»Also«, fuhr Richard fort, »wir haben die Mannschaft des Kaisers noch nicht spielen sehen, weshalb wir mit ihrer Taktik nicht vertraut sind, sie hingegen haben uns gesehen. Soweit ich bisher feststellen konnte, ändern die Mannschaften für gewöhnlich ihre Spielweise nicht, daher werden sie von uns dieselben Züge erwarten, die sie uns auch schon früher haben spielen sehen. Das wird einer unserer Vorteile sein. Denkt an die Handzeichen für die neuen Spielzüge, die wir ausgemacht haben, und verwechselt sie nicht mit den alten. Das könnte uns durcheinanderbringen. Mit der neuen Strategie haben wir die besten Chancen, sie gar nicht erst ins Spiel kommen zu lassen. Konzentriert euch ganz auf euren Part, denn auf diese Weise werden wir punkten. Auch dürft ihr nicht vergessen, dass diese Männer nicht nur gewinnen, sondern uns auch vorsätzlich verletzen wollen. Die Mannschaften, gegen die wir bislang gespielt hatten, wussten, dass wir ihnen alles doppelt heimzahlen würden, doch diese Männer sind anders. Sie wissen, dass sie im Falle einer Niederlage hingerichtet werden, weshalb sie keinerlei Anreiz haben, sauber zu spielen. Ihr einziger Anreiz ist es, uns den Kopf abzureißen.
Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass sie versuchen werden, unsere Spieler auszuschalten, also seid darauf gefasst.«
»Dich werden sie als Einzigen auszuschalten versuchen«, gab Bruce zu bedenken. »Du bist unsere Angriffsspitze, dich müssen sie unschädlich machen. Das haben sie ja schon gestern Abend versucht, bevor du überhaupt das Ja’La-Feld betreten konntest.«
»Das ist alles richtig, aber als Angriffsspitze habe ich dich und Johnrock, ihr werdet mich beschützen. Die meisten von euch besitzen keinen anderen Schutz als ihren Verstand und ihr Können, deshalb halte ich es für ebenso wahrscheinlich, dass sie zuerst auf einen von euch losgehen werden, also lasst eure Deckung nicht für eine Sekünde außer Acht. Behaltet einander im Auge und geht dazwischen, wenn es sein muss.«
In der Ferne konnte er den rhythmischen Sprechgesang zahlloser Soldaten hören, die voller Ungeduld auf den Beginn des Spiels warteten. Es klang, als wäre das gesamte Lager daran beteiligt. Und wer das Spiel nicht direkt verfolgen konnte, weil er zur Arbeit an der Rampe abkommandiert war, wartete wahrscheinlich nur darauf, dass ihm die Kunde vom Geschehen auf dem Platz übermittelt wurde. Ohnehin würden diese Partie sehr viel mehr Zuschauer als gewöhnlich sehen können, denn der Kaiser hatte die Arbeitskolonnen, die das Baumaterial ohnehin für die Rampe benötigten, angewiesen, eine gewaltige Mulde mitten in der Azrith-Ebene auszuheben und die Erde von dort herbeizuschaffen. Dieses neue Spielfeld mit seinen weitläufigen, leicht ansteigenden Rängen erlaubte einer sehr viel größeren Zahl von Männern, die Spiele zu verfolgen.
Ursprünglich war Richard davon ausgegangen, man würde die Partie gegen die Mannschaft des Kaisers für diesen Nachmittag ansetzen, so dass sie jetzt längst vorüber wäre. Doch während die anderen Mannschaften die Ausscheidungsspiele um den Einzug ins Finale austrugen, hatte sich der Tag hingezogen. Schließlich dienten die Spiele in erster Linie als Zerstreuung für die Soldaten. Mit dem neuen Spielfeld unmittelbar unterhalb des Palasts des Volkes gab der Kaiser kund, dass sich der Orden auf Dauer einzurichten beabsichtigte und dieses Gebiet nun ihm gehörte.
Richard richtete seinen Blick in den eisengrauen, wolkenverhangenen Himmel. Die letzten zartvioletten Schleier des Sonnenuntergangs waren verschwunden. Es würde eine sehr dunkle Nacht werden. Er hatte nicht damit gerechnet, dass die Partie zu dieser späten Stunde beginnen würde, andererseits war eine Abendpartie ganz in seinem Sinn. Immerhin war dies endlich mal ein unverhofftes Glück angesichts der monumentalen Hindernisse, die sich vor ihm auftürmten. Als Waldführer war er Dunkelheit gewohnt, hatte er die Pfade in den Wäldern seiner Heimat oft nur im Schein des Mondes und der Sterne beschritten, und manchmal sogar nur der Sterne. Im Dunkeln fühlte er sich wohl. Zum Sehen gehörte mehr als nur der Gebrauch der Augen. Richard war gerade dabei, Johnrocks Bemalung zu beenden, als er Kommandant Karg sich einen Weg durch den Ring aus Gardesoldaten bahnen sah. Nach ihrer Beteiligung an dem Verrat vom Vorabend waren sie bestrebt, dem übellaunigen Offizier aus dem Wege zu gehen. Sogar ein paar neue Gesichter gab es unter ihnen, zweifellos Aufseher, die größeres Vertrauen genossen. Kommandant Karg führte eine Eskorte aus Soldaten an, Männer, deren Aufgabe es war, die gefangenen Spieler zu bewachen und dafür zu sorgen, dass sie Ja’La spielten und sonst nichts. Ihre Hauptaufgabe aber bestand darin, auf Richard aufzupassen. Sie waren seine Sonderbewacher.
