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War sein Leben alles in allem so viel wert, daß er es verteidigte? Vielleicht gelang es ihm, seinen Kopf zu retten, wenn er sich gut aufführte … Schöne Aussichten! Eine unumstößliche Verurteilung in eine Verurteilung ständiger Zwangsarbeit umwandeln. War das noch Leben, wenn man der Freiheit beraubt war? Lebenslängliche Haft war nichts weiter als eine lange Agonie. Schnell sterben, mit einem Minimum an Leid, das war erstrebenswerter.

Ja, aber gehenkt werden, am Ende eines Strickes baumeln und von einer gaffenden Menschenmenge bestaunt. Nein, tausendmal nein. Er gehörte nicht zu denen, die die Hand des Henkers aufs Schafott zwingt.

Fast die ganze Nacht überlegte er.

Die Morgendämmerung bleichte schon den Horizont, als er mit einer entschlossenen Geste sagte: »Aus und Schluß, Freund Toby.«

Aus seiner Tasche zog er einen kleinen Flakon. Er schüttelte den Inhalt auf seine Hand. Es waren drei rotbraune Pillen. Tiefsinnig betrachtete er sie und ließ sie in seiner Handfläche kreiseln. Langsam ging er zu seinem Bett und streckte sich darauf aus. Zehn Minuten etwa lag er mit geschlossenen Augen da.

Dann öffnete er die Augen, schaute mit einem Ausdruck von Wut und Schrecken noch einmal aus dem Bullauge und schluckte mit einer entschlossenen Bewegung die drei Pillen hinunter.

Mit einem Gift, das er stets bei sich trug, hatte er sich der menschlichen Gerechtigkeit entzogen.

Sechs Monate waren vergangen. Die beiden Lavarèdes, Aurett, Lotia und Niari waren nach einem bewegenden Abschied von Joe Pritchell, der mit seiner jungen Frau und Joan auf der Goldinsel zurückbleiben wollte, um dort den Reichtum der Insel seinen alten Gefährten zukommen zu lassen, nach Paris zurückgekehrt.

Bei einem Notar ließ man gemäß Niaris Erklärungen ein Zeugnis ausstellen. Von nun an war Robert wieder französischer Staatsbürger und erfreute sich seines alten Namens.

Den Abend dieses glücklichen Tages, an dem die letzten Formalitäten erledigt worden waren, verbrachte er mit Lotia, die in der Zwischenzeit ihre Hoffnung, ihre Gesundheit und auch ihr bewundernswertes Aussehen wiedergewonnen hatte.

Plötzlich trat Niari zu der Gruppe.

»Was ist, Niari?« fragte Lotia.

Der Ägypter verbeugte sich.

»Tochter Hadors, ich habe mein Versprechen gehalten. Wie sieht es mit Ihrem aus?«

»He!« unterbrach ihn Aurett, die, ihrem Gatten über die Schulter schauend, die wunderbaren Abenteuer an der Seite Triplex’ mitlas, die Armand gerade zu Papier brachte, »he, tapferer Niari, laß ihnen doch Zeit, erst einmal auszuruhen.«

Niari schüttelte den Kopf.

Robert lächelte. In den Krieg ziehen bedeutete für ihn, der Heirat mit Lotia wieder einen Schritt näher zu kommen. Und im Augenblick dachte er nur daran.

»Bereite alles für die Abreise vor, Niari«, sagte er. »Wir verlassen Paris, sobald du die notwendigen Vorbereitungen getroffen hast, die du für nötig erachtest.«

Zum erstenmal in dieser Geschichte zeigte sich ein breites Lächeln auf dem Gesicht des Ägypters. Er verbeugte sich vor dem zukünftigen Mann Lotias.

»Ich danke dir für diese Worte, Herr. Dein Mund lügt nicht, und dein Herz ist so ehrlich wie du selbst. Bald werden wir aufbrechen, um den Nil zu erobern.«

Nachbemerkung

»Lieber als den allzu abgewogenen Jules Verne hatte ich die Extravaganzen eines Paul d’Ivoi.« Der solches in seinem Erinnerungsbuch »Die Wörter« bekennt, ist kein Geringerer als der weltbekannte französische Philosoph und Schriftsteller Jean-Paul Sartre. Sartres Geburtsdatum 1905 ist das Todesjahr Jules Vernes. Verne war der unbestrittene König des französischen Abenteuerromans, und er sollte es noch lange bleiben – bis heute, da er auch als der Vater der utopischen Literatur gilt. Doch war bereits 1894 in Frankreich ein Buch erschienen, das binnen eines Jahres mehrere Auflagen erlebte und selbst – für kurze Zeit – den Ruhm des erfolggewohnten Jules Verne in den Schatten stellte. Ja, dessen nicht genug, 1902 wurde ein Theaterstück in vier Akten und einundzwanzig Bildern nach besagtem Buch aufgeführt, und nach den einhelligen Berichten der Chronisten war das ein Spektakel, das ganz Paris des Jahres 1902 in seinen Bann zog: »Die fünf Sous des Herrn Lavarède.«

Als Autor zeichnete ein den Lesern bis dato völlig unbekannter Paul d’Ivoi. Wer verbarg sich dahinter?

