Einige Sekunden verstrichen, ohne daß das Schweigen um Robert neuerlich unterbrochen worden wäre. Doch dann mußte das Lebewesen, welches dem Franzosen zweifelsohne auf den Fersen war, sich entschlossen haben, Farbe zu bekennen. Die Sträucher bewegten sich, das Blätterdickicht wurde auseinandergerissen, und auf der Bildfläche erschien ein Eingeborener, dessen Haupt ein entsetzlich wirres Haargeflecht zierte. Mit einem Satz war Robert auf den Beinen, aber der Eingeborene schien keine feindlichen Absichten zu hegen. Ruhig warf er sich das Gewehr über die Schulter, kreuzte die Arme vor der Brust, verbeugte sich, lächelte und schritt langsam auf Robert Lavarède zu.
Letzterer wußte nicht, ob er ihn als Freund oder als Feind behandeln sollte. Doch von diesem Zweifel wurde er alsbald befreit, denn der Australier blieb zehn Schritt vor ihm stehen und sagte mit volltönender Stimme in exzellentem Englisch: »Mora-Mora, der Häuptling der Faho-Bougs, grüßt den so unglücklich durch den Busch streifenden Weißen.« Und da der Franzose ob dieser jedem englischen Teezirkel zur Zierde gereichenden Worte sprachlos verharrte, fuhr der Eingeborene fort: »Schon seit dem gräulichen Werden des Tages bin ich dem Weißen auf der Spur. Sollte ich schlechter Absichten fähig sein, wäre es mir ein leichtes gewesen, ihn mit einer todbringenden Kugel niederzustrecken. Mora-Mora hat den gerechten Blick und eine sichere Hand. Als dir dein Gewehr den Dienst versagte, wachte ich mit den Augen eines Freundes über deine unsicher tastenden Schritte.«
»Eines Freundes …«, wiederholte Robert zweifelnd und dachte: Warum nennt er sich meinen Freund, wo er mich noch nicht einmal kennt?
Ein Lächeln erschien auf den Zügen des Eingeborenen.
»Mora-Mora ist ein Freund der Weißen. Er ist ihr Führer und geleitet gerade zwei Männer zur Küste, die genau wie du von der bleichen Farbe des Nachtgestirnes sind.«
»Europäer!« schrie der Franzose und machte einen Schritt auf den Eingeborenen zu. »Europäer sind in der Nähe?«
»So ist es. Ich habe ihnen von deiner Gegenwart Mitteilung gemacht, als ich untrügliche Indizien besaß, daß du ohne Waffe im Busch verloren seist, und sie haben mir aufgetragen, dich zu ihnen zu geleiten.«
Bei diesen Worten vergaß Robert jedes Mißtrauen. Er lief auf den Australier zu, schüttelte diesem die Hand und sagte mit nur allzu verständlicher Freude: »Ich bin zwar mit meinen Kräften am Ende, aber es wird reichen, um dir zu folgen. Ist es weit bis zu den Weißen?«
Mit der Hand wies Mora-Mora auf einen Punkt in der Ebene. Robert blickte in die angegebene Richtung, vermochte jedoch nichts zu erkennen.
»Ich kann die, von denen du sprichst, nicht sehen«, gestand er kleinlaut.
»Sie nicht, das ist nicht möglich, gewiß«, erklärte der Australier lächelnd. »Sie sind schließlich nicht so groß wie Bäume. Sehen kann man sie nicht.«
»Was zeigst du mir denn dann?«
»Ihr Feuer.«
»Ah, verstehe, ihr Lagerfeuer.«
Aber trotz dieser Hilfestellung mochte sich Robert noch so sehr die Augen ausgucken, er entdeckte nichts, was einem Feuer ähnelte. Er wandte sich zu dem Führer um. Dieser schüttelte nur den Kopf.
»Die Augen der Weißen verstehen in Büchern zu lesen, doch die Natur ist ihnen ein Buch mit sieben Siegeln. Ich werde dir helfen. Erkennst du dort die rote Zeder, deren Wipfel alle anderen Bäume überragt?«
»Ich sehe sie.«
»Gut. Jetzt wende deinen Blick langsam nach links. Fällt dir nichts auf?«
Robert schaute aufmerksam in die Richtung und unterschied tatsächlich ein winziges Rauchfähnchen, das sich über den Baumwipfeln kräuselte. Es wirkte wie ein leichter, kaum wahrnehmbarer Nebel, und der junge Mann mußte sich eingestehen, daß er ihn von allein nie entdeckt hätte.
