Einer nach dem anderen kam nach vorne und kniete vor dem scharlachroten Leuchten - alle fünfzig, die wenigen Auserwählten, die neuen Ritter der Familie - und aus dem Nichts erschienen silberne Reifen um ihren Hals. Für jeden Namen erklang großer Jubel, und die Familienmitglieder applaudierten, bis jedem die Hände wehtaten. Überall gab es Lächeln und Tränen und eine Menge Getrampel. Jeder schien zu denken, dass diese Torques etwas Besonderes waren, weil sie sich die Rüstungen verdient hatten.
Am Ende schubste mich der Innere Zirkel nach vorn, damit ich ein paar passende Worte sagte. Ich wollte das eigentlich nicht, aber jeder schien das von mir zu erwarten. Ich bekam ordentlich Applaus, als ich vortrat, wenn auch vielleicht keinen so großen wie die auserwählten Fünfzig, und er erstarb auch schnell, als ich meine Hände hob und mit einer Geste um Ruhe bat.
»Das ist der Beginn eines neuen Tages«, sagte ich. »Für die Familie und die Welt. Wir sitzen nicht mehr herum und erwarten die Gefahren, um erst dann darauf zu reagieren. Wir werden den Feind bekämpfen. Und wir werden damit anfangen, die Abscheulichen zu schlagen! Ich werde eine Kampfgruppe gegen ihre neue Operationsbasis anführen, fünfzig Männer und Frauen mit Rüstungen und zweihundert Freiwillige, die mit dem Allerbesten ausgerüstet werden, das die Waffenmeisterei hergibt. Begrüßt diese Krieger! Die Droods ziehen in den Krieg und die Abscheulichen sind Geschichte! Merkt euch diesen Tag, meine Familie, meine Freunde. Es ist an der Zeit, der Welt zu zeigen, dass die Droods wieder jemand sind!«
Danach fragte mich Molly: »Wer hat dir bloß gesagt, dass du eine Rede halten kannst?«
»Es ist ein dreckiger Job«, sagte ich. »Aber irgendjemand muss ihn tun!«
Wir flogen mit der Familienflotte von Black Hawks nach Südamerika. Große schwarze Biester im Himmel, elegant und schnittig und angetrieben von kraftvollen Maschinen, die wir aus einem Alien-Raumschiff geborgen haben, das 1947 in einem Feld bei Wiltshire eine Bruchlandung hinlegte. Fünf Flugzeuge, die fünfzig Männer und Frauen mit ihren Rüstungen transportierten, zweihundert Freiwillige, mich selbst, Molly, Janitscharen Jane und Mr. Stich - und Harry und Roger Morgenstern. Ich wäre auch ohne Letzteren ausgekommen, aber Harry hatte ohne ihn nicht gehen wollen. Molly und ich waren dabei, weil ich es so gewollt hatte, Janitscharen Jane, weil sie die Leute trainiert hatte und mehr über die Bekämpfung von Dämonen wusste, als wir anderen zusammengenommen, und Mr. Stich, weil … na ja, hauptsächlich, weil ich einen teuflischen, übernatürlichen Serienkiller auf meiner Seite haben wollte, falls irgendetwas schiefgehen sollte.
Und weil ich ihn in meiner Nähe haben wollte, wo ich ein wachsames Auge auf ihn haben konnte.
Mr. Stich hatte sich dem Rest von uns nicht angeschlossen, als wir die Rüstungen im Sanktum vergeben hatte, aber ich hatte das auch nicht erwartet. Er war nicht gerade ein geselliger Mensch. Also schickte ich nach der Zeremonie Penny zu ihm, um ihm von dem bevorstehenden Angriff auf die Abscheulichen zu erzählen. Als sie nicht in einem angemessenen Zeitraum zurück war, war ich schon ein bisschen beunruhigt. Ich fand eine stille Ecke, schloss die Tür ab, stellte Merlins Spiegel entsprechend ein und befahl ihm, nach Penny und Mr. Stich zu suchen, egal, wo sie sich befanden. Mein Spiegelbild verschwand und die beiden erschienen darin, einträchtig im Park spazierend. Einfach nur herumschlendernd und schwatzend. Penny schien in Mr. Stichs Gegenwart völlig entspannt, selbst nachdem ich mich selbst übertroffen hatte, ihr zu beschreiben, was er war und was er getan hatte. Ihre Stimmen waren für mich klar zu hören.
»Ich hätte nicht gedacht, dass Sie der Typ für Frischluft und offene Landschaften sind«, sagte Penny. »Ich hatte Sie als Stadtmensch eingeschätzt.«
»Ich bin lieber hier draußen«, sagte Mr. Stich.
