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Er lächelte beifällig, offenbar erfreut über die Haltung des Junkers. Rostow fühlte sich völlig glücklich. In diesem Augenblick erschien ein höherer Kommandeur auf der Brücke. Denisow galoppierte zu ihm hin.

»Exzellenz! Erlauben Sie, daß wir attackieren! Ich werde sie in die Flucht jagen!«

»Was reden Sie von Attackieren!« erwiderte der höhere Kommandeur in verdrießlichem Ton und zog das Gesicht in Falten, wie wenn ihn eine Fliege belästigte. »Wozu halten Sie denn hier noch? Sie sehen ja, daß die Tirailleure sich zurückziehen. Führen Sie die Eskadron zurück!«

Die Eskadron überschritt die Brücke und kam außer Schußweite, ohne auch nur einen Mann verloren zu haben. Hinter ihr ritt auch die zweite Eskadron, welche auf Vorposten gewesen war, herüber, und auch die letzten Kosaken räumten das jenseitige Ufer.

Die beiden Pawlograder Eskadronen gingen, nachdem sie die Brücke überschritten hatten, eine hinter der andern wieder bergauf zurück. Der Regimentskommandeur Karl Bogdanowitsch Schubert ritt zu Denisows Eskadron heran und kam im Schritt nicht weit von Rostow vorüber, ohne ihn im geringsten zu beachten, obwohl sie nach dem Renkontre in der Teljaninschen Affäre einander jetzt zum erstenmal wiedersahen. Rostow, der sich hier in der Front in der Gewalt des Mannes fühlte, gegen den er sich, wie er jetzt urteilte, vergangen hatte, verwandte kein Auge von dem herkulischen Rücken, dem blonden Hinterkopf und dem roten Hals des Regimentskommandeurs. Mitunter hatte Rostow die Vorstellung, daß Bogdanowitsch sich nur so stelle, als ob er ihn gar nicht beachte, und daß seine ganze Absicht jetzt darauf hinauslaufe, zu sehen, wie es mit seiner, des Junkers, Tapferkeit stehe; und dann richtete Rostow sich gerade auf und blickte fröhlich um sich. Bald wieder kam es ihm so vor, als ob Bogdanowitsch absichtlich in seine Nähe komme, um ihn seine, des Regimentskommandeurs, Tapferkeit sehen zu lassen. Und dann wieder kam ihm der Gedanke, sein Feind werde die Eskadron jetzt absichtlich in eine tollkühne Attacke hineinschicken, um ihn, Rostow, zu bestrafen. Und dann wieder malte er es sich aus, wie nach der Attacke der Regimentskommandeur zu ihm treten und ihm, dem Verwundeten, großmütig die Hand zur Versöhnung reichen werde.

Die den Pawlogradern wohlbekannte Gestalt Scherkows mit den hochgezogenen Schultern (der Kornett war vor einigen Tagen zum zweitenmal aus dem Regiment ausgeschieden) näherte sich zu Pferd dem Regimentskommandeur. Scherkow war, nachdem man ihn aus dem Hauptquartier weggejagt hatte, nur kurze Zeit beim Regiment geblieben. Er hatte gesagt, er würde doch nicht so dumm sein und sich im Frontdienst abplagen, während er beim Stab, ohne etwas zu tun, ein besseres Avancement haben könne, und hatte es einzurichten verstanden, daß er beim Fürsten Bagration Ordonnanzoffizier geworden war. Nun kam er zu seinem früheren Regimentskommandeur mit einem Befehl von dem Kommandeur der Arrieregarde.

»Oberst«, sagte er mit finsterem Ernst, indem er sich zu Rostows Feind wandte und dabei seinen Blick auch über seine früheren Kameraden schweifen ließ, »es ist befohlen worden, haltzumachen und erst die Brücke anzuzünden.«

»Wer hat das befohlen?« fragte der Oberst ingrimmig.

»Das weiß ich nicht, Oberst, wer das befohlen hat«, antwortete der Kornett ernst. »Ich kann nur sagen, daß mir der Fürst befohlen hat: ›Reite hin und sage dem Obersten, die Husaren sollten schleunigst wieder umkehren und die Brücke anzünden‹.«

Gleich nach Scherkow kam ein Offizier à la suite mit demselben Befehl zu dem Husarenobersten herangesprengt. Und unmittelbar nach dem Offizier à la suite kam auf einem Kosakenpferd, das ihn im Galopp nur mit Anstrengung tragen konnte, der dicke Neswizki herbei.

»Aber was soll denn das heißen, Oberst?« schrie er, ehe er noch heran war. »Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollten die Brücke in Brand stecken; und nun ist das wie in den Wind gesprochen! Die Herren vom Stab sind außer sich; kein Mensch weiß sich die Geschichte zu erklären.«

Ohne sich zu übereilen, ließ der Oberst das Regiment haltmachen und wandte sich zu Neswizki.

