Doch das mit Seilen abgesperrte Geviert war leer.
Richard zügelte seine Erregung und schob seine Verzweiflung beiseite. Jagang würde sich dieses Spiel niemals entgehen lassen, früher oder später würde er sich zeigen.
Als die kaiserliche Mannschaft am anderen Spielfeldende auflief, brach die Menge in tosenden Jubel aus. Diese Männer waren das Beste, was der Orden zu bieten hatte, sie waren die Helden zahlloser Tausende von Zuschauern. Es waren die Männer, die jeden Gegner besiegen, jeden Widerstand brechen würden, jene Matadore, die am ehesten des Sieges würdig waren. Nicht wenige sahen in ihnen die greifbare Zurschaustellung ihrer eigenen Stärke und Männlichkeit. Während Richard und seine Mitspieler jenseits der Fackeln ausharrten, schritt die andere, mehr als entschlossen, ja geradezu gefährlich aussehende Mannschaft die Umgrenzungslinie des Spielfeldes ab und erwiderte den tosenden Jubel der Menge mit nicht mehr als blutrünstigen Blicken. Die Menge liebte diesen verheißungsvollen, von Hass und Bedrohlichkeit triefenden Anblick.
Kaum hatte die kaiserliche Mannschaft ihre Platzrunde beendet und sich am anderen Spielfeldende in Erwartung ihrer Herausforderer versammelt, teilte sich der Ring aus Bogenschützen und anderen entschlossenen Bewachern, und Kommandant Karg winkte Richard und seine Mannschaft hindurch. Im Vorübergehen raunte er Richard eine Warnung zu, dass er gut daran täte, zu gewinnen.
Richard trat auf das Spielfeld hinaus. Seine Sorge um das Gelingen seines Plans legte sich ein wenig, als die widerhallenden Jubelrufe für seine Mannschaft nahezu ebenso ohrenbetäubend laut ausfielen, wie für die des Kaisers. Seit ihrem Einzug in das Feldlager der Imperialen Ordnung hatten sie ausnahmslos alle ihrer zahlreichen Partien gewonnen und sich dadurch einigen Respekt verschafft. Zudem schadete es nicht, dass Richard bekanntermaßen eine gegnerische Angriffsspitze getötet hatte. Vermutlich noch wirkungsvoller aber war der Anblick der mit furchterregenden Symbolen in roter Farbe bemalten Mannschaft selbst. Diese Unterstützung war es, auf die Richard zählte. Doch als er schließlich seine gegnerischen Spieler zum ersten Mal in ihrer Gesamtheit zu Gesicht bekam, beschlich selbst ihn ein Gefühl banger Beklommenheit. Es waren mit die größten Männer, die er je gesehen hatte. Sie erinnerten ihn an Egan und Ulic, zwei Leibwächter des Lord Rahl, und der Gedanke schoss ihm durch den Kopf, dass er solche Männer jetzt gut gebrauchen könnte.
Richard löste sich aus seiner am Spielfeldende versammelten Spielertraube und querte ganz allein das leere Feld bis zu dem Schieds richter mit den Strohhalmen in der Hand. Die Angriffsspitze der kaiserlichen Mannschaft, die bereits an der Seite des Schiedsrichters wartete, schien Richard fast um einen vollen Fuß zu überragen. Sein Hals setzte gleich unterhalb der Ohren an und wurde immer breiter, bis er in Schultern überging, die fast anderthalbmal so breit wie Richards waren. Eine saubere Reihe geröteter, geschwollener Male quer über eine Gesichtshälfte zeigte an, wo ihn die Glieder der Kette erwischt hatten. Während Richard wartete, zog die hochgewachsene Angriffsspitze den ersten Strohhalm - nicht ohne Richard die ganze Zeit hasserfüllt anzufunkeln.
Als Richard an der Reihe war, zog er den kürzeren Halm, was die Zuschauer sofort zu beifälligem Tosen aufstachelte, da die Mannschaft des Kaisers als Erste Gelegenheit zum Punkten erhalten würde. Der Spieler bedachte Richard mit einem abfälligen Feixen, schnappte sich dann den Broc und stapfte hinüber in seine Spielfeldhälfte. Bei seiner Rückkehr zu den an ihrem Spielfeldende wartenden Spielern ließ Richard den Blick über die schier endlosen Zuschauermassen schweifen, die, die Fäuste in aufgepeitschter Gefühlsaufwallung erhoben, das Blut der einen oder anderen Seite forderten. Soldaten mit schussbereiten Pfeilen überwachten Richards einsamen Marsch zurück zu seiner Mannschaft. Der Druck der hunderttausendköpfigen, nach vorne schiebenden Menge, die das Geschehen verfolgen wollte, war überdeutlich zu spüren.
Richard fühlte sich in einer Welt gefangen, die völlig außer Rand und Band geraten war.