»Ist das Zimmer, das wir Ihnen gegeben haben, nicht bequem genug?«
»In all den Jahren habe ich eine Menge Zimmer kennengelernt«, sagte Mr. Stich. Er hatte seinen Blick geradeaus gerichtet und sah Penny nicht an. »Sie sind eigentlich immer gleich. Einfach Orte, an denen ich für eine Weile bleiben kann, bevor ich weiterziehen muss. In der letzten Zeit habe ich ein kleines Notizbuch bei mir, um mich daran zu erinnern, wo ich übernachte und welchen Namen ich gerade verwende. Für mich gibt es kein Heim, nicht mehr. Das ist eins der vielen menschlichen Dinge, die ich aufgeben musste, um zu werden, was ich bin. Mein Zimmer hier ist absolut passend. Sogar luxuriös. Aber nein, ich fühle mich nicht wohl hier im Herrenhaus. Mir wird nicht gestattet, zu töten und die Versuchung ist groß. Das ist wider meine Natur. Es nagt an meiner Seele, bis ich nichts anderes als Blut sehen kann. Und deshalb verbringe ich so viel Zeit in Ihrem großen Park, fort von der … Versuchung.«
»Ich glaube, ich habe Sie noch nie so viel auf einmal sagen hören«, meinte Penny. »Sie sind ein sehr interessanter Mann, Mr. Stich.«
Er sah sie das erste Mal an. »Sie haben keine Angst vor mir?«
»Ich bin eine Drood«, erwiderte Penny. »Es braucht schon einiges, uns Angst einzujagen. Außerdem sind Sie bald in Südamerika, um gegen die Abscheulichen vorzugehen. Da wird es selbst für Sie genug zum Töten geben, wissen Sie.«
»Das ist nicht dasselbe«, sagte Mr. Stich. »Ich muss morden, das Fleisch zerschneiden und Blut vergießen, um das Leid in den Augen der Opfer zu sehen. Das tue ich. Es ist alles, was ich habe.«
»Und Sie töten immer nur Frauen?«
»Ja. Weil es nunmehr die einzige Form der Intimität ist, die ich kenne. Meine Strafe und meine Belohnung.«
»Ist es wahr, … dass Sie all die Dinge getan haben, die man Ihnen nachsagt?«
»Aber ja. All das und mehr. Machen Sie keinen Fehler, Penny: Ich habe schreckliche Dinge getan und darin geschwelgt. Ich habe meine Arme tief in die Eingeweide des Schreckens versenkt und rot tropfend bis zum Ellbogen wieder herausgezogen. Sie haben mich Jack the Ripper genannt und das war ich. Die Dinge, die ich Marie Kelly in diesem kleinen verlassenen Zimmerchen antat … Ich habe sie wie ein Buch geöffnet und ihre Geheimnisse gelesen. Ich habe einmal der Presse einen Brief geschickt, und habe ihnen meine Adresse gegeben - aus der Hölle stand darauf. Und das war erst der Anfang.«
»Und Sie … müssen töten? Sie sind gezwungen dazu?«
»Ja.«
»Dann …, wenn Sie keine Wahl haben, dann ist es doch gar nicht Ihre Schuld, oder?«
»Doch, das ist es, Penny. Ich habe diese sechs Frauen aus freiem Willen getötet. Ich habe die Agonie und den Schrecken in ihren sterbenden Augen genossen und ihre letzten Atemzüge wie den feinsten Wein gekostet. Und wenn diese besondere Form der Unsterblichkeit auch nicht das ist, was ich nach der Schlachtzeremonie erwartet hatte, es ist die Hölle, die ich für das Böse bekommen habe, damals in diesem ungewöhnlich warmen Herbst 1888.«
»Aber hier haben Sie noch niemanden getötet«, bemerkte Penny.
»Ich habe mein Wort gegeben. Aber es wird nicht lange halten. Das tut es nie.«
»Das ist ein neuer Ort. So etwas wie das Drood'sche Herrenhaus haben Sie noch nie erlebt. Alles ist hier möglich. Selbst die Erlösung. Kommen Sie mit zurück ins Herrenhaus. Und vielleicht … vielleicht kann ich Ihnen zeigen, dass Sie stärker sind als Sie ahnen.«
Er sah sie für einen langen Moment an. »Das kann nur übel enden, Penny.«
»Das glaube ich nicht«, sagte Penny. »Ich habe so etwas nie geglaubt.«