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»Tantchen, liebes, bestes Tantchen, sagen Sie mir doch, was es gibt!«

»Nichts, liebes Kind.«

»Nein, mein Herzenstantchen, Liebste, Trauteste, Goldene, ich lasse Sie nicht los; ich weiß, daß Sie etwas wissen.«

Anna Michailowna wiegte den Kopf hin und her.

»Sieh mal an, was du für ein Schlaufuchs bist, mein Kind«, sagte sie.

»Wohl ein Brief von Nikolai? Gewiß!« rief Natascha, da sie auf Anna Michailownas Gesicht die bejahende Antwort las.

»Aber nimm dich um Gottes willen recht in acht: du weißt doch, was für ein Schreck so etwas deiner Mama einjagen kann.«

»Ich werde mich schon in acht nehmen; aber erzählen Sie! Sie wollen es nicht erzählen? Dann gehe ich gleich hin und sage es Mama.«

Anna Michailowna setzte Natascha mit kurzen Worten von dem Inhalt des Briefes in Kenntnis, machte ihr aber zur Bedingung, es niemandem zu sagen.

»Mein heiliges Ehrenwort!« sagte Natascha, sich bekreuzend. »Ich werde es niemandem sagen!« Und sofort lief sie zu Sonja.

»Nikolai … verwundet … ein Brief …«, sagte sie triumphierend und glückselig.

»Nikolai!« Weiter brachte Sonja nichts heraus und wurde einen Augenblick ganz blaß.

Erst jetzt, als Natascha sah, welchen Eindruck die Nachricht von der Verwundung ihres Bruders auf Sonja machte, kam ihr der Gedanke an die traurige Seite dieser Nachricht.

Sie stürzte auf Sonja zu, umarmte sie und brach in Tränen aus.

»Die Verwundung war nicht bedeutend; aber er ist zum Offizier befördert worden. Er ist jetzt gesund; er schreibt selbst«, sagte sie weinend.

»Da sieht man’s wieder, was ihr Weibsleute alle für eine weinerliche Bande seid«, sagte der kleine Petja, indem er mit großen, energischen Schritten im Zimmer auf und ab ging. »Ich dagegen freue mich sehr, ich freue mich wirklich sehr, daß mein Bruder sich so ausgezeichnet hat. Aber ihr seid alle Memmen! Ihr versteht nichts davon.«

Natascha lächelte durch ihre Tränen hindurch.

»Du hast den Brief nicht selbst gelesen?« fragte Sonja sie.

»Nein, selbst gelesen habe ich ihn nicht; aber Anna Michailowna hat mir gesagt, es wäre alle Gefahr vorbei, und er wäre schon Offizier.«

»Gott sei Lob und Dank!« sagte Sonja, sich bekreuzend. »Aber vielleicht hat sie es dir nur vorgeredet. Komm, wir wollen zu Mama gehen.«

Petja war ein paarmal schweigend im Zimmer auf und ab gegangen; nun sagte er:

»Wenn ich an Nikolais Stelle gewesen wäre, dann hätte ich noch mehr von diesen Franzosen getötet. Was sind das für Halunken! Ich hätte so viele niedergehauen, daß es ein ganzer Haufe geworden wäre.«

»Sei still, Petja, du bist ein Dummrian!« sagte Natascha.

»Ich bin kein Dummrian; aber Mädchen, die über jede Kleinigkeit heulen, das sind dumme Trinen«, erwiderte Petja.

»Kannst du dich auf ihn besinnen?« fragte Natascha nach einem Stillschweigen, das wohl eine Minute lang gedauert haben mochte.

Sonja lächelte.

»Ob ich mich auf Nikolai besinnen kann?«

»Nein, Sonja, ich meine, ob du dich auf ihn so besinnst, daß du dich ganz genau besinnst, daß du dich auf alles besinnst«, sagte Natascha mit eifrigen Handbewegungen, offenbar bemüht, ihren Worten den vollsten, umfassendsten Sinn zu verleihen. »Ich, ich besinne mich auf Nikolai; auf den besinne ich mich«, sagte sie. »Aber auf Boris besinne ich mich nicht; das kann man gar nicht ›sich besinnen‹ nennen.«

»Wie? Du besinnst dich nicht auf Boris?« fragte Sonja erstaunt.