»Sie haben mir etwas von den Brennstoffen gesagt«, erwiderte er. »Aber davon, daß ich die Brücke anzünden sollte, haben Sie mir nichts gesagt.«

»Aber Väterchen«, entgegnete Neswizki, der sein Pferd angehalten hatte, die Mütze abnahm und sich mit seiner dicken Hand die schweißtriefenden Haare zurechtstrich, »wie sollte ich denn nichts vom Anzünden der Brücke gesagt haben, wenn doch die Brennstoffe schon zurechtgelegt waren?«

»Ich bin für Sie kein ›Väterchen‹, Herr Stabsoffizier, und Sie haben mir nicht gesagt, daß ich die Brücke in Brand stecken soll! Ich kenne den Dienst und bin gewohnt, einen Befehl genau auszuführen. Sie haben mir gesagt, die Brücke solle angesteckt werden; aber wer sie anstecken solle, das ist mir vom Heiligen Geist nicht offenbart worden.«

»Na ja, immer dieselbe Geschichte!« sagte Neswizki und schwenkte dabei den Arm, als ob er sagen wollte: Gegen solchen Unverstand ist man machtlos … … »Wie kommst du denn hierher?« wandte er sich an Scherkow.

»Zu demselben Zweck wie du. Aber du bist ja ganz durchnäßt; erlaube, ich werde dich auswringen.«

»Sie sagten, Herr Stabsoffizier …«, fuhr der Oberst in gekränktem Ton fort.

»Oberst«, unterbrach ihn der Offizier à la suite, »Sie müssen sich beeilen, sonst bringt der Feind seine Artillerie so nah heran, daß er Sie mit Kartätschen beschießen kann.«

Der Oberst blickte schweigend den Offizier à la suite, den dicken Stabsoffizier und Scherkow an und zog ein finsteres Gesicht.

»Ich werde die Brücke in Brand stecken«, sagte er in feierlichem Ton, wie wenn er dadurch zum Ausdruck bringen wollte, daß er trotz aller ihm angetanen Kränkungen dennoch tun werde, was erforderlich sei.

Mit seinen langen, muskulösen Beinen schlug er sein Pferd so heftig, als wäre dieses an allem schuld, ritt vor die Front und erteilte der dritten Eskadron, eben derjenigen, in welcher Rostow unter dem Rittmeister Denisow diente, den Befehl, nach der Brücke umzukehren.

»Es ist also richtig«, dachte Rostow. »Er will mich auf die Probe stellen.« Sein Herz zog sich krampfhaft zusammen, und das Blut stürzte ihm ins Gesicht. »Mag er mich beobachten, ob ich ein Feigling bin«, dachte er.

Wieder trat auf allen Gesichtern bei der Eskadron an die Stelle der Heiterkeit jener ernste Zug, der vorhin auf ihnen gelegen hatte, als die Eskadron den Kanonenkugeln ausgesetzt war. Rostow blickte, ohne die Augen einen Moment wegzuwenden, auf seinen Feind, den Regimentskommandeur, in dem Wunsch, auf dessen Gesicht eine Bestätigung seiner Vermutungen zu finden; aber der Oberst sah ihn auch nicht ein einziges Mal an; sein Gesicht war, wie immer, wenn er vor der Front stand, streng und feierlich. Ein Kommando ertönte.

»Rasch, rasch!« hörte Rostow einige Stimmen in seiner Nähe sagen.

Mit den Säbeln an den Zügeln hängenbleibend und mit den Sporen klirrend, stiegen die Husaren eilig ab, ohne selbst zu wissen, was sie nun zu tun hatten. Sie bekreuzten sich. Rostow sah nicht mehr nach dem Regimentskommandeur hin; dazu hatte er jetzt keine Zeit. Er fürchtete, fürchtete mit Herzbeklemmung, er würde vielleicht mit den Husaren nicht schnell genug mitkommen können. Seine Hand zitterte, als er sein Pferd einem Pferdehalter übergab, und er fühlte, wie ihm das Blut laut pochend zum Herzen strömte. Denisow ritt, den Oberkörper nach hinten zurücklegend und irgend etwas schreiend, an ihm vorbei. Rostow sah nichts als die Husaren, die rings um ihn nach der Brücke zu liefen und dabei mit den Sporen anhakten und mit den Säbeln rasselten.

»Die Tragbahren!« rief eine Stimme von hinten.

Rostow dachte nicht darüber nach, was es zu bedeuten habe, daß jetzt Tragbahren verlangt wurden; er lief, einzig und allein bemüht, allen vorauszukommen; aber dicht bei der Brücke geriet er, da er nicht vor seine Füße sah, in zähen, auseinandergetretenen Schmutz, glitt aus und fiel auf die Hände. Die andern liefen an ihm vorbei.