»Ich sage dir, es waren überall dicke Stellen und Vertiefungen«, wiederholte die kleine Fürstin. »Ich würde selbst gern einschlafen; also kann ich nichts dafür.« Ihre Stimme zitterte wie die eines Kindes, das nahe daran ist loszuweinen.
Auch der alte Fürst schlief nicht. Tichon, der im Halbschlummer dasaß, hörte, wie sein Herr nebenan ärgerlich umherging und durch die Nase schnob. Der alte Fürst hatte die Empfindung, daß er in der Person seiner Tochter beleidigt sei. Diese Beleidigung war die allerschlimmste, weil sie nicht ihm, sondern einem andern angetan war, seiner Tochter, die er mehr als sich selbst liebte. Er hatte sich vorgenommen gehabt, diese ganze Angelegenheit gründlich zu überlegen, um zu erkennen, welche Handlungsweise Gerechtigkeit und Pflicht von ihm verlangten; aber statt dessen ereiferte er sich immer mehr.
»Der erste beste kommt angereist, und gleich ist der Vater und alles vergessen, und sie läuft nach oben und frisiert sich und kokettiert und verleugnet ganz und gar ihr wahres Wesen! Freut sich darauf, vom Vater loszukommen! Und dabei wußte sie, daß ich es bemerken würde. Frr … frr … frr …« (Er schnob.) »Und ich sehe ja doch, daß dieser dumme Junge nur für die Bourienne Augen hat! Wegjagen müßte ich das Frauenzimmer! Daß Marja nicht so viel Stolz besitzt, um zu begreifen, daß dieser Mensch für sie nicht taugt! Und gibt sie ihm nicht um ihrer selbst willen den Laufpaß, wenn sie nun einmal keinen Stolz besitzt, so sollte sie es wenigstens um meinetwillen tun. Ich muß ihr zeigen, daß dieser Lümmel an sie überhaupt nicht denkt und nur zu der Bourienne hinsieht. Sie hat keinen Stolz; aber ich werde ihr das zeigen …«
Der alte Fürst wußte, wenn er seiner Tochter sage, daß sie in einem Irrtum befangen sei und Anatol nur der Bourienne den Hof zu machen beabsichtige, dann werde dadurch das Ehrgefühl der Prinzessin Marja gereizt werden und er werde dann gewonnenes Spiel haben, d.h. sein Wunsch, sich von seiner Tochter nicht zu trennen, werde in Erfüllung gehen. Daher beruhigte er sich über die Sache einigermaßen.
Er rief Tichon und begann sich auszukleiden.
»Der Teufel hat die beiden Kerle hergebracht!« dachte er, während Tichon ihm das Nachthemd über seinen hageren, alten, auf der Brust mit grauen Haaren bewachsenen Körper zog. »Ich habe sie nicht gerufen. Sie sind hergekommen, um mir mein Leben zu zerstören. Viel übrig ist davon sowieso nicht.«
»Hol sie der Teufel!« rief er in dem Augenblick, als sein Kopf noch mit dem Hemd bedeckt war.
Tichon kannte die Gewohnheit des Fürsten, manchmal seine Gedanken laut auszusprechen, und begegnete daher dem ärgerlich fragenden Blick des Gesichts, das nun aus dem Hemd zum Vorschein kam, mit unveränderter Miene.
»Haben sie sich hingelegt?« fragte der Fürst.
Tichon spürte, wie alle guten Diener, instinktmäßig, welche Richtung die Gedanken seines Herrn nahmen. Er erriet, daß die Frage sich auf den Fürsten Wasili und seinen Sohn bezog.
»Sie haben sich hingelegt und das Licht ausgelöscht, Euer Durchlaucht.«
»Lag uns gar nichts dran, lag uns gar nichts dran …«, sagte der Fürst rasch vor sich hin, steckte die Füße in die Pantoffeln und die Arme in den Schlafrock und ging zu dem Sofa hin, auf dem er zu schlafen pflegte.
Obgleich Anatol und Mademoiselle Bourienne sich nicht mit Worten gegeneinander ausgesprochen hatten, so verstanden sie einander dennoch vortrefflich in bezug auf den ersten Teil der Geschichte, bis zum Auftreten der pauvre mère. Sie hatten das Gefühl, daß sie einander vieles im geheimen zu sagen hatten, und suchten daher gleich frühmorgens eine Gelegenheit, sich unter vier Augen zu sehen. Als die Prinzessin zur gewöhnlichen Stunde zu ihrem Vater gegangen war, trafen sich Mademoiselle Bourienne und Anatol im Wintergarten.
