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Und so nahm er den Faden dort wieder auf, wo er die Lektüre unterbrochen hatte:

»Wir machten uns an die Verfolgung des Flüchtlings. Durch Nachforschungen, wie sie nur Reporter zu machen verstehen, diese Spürhunde des Journalismus, erfuhren wir, daß Robert Lavarède von Brindisi aus auf dem Dampfschiff Botany nach Sydney unterwegs war. Bei keinem Zwischenaufenthalt hat ein Passagier das Schiff verlassen. Er muß also in Sydney gegen Mitte Juni angekommen sein.«

Armand schwieg.

Die jungen Damen meinten, daß die im Schreiben enthaltenen Ausführungen so präzis seien, daß sie gewiß die Arbeit der Polizei erleichtern würden, Robert zu finden. Armand Lavarède schien entzückt, und indem er das Papier in seinem Koffer verstaute, bemerkte er fröhlich: »Wenn es so ist, werden wir erst morgen zu den ernsthaften Geschäften übergehen. Kümmern wir uns lieber ums Essen. Ich werde etwas bestellen.«

Er hatte sich erhoben und war zu dem in einer Ecke des Zimmers installierten Telefonapparat gegangen, doch in dem Augenblick, da er auf den Knopf des Läutwerkes drücken wollte, tat er einen überraschten Ausruf: »Nanu!«

Auf der Wählscheibe des Telefons entdeckte er einen sorgfältig gefalteten Zettel, auf dem in schwarzer Tinte stand:

»Armand Lavarède, Esquire – Wichtig!«

»Ein Billett für mich …«, murmelte Armand.

Die beiden Damen kamen neugierig näher, und der Journalist las mit einem Erstaunen, das nur zu leicht zu begreifen war, die rätselhafte Botschaft vor:

»Gentleman,

Sir Toby Allsmine, Oberster Chef der Pazifikpolizei, empfängt höchst ungern Ausländer. Wenn Sie sich jedoch morgen früh um sechs Uhr entlang des Hafenbeckens von Farm-Cove begeben wollen, so werden Sie Sir Toby in dem betreffenden Parkstück unweit des Cook-Denkmals antreffen und ihm die Angelegenheit, in der Sie ihn sprechen wollten, zu einem überaus günstigen Augenblick vortragen können.«

Für Sekunden waren die Reisenden sprachlos. Sie schauten sich verstohlen im Zimmer um, ohne zu begreifen, welcher Eindringling die Botschaft überbracht, ja woher jener Unbekannte so genau ihre Absicht erraten haben mochte. Das ging doch nicht mit rechten Dingen zu.

Schließlich ergriff Aurett das Wort: »Was gedenkst du zu tun, Armand?«

»Zum angegebenen Rendezvous gehen. Was riskiere ich? Opfer eines schlechten Scherzes zu werden? Pah! Ich bin Pariser, und die lachen immer zuerst. Trotzdem werde ich gut daran tun, die Leute im Hotel zu befragen.«

Gesagt, getan. Die elektrischen Läutwerke klingelten in den Zimmern der Boys, Stewards; Zimmermädchen, Etagenkellner und auch bei dem Besitzer des Hotels, dem ehrenwerten Mr. Littlething. Aber niemand konnte sich auf den Vorfall einen Vers machen. Littlething erging sich in Entschuldigungen und war untröstlich, daß sich ein so ungewöhnliches Ereignis in einem so tadellos geführten Haus wie dem seinen abgespielt hatte. Augenblicklich wollte er sich auf den Weg machen, um die Polizei über den Zwischenfall selbst zu informieren.

Der Vermutungen und Verdächtigungen überdrüssig, ließen sich die drei Reisenden zu guter Letzt das Abendessen servieren und aßen – obwohl es ein australisches Essen war – mit gutem Appetit, wobei sich allerdings jeder insgeheim doch Gedanken über die geheimnisvolle Botschaft und deren noch geheimnisvolleren Überbringer machte. Gegen neun Uhr schloß sich jeder in sein Zimmer ein und überließ sich einem tiefen, erquickenden Schlaf.

