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Pierre gab auf Anna Pawlownas Frage, betreffend Helenens vollendete Kunst sich zu benehmen, mit voller Aufrichtigkeit eine bejahende Antwort. Wenn er manchmal an Helene gedacht hatte, so hatte er namentlich an zwei ihrer Eigenschaften gedacht: an ihre Schönheit und an die außerordentliche, ruhige Geschicklichkeit, mit der sie in Gesellschaft eine schweigsam würdige Haltung beobachtete.

Die Tante empfing die beiden jungen Leute in ihrem Eckchen mit dem üblichen Lächeln, schien aber ihre schwärmerische Verehrung für Helene absichtlich verbergen und vielmehr ihre Furcht vor Anna Pawlowna zum Ausdruck bringen zu wollen. Sie blickte ihre Nichte an, wie wenn sie fragen wollte, was sie denn eigentlich mit diesen beiden jungen Leuten anfangen solle. Als Anna Pawlowna von ihnen zurücktrat, berührte sie noch einmal mit der Fingerspitze Pierres Rockärmel und sagte leise:

»Ich hoffe, Sie werden nun nicht mehr sagen, daß man sich bei mir langweilt.« Dabei richtete sie ihren Blick auf Helene.

Helene lächelte mit einer Miene, welche besagte, sie halte es für unmöglich, daß jemand sie ansehe, ohne von ihr entzückt zu sein. Die Tante räusperte sich, schluckte den Speichel hinunter und sagte auf französisch, sie freue sich sehr, Helene zu sehen; dann wandte sie sich mit derselben Begrüßung und mit derselben Miene zu Pierre. Während des langweiligen, wiederholt stockenden Gesprächs blickte Helene einmal nach Pierre hin und lächelte ihn mit jenem klaren, schönen Lächeln an, mit dem sie alle anzulächeln pflegte. Aber Pierre war dieses Lächeln so gewohnt und fand darin so wenig ihn persönlich Angehendes, daß er es gar nicht weiter beachtete. Die Tante sprach unterdessen gerade von einer Dosensammlung, die Pierres seliger Vater, Graf Besuchow, besessen habe, und zeigte dabei ihre eigene Tabaksdose. Die Prinzessin Helene bat um die Erlaubnis, das Porträt des Gemahls der Tante besehen zu dürfen, das auf der Dose angebracht war.

»Es ist wohl von Wines gemalt«, sagte Pierre, indem er den Namen eines bekannten Miniaturmalers nannte. Er beugte sich dabei über den Tisch, um die Dose in die Hand zu nehmen, horchte aber nach dem Gespräch am andern Tisch hin.

Er erhob sich ein wenig, in der Absicht, um den Tisch herumzugehen; aber die Tante reichte ihm die Dose gerade über Helene weg, hinter ihrem Kopf. Helene beugte sich nach vorn, um Raum zu geben, und blickte lächelnd um sich. Sie trug, wie stets bei Abendgesellschaften, ein nach damaliger Mode vorn und hinten sehr tief ausgeschnittenes Kleid. Ihre Büste, die auf Pierre immer den Eindruck des Marmorartigen gemacht hatte, befand sich in so geringem Abstand von seinen Augen, daß er trotz seiner Kurzsichtigkeit unwillkürlich ihre Schultern und ihren Hals als etwas von reizvollem Leben Erfülltes erkannte, und so nah an seinen Lippen, daß er sich nur ein wenig zu bücken brauchte, um sie zu berühren. Er empfand die Wärme ihres Körpers, roch den Duft ihres Parfüms und hörte das Knistern des Korsetts bei ihren Bewegungen. Er sah jetzt nicht ihre marmorartige Schönheit, die mit dem Kleid zusammen ein einheitliches Ganzes bildete; sondern er sah und fühlte den ganzen Reiz ihres Leibes, dem der Anzug lediglich als Hülle diente. Und nachdem er einmal zu dieser Art des Sehens gelangt war, war er nicht mehr imstande in anderer Weise zu sehen, so wie wir in eine einmal aufgeklärte Täuschung uns nicht wieder zurückversetzen können.

»Hatten Sie denn bisher noch nicht bemerkt, wie schön ich bin?« schien Helene zu fragen. »Hatten Sie gar nicht bemerkt, daß ich ein Weib bin? Ja, ich bin ein Weib, das jedem angehören kann, auch Ihnen«, sagte ihr Blick. Und in diesem Augenblick hatte Pierre das Gefühl, daß Helene seine Frau nicht nur werden könne, sondern werden müsse, unter allen Umständen werden müsse.

Er war davon in diesem Augenblick so fest überzeugt, als ob er schon mit ihr vor dem Altar stünde. Wie und wann es geschehen werde, darüber war er sich nicht klar; er war sich nicht einmal darüber klar, ob es ihm zum Segen gereichen werde (er hatte sogar die Empfindung, daß es aus irgendeinem Grund nicht gutgehen werde); aber daß es geschehen werde, das wußte er.

