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Damit trennte sich Denisow von Rostow und ritt auf eine nicht weit entfernt stehende Gruppe zu; es waren der Regimentskommandeur, Neswizki, Scherkow und der Offizier à la suite.

»Es scheint aber, daß es niemand gemerkt hat«, dachte Rostow mit Bezug auf sein Verhalten. Und wirklich war niemandem etwas aufgefallen, weil jedem das Gefühl bekannt war, das ein Junker durchmachen muß, wenn er zum erstenmal ins Feuer kommt.

»Na, nun werden wir aber mal einen Bericht über Sie machen«, sagte Scherkow. »Sie sollen sehen, es wird auch für mich etwas dabei abfallen, die Beförderung zum Sekondeleutnant.«

»Melden Sie dem Fürsten, daß ich die Brücke in Brand gesteckt habe«, sagte der Oberst in heiterem, feierlichem Ton.

»Und wenn nach den Verlusten gefragt wird?«

»Unbedeutend!« antwortete der Oberst mit seiner Baßstimme. »Zwei Husaren verwundet und einer zur Strecke gebracht«, sagte er mit sichtlicher Freude und außerstande, ein glückseliges Lächeln zu unterdrücken, während er die schöne Wendung »zur Strecke gebracht« klangvoll aussprach.

IX

Verfolgt durch eine französische Armee von hunderttausend Mann unter Bonapartes Kommando, mißgünstig aufgenommen von einer feindlich gesinnten Bevölkerung, ihren Verbündeten nicht mehr vertrauend, an Proviant Mangel leidend und genötigt, ohne alle Vorausberechnung, lediglich aufs Geratewohl zu operieren, zog sich die unter Kutusows Befehl stehende russische Armee in einer Stärke von fünfunddreißigtausend Mann eilig donauabwärts zurück; sooft der Feind sie einholte, machte sie halt und schlug ihn durch Nachhutgefechte nur so weit zurück, als notwendig war, um ohne den Verlust der Bagage weiterziehen zu können. Es fanden Gefechte bei Lambach, Amstetten und Melk statt; aber trotz der von dem Feind selbst anerkannten Tapferkeit und Standhaftigkeit, mit der sich die Russen schlugen, war die Folge dieser Kämpfe nur ein noch schnelleres Zurückweichen. Diejenigen österreichischen Heeresteile, die bei Ulm der Gefangennahme entgangen waren und sich bei Braunau mit Kutusow vereinigt hatten, trennten sich jetzt von dem russischen Heer, und Kutusow sah sich lediglich auf seine eigenen schwachen, erschöpften Truppen angewiesen. Wien noch weiter zu schützen, daran war überhaupt nicht mehr zu denken. Statt eines nach den Gesetzen der Strategie, dieser neuerfundenen Wissenschaft, tiefsinnig erdachten Angriffskrieges, zu welchem dem russischen Feldherrn während seines Aufenthaltes in Wien der Plan von dem österreichischen Hofkriegsrat eingehändigt worden war, statt dessen bestand jetzt das einzige, aber fast unerreichbare Ziel, das sich Kutusow setzte, darin, die Armee vor einem Schicksal, wie es die Macksche bei Ulm erlitten hatte, zu bewahren und sich mit den aus Rußland kommenden Truppen zu vereinigen.

Am 28. Oktober ging Kutusow mit dem Heer auf das linke Donauufer hinüber und machte, nachdem er die Donau zwischen sich und die Hauptstreitkräfte der Franzosen gebracht hatte, zum erstenmal Rast. Am 30. Oktober griff er die auf dem linken Donauufer befindliche Division Mortier an und brachte ihr eine völlige Niederlage bei. Bei diesem Kampf wurden zum erstenmal Trophäen erbeutet: eine Fahne, eine Anzahl von Geschützen und zwei feindliche Generale fielen den Russen in die Hände. Zum erstenmal nach einem zwei Wochen dauernden Rückzug waren die russischen Truppen stehengeblieben und hatten nach dem Kampf nicht nur das Schlachtfeld behauptet, sondern auch die Franzosen in die Flucht gejagt. Trotzdem die Truppen abgerissen, entkräftet und durch den Abgang der Nachzügler, Kranken, Verwundeten und Gefallenen auf ein Drittel ihrer ursprünglichen Stärke reduziert waren; trotzdem die Kranken und Verwundeten auf dem andern Donauufer hatten zurückgelassen werden müssen, mit einem Brief Kutusows, in dem sie der Humanität des Feindes empfohlen wurden; trotzdem in Krems die großen Hospitäler und die in Lazarette umgewandelten Privathäuser all die Kranken und Verwundeten nicht mehr fassen konnten: trotz alledem hob der Aufenthalt in Krems und der Sieg über Mortier den Mut der Truppen ganz bedeutend. In der gesamten Armee und im Hauptquartier waren die erfreulichsten, wiewohl unzutreffenden Gerüchte über die vermeintliche Annäherung großer Heeressäulen aus Rußland, über einen von den Österreichern errungenen Sieg und über den Rückzug des bestürzten Bonaparte verbreitet.

