Zu Kutusow war am Abend vorher ein Mitglied des Hofkriegsrates aus Wien gekommen mit dem dringenden Ansinnen, möglichst schnell loszumarschieren, um mit den Armeen des Erzherzogs und Macks zusammenzustoßen. Kutusow, der eine solche Vereinigung für unvorteilhaft hielt, hatte nun die Absicht, neben anderen Beweisen für seine Ansicht, dem österreichischen General zu zeigen, in welch trauriger Verfassung die Truppen aus Rußland ankamen. Zu diesem Zweck wollte er dem Regiment entgegenfahren; und je schlechter nun der Zustand des Regimentes war, um so angenehmer mußte es für den Oberkommandierenden sein. Wenn auch der Adjutant alle diese Einzelheiten nicht kannte, so meldete er doch dem Regimentskommandeur den dringenden Befehl des Oberkommandierenden, die Leute sollten in Mänteln und Helmbezügen erscheinen, andernfalls würde der Oberkommandierende unzufrieden sein. Als der Regimentskommandeur diese Worte hörte, ließ er den Kopf hängen, zuckte schweigend die Schultern und streckte aufgeregt die Arme aus.
»Da haben wir ja was Schönes angerichtet!« brummte er vor sich hin. »Sehen Sie, Michail Mitritsch, ich habe es Ihnen doch gleich gesagt, wenn er es auf dem Marsch sehen will, dann müssen die Leute in Mänteln antreten«, wandte er sich vorwurfsvoll an den Bataillonskommandeur. »Ach Gott, ach Gott!« fügte er hinzu, trat dann aber mit entschlossener Miene vor und rief mit seiner ans Kommandieren gewöhnten Stimme: »Die Herren Kompanieführer, die Feldwebel … Wird Seine Exzellenz bald kommen?« wandte er sich an den Adjutanten, mit einer respektvoll höflichen Miene, die der Person galt, von der er sprach.
»In einer Stunde, glaube ich.«
»Haben wir noch so viel Zeit, daß sich die Leute umziehen können?«
»Ich weiß nicht, Herr General.«
Der Regimentskommandeur ging selber zu den Reihen hin und gab den Befehl, es sollten wieder die Mäntel angezogen werden. Die Kompanieführer liefen vor ihren Kompanien auf und ab, die Feldwebel eilten aufgeregt hin und her, weil die Mäntel nämlich nicht ganz in Ordnung waren, und im selben Augenblick kamen die vorhin so regelmäßig und schweigend dastehenden Karrees in Bewegung. Sie zogen sich auseinander, und ein dumpfes Summen von Stimmen wurde hörbar. Überall liefen Soldaten hin und her. Mit einem Ruck warfen sie die Schultern zurück, zogen den Tornister über den Kopf, nahmen die Mäntel ab und hoben beide Arme hoch, um damit in die Ärmel zu fahren.
Nach einer halben Stunde war die frühere Ordnung wiederhergestellt, nur sahen die vorhin schwarzen Karrees jetzt grau aus. Der Regimentskommandeur trat wieder in seinem zuckenden Gang vor die Front und musterte das Regiment von weitem.
»Was ist denn da noch? Was ist das!« schrie er, stehen bleibend. »Der Kompanieführer der dritten Kompanie hierher!«
»Der Kompanieführer der dritten Kompanie zum Herrn General … der Kompanieführer zum Herrn General … von der dritten Kompanie zum Kommandeur!« liefen Stimmen die Reihen entlang, und der Adjutant eilte fort, um den noch nicht erschienenen Offizier zu suchen.
Als das Rufen der eifrigen Stimmen, die bereits den Sinn entstellt hatten und »Der Herr General zur dritten Kompanie!« schrien, am Bestimmungsort angelangt war, trat der gewünschte Offizier aus seiner Kompanie hervor und eilte, obwohl er doch schon alt und an Laufen nicht mehr gewöhnt war, im Trab zum General, wobei er ungeschickt mit den Fußspitzen am Boden anhakte. Das Gesicht des Hauptmanns sah so ängstlich und unruhig aus wie das eines Schülers, der eine Aufgabe hersagen soll, die er nicht gelernt hat. Auf seiner augenscheinlich von unmäßigem Trinken geröteten Nase zeigten sich Flecken, und seine Lippen zitterten.
Der Regimentskommandeur musterte den Hauptmann von oben bis unten, als dieser ganz außer Atem herankam, obgleich er seinen Schritt verlangsamte, je näher er dem Regimentskommandeur kam.
»Na, Sie werden Ihren Leuten wohl demnächst noch Unterröcke anziehen! Was?« schrie der Regimentskommandeur mit vorgeschobenem Unterkiefer und zeigte auf einen Soldaten in den Reihen der dritten Kompanie, dessen Mantel durch feineres Tuch und eine andere Farbe unter den übrigen Mänteln auffiel. »Und Sie selber, wo stecken Sie denn eigentlich? Der Oberkommandierende wird erwartet, und Sie entfernen sich von Ihrem Platz? Wie? Ich werde Sie lehren, die Leute zur Besichtigung Kosakenröcke anziehen zu lassen!«
Der Kompanieführer ließ keinen Blick von seinem Vorgesetzten und preßte seine zwei Finger immer fester an den Mützenschirm, als ob in diesem Anpressen jetzt seine einzige Rettung läge.