»Versteh mich nur recht: ich weiß, wie er aussieht; aber ich besinne mich doch nicht so auf ihn wie auf Nikolai. Wenn ich mich auf den besinnen will, so brauche ich nur die Augen zuzumachen, dann besinne ich mich auf ihn. Aber mit Boris geht das nicht.« (Sie schloß die Augen.) »Richtig, es ist nichts da!«

»Ach, Natascha«, sagte Sonja und blickte dabei ihre Freundin mit einer so ernsten Begeisterung an, als ob sie sie nicht für würdig hielte, das zu hören, was sie jetzt zu sagen beabsichtigte, und als ob sie es zu einem andern sagte, mit dem niemand scherzen kann. »Ich habe deinen Bruder einmal liebgewonnen, und was auch immer ihm und mir zustoßen mag, ich werde mein ganzes Leben lang nie aufhören, ihn zu lieben.«

Natascha blickte erstaunt mit neugierigen Augen Sonja an und schwieg. Sie fühlte, daß das, was Sonja sagte, die Wahrheit war, und daß es diese gewaltige Liebe, von welcher Sonja sprach, wirklich gab; aber Natascha hatte noch keine derartigen Empfindungen kennengelernt. Sie glaubte, daß es so etwas geben könne; aber sie begriff es nicht.

»Wirst du an ihn schreiben?« fragte sie.

Sonja wurde nachdenklich. Die Frage, ob sie an Nikolai schreiben solle, und wie sie es tun solle, war eine Frage, die sie schon lange quälte. Jetzt nun, wo er bereits Offizier und ein verwundeter Held war, würde es da von ihrer Seite richtig gehandelt sein, wenn sie ihn an ihre Person und sozusagen an die Verpflichtung erinnerte, die er ihr gegenüber eingegangen war?

»Ich weiß es nicht; ich glaube, wenn er an mich schreibt, werde ich auch an ihn schreiben«, sagte sie errötend.

»Und wirst du dich nicht schämen, an ihn zu schreiben?« fragte Natascha.

Sonja lächelte.

»Nein.«

»Aber ich würde mich schämen, an Boris zu schreiben, und ich werde auch nicht an ihn schreiben.«

»Warum würdest du dich denn schämen?«

»Einen Grund kann ich eigentlich nicht sagen; aber ich würde mich genieren und schämen.«

»Ich weiß, warum sie sich schämen würde«, sagte Petja, der sich noch durch den Ausdruck gekränkt fühlte, mit welchem Natascha ihn vorhin bezeichnet hatte. »Weil sie in den Dicken mit der Brille verliebt war« (damit bezeichnete Petja seinen Namensvetter Pierre, den neuen Grafen Besuchow), »und weil sie jetzt in diesen Sänger verliebt ist« (Petja meinte den Italiener, bei dem Natascha Gesangsunterricht hatte). »Darum würde sie sich schämen.«

»Petja, du bist dumm«, sagte Natascha.

»Nicht dümmer als du, meine Verehrteste!« erwiderte der neunjährige Petja so energisch, wie wenn er ein alter Unteroffizier wäre.

Die Gräfin war durch die Andeutungen, welche Anna Michailowna während des Mittagessens gemacht hatte, bereits hinreichend vorbereitet. Nach Tisch ging sie auf ihr Zimmer, setzte sich in einen Lehnstuhl und blickte unverwandt das Miniaturporträt ihres Sohnes an, das auf ihrer Tabaksdose angebracht war; dabei kamen ihr die Tränen in die Augen. Anna Michailowna, mit dem Brief in der Tasche, näherte sich auf den Fußspitzen dem Zimmer der Gräfin und blieb vor der Tür stehen.

»Kommen Sie nicht mit hinein«, sagte sie zu dem alten Grafen, der ihr gefolgt war. »Erst nachher.« Sie ging hinein und machte die Tür hinter sich zu.

Der Graf legte das Ohr ans Schlüsselloch und horchte.

Anfangs hörte er, daß die beiden Frauen sich in gleichmütigem Ton unterhielten; dann war nur die Stimme Anna Michailownas zu vernehmen, die ziemlich lange allein sprach; dann folgte ein Aufschrei und hierauf Stillschweigen; dann redeten wieder beide Stimmen abwechselnd in fröhlichem Ton; darauf hörte er Schritte, und Anna Michailowna öffnete ihm die Tür. Ihr Gesicht zeigte die stolze Miene eines Chirurgen, der eine schwere Operation beendet hat und nun das Publikum hineinläßt, damit es seine Kunstfertigkeit bewundern könne.