Miß Maudlin Green hatte die Hand des Sprechers gepackt und blickte ihn aus tränenfeuchten Augen an. Er lächelte sie an.
»Ich weiß, Maudlin, es schmerzt dich, aber Robert soll alles wissen …«
Mit festerer Stimme fuhr er dann fort: »Eines Tages ereignete sich ein Unfall in den Minen. Zahlreiche Bergleute waren unter Schutt begraben. Man barg Tote und Verletzte. Unter den Verletzten war ein ehemaliger Seemann, ein merkwürdiger Mann. Er mied die Gesellschaft der anderen, lebte von wenig, wachte mit geradezu lächerlichem Geiz über seine Ersparnisse. Ich besuchte ihn im Hospital. Er kämpfte verzweifelt gegen sein Ende. Mitten im größten Schmerz schrie er ständig: ›Ich will leben. Das Vermögen! Das Vermögen!‹ Schließlich begriff der arme Teufel, daß er verloren war. Er verlangte mich zu sehen, und dabei fand folgendes Gespräch zwischen uns statt:
›Ingenieur, ich werde sterben.‹
›Nein, mein Junge, glaub nicht daran.‹
›Doch, ich fühle es. Sie sagen das Gegenteil, weil Sie eine ehrliche Haut sind, ich meine im Leben, nicht was Ihre Worte angeht. Ich spring dem Tod nicht mehr von der Schippe. Also keine weiteren unnützen Worte. Sie waren immer gut zu mir, deshalb sollen Sie von einer Entdeckung profitieren, die mir nichts mehr nützt. Wenn Salat wächst, muß er schließlich von irgend jemand gegessen werden.‹
›Also beichten Sie, ich höre.‹
›Bevor ich Bergmann wurde, war ich Seemann auf einem Schoner, der zwischen den Inseln Polynesiens herumsegelte und mit Kopra handelte. Nun, eines Tages entdeckte ich auf einer gottverlassenen Insel Goldstaub. Ohne jemandem etwas von meinem Fund zu verraten, klopfte ich ein paar Löcher in den Felsen und kam zu dem Schluß, daß er immense Goldvorräte bergen müsse. Hätte ich mich intelligenterweise mit einem Bankier zusammengetan, wäre mir wahrscheinlich eine Schürflizenz ausgestellt worden, ich hätte eine Expedition ausgerüstet und säße heute sicher schon im Parlament. Aber nein. Ein Krümel Gold ist eben noch kein großer Haufen! Ich war verrückt. Ich wollte den Schatz, den mir die Natur geschenkt hatte, ganz für mich allein. Seit zwanzig Jahren arbeite ich nun wie ein Ochse und gönne mir nichts. Ich habe jeden Penny beiseite gelegt, um mir ein Schiff zu chartern und dort unten nach Gold zu graben. Mein Traum von Reichtum ist ausgeträumt, aber ich will nicht für nichts und wieder nichts gelitten haben. Ich habe keine Freunde, keine Verwandten. Sie, Ingenieur, sollen mein Erbe sein.‹
Ich dachte«, so sagte James, »der Mann redet im Delirium. Zweifellos mußte das der Sterbende meinem Gesicht angesehen haben, denn er fuhr fort: ›Nein, nein, ich habe all meine Sinne beisammen, Ingenieur. Tun Sie, was ich Ihnen sage, und Sie werden sehen. Gehen Sie in meine Hütte und rücken Sie den Stein vom Herd. Darunter finden Sie eine Eisenkiste, die meine ganzen Ersparnisse enthält sowie den genauen Plan der Goldinsel. Nehmen Sie alles, ich schenke es Ihnen. Gott befohlen.‹
Der Kranke schloß die Augen und schwieg. Ich versuchte, ihn zum Sprechen zu bewegen; er weigerte sich. Sicher hatte sein Geständnis seine letzten Kräfte aufgebraucht. Am selben Abend noch starb er.
Und so tat ich, wie er mir geheißen. Ich entdeckte den Behälter, von dem er geredet hatte. Er enthielt achthundert Pfund und eine Karte des Cookarchipels; eine dieser zahlreichen Inseln war mit einem Kreuz versehen. An der Karte steckte ein Zettel, und darauf stand: Das Kreuz bezeichnet die Goldinsel; es ist ein Felseneiland, auf dem es nur in den Tälern eine reiche Vegetation gibt. Auf der höchsten Erhebung steht ein toter Baum. Daneben ein nicht zu übersehender Felsen, der an ein Schiff mit geborstenen Masten erinnert. Das ist der Ort.