»Feuer eines Australiers«, bekannte Mora-Mora mit einer Nuance von Stolz in der Stimme. »Feuer aus trockenem Holz und nicht aus feuchten Zweigen.«
»Ja, ja, ich verstehe. Du willst damit sagen, daß ein Mann wie ich Holz aufs Geratewohl einsammelt, ohne zu beachten, daß die Feuchtigkeit den Rauch viel dicker macht.«
»Und gefährlicher.«
»Gefährlicher?«
»Ja, es verrät den Weißen und ruft die Wilden herbei, die den Weißen dann ausrauben. Während sie ein Feuer wie meins nicht beachten. Sie sagen sich: Feuer von uns, zwecklos zu plündern.« Mora-Mora lächelte und sagte dann: »Ist der verirrte Reisende bereit, sich nunmehr auf den Weg zu machen? Wir müssen den Lagerplatz vor Einbruch der Dunkelheit erreichen.«
»Geh voraus, ich folge dir.«
Der Australier verbeugte sich und ging federnden Schrittes vorweg. Robert lief hinter ihm und konnte nicht umhin, die kräftigen, geschmeidigen Bewegungen seines Führers zu bewundern. Sicher spielte Mora-Mora unter seinesgleichen eine herausragende Rolle. Nicht nur unter seinesgleichen, dachte Robert. Wäre die dunkle Hautfarbe nicht, würde er auch unter Europäern eine gute Figur machen. Und dazu noch die gepflegte Sprache. Woher hat er die nur, dachte Robert. Bühnenenglisch mitten im australischen Busch!
Inzwischen hatten sie die Sümpfe und den Busch hinter sich gelassen und waren in ein schmales Tal eingedrungen, das sich in der Regenzeit zweifellos mit Wasser füllen und zum See werden würde. Etwa eine halbe Stunde schritten die beiden über feuchten, schlammigen Boden, in dem ihre Schritte tiefe Abdrücke hinterließen. Dann stieg das Gelände allmählich an, und der Boden wurde steinig. Die Büsche verschwanden, nur vereinzelt standen noch Bäume. Sie befanden sich auf einem ebenen Felsplateau, das von den Ruinen einer verlassenen Farm beherrscht wurde.
Mora-Mora zeigte auf die verfallenen Mauern.
»Sie sind dort. Das hier ist eine alte Farm. Ein gutes Refugium, in dem man sich im Fall eines Angriffs verteidigen kann.«
Durch eine Mauerbresche gelangten sie ins Innere eines weiträumigen Hofes. Dort saßen im Hintergrund zwei Männer unter dem vorspringenden Dach eines ehemaligen Schuppens. Vor ihnen brannte ein kleines Feuer, an dem die beiden Männer mehrere auf Spießen steckende Tauben brieten. Roberts Führer pfiff kurz. Die beiden hoben den Kopf, erkannten ihren australischen Gefährten, erhoben sich und kamen auf Mora-Mora und den Franzosen zu.
Die beiden Weißen waren jung. Der eine war blond und trotz eines leichten Buckels von distinguiertem Äußeren, er mochte etwa dreißig bis fünfunddreißig Jahre zählen. Was den zweiten betraf, so war das ein zierlicher Junge, der gewiß nicht mehr als seinen sechzehnten Frühling erlebt hatte.
Die beiden verbeugten sich vor Robert, und der ältere sagte: »Gentleman, seien Sie willkommen; ich hoffe, daß Sie uns die Ehre erweisen, an unserer Mahlzeit teilzunehmen?«
Diese Worte klangen inmitten der Ödnis gewiß etwas seltsam, und so blieb der Franzose auch für Augenblicke mit offenem Mund stehen. Doch er fing sich rasch wieder und antwortete im gleichen Ton: »Zu liebenswürdig. Ich fühle mich außerordentlich geehrt durch den freundlichen Ton, mit dem Sie einen Unbekannten empfangen.«
»Unbekannt!« erwiderte sein Gegenüber lebhaft! »Unbekannt, ich bitte Sie. Der einsam umherirrende Reisende ist gewiß ein Unglücklicher. Wir selbst sind Leidende, und gemeinsames Leid verbindet.«
Die Stimme des Buckligen war weich, ja fast zärtlich bei diesen letzten Worten geworden.
Robert verbeugte sich, nicht ohne überrascht zu sein, denn die wilden bushmen, die den australischen Busch durchstreifen, sind gemeinhin von rauheren Umgangsformen.
»Nun denn«, so lud ihn der blonde Gentleman erneut ein, »setzen Sie sich zu uns. Essen Sie, ruhen Sie sich aus. Und danken Sie uns nicht: Wir sind Brüder, die ihren Bruder bei sich empfangen.«
»Wie Sie wollen. Ich werde also nicht meine Dankbarkeit, aber wohl doch mein Erstaunen ausdrücken dürfen, auf soviel Zuvorkommenheit, nein, Fürsorge bei Menschen zu treffen, denen ich völlig unbekannt bin.«