»Klasse«, sagte ich. »Ich auch nicht.«
»Ich werde dir den Rest deines Lebens auf den Fersen sein!«
»Natürlich wirst du das«, erwiderte ich. »Du bist ein Elb.«
Damit kehrte ich ihm den Rücken zu und ignorierte ihn. Ich wusste, das würde ihn am meisten verärgern. Es war sinnlos, einen Elben zu verhören. Er würde sich eher seine Zunge herausschneiden, als dass er das Risiko einging, er könnte irgendetwas sagen, dass mir helfen würde. Ich sah nachdenklich zu dem Mönch in der scharlachroten Robe und er straffte sich selbstbewusst unter meinem silbernen Blick. »Wisse, o Sterblicher«, sagte er in einer überraschend vollen, tiefen und befehlsgewohnten Stimme. »Wisse, dass ich Melmoth der Wanderer bin, die ursprüngliche verlorene Seele, auf der die Legende gegründet ist. Lange bin ich gewandert, über die ganze Welt, durch Länder und zu Völkern, von denen selbst die Namen vergessen sind.«
Und dann hörte er auf, weil ihn jeder im Café auslachte. Ich konnte es ihnen nicht verübeln. Ich habe schon zu meiner Zeit ein Dutzend Melmoths getroffen, die alle für sich beanspruchten, das Original zu sein, und ebenso viele Draculas, Fausts oder Grafen von St. Germaine. Selbst Unsterbliche haben ihre Vorbilder. Ich lehnte mich weiter nach vorn, um das sumerische Amulett näher betrachten zu können, und der Mönch zuckte in seinem Stuhl zurück. Aus der Nähe war das Ding ganz klar als Fälschung zu erkennen, und ich drehte dem Mönch ebenso meinen Rücken zu. Ich ging zu den Frankenstein-Monstern.
Sie waren beide groß und ziemlich stämmig, aber sie konnten immer noch als menschlich durchgehen, wenn sie sich nur gut einpackten. Hier im Café Nacht, wo sie unter sich waren, kümmerte sie das nicht. Ihre schwarzen Motorradjacken hingen weit offen und enthüllten die Y-förmigen Autopsienarben auf ihrer Brust. Einer war mal ein Mann, der andere eine Frau gewesen, aber derart subtile Unterscheidungen hatten ihre chirurgische Wiedergeburt nicht überlebt. Es waren Monster, mit nichts Menschlichem mehr in ihren Gesichtern oder Gedanken. Ihre Gesichter waren grau, die Lippen schwarz, ihre Augen gelb wie Urin, die Augenlider fielen schlaff von trockenen Augäpfeln weg. Lange Reihen von Stichnarben konnte man auf ihrer Stirn sehen, wo der Baron ihre Schädel aufgesägt hatte, um ein neues Hirn hineinfallen zu lassen. Im Gegensatz zu allen anderen in diesem Café waren die beiden von mir nicht eingeschüchtert oder auch nur beeindruckt. Solche Gefühle hatten sie hinter sich gelassen, im Grab. Ihre Gedanken und Herzen waren kalt und sie kümmerten sich um nichts, womit ich ihnen hätte drohen können, weil ihnen das Schlimmste schon geschehen war. Es ergab keinen Sinn, sie irgendetwas zu fragen.
Blieb nur noch das Hungrige Herz, das allein an seinem Tisch saß, in gebührendem Abstand zu jedem anderen, weil einige Dinge eben einfach zu beunruhigend sind. Selbst für Unsterbliche. Ein Mann, der so dünn war, dass er beinahe schon nicht mehr anwesend war, aber getrieben von einer schrecklichen Energie. Als wir seinen Tisch erreichten, sah er zu Molly und mir auf, fuhr aber trotzdem fort, sein rohes Fleisch zu essen. Er kaute verzweifelt und schob sich mit seinen dünnen, knochigen Fingern Stücke in den Mund zurück. Er brachte eine Art Lächeln zustande, und Blut lief sein Kinn herunter.
Ich kannte seine Geschichte, das tat jeder. Es ist in unserer Zeit eines der großen, warnenden Beispiele mit Moraclass="underline" Verärgere niemals einen Voodoo-Priester mit einem fiesen Sinn für Humor. Das Hungrige Herz lebt für immer im Griff eines niemals nachlassenden Hungers, der nie gesättigt werden kann und es kann nur überleben, wenn es alle 24 Stunden sein eigenes Körpergewicht in rohem Fleisch isst. Er muss sich schwer sedieren, um überhaupt hin und wieder ein paar Stunden schlafen zu können.
Also - schlafen Sie nie mit der Tochter eines Voodoo-Priesters, schwängern Sie sie unter keinen Umständen und laufen Sie auf keinen Fall hinterher davon, weil Sie glauben, einmal um die halbe Welt zu fliehen, könnte Sie aus der Reichweite des Vaters bringen.
Ich schätze, es war gut, dass das Hungrige Herz kein Vegetarier war. Das wäre wirklich schrecklich gewesen.