Nachdem ich mich vergewissert hatte, daß der Bergarbeiter keine Verwandten besaß, die Anspruch auf sein Erbe hatten, entschloß ich mich, das Abenteuer zu wagen. Ich brachte Miß Green in einem englischen Pensionat unter und reiste nach Australien. Dort mietete ich einen kleinen Segler und stach zu den Cookinseln in See. Mühelos erkannte ich die Goldinsel, und nach acht Tagen hartnäckigen Suchens und mühsamen Aufstiegs auf den Gipfel der Klippe war ich einer der Reichsten unter den Reichen dieser Welt. Das Felsmassiv, das einem gestrandeten Schiff glich, steckte voller Golderz der reinsten Sorte. Mit einemmal hatte ich die nötigen Mittel, um gegen den allmächtigen Sir Toby Allsmine vorzugehen.
Meine Unterseeboote wurden stückweise gefertigt, eins in England; die beiden anderen in Frankreich, Deutschland, Österreich und den Vereinigten Staaten. Die einzelnen Teile wurden zur Goldinsel gebracht und von Männern zusammengesetzt, die mein vollstes Vertrauen hatten. Es sind durchweg Opfer von Sir Tobys Willkür gewesen.«
Der Bucklige schwieg einen Augenblick, dann sagte er zu Robert: »So, nun wissen Sie alles.«
»Pardon, eine Sache interessiert mich noch«, erwiderte Robert, der sich kein Wort des Buckligen hatte entgehen lassen. »Ihr wirklicher Name?«
Ein Schatten schien James’ Gesicht zu verdüstern.
»Ich kann Ihnen meinen richtigen Namen noch nicht sagen. Nicht einmal Maudlin kennt ihn. Machen Sie es wie sie. Sehen Sie in mir den Repräsentanten von Recht und Ordnung. Sagen Sie sich, daß ich ein Mensch bin, der, weil er selbst nicht glücklich sein kann, sein Leben dem Glück anderer geweiht hat.«
Obwohl diese Worte leichthin gesagt worden waren, mußten sie dem Sprecher doch unendliche Mühe bereitet haben, denn sein Gesicht verzerrte sich schmerzlich.
Respektvoll verneigte sich der Franzose.
»Kapitän, befehlen Sie«, sagte er. »Ihre Befehle werden auf der Stelle ausgeführt.«
Die rätselhafte Person klopfte Robert auf die Schulter und sagte mit veränderter Stimme: »In diesem Fall ans Werk! Der Kampf kann beginnen!«
So also wurde Robert zu einem Drittel des Korsaren Triplex. Er führte den Vorsitz beim Tribunal der grünen Masken; er nahm teil an Niaris Entführung und schreckte zu guter Letzt den armen Totengräber auf dem Friedhof.
Drittes Kapitel
Vereint und wieder getrennt
Von James’ Botschaft benachrichtigt, hatten Armand Lavarède, Aurett, Lotia und Mrs. Joan Allsmine an der Auferstehung Roberts teilgenommen. Danach waren sie mit dem »Toten« zum Hafen geeilt, mit einem Beiboot zum Unterseeboot gefahren und dort an Bord gestiegen. Jetzt saßen sie alle im großen Salon und vernahmen, wie sich Robert und der bucklige James Pack kennengelernt hatten. Letzterer war verschwunden, aber niemand hatte etwas davon bemerkt. Lotia und Robert schauten sich aus feuchten Augen schmachtend an. Und das wiederum erfreute Armand und Aurett. Einzig Joan schien in sich versunken. Der Korsar hatte ihr versprochen, ihr das einzige Kind wiederzugeben.
»Ich werde dich nicht mehr verlassen«, sagte Lotia gerade. »Was ist der Kampf gegen England schon gegen die Trauer, die ich empfinde, wenn du nicht bei mir bist. Unsere Freunde standen mir bei, so gut es ging; aber auch sie können meine Träume nicht verjagen, die von bösen Vorahnungen erfüllt sind. Als ich auf den Spuren des lebenden Robert wandelte, fürchtete ich immer, am Ende auf einen toten zu treffen.«
»Was dir ja auch gelungen ist«, sagte der Franzose heiter. »Nur steigen in diesem exzentrischen Land die Toten eben aus ihren Gräbern.«
»Lach nicht, ich bitte dich.«