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»Ach, laß mich noch auf der Erde. Ägypten geht seiner Freiheit entgegen. Ich höre schon die Freudenschreie seiner Kinder, die sich vom Unterdrücker befreit haben.«

Sie rang die Hände.

»Warte, Osiris. Die Sieger kommen näher. Meine Aufgabe wird erfüllt sein, und ich werde die Gattin des Siegers sein, den ich erwählt habe.«

Ihr Gesicht wurde ekstatisch.

»Da, hörst du sie? Alle haben teil an ihrer Freude. Die heiligen Käfer stoßen ihre Flügeldecken wie Zimbeln aneinander. Die Ibisse fliegen im Goldstaub der Sonne in einem gewaltigen Kreis durch den Himmel. Alles singt, alles tanzt, alles ist bereit, um die Armee des Befreiers zu empfangen. Das azurblaue Band des Nils wogt in rhythmischen Wellen durch die Landschaft wie eine Brust, die endlich frei atmen kann.«

Was die Ankunft des Korsaren nicht bewirkte, Lotias Stimme tat es. Robert stand auf, vergaß einen Augenblick den zu seinen Füßen liegenden Feind, und bittend sprach er zu Lotia: »Lotia, bitte, komm zu dir.«

Doch mit einer Geste gebot sie ihm zu schweigen.

»Still! Möge deine Stimme nicht die Freudenschreie der Freiheit ersticken. Da sind sie, die Kriegswagen, die Kanonen, die Reiter auf schnellen Rappen, deren Hufe aus Gold zu sein scheinen, so sind sie vom gelben Wüstenstaub bedeckt … Und da, ihr Anführer, von seinen höchsten Würdenträgern auf dem Schild getragen, eine Fahne weht über seinem Kopf …«

Plötzlich schwieg die Kranke. Ihr Blick schien überrascht zu sein.

»Was ist das für eine neue Fahne?« murmelte sie.

Wieder verloren sich ihre Blicke im Nichts.

»Das ist nicht die ägyptische Fahne, das ist nicht die blaue Fahne mit den drei Sternen und dem weißen Halbmond. Was sind das für Farben?«

Einen Augenblick schien Lotia zu überlegen, dann murmelte sie: »Blau … Weiß … Rot.«

Sie schrie auf.

»Die Fahne Frankreichs … Frankreich bringt die Freiheit.«

Als ob diese letzte Anstrengung ihre Kräfte erschöpft hätte, griff das arme Kind mit ihren Händen ins Leere, dann fiel sie hintenüber auf die Bettstatt. Mit einem Sprung war Robert bei, das Gesicht in unsäglichem Schmerz verzerrt. Er glaubte, sie sei tot, doch sie war nur ohnmächtig geworden.

Während alle die Kranke umringten und Joan und Maudlin ihr die Schläfen mit kaltem Wasser abtupften, näherte sich Joe Niari. Er hob den Gefesselten auf, setzte ihn in einen Sessel und schaute ihm tief in die Augen.

»Niari«, sagte er, »du hast es gesehen, du hast es gehört?«

Der Ägypter nickte.

»Lotia kämpft gegen den Tod«, sagte Joe. »Ihre Kräfte werden bald erschöpft sein.«

Ein Zittern lief über das magere Gesicht des alten Dieners von Thanis. So flüchtig auch dieses Zeichen von Anteilnahme gewesen sein mochte, Joe hatte es bemerkt. Er versuchte, seiner Stimme einen so einschmeichelnden Klang wie nur möglich zu geben.

»Es ist Hadors Tochter«, fuhr er fort, »die letzte Blüte auf dem viertausend Jahre alten Thron. Ihre Ahnen marschierten unter dem Befehl von sechzehn Dynastien der Pharaonen in den Kampf. Sie waren die unerbittlichen Gegner der Hyksos-Eroberer. Als Zeitgenossen von Moses ertrugen sie unbewegt die Plagen Ägyptens. Sie sahen, wie ihr Fluß rot von Blut wurde; ihr Haus wurde von der Pest heimgesucht; Heuschrecken und Frösche verwüsteten ihre Felder, aber sie beugten ihr stolzes Haupt nicht. Der Pharao gab nach. Er erlaubte den israelitischen Sklaven, Ägypten zu verlassen; doch kaum hatte der Exodus begonnen, als die Hador vor das hunderttorige Theben zogen. Trotz der drohenden Gefahr, ihr Leben zu verlieren, beschimpften sie den allmächtigen Monarchen, geißelten ihn mit tödlichen Worten und beschlossen schließlich, die Flüchtenden zu verfolgen.«

Je länger er redete, desto mehr glätteten sich die Runzeln auf Niaris Stirn. Seine dunklen Augen waren forschend auf Joe gerichtet, seine Nasenflügel bebten. Er schien die staubige Luft des Kampfgetümmels einzuatmen.