Sein Blick streifte das leere Geviert, in dem sich eigentlich der Kaiser befinden sollte - und Kahlan. Ohne Kahlan, selbst wenn sie ihn nicht wiedererkannte, war die Welt ein kalter und leerer Ort. In diesem Moment fühlte er sich sehr klein und einsam. Wie in einem Nebel nahm er benommen seinen Platz in der Reihe seiner Mannschaft ein. Als das Horn erklang und der Gegner in fest geschlossener Formation auf sie zugelaufen kam, war es hier, tief unten in der Schale des Ja’La-Feldes, als stünde er auf dem Grunde eines Tals und sähe eine Lawine über sich hereinbrechen. Für einen kurzen Augenblick der Verzweiflung wusste Richard nicht, wie er sich verhalten sollte.
Der Zusammenprall war brutal. Mit vor Anstrengung zusammengebissenen Zähnen versuchte er, die ihre Angriffsspitze deckenden Spieler zur Seite abzudrängen, doch sie pflügten einfach durch ihn und seine Mannschaft hindurch.
Ohne viel Federlesens erreichte die gegnerische Angriffsspitze die Punktezone und warf den Broc. Mit roten Symbolen bemalte Verteidiger versuchten den Wurf noch springend abzulenken, doch die Angreifer walzten sie einfach nieder. Der Broc landete sicher im Netz und erzielte so den ersten Punkt.
Die Menge brach in ohrenbetäubenden Begeisterungsjubel aus. Soeben hatte Richard etwas hinzugelernt. Die Mannschaft des Kaisers schien sich beim Durchbrechen der gegnerischen Verteidigung ganz auf ihre überlegene Körpergröße und ihr größeres Gewicht zu verlassen. Geschick war nicht wirklich gefragt. Noch während sich die andere Mannschaft für ihren zweiten Angriff formierte, machte er seinen Mitspielern ein heimliches Handzeichen.
Beim nächsten Ansturm warf sich Richards gesamte Mannschaft quer in die Reihen der gegnerischen Blocker und brachte die hünenhaften Kerle mit tief angesetzten Attacken gegen ihre Beine zu Fall. Das war wenig elegant, erfüllte aber seinen Zweck und öffnete eine Bresche. Ehe sie sich wieder schloss, war Richard hindurch. Die Angriffsspitze, im Vertrauen darauf, Richard dank seiner überlegenen Körpergröße einfach zu überrennen, dachte jedoch nicht daran, von ihrem Kurs abzuweichen. Mit einer Körperdrehung schob sich Richard unvermittelt genau in die Laufbahn des Mannes und trat ihm in die Knöchel. Als er strauchelnd sein Gleichgewicht zu wahren versuchte und sich sein Griff bei der natürlichen Reaktion, einen Sturz auf das Gesicht zu verhindern, lockerte, entriss Richard ihm den Broc.
Immer wieder abtauchend und sich duckend bahnte er sich blitzschnell einen Weg durch die lose Formation der Gegenspieler. Als das Gedränge zu dicht wurde, warf er den Broc zu Johnrock, der sich bereits hinter ihnen positioniert hatte. Unter den wilden Jubelrufen ihrer Anhänger hielt er den Broc kurz in die Höhe, während er sich aus dem Gedränge seiner Verfolger löste. Johnrock wandte sich in vollem Lauf herum, um seine Verfolger auszulachen, dann warf er den Broc über ihre Köpfe hinweg zu Richard.
Als der ihn auffing, warfen sich Männer von allen Seiten auf ihn. Mit einer Körperdrehung wich er einem aus, tauchte unter einem anderen hinweg und stieß, bei einem hektischen Richtungswechsel, um dem Zugriff dieser Hünen zu entgehen, einen dritten zur Seite. Trotz des Tacklings und der Blockversuche seiner eigenen Spieler drohte sich der Ring aus Gegenspielern um ihn zu schließen. Als er einem weiteren auszuweichen versuchte, bekam ihn ein zweiter an den Schultern zu fassen und riss ihn zu Boden, als wäre er ein kleines Kind. Da er den Broc gegen diese Überzahl nicht verteidigen konnte, und um zu verhindern, dass sie sich alle auf ihn warfen und ihm die Knochen brachen, passte er den Broc im selben Moment, da er auf den Boden schlug. Bruce war genau im richtigen Moment zur Stelle. Er fing ihn auf - und wurde noch im selben Moment an den Beinen gepackt.
Das Horn erschallte und verkündete das Ende des Angriffsrechts der kaiserlichen Mannschaft. Sie hatte einen Treffer erzielt, und Richard konnte von Glück reden, dass er einen zweiten knapp verhindert hatte. Als er zu seinem Spielfeldende zurücktrabte, erteilte er sich selbst einen Rüffel, dass er sich von seinen Gefühlen hatte übermannen lassen. Er war unaufmerksam gewesen, nicht voll und ganz bei der Sache. Wenn er so weitermachte, würde das sein sicheres Ende sein.