Caras Mienenspiel war eine Mischung aus Verärgerung, Sorge und Ungeduld. Erst war Richard nirgendwo aufzufinden, und nun auch noch das. Verna verstand nur zu gut, wie sie sich fühlte.
»Haben Eure Schwestern irgendetwas Ungewöhnliches entdeckt?«
Verna schüttelte den Kopf. »Die anderen Mord-Sith?«
»Nichts«, erwiderte Cara mit kaum hörbarer Stimme, ehe sie weiter auf und ab ging. Sie ließ sich die Umstände einen Augenblick durch den Kopf gehen, wandte sich dann wieder herum zu Verna. »Ich bin noch immer überzeugt, dass, was immer geschehen sein mag, in jener Nacht passiert sein muss, als sie zu den Grabkammern hinuntergestiegen sind.«
»Ich will nicht behaupten, dass Ihr Euch täuscht, Cara, nur wissen wir ja nicht einmal sicher, ob sie es überhaupt bis hinunter zu den Grabkammern geschafft haben. Angenommen, sie haben es sich aus irgendeinem Grund anders überlegt und sind zuvor noch woandershin gegangen. Oder jemand hat Ann eine Nachricht überbracht, und sie mussten rasch woandershin? Oder es ist etwas passiert, bevor sie dort hinuntergestiegen sind.«
»Das glaube ich nicht.« Cara verschränkte die Arme und ging weiter auf und ab. »Ich bin noch immer überzeugt, dass dort unten etwas nicht stimmt. Irgendetwas dort unten fühlt sich seltsam an.«
»Eure Gefühle helfen uns nicht eben weiter. Könntet Ihr es vielleicht etwas genauer benennen?«
»Glaubt Ihr, ich hätte nicht schon selbst darüber nachgedacht, was die Ursache sein könnte?«
Verna beobachtete die langsam auf und ab schreitende Cara. »Nun, wenn Ihr nicht wisst, woher Euer Gefühl für diesen Ort rührt, kann uns vielleicht jemand anderer sagen, warum Ihr der Meinung seid, dass dort etwas nicht stimmt.«
»Jetzt klingt Ihr schon wie Lord Rahl. Der redet auch immer davon, man soll über die Lösung und nicht das Problem nachdenken.« Cara seufzte.
»Aber kein Mensch geht dort unten ...« Sie wirbelte herum und schnippte mit den Fingern. »Das ist es!«
Verna runzelte argwöhnisch die Stirn. »Was ist was?«
»Jemand, der sich dort unten auskennt.«
»Und wer?«
Cara stützte sich mit beiden Händen auf dem Schreibtisch ab und beugte sich mit einem schlauen Grinsen vor. »Die Grabkammerbediensteten. Darken Rahl hatte Leute, die sich um die Grabmale kümmerten – zumindest um das seines Vaters.«
»Was war das mit den Gräbern?«, fragte Berdine, die soeben ins Zimmer kam.
Begleitet wurde sie von Nyda, einer hochaufgeschossenen, blonden Mord-Sith mit blauen Augen. Hinter den beiden, sah Verna, folgte Adie.
»Mir ist gerade eingefallen, dass die Grabkammerbediensteten sich eigentlich dort unten auskennen müssten«, antwortete Cara. Berdine nickte. »Da hast du wahrscheinlich recht. Die Schrift dort unten ist zum Teil auf Hoch-D’Haran, deshalb hat Darken Rahl mich manchmal mit hinuntergenommen, damit ich ihm beim Übersetzen der schwierigeren Stellen helfe.
Was die Pflege des Grabes seines Vaters anbetraf, war er ziemlich wählerisch und ließ manch einen hinrichten, nur weil er sich nicht richtig um die Gruft gekümmert hatte. Jedenfalls um die seines Vaters.«
»Es ist nur ein steinernes Grabgewölbe.« Verna war erstaunt. »Dort unten gibt es nichts - keine Möbel, keine Vorhänge oder Teppiche. Wobei könnte man da wählerisch sein?«
Berdine, eine Hüfte gegen den Schreibtisch gestützt, verschränkte die Arme und beugte sich vor, als hätte sie jede Menge Tratsch zu berichten.
»Nun, zum einen bestand er darauf, dass die Vasen stets mit frischen weißen Rosen gefüllt waren, Rosen von reinstem Weiß. Des Weiteren verlangte er, dass die Fackeln ständig brannten. Die Grabkammerbediensteten durften nie ein Blütenblatt auf dem Fußboden liegen oder eine erloschene Kerze erkalten lassen, ohne sie sofort durch eine brennende zu ersetzen.