Nachdem ihn der Kommandant als Letzten von seinen Fesseln befreit und seinen eisernen Halsring aufgeschlossen hatte, konnte Richard sich endlich den wunden Hals reiben. Ohne die Kette war ihm ganz leicht zumute, beinahe so, als könnte er schweben. Er hatte das Gefühl, schwerelos und übermenschlich schnell zu sein. Ein Gefühl, das er über alle Maßen genoss.
Der ferne Sprechgesang der Soldaten hatte etwas Urzeitliches. Er wirkte überaus unheimlich und bereitete Richard eine Gänsehaut. Die Zuschauer verlangte es nach Blut - und an diesem Abend würde sich ihr Wunsch erfüllen.
Als er, an der Spitze seiner Mannschaft gehend, Kommandant Karg zum Ja’La-Feld folgte, verdrängte er den anschwellenden Lärm aus seinen Gedanken und fand sein stilles Zentrum, auf das er sich ganz konzentrierte.
Auf den von Soldatenmassen gesäumten Wegen durch das Feldlager streckten sich ihnen allenthalben Hände entgegen, die die Spieler der Mannschaft beim Vorübergehen berühren wollten. Einige seiner Mitspieler winkten lächelnd und klatschten die ausgestreckten Hände der Soldaten ab. Vor allem Johnrock, der größte Spieler, war leicht auszumachen und stand im Mittelpunkt des Interesses. Er winkte grinsend, schüttelte Hände und ließ dies alles im Vorübergehen auf sich einwirken. Richard konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es vor allem die Bewunderung der Massen war, die Johnrock sich stets mehr als alles andere gewünscht hatte. Er gefiel sich darin, ihnen zu gefallen. Von allen Seiten wurden sie mit aufmunternden und hasserfüllten Rufen überschüttet. Richard hielt die Augen im Vorbeimarsch stur nach vorn gerichtet und ignorierte die Soldaten und ihre Rufe.
»Nervös, Rüben?«, erkundigte sich Kommandant Karg.
»Ja.«
Karg zeigte ihm ein gönnerhaftes Lächeln. »Das legt sich mit Beginn des Spiels.«
»Ich weiß«, erwiderte Richard mit düsterem Blick.
Die gewaltige Mulde des Ja’La-Feldes war ein brodelnder Hexenkessel, die Gesichter der Zuschauer eine helle Gischt über einer kochenden, schwarzen See.
Die Menge jenseits des engen Rings aus flackernden Fackeln am Rand des Spielfeldes hatte einen Gesang angestimmt - nicht etwa aus Worten, vielmehr war es ein kehliges Grunzen, das nicht nur der An-feuerung der Spieler, sondern dem Spektakel als solchem galt. Dazu stampften sie im Rhythmus mit den Füßen. Das tiefe, archaische Geräusch war nicht nur zu hören, sondern auch im Boden unter Richards Füßen zu spüren und erinnerte an Donnergrollen. Der Effekt war ohrenbetäubend und in gewisser Weise berauschend.
Es war der urzeitliche Ruf nach Gewalt.
Richard war für diese Empfindungen längst unempfänglich, er ließ die in seinem Innern längst entfesselten Gemütsbewegungen von diesen wilden Lauten zehren. Auf dem Weg durch die brodelnden Menschenmassen war er in seiner eigenen Welt gefangen und gab sich ganz seinen inneren Trieben hin.
Am einen Spielfeldende, unmittelbar vor den Fackeln, ließ Kommandant Karg seine Mannschaft Halt machen. Richard sah Bogenschützen mit eingelegten Pfeilen, die rings um das Feld Posten bezogen hatten. Rechter Hand, in der Nähe des Mittelfeldes, erblickte er den für den Kaiser abgesperrten Bereich.
Jagang war nicht da!
Ein Panikanfall schnürte ihm die Eingeweide zusammen, hatte er doch angenommen, dass Jagang bei dieser Partie ganz sicher zugegen und Kahlan somit in seiner Nähe sein würde.