»Die Hador spannten ihre schnellsten Rösser vor die Kriegswagen mit den bronzenen Rädern. Mit dem Wurfspieß und dem großen Bogen aus Palmholz bewaffnet, brausten sie wie der Sturmwind hinter der Spur Israels her. Der gesamte ägyptische Adel folgte ihnen und hatte den Pharao bei sich. Der Orkan aus Eisen erreichte die Flüchtenden in der Nähe des Roten Meeres. Der Atem Jehovas, so sagt die Legende, trennte die Wasser des Meeres in zwei Hälften, und die Mauern aus Wasser ließen einen Durchschlupf für Israel. Vor diesem Wunder wären einfache Krieger erschreckt zurückgewichen. Aber die Hador waren Helden, die Griechen hätten Halbgötter aus ihnen gemacht, und das Oberhaupt der Hador lenkte als erster seinen Streitwagen in den Abgrund.«

Trotz der Stricke, die seine Glieder einschnürten, gelang es dem Ägypter, sich auf die Füße zu stellen. Eine Röte durchzog seine bronzefarbene Haut; in seinen Augen glommen kleine Flämmchen.

Nach einem Augenblick des Schweigens fuhr Joe fort.

»Das Schicksal hatte die tapferen Krieger aus dem Niltal verdammt. Als sie gerade die Hebräer erreicht hatten, lösten sich die Räder von den Streitwagen. Pferde und Wagen verkeilten sich ineinander, dann stürzten die Wassermassen über ihnen zusammen, eine riesige Woge gischtete bis zum Himmel empor und riß die Körper dieser Titanen mit sich in die Tiefe des Meeres. Nicht einmal die göttliche Allmacht konnte diese tapferen Krieger schrecken.«

Und plötzlich, übergangslos, bekam seine Stimme einen bittenden Klang.

»Wie die Blume auf dem Korallenstock, so stammt Lotia von diesen Männern ab, die so hart wie Granit sind. Sie ist Anmut, Süße, Güte, wie sie der Stolz und der Mut Ägyptens waren. Willst du sie dazu verdammen, zu sterben? Willst du dieses letzte Band zu den alten glorreichen Zeiten abschneiden? Ihre unschuldige Liebe galt einem unserer Begleiter. Wer ist dieser? Ein Franzose, ein Mann aus diesem wohlwollenden und liebenswürdigen Volk, das Ägypten seinen alten Ruhm wiedergeben wollte. Unwissentlich wurde Lotia durch den Geist ihrer Ahnen geleitet … Art läßt nicht von Art. Was sie unbewußt suchte, das war die Allianz des jungen Ägypten mit Frankreich.«

Joes Ton wurde streng.

»Und was hast du währenddessen getan? Von einem blindwütigen Patriotismus geleitet, hast du diejenige, die allein alle ägyptischen Patrioten um sich scharen könnte, in die Arme des Todes gestoßen.«

Niari unterbrach Joe.

»Aber wenn sie ihn heiratet, ist sie für die Sache verloren, der ich mein ganzes Leben gewidmet habe. Du hast gut gesprochen, und mein Herz hat bei deinen Worten gezittert. Doch der, dessen Schicksal du beklagst, hat sich geweigert, gegen unsere Unterdrücker zu kämpfen.«

Pritchell dachte einen Augenblick nach.

»Wenn er inzwischen einverstanden ist, würdest du dich bereit erklären, für ihn auszusagen?«

Der Ägypter zögerte.

»Ich weiß nicht«, sagte er schließlich.

»Wie?«

»Ich weiß nicht«, wiederholte Niari. »Wie kann ich denn wissen, ob er so handeln wird, wie du meinst, wenn ich getan habe, was er wünscht.«

»Doch, er wird sich bei seiner Ehre dazu verpflichten. Er gehört zu denen, die ihr Wort nicht brechen.«

Tausend Falten schienen Niaris Züge zu durchziehen, seine Augen verrieten etwas von dem inneren Kampf der Zuneigung zu Lotia gegen die Ungewißheit der Zukunft.

»Aber Sie selbst sind doch Engländer«, murmelte er halb überzeugt. »Warum bitten Sie mich um Fürsprache für einen Mann, der, wenn ich Ihnen glauben kann, Krieg gegen Ihre Landsleute führen wird?«

Ein Schatten legte sich auf das Antlitz des Korsaren.

»Warum erinnerst du mich daran? Ich denke nur an Gerechtigkeit.«

Mit blitzenden Augen warf er den Kopf in den Nacken.

»Egal, was du eben gesagt hast, ich bitte dich dennoch. Höher als die Interessen des einzelnen, als die Interessen der Gesellschaft ist die Gerechtigkeit. Höher als das Glück ist die Ehre.«