Ihr könnt Euch also vorstellen, dass alle ihren Dienst dort unten einigermaßen sorgfältig versahen. Sie dürften mit der Gruft bestens vertraut sein.«
»Dann werden wir mit ihnen reden müssen«, entschied Verna. »Das könnt Ihr gern versuchen, nur werden sie uns vermutlich nicht viel zu sagen haben.«
Verna erhob sich. »Wieso nicht?«
»Darken Rahl hatte Angst, sie könnten unten in der Gruft schlecht über seinen Vater sprechen, also ließ er ihnen die Zungen herausschneiden.«
Sie machte eine Scherenbewegung mit den Fingern.
»Beim gütigen Schöpfer«, murmelte Verna und legte ihre Finger an die Stirn. »Der Mann war ein Ungeheuer.«
»Darken Rahl ist lange tot, aber die Grabkammerbediensteten müssten noch dort sein«, meinte Cara und ging zur Tür. »Gehen wir und sehen nach, was wir in Erfahrung bringen können.«
»Ich denke, Ihr habt recht.« Verna kam hinter dem Schreibtisch hervor.
»Wenn es uns gelingt, irgendetwas aus ihnen herauszubekommen, wäre die Angelegenheit damit wenigstens erledigt. Wenn dort unten wirklich etwas nicht stimmt, müssen wir Kenntnis davon haben. Andernfalls müssen wir uns eben auf etwas anderes konzentrieren.«
Adie hielt sie am Arm fest. »Ich bin nur gekommen, um Euch zu sagen, dass ich fortgehe.«
Verna kniff überrascht die Augen zusammen. »Ihr geht fort? Wohin?«
»Ich mache mir Sorgen, weil die Burg der Zauberer unbesetzt ist. Angenommen, Richard begibt sich dorthin, weil er unsere Hilfe braucht, dann muss er über die Geschehnisse unterrichtet werden. Er muss wissen, dass die Burg stillgelegt ist, dass Nicci die Kästchen der Ordnung in seinem Namen ins Spiel gebracht hat, und dass Ann und Nicci verschwunden sind. Womöglich braucht er sogar die Hilfe eines mit der Gabe Gesegneten. Es sollte also jemand dort sein.«
Verna starrte in ihre vollkommen weißen Augen und wies mit einer Handbewegung nach Westen. »Aber die Burg ist stillgelegt. Wo werdet Ihr wohnen?«
Adies breites Lächeln glättete das Geflecht aus feinen Fältchen.
»Aydindril ist verlassen, ebenso der Palast der Konfessoren. An einem Dach über dem Kopf wird es mir also kaum mangeln. Außerdem bin ich in den Wäldern zuhause, nicht« - mit einer vagen Handbewegung wies sie auf ihre Umgebung - »hier. Im Palast ist meine Gabe ebenso geschwächt wie die eines jeden anderen mit der Gabe Gesegneten, was mir das Sehen mit der Gabe erschwert. Das ist für mich nicht eben angenehm. Ich möchte lieber etwas tun, statt hier nutzlos in der erzwungenen Dunkelheit herumzusitzen.«
»Nutzlos seid Ihr wohl kaum«, protestierte Verna. »Ihr habt uns bei einer Menge Textpassagen in den Schriften geholfen.«
Adie brachte sie mit erhobener Hand zum Schweigen. »Dahinter wärt Ihr auch ohne mich gekommen. Hier bin ich nutzlos, nichts als eine alte Frau, die im Wege ist.«
»Das stimmt doch nicht, Adie. Die Schwestern wissen Euer Wissen sehr zu schätzen. Das haben sie mir selbst gesagt.«
»Mag sein, trotzdem würde ich mich besser fühlen, wenn ich ein Ziel hätte, statt hier in diesem, diesem« - wieder machte sie eine fahrige Geste - »riesigen Steinlabyrinth umherzuirren.«
Betrübt gab Verna nach. »Verstehe.«
»Ich werde Euch vermissen«, sagte Berdine.
Adie nickte. »Ja, und ich Euch auch, Kind. Und unsere Gespräche.«
Cara bedachte Berdine mit einem argwöhnischen Seitenblick, sagte aber nichts.
Adie fasste Nyda an der Schulter. »Nyda wird für Euch da sein.«
»Seid unbesorgt, ich werde ihr Gesellschaft leisten«, sagte Nyda mit Blick auf Berdine. »Ich werde nicht zulassen, dass sie sich einsam fühlt.«
Berdine schenkte Nyda ein dankbares Lächeln und nickte dann Adie zu.
»Wir sind von mehr Feinden umgeben, als es Sterne am Himmel gibt«, wandte Cara ein. »Wie glaubt Ihr, eine blinde alte Frau, durch sie hindurchschlüpfen zu können?«
Adie schürzte die Lippen und sammelte ihre Gedanken. »Richard Rahl ist doch ein gescheiter Mann, nicht wahr?«
Die Frage schien Cara zu überraschen, sie antwortete dennoch.