Fünftes Kapitel

Das Fest der Sydneyer Docker

Weniger philosophisch als seine Gäste irrte der Besitzer des Centennial-Park-Hotels durch die Straßen der Stadt. Er war wütend. Das Polizeibüro hatte bei seiner Ankunft schon geschlossen, und es wäre vertane Zeit gewesen, zu den Beamten in die Privatwohnungen zu gehen, um eine entsprechende Erklärung zu verlangen. Immerhin stand die Ehre seines Hotels, des komfortabelsten in Sydney, auf dem Spiel. Was soll man von einem Hotel halten, dessen Gäste anonyme Botschaften von geistergleichen Überbringern erhalten, die zudem noch die geheimsten Absichten ebendieser Gäste lesen konnten?

Plötzlich wurden seine Gedankengänge unterbrochen. Vor ihm liefen drei Personen, deren Umrisse ihm nicht unbekannt waren. In der Mitte ging ein großer, kräftiger Mann; ihm zur Rechten befand sich ein etwas kleinerer Mann, dessen Eleganz nur von einem kaum sichtbaren Auswuchs am Rücken geschmälert wurde; zur Linken ein junger Bursche.

»Nanu, habe ich Dreck im Auge«, murmelte Mr. Littlething, »oder ist das Sir Toby höchstselbst mit seinem Sekretär James Pack und diesem komischen Silly. Mein Gott, ich wäre schön dumm, würde ich nicht die Gelegenheit nutzen, um meinen Spruch anzubringen.«

Der Hotelbesitzer ging schneller, überholte die Spaziergänger und versicherte sich mit einem raschen Blick, daß er sich nicht getäuscht hatte.

Es waren tatsächlich der Oberste Chef der Pazifikpolizei, James Pack und Silly, die sich zum Fest der Sydneyer Docker begaben und dabei hofften, in der Nacht den geheimnisvollen Korsaren Triplex zu verhaften.

Den Hut in der Hand – denn die Australier bewahren im Gegensatz zu den Amerikanern sehr wohl die äußeren Formen des Respekts –, sprach Littlething sie an: »Guten Abend, Sir Toby.«

Toby hielt erstaunt inne, als er sich mitten auf der Straße so angesprochen sah, doch dann beruhigte er sich, als er den Sprecher erkannte.

»Ah, Sie sind das, Mr. Littlething, guten Abend.«

»Ich muß Ihnen etwas mitteilen.«

»Heute abend habe ich keine Zeit, kommen Sie morgen zu mir.«

»Morgen habe ich tagsüber zu tun. Ich sage es Ihnen lieber gleich. Ich mache nicht viele Worte.«

Der Geschäftsmann hielt das überraschte Schweigen seines Gegenübers für Zustimmung.

»Heute abend hat man sich erlaubt, in einem Zimmer des Centennial-Park-Hotels einem Gast dieses Schriftstück zukommen zu lassen.«

Und damit wies er den Zettel vor, den man Armand Lavarède überbracht hatte. Beim Schein einer Straßenlaterne überflog Sir Toby die Mitteilung.

»Lavarède …«, sagte er nachdenklich, »Lavarède …, diesen Namen kenne ich von irgendwoher …, wer ist das bloß?«

Pack und Silly zuckten unmerklich zusammen und warfen sich einen raschen Blick zu, dann bemerkte der erstere gleichgültig: »Lavarède ist der Name, den die seinerzeit in Westaustralien internierte Person für sich beanspruchte …, Sie erinnern sich, er hatte sich in ägyptische Angelegenheiten gemischt.«

»Genau, Freund James. Aber das ist sicher nicht derselbe. Der würde doch nicht hierher zurückkommen. Wir werden uns morgen darum kümmern.«

Doch dieses Vertrösten auf den nächsten Tag war Littlething mitnichten recht.

»Je länger ich darauf warten muß, desto mehr leidet der Ruf meines Hauses«, erwiderte der Hotelier.

»Ach, gehen Sie!« rief der Polizeichef ungeduldig aus. »Hören Sie auf, mich zu behelligen. Heute abend bin ich zu beschäftigt. Bitten Sie Ihren Gast nur, nicht zu früh aufzustehen, denn um sechs Uhr werde ich ganz sicher nicht im Park sein. Kommen Sie morgen früh mit Ihren Sorgen zu mir.«

»Ich brauche nicht morgen früh zu kommen, wenn ich sie jetzt gleich mitgebracht habe. Mein Personal ist über jeden Zweifel erhaben. Es ist ein ausgesuchtes Personal, ich verbürge mich für meine Leute. Aber drei Fremde haben das Appartement von Mr. Lavarède betreten: zwei Träger aus dem Hafen und dieser komische Kerl da.«