Die roten Flecken traten noch stärker auf Stirn und Wangen der Prinzessin hervor. Sie wollte etwas erwidern, konnte es aber nicht aussprechen. Der Bruder erriet es. Die kleine Fürstin hatte nach dem Mittagessen geweint und gesagt, sie ahne eine unglückliche Entbindung und fürchte sich davor. Dann hatte sie sich über ihr Schicksal, über ihren Schwiegervater und ihren Mann beklagt. Schließlich war sie eingeschlafen. Dem Fürsten Andrej tat die Schwester leid.
»Ich will dir nur das sagen, Mascha: ich kann meiner Frau keinen Vorwurf machen, habe es nie getan und werde es auch nie tun. Auch mir selber kann ich, was mein Verhalten gegen sie anbetrifft, nichts vorwerfen; und das wird immer so bleiben, in was für Lagen ich mich auch befinden werde. Wenn du aber die Wahrheit wissen willst … Wenn du wissen willst, ob ich glücklich bin? Nein. Ob sie glücklich ist? Nein. Woher kommt das? Ich weiß es nicht.«
Nachdem er das gesagt hatte, stand er auf, trat zu seiner Schwester und küßte sie auf die Stirn. Seine schönen klugen Augen leuchteten in einem guten, ungewöhnlichen Glänze auf. Aber er sah seine Schwester nicht an, sondern blickte über ihren Kopf hinweg in das Dunkel hinter der geöffneten Tür.
»Komm, wir wollen zu ihr gehen, ich muß Abschied nehmen. Oder gehe du, geh allein, wecke sie auf, ich komme gleich nach. Petruschka«, rief er seinem Kammerdiener zu. »Komm her, nimm das mit. Dies auf den Sitz, und das auf die rechte Seite.«
Prinzessin Marja stand auf und ging zur Tür. Sie blieb stehen.
»André, si vous aviez la foi, vous vous seriez adressé a Dieu, pour qu’il vous donne l’amour, que vous ne sentez pas, et votre prière aurait été exaucée.«
»Ja, vielleicht«, sagte Fürst Andrej. »Geh, Mascha, ich komme gleich nach.«
Auf dem Weg zum Zimmer seiner Schwester, in der Galerie, die das eine Haus mit dem andern verband, traf Fürst Andrej die lieblich lächelnde Mademoiselle Bourienne. Schon zum drittenmal an diesem Tag war sie ihm mit ihrem verliebten und naiven Lächeln in den einsamen Gängen begegnet.
»Ah, je vous croyais chez vous«, sagte sie und errötete ohne Grund, wobei sie die Augen niederschlug.
Fürst Andrej sah sie streng an, und auf seinem Gesicht zeigte sich plötzlich ein Ausdruck des Zorns. Er erwiderte nichts, sah nur ihre Stirn und ihre Haare an, ohne ihr in die Augen zu blicken, und machte dabei eine so verächtliche Miene, daß die kleine Französin errötete und fortging, ohne etwas zu sagen.
Als er zum Zimmer seiner Schwester kam, war die Fürstin schon wach. Ihr fröhliches Stimmchen, das ein Wort nach dem andern heraussprudelte, war hinter der offenen Tür zu hören.
Sie sprach so schnell, als müsse sie nach so langer Enthaltsamkeit die verlorene Zeit jetzt wieder nachholen.
»Non, mais figurez-vous, la vieille comtesse Zouboff avec de fausses boucles et la bouche pleine de fausses dents comme si elle voulait défier les années … Ha, ha, ha, Marie!«
Genau dieselben Worte über die Gräfin Subowa und genau dasselbe Lachen hatte Fürst Andrej schon fünfmal von seiner Frau bei Fremden gehört. Er trat leise ins Zimmer.
Die kleine rotbackige Fürstin mit ihrer vollen Gestalt saß, mit einer Handarbeit beschäftigt, in einem Sessel und redete unaufhörlich, indem sie Petersburger Erinnerungen und sogar Petersburger Ausdrücke zum besten gab.
Fürst Andrej trat zu ihr, streichelte ihr den Kopf und fragte, ob sie sich von der Reise nun ausgeruht habe.
Sie gab eine Antwort, setzte aber dann gleich ihr altes Gespräch fort.
Der Wagen mit den sechs Pferden stand vor der Freitreppe. Es war eine dunkle Herbstnacht. Der Kutscher konnte nicht einmal die Wagendeichsel sehen. An der Haustreppe eilten Leute mit Laternen hin und her. Die großen Fenster des riesigen Hauses waren hell erleuchtet. Im Vorzimmer drängte sich das Gesinde, das sich vom jungen Fürsten verabschieden wollte; im Saal standen alle Hausangehörigen: Michail Iwanowitsch, Mademoiselle Bourienne, Prinzessin Marja und die Fürstin. Fürst Andrej war zu seinem Vater ins Arbeitszimmer gerufen worden, der allein von ihm Abschied nehmen wollte. Alle warteten auf ihr Erscheinen.