Keiner weiß, wie alt das Hungrige Herz wirklich ist. Oder wie lange der arme Bastard wohl noch leben wird. Ich glaube, es kommt auf seine Stärke oder seinen Willen an. Er beendete den letzten Bissen des rohen Fleischs auf seinem Teller, leckte seine blutigen Finger ab, sah traurig auf den leeren Teller und erst dann auf Molly und mich.
»Jedes Fleisch ist mir recht«, sagte er in einer überraschend sanften und alltäglichen Stimme. »So lange es roh ist. Menschenfleisch ist das beste. Wie eine Droge. Ich bin süchtig danach geworden. Ich frage mich: Wie geil wäre es, wenn ich etwas von einem … Drood zu essen bekäme?«
»Tut mir leid«, sagte ich prompt. »Dosenfleisch ist heute nicht auf der Karte.«
»Was wollt ihr hier?«, fragte das Hungrige Herz, und alle Müdigkeit der Welt lag in seiner Stimme. »Keiner hier will irgendwelchen Ärger. Wir haben selbst alle genug. Alles, was wir wollen, ist unsere eigenen Wunden lecken und dabei unter uns bleiben.«
»Wir wollen nur eine kleine Information«, sagte Molly heiter. »Wir möchten wissen, wo sich Mr. Stich aufhält, und uns wurde zu verstehen gegeben, dass er hier manchmal auftaucht.«
»Das ist nun wirklich eine Beleidigung«, sagte der Elbenlord und stand anmutig auf. In seiner Hand blitzte ein schlanker, schimmernder Dolch auf. »Als ob wir so einen Verruchten wie Mr. Stich in unserem ausgesuchten kleinen Kreis dulden würden. Wir haben unser Niveau.«
»Ja«, sagte der Mönch und stand ebenfalls auf. Er schob die Ärmel seiner scharlachroten Robe über muskelbepackte Unterarme. »Ihr kommt her und beleidigt uns ins Gesicht? Werft uns mit jemandem wie Mr. Stich in einen Topf? Es gibt auch für uns eine Grenze, bis zu der wir uns ausnutzen lassen.«
Die Frankenstein-Monster waren jetzt auch aufgestanden und sahen so noch imposanter und größer aus. Und das Hungrige Herz seufzte, schob seinen leeren Teller weg und erhob sich ebenfalls. »Ich habe Hunger«, sagte es. »Hat jemand einen Dosenöffner?«
»Ich vielleicht«, sagte der Mönch. Er zog ein kurzes Messer unter seiner Robe hervor. »Das ist das Messer, das Judas Ischariot vom Baum schnitt, nachdem er sich daran erhängt hatte, auf dem Blutacker, dem Hakeldama. Die Legende sagt, dass dieses Messer durch alles schneiden kann. Vielleicht sogar durch eine Drood-Rüstung.«
Für jemanden, der so alt war, zuckte er unglaublich schnell nach vorn. Der Dolch bohrte sich in meine Seite, rutschte an der silbernen Rüstung funkenschlagend ab und ließ sie vollkommen unbeschädigt. Der Mönch stolperte, verlor die Balance und ich schlug ihm auf den Kopf. Die ganze linke Seite seines Gesichts wurde platt, Knochen krachten und splitterten, aber er fiel nicht. Er hob sein Messer erneut, um nach mir zu stechen, also schnappte ich mir mit beiden silbernen Händen seinen Kopf und drehte ihn so um, dass er nach hinten sah. Sein Genick brach mit lautem Knacken, aber immer noch fiel er nicht. Ich schubste ihn weg und er stolperte im Café herum, verwirrt und fassungslos.
Jetzt war jeder im Café zum Ausgang gestürzt, weil er sich nicht mit einem Drood in voller Rüstung anlegen wollte und ich war froh, sie gehen zu sehen. Sie wären nur im Weg gewesen. Die beiden Frankenstein-Kreaturen hatten Molly umzingelt und griffen mit großen, nicht zusammenpassenden Händen nach ihr. Molly lachte ihnen in ihre hässlichen Gesichter und traf sie mit einem einfachen Zauberspruch, mit dem sich all ihre Nähte auf einmal lösten. Die beiden Monster schrien mit schrillen, hoffnungslosen Stimmen auf, als uraltes Katgut wie durch Feuerwerk in ihrer Haut aufplatzte und die Narben aufgehen ließ wie Reißverschlüsse. Sie fielen auseinander, Stück für Stück, und ihre Einzelteile platschten auf den Boden. Erst langsam, dann immer schneller. Hände fielen von Armen, Arme von Ellbogen und dann von den Schultern. Beine brachen zusammen. Torsi fielen zu Boden, brachen auf und verteilten längst abgestorbene und konservierte Organe auf dem Fußboden. Die Köpfe waren zuletzt dran. Ihre Gesichtszüge glitten einer nach dem anderen herunter, bis schließlich die Schädel aufplatzten und das vertrocknete, graue Hirn herausfiel.