Sie sagte sich, ihr Schicksal habe sich entschieden, und glücklich entschieden. Aber was der Vater da von Mademoiselle Bourienne gesagt hatte, diese Andeutung war entsetzlich. Es war ja allerdings wohl sicher unwahr; aber entsetzlich war es doch, und sie mußte wider ihren Willen daran denken. Sie ging geradewegs vor sich hin durch den Wintergarten, ohne etwas zu sehen und zu hören, als plötzlich das wohlbekannte Flüstern der Mademoiselle Bourienne sie aus ihren Gedanken auffahren ließ. Sie sah auf und erblickte zwei Schritte von sich entfernt Anatol, der die Französin in den Armen hielt und ihr etwas zuflüsterte. Anatol blickte sich mit einem drohenden Ausdruck auf dem schönen Gesicht nach der Prinzessin Marja um und ließ in der ersten Sekunde die Taille der Mademoiselle Bourienne noch nicht los. Diese letztere hatte die Annäherung der Prinzessin noch nicht bemerkt.
»Wer ist da? Was wollen Sie? Nehmen Sie sich in acht!« schien Anatols Miene zu sagen. Prinzessin Marja sah schweigend die beiden an. Sie war noch immer verständnislos. Endlich stieß Mademoiselle Bourienne einen Schrei aus und lief hinaus. Anatol verbeugte sich vor der Prinzessin Marja mit heiterem Lächeln, wie wenn er sie auffordern wollte, über diesen sonderbaren Vorfall zu lachen, und ging dann achselzuckend durch diejenige Tür hinaus, durch die der Weg nach seinem Zimmer führte.
Eine Stunde darauf kam Tichon zu Prinzessin Marja, um sie zum Fürsten zu rufen. Er fügte hinzu, daß auch Fürst Wasili Sergejewitsch dort sei. In dem Augenblick, als Tichon kam, saß die Prinzessin in ihrem Zimmer auf dem Sofa und hielt die weinende Mademoiselle Bourienne in ihren Armen. Prinzessin Marja streichelte ihr leise den Kopf. Die schönen Augen der Prinzessin, die wieder ganz so ruhig und glänzend waren wie vorher, blickten mit zärtlicher Liebe und herzlichem Mitleid auf das hübsche Gesichtchen der Gesellschafterin.
»Nein, Prinzessin, ich habe den Platz, den ich in Ihrem Herzen einnahm, für immer verloren«, sagte Mademoiselle Bourienne.
»Aber warum? Ich liebe Sie mehr als je«, antwortete Prinzessin Marja, »und werde alles, was in meiner Macht steht, tun, damit Sie glücklich werden.«
»Aber Sie verachten mich; Sie, die Sie so rein sind, werden niemals eine solche Verirrung der Leidenschaft verstehen können. Ach, ich muß an meine arme Mutter denken …«
»Ich verstehe alles«, erwiderte Prinzessin Marja mit trübem Lächeln. »Beruhigen Sie sich, liebe Freundin. Ich muß zu meinem Vater gehen«, sagte sie und verließ das Zimmer.
Fürst Wasili saß, das eine Bein hoch über das andere gelegt, die Tabaksdose in der Hand, bei dem alten Fürsten und machte eine Miene, als sei er tief ergriffen, bedaure und verspotte aber selbst seine Empfindsamkeit. Als die Prinzessin Marja eintrat, zeigte sein Gesicht ein gerührtes Lächeln. Er führte noch schnell eine Prise Tabak zur Nase.
»Ah, meine Liebe, meine Liebe«, sagte er, indem er aufstand und ihre beiden Hände ergriff. Er seufzte und fuhr dann fort: »Das Schicksal meines Sohnes liegt in Ihren Händen. Entscheiden Sie, meine gute, liebe, süße Marja, die ich immer wie eine Tochter geliebt habe.«
Er trat von ihr zurück. In seinen Augen erschien eine wirkliche Träne.
»Frr … frr …«, schnob Fürst Nikolai Andrejewitsch durch die Nase.
»Der Fürst macht dir im Namen seines Zöglings … seines Sohnes einen Antrag. Willst du die Frau des Fürsten Anatol Kuragin werden oder nicht? Sage: ja oder nein«, schrie er, »und ich behalte mir das Recht vor, dann auch meine Meinung zu sagen. Ja, meine Meinung, nur meine Meinung«, fügte Fürst Nikolai Andrejewitsch, zum Fürsten Wasili gewendet, als Antwort auf dessen bittende Miene hinzu. »Ja oder nein?«
»Mein Wunsch, lieber Vater, ist, Sie niemals zu verlassen, mein Leben niemals von dem Ihrigen zu trennen. Ich will nicht heiraten«, sagte sie in festem Ton und blickte mit ihren schönen Augen den Fürsten Wasili und ihren Vater an.
»Unsinn, Dummheiten! Unsinn, Unsinn, Unsinn!« schrie Fürst Nikolai Andrejewitsch mit grimmigem Gesicht, faßte seine Tochter am Arm, so daß sie sich zu ihm beugen mußte; aber ohne sie zu küssen, neigte er nur seine Stirn zu der ihrigen, berührte sie und drückte ihr den Arm, den er festhielt, so stark, daß sie die Stirn runzelte und aufschrie.
Fürst Wasili erhob sich.