Als Fürst Andrej in das Arbeitszimmer eintrat, saß der alte Fürst am Tisch und schrieb. Er trug eine altmodische Brille und einen weißen Schlafrock, in dem er niemanden empfing außer seinen Sohn. Als er Andrej kommen hörte, drehte er sich um.
»Du willst fort?« und wieder begann er zu schreiben.
»Ich komme, um mich zu verabschieden.«
»Küsse mich, hier«, er zeigte auf seine Backe, »danke, danke.«
»Wofür danken Sie mir?«
»Dafür, daß du dich nicht verspätet hast, nicht am Frauenrock hängengeblieben bist. Zuerst kommt der Dienst! Danke, danke!« er schrieb so schnell weiter, daß die knisternde Feder nur so spritzte. »Wenn du noch etwas zu sagen hast, so sag’s. Diese beiden Dinge kann man gleichzeitig erledigen«, fügte er hinzu.
»Über meine Frau möchte ich etwas sagen … Mir ist es so peinlich, daß sie Ihnen zur Last fallen muß.«
»Was redest du da für Unsinn? Sag lieber was Notwendiges.«
»Wenn meine Frau der Entbindung nahe ist, so lassen Sie bitte einen Arzt aus Moskau kommen … Damit er hier ist.«
Der alte Fürst hielt inne und richtete einen strengen Blick auf seinen Sohn, als hätte er ihn nicht verstanden.
»Ich weiß, daß niemand helfen kann, wenn die Natur sich nicht selber hilft«, fuhr Fürst Andrej fort. Er war anscheinend verlegen geworden. »Ich gebe zu, daß unter Millionen von Fällen nur einer unglücklich ausgeht, aber das ist nun einmal eine fixe Idee von ihr und mir. Man hat ihr soviel vorgeschwatzt, sie hat einmal etwas geträumt, und nun fürchtet sie sich.«
»Hm … hm …«, sagte der alte Fürst vor sich hin und schrieb weiter. »Ich werde es schon besorgen.«
Er setzte mit einem raschen Federstrich seinen Namen unter das Schreiben und drehte sich dann, plötzlich auflachend, rasch zu seinem Sohn um.
»Eine schlimme Geschichte, nicht wahr?«
»Was denn, lieber Vater?«
»Eine Frau zu haben!« sagte kurz und bedeutsam der alte Fürst.
»Ich verstehe dich nicht«, erwiderte Fürst Andrej.
»Ja, da ist nichts zu machen, Freundchen«, sagte der Fürst, »sie sind alle so, und sich scheiden lassen darf man nicht. Doch habe keine Angst, ich sage es niemandem, aber du weißt ja selber, wie es ist.«
Er ergriff mit seiner kleinen, knochigen Hand die des Sohnes und schüttelte sie. Mit seinen flinken Augen, die jeden zu durchschauen schienen, blickte er seinem Sohn gerade ins Gesicht und lachte wieder in seiner kalten Art.
Fürst Andrej seufzte und ließ durch diesen Seufzer erkennen, daß der Vater ihn verstanden hatte. Der alte Fürst fuhr fort, seine Briefe zusammenzufalten und zu versiegeln. In seiner gewöhnlichen schnellen Art griff er nach Siegellack, Petschaft und Papier und warf dann alles wieder fort.
»Was kann man da machen? Sie ist wenigstens schön! Ich werde alles tun. Sei unbesorgt«, sagte er in seiner abgerissenen Redeweise, während er die Briefe siegelte.
Andrej schwieg. Ihm war es recht, zugleich aber nicht recht, daß sein Vater ihn richtig verstanden hatte. Der alte Fürst stand auf und gab seinem Sohn den Brief.
»Höre«, sagte er, »um deine Frau sei unbesorgt. Was getan werden kann, wird getan. Aber jetzt höre zu: diesen Brief gib Michail Ilarionowitsch Kutusow. Ich habe ihm geschrieben, er soll dir einen guten Posten geben und dich nicht lange als Adjutanten behalten; das ist kein schönes Amt. Sage ihm, daß ich noch an ihn denke und ihn nach wie vor liebe. Und schreibe mir, wie er dich aufgenommen hat. Wenn er gut gegen dich ist, dann diene ihm. Nikolaj Andrejewitsch Bolkonskijs Sohn darf keinem dienen, um dessen Gunst er erst buhlen müßte. Nun, jetzt komm her!«
Er redete so schnell, daß er die Hälfte der Worte nicht zu Ende sprach, aber der Sohn war daran gewöhnt, ihn zu verstehen. Er führte Fürst Andrej zum Schreibtisch, schob die Klappe hoch und zog ein Kästchen vor, aus dem er ein Heft herausnahm, das mit großen, langen und gedrängten Buchstaben beschrieben war.