»Nun, warum schweigen Sie? Wer hat sich da bei Ihnen als Ungar verkleidet?« spottete der Regimentsführer in strengem Ton.
»Eure Exzellenz …«
»Na, was heißt ›Eure Exzellenz, Eure Exzellenz, Eure Exzellenz‹! Aber was ›Eure Exzellenz‹ heißen soll, das weiß keiner.«
»Eure Exzellenz, das ist Dolochow, der Degradierte«, sagte leise der Hauptmann.
»Ja, ist er denn zum Feldmarschall degradiert oder zum gemeinen Soldaten? Wenn er zum Gemeinen degradiert ist, dann muß er sich auch so kleiden wie alle übrigen.«
»Eure Exzellenz haben es ihm selber für die Dauer des Krieges gestattet.«
»Ich hätte das gestattet? Ich hätte das gestattet? Ja, so seid ihr immer, ihr jungen Leute«, sagte der Regimentskommandeur und wurde etwas ruhiger. »Ich hätte es gestattet? Sagt man euch mal etwas, dann macht ihr gleich …« Der Regimentskommandeur schwieg. »Sagt man euch mal etwas, dann macht ihr gleich … Was soll das heißen?« fuhr er dann wieder gereizter fort, »also bitte, ziehen Sie Ihre Leute anständig an.«
Der Regimentskommandeur sah sich nach seinem Adjutanten um und ging dann mit seinem zuckenden Gang zum Regiment hin. Man konnte es ihm ansehen, daß er sich in seiner gereizten Stimmung wohlfühlte und daß er beim Abschreiten der Front noch nach einem weiteren Vorwand suchte, um in Zorn geraten zu können. Nachdem er noch einen Offizier wegen eines nicht blankgeputzten Ordens und einen andern wegen einer schiefstehenden Reihe angefahren hatte, ging er zur dritten Kompanie.
»Wi-i-i-ie stehst du da? Wo ist das Bein? Wo das Bein ist?« schrie der Regimentskommandeur mit gekränkter Stimme. Er befand sich noch fünf Mann von Dolochow entfernt, der den bläulichen Mantel trug.
Dolochow stellte langsam das gebogene Bein gerade und sah mit seinem heiteren und frechen Blick dem General gerade ins Gesicht.
»Warum hast du einen blauen Mantel an? Herunter damit! Feldwebel! Dem Mann hier einen andern Mantel geben! So ein lum…« Er kam nicht dazu, das Wort zu Ende zu sprechen.
»Herr General, ich bin verpflichtet, jeden Befehl zu erfüllen, aber nicht verpflichtet …«, fing Dolochow schnell an.
»Maul halten im Glied! Maul halten, Maul halten!«
»Nicht verpflichtet, Beleidigungen hinzunehmen«, sprach Dolochow mit lauter tönender Stimme seinen Satz zu Ende.
Die Augen des Generals und des Gemeinen begegneten einander. Der General schwieg. Ärgerlich zog er die straffe Schärpe nach unten.
»Wollen Sie sich bitte umziehen«, sagte er und ging weiter.
2
»Er kommt!« schrie in diesem Augenblick der Posten.
Der Regimentskommandeur bekam einen roten Kopf und lief auf sein Pferd zu. Mit zitternden Händen griff er nach dem Steigbügel, schwang sich hinauf und setzte sich zurecht. Dann zog er mit strahlendem, entschlossenem Gesicht den Säbel, öffnete den Mund auf einer Seite und machte sich bereit, loszuschreien. Durch das Regiment ging ein Schütteln wie bei einem Vogel, der sein Gefieder geputzt hat. Dann stand alles regungslos da.
»Still-ll-gestanden!« schrie der Regimentskommandeur mit markerschütternder Stimme, die zugleich seine eigene Freude, seine Strenge gegen das Regiment und seinen Gruß für den ankommenden Vorgesetzten verkündete.
Auf der großen, breiten, mit Bäumen bepflanzten, unchaussierten Landstraße kam, leise in den Federn klirrend, in schnellem Trabe ein hoher, blauer, vierspänniger Wiener Wagen angefahren. Hinter dem Wagen ritt das Gefolge und eine Eskorte Kroaten. Neben Kutusow saß der österreichische General in seinem weißen Waffenrock, der sich unter all den schwarzen russischen Uniformen ganz merkwürdig ausnahm. Die Kalesche hielt vor dem Regiment. Kutusow und der österreichische General sprachen leise miteinander. Kutusow setzte, schwerfällig auftretend, den Fuß aufs Trittbrett und lächelte flüchtig, als ob diese zweitausend Mann, die ihn und ihren Regimentskommandeur mit angehaltenem Atem ansahen, überhaupt nicht da wären.