»Meine Liebe, ich muß Ihnen sagen, daß dies ein Augenblick ist, den ich nie, nie vergessen werde. Aber, meine Beste, mögen Sie uns nicht ein wenig Hoffnung geben, daß es uns doch noch gelingen könnte, dieses gute, großmütige Herz zu rühren? Sagen Sie, daß vielleicht später … Die Zukunft ist so lang. Sagen Sie: vielleicht später.«
»Fürst, was ich soeben sagte, ist die ganze Empfindung meines Herzens. Ich danke Ihnen für die Ehre, die Sie mir mit Ihrem Antrag erwiesen haben; aber ich werde niemals die Frau Ihres Sohnes werden.«
»Na, dann ist die Sache ja abgetan, mein Lieber. Habe mich sehr gefreut, dich zu sehen; habe mich sehr gefreut, dich zu sehen. Geh auf dein Zimmer, Prinzessin, geh«, sagte der alte Fürst. »Habe mich sehr gefreut, sehr gefreut, dich zu sehen«, wiederholte er, indem er den Fürsten Wasili umarmte.
»Mein Beruf ist ein anderer«, dachte Prinzessin Marja bei sich, »mein Beruf ist, in anderer Art glücklich zu werden: durch selbstverleugnende Liebe. Um jeden Preis will ich es zu erreichen suchen, daß die arme Amélie glücklich wird. Sie liebt ihn so leidenschaftlich. Sie bereut so tief. Ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht, um ihre Heirat mit ihm zustande zu bringen. Wenn er nicht reich ist, so will ich ihr die nötigen Mittel geben; ich will den Vater bitten, ich will Andrei bitten. Ich werde so glücklich sein, wenn sie seine Frau wird! Sie ist so unglücklich, so fremd, so einsam, so hilflos! Und dann, o Gott! wie leidenschaftlich muß sie ihn lieben, wenn sie sich so weit vergessen konnte! Vielleicht hätte ich dasselbe getan!« dachte Prinzessin Marja.
VI
Die Familie Rostow hatte lange keine Nachrichten von Nikolai gehabt; erst in der Mitte des Winters erhielt der Graf einen Brief, auf dessen Adresse er die Handschrift seines Sohnes erkannte. Erschrocken und eilig und bemüht, von niemand bemerkt zu werden, lief der Graf auf den Zehen mit dem Brief in sein Arbeitszimmer, machte die Tür zu und begann zu lesen. Anna Michailowna, die gehört hatte, daß der Graf einen Brief bekommen habe (wie sie denn alles erfuhr, was im Haus geschah), kam mit leisen Schritten zum Grafen ins Zimmer und fand ihn mit dem Brief in der Hand schluchzend und zugleich lachend.
Anna Michailowna war, obwohl ihre Verhältnisse sich gebessert hatten, bei Rostows wohnen geblieben.
»Nun, mein lieber Freund?« fragte sie in wehmütigem Ton, zu jeder Art von Anteilnahme bereit.
Der Graf schluchzte noch heftiger.
»Unser lieber Nikolai … ein Brief … er ist ver- … verwundet gewesen … meine Beste … verwundet … Was wird die Gräfin … Er ist Offizier geworden … Gott sei Dank … Wie sollen wir das nur der Gräfin beibringen?«
Anna Michailowna setzte sich zu ihm, wischte ihm mit ihrem Taschentuch die Tränen aus den Augen, wischte auch die Tropfen weg, die auf den Brief gefallen waren, trocknete ihre eigenen Tränen, beruhigte den Grafen und sprach dann ihre Ansicht dahin aus, sie wolle beim Mittagessen und beim Tee die Gräfin vorbereiten und nach dem Tee mit Gottes gnädigem Beistand ihr alles mitteilen.
Während des Mittagessens sprach Anna Michailowna von Kriegsnachrichten und von Nikolai; sie fragte zweimal, wann der letzte Brief von ihm angekommen wäre, obwohl sie es selbst wußte, und bemerkte, es sei doch sehr leicht möglich, daß heute noch ein Brief von ihm einträfe. Jedesmal jedoch, wenn die Gräfin bei diesen Andeutungen anfing unruhig zu werden und ängstlich bald den Grafen, bald Anna Michailowna anzusehen, lenkte diese das Gespräch ganz unmerklich auf gleichgültige Gegenstände. Natascha, die von der ganzen Familie am meisten die Gabe besaß, die verschiedenen Nuancen im Klang der Stimme, im Blick und im Gesichtsausdruck herauszufühlen, hatte gleich beim Beginn des Mittagessens die Ohren gespitzt und gemerkt, daß zwischen ihrem Vater und Anna Michailowna ein geheimes Einverständnis bestand, und daß es sich dabei um ihren Bruder handelte, und daß Anna Michailowna die Mutter auf etwas vorbereitete. Aber da Natascha wußte, wie sehr es ihrer Mutter immer ans Herz ging, wenn das Gespräch auf Nachrichten von Nikolai kam, so erlaubte sie sich trotz all ihrer Dreistigkeit nicht, bei Tisch eine Frage zu stellen; sie aß vor Unruhe nichts und rückte auf ihrem Stuhl hin und her, ohne auf die tadelnden Bemerkungen ihrer Gouvernante zu hören. Nach dem Mittagessen stürzte sie Hals über Kopf hinter Anna Michailowna her, holte sie im Sofazimmer ein und warf sich ihr im vollen Lauf um den Hals.