Paul d’Ivoi ist ein Pseudonym. Ursprünglich – jedenfalls was »Die fünf Sous des Herrn Lavarède« betrifft – verbargen sich hinter diesem Pseudonym zwei Autoren: Paul Charles Deleutre (1856 bis 1915), Journalist am Pariser Le Figaro, und Henri Chabrillat (1842 bis 1893), von dem außer seinen Lebensdaten nichts weiter überliefert ist. Chabrillat erlebte den durchschlagenden Erfolg des »Lavarède« nicht mehr. Deleutre jedoch, einmal durch den Erfolg ermutigt, hängte den Journalistenberuf an den Nagel und schrieb bis zu seinem Tode insgesamt einundzwanzig Bände seiner Voyages excentriques (Exzentrische Reisen).

Ein Teil dieser Titel erschien zunächst im Feuilleton bzw. als Fortsetzungsabdruck in den großen Wochenendzeitschriften wie beispielsweise im schon erwähnten Journal des Voyages. Auch der »Korsar Triplex« erblickte hier das Licht der Welt. 1898 erschien der erste Teil des vorliegenden Romans unter dem Titel »Der unsichtbare Korsar«, dem 1901 »Triplex« und ein Jahr darauf »Die Goldinsel« folgten. Später gab d’Ivoi die drei Teile unter dem jetzigen Titel heraus.

Geschickt verknüpft d’Ivoi dabei die Handlungsfäden seiner Geschichten miteinander, so daß bis auf wenige Ausnahmen alle Bände der Exzentrischen Reisen mehr oder weniger auch als die »exzentrischen Abenteuer der Familie Lavarède« gelesen werden können.

Mit der Wahl seines »Haupthelden« Armand Lavarède nämlich war d’Ivoi ein ausgesprochener Glückstreffer gelungen. Dieser pfiffige, in fast allen Berufen bewanderte (natürlich Journalist!) und in allen Lebenslagen nie aufsteckende (natürlich stand seine Wiege in Paris!) Franzose war so recht nach dem Geschmack der französischen Jungen um die Jahrhundertwende. Er war sowohl Phileas Fogg als auch Passepartout in einem; und im Gegensatz zu der sich behäbig entwickelnden Handlung bei Verne hüpft der Lavarède von d’Ivoi wie ein quickes Stehaufmännchen aus einem schier unmöglich zu meisternden Abenteuer ins nächste.

Obwohl alle weiteren einundzwanzig Bände, die d’Ivoi noch veröffentlicht hat, achtbar aufgenommen wurden, erreichte er den Erfolg der »Fünf Sous« nicht mehr. Am nächsten kam dem noch »Korsar Triplex«. Doch hatte man schon zu Lebzeiten des Autors diesem die allzu deutlich zu spürende Nähe zu einem Buch von Jules Verne vorgeworfen. Aber das schien d’Ivoi nicht weiter zu stören. In allen seinen Büchern tauchen einige Erfindungen auf, die Verne zuzuschreiben man allzu schnell bereit ist – aber bitte schön, hatte es nicht die Reise zum Mond bereits bei Cyrano de Bergerac zweihundert Jahre zuvor gegeben? Und war nicht schon Dante bis zum Mittelpunkt der Erde vorgedrungen?

Ganz sicher hatte d’Ivoi nicht den Ehrgeiz, als ein Autor der »wissenschaftlichen Phantastik« angesehen zu werden. Was ihn heute noch lesenswert macht, ist die witzige Liebenswürdigkeit, mit der seine Helden (und Heldinnen) gegen die Widrigkeiten des Zeitgeistes ankämpfen. Und dieser Zeitgeist ist manchmal arg widrig. Entweder posiert er in der Gestalt von übelwollenden Wucherern oder pseudophilosophierenden Polizisten (wie in »Die fünf Sous des Herrn Lavarède«) oder in Person eines schurkischen Staatsdieners, der sein Amt schnöde mißbraucht. Obwohl d’Ivoi den Engländern und den Deutschen gern ein bißchen auf den Füßen herumtrampelt, hütet er sich doch wohltuenderweise vor einem penetranten Nationalismus, der zu seiner Zeit so selten gar nicht war. Denn immerhin ist der geldgierige Widerpart Armand Lavarèdes in den »Fünf Sous«, Bouvreuil, Franzose. Und der wird genauso »mit Lächerlichkeit getötet« wie Sir Toby Allsmine im »Korsar Triplex«. Das ist schließlich das wesentliche Verdienst d’Ivois: der Humor. Immer, wenn es gar zu »dicke« kommt, scheint er dem Leser mit einem Augenzwinkern zu signalisieren, daß dies ja eh nur eine erfundene Geschichte ist. Auch seine Figuren lassen es angesichts lebensbedrohender Umstände nicht an flotten Sprüchen fehlen, um sich und anderen Mut zu machen. Und das könnte man doch als eine fröhliche Botschaft aus diesen »exzentrischen Reisen« herauslesen: Nur dem gehört die Welt, der nie aufgibt. Und lachen kann.