Fürst Andrei hatte sich während des Kampfes in der Umgebung des österreichischen Generals Schmidt befunden, der in diesem Treffen fiel. Dem Fürsten wurde das Pferd unter dem Leib verwundet, und er selbst erhielt einen leichten Streifschuß an der Hand. Zum Zeichen besonderer Gunst schickte ihn der Oberkommandierende mit der Nachricht von diesem Sieg an den österreichischen Hof, der sich nicht mehr in dem von den französischen Truppen bedrohten Wien, sondern in Brünn befand. Als Fürst Andrei in der Nacht nach dem Kampf, aufgeregt, aber nicht ermüdet (trotz seiner anscheinend nur schwachen Konstitution konnte er körperliche Anstrengungen weit besser ertragen als die stärksten Leute), mit dem Rapport Dochturows zu Kutusow nach Krems geritten war, wurde er noch in derselben Nacht als Kurier nach Brünn gesandt. Die Entsendung als Kurier gab, auch abgesehen von den augenblicklichen Auszeichnungen, eine gute Anwartschaft auf Beförderung.

Die Nacht war dunkel, obgleich die Sterne sichtbar waren; der Weg hob sich schwarz von dem weißen Schnee ab, der tags zuvor, am Tag des Treffens, gefallen war. Indem er bald die Erlebnisse des hinter ihm liegenden Kampfes noch einmal vor seinem geistigen Auge vorbeiziehen ließ, bald mit stillem Genuß sich den Eindruck ausmalte, den er durch die Siegesnachricht hervorbringen werde, in Erinnerung daran, mit welcher Freude ihn als den Überbringer dieser Nachricht der Oberkommandierende Kutusow und die Kameraden empfangen und wie herzlich sie von ihm Abschied genommen hatten – so jagte Fürst Andrei in einer leichten Postkutsche dahin. Es war ihm zumute wie jemandem, der auf ein Glück lange und sehnlich gewartet und nun endlich den Anfang desselben erreicht hat. Sobald er die Augen schloß, klangen ihm in den Ohren Gewehrknattern und Kanonendonner und flossen mit dem Rasseln der Räder und dem Gedanken an den Sieg zu einer einzigen Empfindung zusammen. Einigemal entstand in seinem Gehirn die Wahnvorstellung, die Russen seien in die Flucht geschlagen und er selbst getötet; aber dann erwachte er sofort mit einem Gefühl der Glückseligkeit, wie wenn er eben erst erführe, daß nichts davon geschehen sei und vielmehr die Franzosen geflohen seien. Von neuem rief er sich alle Einzelheiten des Sieges ins Gedächtnis zurück, und was für eine Ruhe und Mannhaftigkeit er selbst während des Kampfes bewiesen hatte; und beruhigt schlummerte er dann wieder ein … Auf die dunkle Nacht mit dem sternbesäten Himmel folgte ein heller, heiterer Morgen. Der Schnee taute in der Sonne; die Pferde trabten schnell dahin, und gleichförmig zogen rechts und links immer neue, mannigfaltige Wälder, Felder und Dörfer vorüber.

Auf einer der Stationen überholte er eine Anzahl von Wagen mit russischen Verwundeten. Der russische Offizier, der den Transport leitete, hatte sich auf dem vordersten Wagen bequem ausgestreckt und schrie einem Soldaten unter groben Schimpfworten etwas zu. Auf langen Leiterwagen, die auf dem steinigen Weg entsetzlich stoßen mochten, lagen je sechs oder auch noch mehr Verwundete, mit blassen Gesichtern, nur notdürftig verbunden und mit Schmutz bedeckt. Einige von ihnen redeten miteinander (er hörte, daß sie russisch sprachen), andere aßen Brot; die Schwerverwundeten blickten mit schmerzlicher, ergebungsvoller Miene und mit einem kindlichen Interesse zu dem vorbeijagenden Kurier hin.

Fürst Andrei ließ seinen Postillion anhalten und fragte einen der Verwundeten, in welchem Kampf sie verwundet worden seien.

»Vorgestern, an der Donau«, antwortete dieser. Fürst Andrei zog seine Börse heraus und gab ihm drei Goldstücke.