ein kaltes Verziehen des Mundes war. »Gut. Gewinnst du morgen, Rüben, kriegst du deine Frau.«
»Ich weiß.«
Das Lächeln wurde verschlagen. »Und ich meine, vorausgesetzt, du gewinnst morgen.«
Richards Interesse hielt sich in Grenzen. »Tatsächlich?«
Kommandant Karg nickte. »Wenn wir gewinnen, gehört die Blonde mit der tollen Figur mir.«
Jetzt war es an Richard, verständnislos aufzublicken. »Was redet Ihr da? Eine solche Frau wird Euch Jagang niemals überlassen, eine Frau, die er als seinen persönlichen Besitz gekennzeichnet hat.«
»Es handelt sich um eine kleine Wette mit dem Kaiser. Er ist so siegesgewiss, dass ich ihn überreden konnte, sein am meisten geschätztes Weibsstück auf den Ausgang zu verwetten. Ihr Name ist Nicci. Er bezeichnet sie als seine Sklavenkönigin. Jagang will sie unter keinen Umständen an mich verlieren ... Er ist geradezu besessen von ihr. Aber ich denke, du kannst sie für mich gewinnen.« Sein Blick richtete sich auf seine fernen, lustvollen Phantasien. »Das würde mir sehr gefallen - so wie es ihm vermutlich missfallen würde.« Er kehrte zum eigentlichen Thema zurück und drohte Richard mit erhobenem Finger. »Aber auch deinetwegen solltest du besser gewinnen.«
»Damit ich mir eine Frau aussuchen kann?«
»Damit du weiterleben kannst. Verlierst du morgen, erwartet dich die Todesstrafe, die du eigentlich schon nach der Ermordung meiner Männer verdient gehabt hättest.« Kommandant Kargs Lächeln kehrte zurück.
»Gewinnst du aber, kannst du dir, wie versprochen, eine Frau aussuchen.«
Richard erwiderte seinen Blick mit einem wütenden Funkeln. »Ich habe Euch bereits zugesagt, dass ich morgen mein Bestes geben werde. Und was ich verspreche, halte ich auch.«
Der Kommandant nickte. »Gut. Du gewinnst morgen, und wir alle werden glücklich sein.« Er lachte amüsiert. »Nun, Jagang wohl eher weniger - vermutlich gar nicht. Und wenn ich es mir recht überlege, auch Nicci nicht unbedingt, aber das ist nun wirklich nicht meine Sorge.«
»Und der Kaiser? Glaubt Ihr nicht, es wird ihm etwas ausmachen?«
»Oh, das wird es, zweifellos.« Wieder lachte er amüsiert. »Jagang wird außer sich sein, wenn er mir Nicci abtreten muss. Ich habe mit ihr ein paar Rechnungen zu begleichen. Und ich bin fest entschlossen, es in vollen Zügen zu genießen.«
Richard schaffte es, den Mund zu halten und gefasst zu wirken, dabei hätte er ihm am liebsten die Kette um den Hals geschlungen und ihn erdrosselt.
Kommandant Karg erhob sich. »Gewinn dieses Spiel, Rüben.«
Wütend starrte Richard auf den Rücken des Mannes, als dieser sich mit schnellen Schritten entfernte.
Als er sicher sein konnte, dass der Kommandant verschwunden war, hielt Johnrock ein Stück seiner Kette schlaff, damit sie nicht an seinem Halsring zerrte, und robbte zurück zu Richard.
»Was hat er gewollt, Rüben?«
»Er will, dass wir gewinnen.«
Johnrock lachte schnaubend. »Darauf wette ich. Als Besitzer einer Meistermannschaft kann er sich nehmen, was immer ihm beliebt.«
»Genau das macht mir Angst.« »Was?«
»Ruh dich ein bisschen aus, Johnrock. Morgen wird ein ereignisreicher Tag.«
30
Unvermittelt wurde Richard aus seinem leichten Schlaf gerissen. Selbst jetzt, mitten in der Nacht, war das Feldlager voller Geräusche und Leben. Scheinbar allenthalben grölten, lachten und fluchten Soldaten, Metall klirrte, Pferde wieherten, Esel schrien. In der Ferne konnte er die von Fackeln beschienene Rampe sowie Reihen von Männern und Wagen ausmachen. Sogar mitten in der Nacht wurden die Bauarbeiten ohne Pause vorangetrieben.
Doch nichts von alledem hatte ihn geweckt. Etwas näher bei ihm hatte seine Aufmerksamkeit erregt.
Dann sah er Schatten durch den Ring aus Bewachern und den Kreis aus niedrigen Transportwagen huschen, die sein Gefängnis umgrenzten. Er zählte vier an der Zahl, dunkle Gestalten, die sich lautlos durch die Dunkelheit stahlen. Er fragte sich, ob sie sich tatsächlich ungesehen hatten durchschleichen können, oder ob die Wachen sie hatten passieren lassen.