Pierre schlug die Augen nieder, hob sie wieder in die Höhe und wollte in der Prinzessin Helene von neuem nichts weiter als das ihm fernstehende, ihm fremde schöne Mädchen sehen, das er bisher täglich in ihr gesehen hatte; aber dies zu tun, war er nicht mehr imstande. Er war dazu ebensowenig imstande, wie jemand, der im Nebel einen Steppengrashalm gesehen und für einen Baum gehalten hat, nachher, nachdem er gesehen hat, daß es ein Halm ist, von neuem in ihm einen Baum sehen kann. Sie stand ihm auf einmal so nahe, daß ihm beklommen wurde; sie hatte schon Gewalt über ihn. Und zwischen ihm und ihr bestanden jetzt keinerlei Schranken mehr außer denen, die sein eigener Wille errichtete.

»Gut, ich lasse Sie in Ihrem kleinen Winkel. Ich sehe, daß Sie sich da ganz wohl befinden«, hörte er auf einmal Anna Pawlowna sagen.

Pierre überlegte ängstlich, ob er auch nicht irgend etwas Unpassendes getan habe, errötete und blickte rings um sich. Es kam ihm vor, als wüßten alle geradeso gut wie er selbst, was mit ihm geschehen war.

Als er einige Zeit darauf zu der größeren Gruppe trat, sagte Anna Pawlowna zu ihm:

»Ich höre, daß Sie Ihr Haus in Petersburg verschönern lassen.«

Dies war richtig. Der Baumeister hatte ihm gesagt, daß das durchaus notwendig sei, und so ließ denn Pierre, ohne selbst recht zu wissen wozu, sein riesiges Haus in Petersburg neu und schön herrichten.

»Das ist ganz verständig von Ihnen; aber ziehen Sie nicht von dem Fürsten Wasili weg. Es ist gut, einen solchen Freund zu haben, wie es der Fürst ist«, sagte sie und lächelte dem Fürsten Wasili zu. »Ich habe etwas davon gehört. Nicht wahr? Und Sie sind noch so jung. Sie können guten Rat gebrauchen. Seien Sie mir nur nicht böse, daß ich mich der Privilegien bediene, welche alte Frauen nun einmal haben.«

Sie hielt inne, wie ja Frauen, wenn sie sich als alt bezeichnet haben, immer eine Pause machen und auf etwas warten. »Wenn Sie sich verheirateten, dann wäre es freilich eine andere Sache.« Bei diesen Worten faßte sie die beiden mit einem Blick zusammen. Pierre sah Helenen nicht an, und sie nicht ihn. Aber sie stand ihm noch immer in ebenso beängstigender Weise nahe. Er murmelte etwas vor sich hin und errötete.

Als Pierre nach Hause zurückgekehrt war, konnte er lange nicht einschlafen und dachte über das nach, was mit ihm geschehen war. Was war denn mit ihm geschehen? Nichts. Er war nur zu der Erkenntnis gelangt, daß dieses Mädchen, diese Helene, die er schon als Kind gekannt hatte, von der er manchmal gedankenlos gesagt hatte: »Ja, sie ist schön«, wenn ihm andere gesagt hatten, Helene sei eine Schönheit, er war zu der Erkenntnis gelangt, daß dieses Mädchen ihm gehören könne.

»Aber sie ist dumm; ich habe selbst oft gesagt, daß sie dumm sei«, überlegte er. »Es liegt in dem Gefühl, das sie in meiner Seele erweckt hat, etwas Widerwärtiges, etwas Verbotenes. Es ist mir erzählt worden, ihr Bruder Anatol sei in sie verliebt gewesen und sie in ihn; es sei ein richtiger Skandal gewesen, und Anatol sei deswegen aus dem Haus geschickt worden. Und auch Ippolit ist ihr Bruder. Und Fürst Wasili ist ihr Vater. Schlimm, schlimm!« dachte er; aber während er diese Überlegungen anstellte (sie waren noch nicht zu einem Abschluß gelangt), ertappte er sich bei einem Lächeln und merkte, daß eine andere Gedankenreihe durch die erste hindurch zum Vorschein kam, daß er gleichzeitig an Helenens geistige Geringwertigkeit dachte und sich ausmalte, wie sie sein Weib sein werde, wie sie ihn liebgewinnen könne, wie sie eine ganz andere werden könne, und wie alles, was er über sie gedacht und gehört habe, vielleicht unwahr sei. Und dann sah er in ihr wieder nicht mehr die Tochter des Fürsten Wasili, sondern er sah ihren ganzen Körper, nur von einem grauen Kleid verhüllt.