Prinzessin Marja näherte sich an diesem Tag der Tür des Arbeitszimmers mit besonderem Herzklopfen. Es kam ihr vor, als wüßten alle Leute nicht nur, daß heute die Entscheidung über ihr Lebensschicksal fallen sollte, sondern als wüßten sie auch, was sie selbst darüber dächte. Sie las das auf dem Gesicht Tichons und auf dem Gesicht des Kammerdieners des Fürsten Wasili, der ihr mit heißem Wasser auf dem Korridor begegnete und sich tief vor ihr verbeugte.
Der alte Fürst benahm sich an diesem Morgen außerordentlich freundlich und rücksichtsvoll gegen seine Tochter. Diesen Ausdruck von Rücksichtnahme kannte Prinzessin Marja an ihm recht wohl. Es war dies der Ausdruck, der auf seinem Gesicht dann zu erscheinen pflegte, wenn sich seine mageren Hände aus Ärger darüber, daß Prinzessin Marja eine arithmetische Aufgabe nicht begriff, zur Faust ballten und er aufstand und von ihr wegging und mit leiser, sanfter Stimme mehrmals ein und dieselben Worte wiederholte.
Er begann das Gespräch und kam sogleich zur Sache; hierbei nannte er seine Tochter zunächst Sie.
»Es ist mir da ein Vorschlag in bezug auf Sie gemacht worden«, sagte er mit gekünsteltem Lächeln. »Ich denke mir, Sie haben schon erraten«, fuhr er fort, »daß Fürst Wasili nicht um meiner schönen Augen willen hierhergekommen ist und seinen Zögling mitgebracht hat.« (Aus einem nicht recht verständlichen Grund bezeichnete Fürst Nikolai Andrejewitsch den Sohn des Fürsten Wasili als dessen Zögling.) »Es ist mir gestern ein Vorschlag in bezug auf Sie gemacht worden. Und da Sie meine Grundsätze kennen, so können Sie sich denken, daß ich die Sache von Ihrer Entscheidung abhängig gemacht habe.«
»Wie soll ich das verstehen, lieber Vater?« fragte die Prinzessin, abwechselnd rot und blaß werdend.
»Welche Frage!« rief der Vater ärgerlich. »Fürst Wasili hat Lust, dich zur Schwiegertochter zu bekommen, und hält für seinen Zögling um deine Hand an. So ist das zu verstehen. ›Wie soll ich das verstehen‹ …!? Und nun frage ich dich, wie du darüber denkst.«
»Ich weiß nicht, wie Sie, lieber Vater …«, begann die Prinzessin fast flüsternd.
»Ich? Ich? Was habe ich damit zu tun? Mich lassen Sie dabei aus dem Spiel. Ich nehme keinen Mann, ich nicht. Was meinen Sie dazu? Das möchte ich wissen.«
Die Prinzessin merkte, daß ihr Vater die Sache nicht mit wohlwollenden Augen ansah; aber im gleichen Augenblick kam ihr der Gedanke, jetzt oder niemals werde sich ihr Lebensschicksal entscheiden. Sie schlug die Augen nieder, um den Blick nicht zu sehen, unter dessen Einwirkung sie (das wußte sie) nicht denken, sondern nur gewohnheitsgemäß gehorchen konnte, und sagte:
»Ich wünsche nur eines: Ihren Willen zu erfüllen. Aber wenn es erforderlich sein sollte, daß ich einen eigenen Wunsch ausspreche …«
Sie konnte nicht zu Ende sprechen; der Fürst unterbrach sie.
»Famos!« rief er. »Er wird dich mit deiner Mitgift nehmen, und es trifft sich dann sehr schön, daß er auch Mademoiselle Bourienne mitbekommt. Die wird seine Frau sein, und du …«
Der Fürst hielt inne. Er bemerkte den Eindruck, den diese Worte auf seine Tochter gemacht hatten. Sie ließ den Kopf sinken und war nahe daran zu weinen.
»Nun, nun, das war ja nur Scherz, nur Scherz«, sagte er. »Vergiß nicht, Prinzessin: ich halte an meinem Grundsatz fest, daß ein Mädchen das Recht hat, selbst zu wählen. Ich lasse dir volle Freiheit. Vergiß das nicht: von deiner Entscheidung hängt dein Lebensglück ab. Ich komme dabei gar nicht in Betracht.«
»Aber ich weiß ja nicht, lieber Vater …«
»Keine unnützen Worte mehr! Ihm wird befohlen, wen er heiraten soll; er nimmt dich, er nimmt auch eine beliebige andre; aber du hast freie Wahl … Geh auf dein Zimmer, überlege dir die Sache und komm in einer Stunde wieder zu mir und sage mir in seiner Gegenwart: ja oder nein. Ich weiß, du wirst beten. Na, meinetwegen, bete. Aber besser wär’s, gründlich nachzudenken. Nun geh. – Ja oder nein, ja oder nein, ja oder nein!« schrie er noch, als schon die Prinzessin, der es wie ein Nebel vor den Augen hing, schwankenden Schrittes das Zimmer verlassen hatte.