»Aber ich bitte Sie, Herr General, wie sollte ich wagen«, antwortete der Hauptmann, und seine Nase wurde noch röter. Er lächelte und öffnete dabei den Mund, in dem zwei Vorderzähne fehlten, die ihm in der Schlacht bei Ismail mit einem Kolben ausgeschlagen worden waren.
»Und sagen Sie dem Herrn Dolochow, daß ich ihn nicht vergessen werde; er soll ganz beruhigt sein. Ja, sagen Sie es ihm bitte, ich wollte schon immer fragen, wie es ihm geht, wie er sich führt, und …«
»Im Dienst ist er sehr ordentlich, Euer Exzellenz, aber im Charakter …«, erwiderte Timochin.
»Na, was denn, was ist mit seinem Charakter?« fragte der Regimentskommandeur.
»Es kommt so über ihn an manchen Tagen, Euer Hochwohlgeboren. Mal ist er klug, verständig und gutmütig, mal ist er wieder wie ein Tier. In Polen hätte er fast einen Juden totgeschlagen, wie Sie wohl wissen.«
»Nun ja, nun ja«, sagte der Regimentskommandeur, »man muß immerhin den jungen Mann in seinem Unglück bedauern. Und dann hat er doch einflußreiche Verbindungen … Also sagen Sie es ihm …«
»Zu Befehl, Euer Exzellenz«, erwiderte Timochin und ließ durch ein Lächeln erkennen, daß er den Wunsch seines Chefs verstehe.
»Gut, gut.«
Der Regimentskommandeur suchte Dolochow in den Reihen auf und hielt sein Pferd an.
»Nach dem ersten Gefecht erhalten Sie die Epauletten wieder«, sagte er zu ihm.
Dolochow sah sich nach ihm um und sagte nichts. Der spöttischlächelnde Ausdruck seines Mundes änderte sich nicht.
»Also, gut denn«, fuhr der Regimentskommandeur fort, »die Leute bekommen von mir jeder einen Becher Schnaps«, fügte er lauter hinzu, damit ihn die Soldaten hören sollten. »Ich danke euch allen! Gott sei Dank!«
Er bog um die dritte Kompanie herum und ritt zu einer anderen weiter.
»Na, er ist doch ein guter Mensch«, sagte Timochin zu einem jüngeren Offizier, der hinter ihm ging.
»Ja, das kann man wohl sagen, er ist ja doch auch unser ›Herzkönig‹« – der Kommandeur hatte im Regiment den Spitznamen ›Herzkönig‹ –, »da muß er ja doch auch ein gutes Herz haben«, erwiderte lachend der Offizier.
Die gute Laune der Vorgesetzten nach dieser glücklich verlaufenen Besichtigung ging auch auf die Soldaten über. Die Kompanie marschierte fröhlich dahin. Von allen Seiten hörte man lustige Stimmen.
»Wie kann man bloß sagen, daß Kutusow nur ein Auge habe?«
»Na, ist das etwa nicht richtig? Er kann doch nur auf einem Auge sehen.«
»Nein, mein Bester, der kann besser sehen als du. Die Stiefel und die Fußlappen, alles hat er sich besehen. Und wie er auf meine Beine guckte, na, Bruder, ich dachte schon …«
»Und der andere, der Österreicher, der mit ihm war, rein wie mit Kreide beschmiert sah der aus. Ganz wie weißes Mehl. Na, stelle dir bloß einmal vor, wie soll man da nur die Uniformen sauber kriegen?«
»Du! Fedjoscha! Hat er vielleicht gesagt, wann es losgehen wird, du standest doch ganz nahe dran. Es heißt ja, daß der Bonaparte selber in Braunau ist.«
»Der Bonaparte in Braunau? Was quatschst du da, du Schafskopf! Was du nicht alles weißt! Vorerst revoltiert noch der Preuße. Aber mit dem wird der Österreicher schon fertig werden, und wenn der erst ruhig ist, dann geht der Krieg mit dem Bonaparte los. Und da sagt der Mensch, daß der Bonaparte in Braunau steht. Da kann man sehen, wie dumm du bist. Hör lieber besser zu.«
»Diese verfluchten Quartiermacher! Die fünfte Kompanie biegt schon in ihr Dorf ein, gleich werden sie abkochen, wir aber sind immer noch nicht bis zu unserm Quartier gekommen.«
»Gib mir mal einen Zwieback her, du hinkender Teufel, du!«
»Hast du mir etwa gestern Tabak gegeben? Warte nur, mein Bester! Na, da hast einen, nun zieh aber ab!«
»Wenn sie doch wenigstens einmal Rast machen würden, sonst müssen wir noch fünf Werst laufen, ehe wir was zu essen kriegen.«
»Wenn uns die Deutschen wenigstens Kutschen stellen würden. Wer in Kutschen fährt, ist ein feiner Hund!«
»Das ist ein ganz närrisches Volk hier, dort hinten waren es ja noch Polen, die gehören doch noch zu Rußland. Aber hier sind weiter nichts als Deutsche, nur Deutsche.«
»Sänger nach vorn!« ertönte der Ruf des Hauptmanns.
Aus allen Gruppen traten ungefähr zwanzig Mann vor und stellten sich an die Spitze der Kompanie. Der Vorsänger, ein Trommler, drehte sein Gesicht den Sängern zu, winkte dann mit der Hand und stimmte die schleppende Melodie eines Soldatenliedes an, das mit den Worten beginnt:
und mit den Worten endet:
Dieses Lied war während des Türkenkrieges entstanden und wurde jetzt in Österreich gesungen, nur mit der Abänderung, daß man an Stelle der Worte ›Väterchen Kamenskij‹ ›Väterchen Kutusow‹ setzte.
Nachdem der Trommler, ein hagerer, hübscher Soldat von etwa vierzig Jahren, bei diesen letzten Worten das Lied nach Soldatenart kurz abgebrochen hatte, schleuderte er den Arm zur Seite, als wolle er etwas zur Erde werfen, sah sich dabei streng nach den Sängern um und kniff die Augen zusammen. Als er sich überzeugt hatte, daß alle Augen auf ihn gerichtet waren, fuhr er mit beiden Händen in die Luft, als hebe er einen unsichtbaren wertvollen Gegenstand vorsichtig über seinen Kopf, hielt die Arme einige Sekunden in dieser Lage hoch und schleuderte sie dann plötzlich heftig zur Seite.
»Mein neues Häusel«, fielen zwanzig Stimmen ein, und der Löffelträger sprang trotz seines schweren Gepäcks flink nach vorn, ging rückwärts vor der Kompanie her und wiegte die Schultern, wobei er bald diesem, bald jenem mit den Löffeln drohte. Die Soldaten schlenkerten nach dem Takt des Liedes mit den Armen, marschierten mit weitausgreifenden Schritten, und kamen dabei unwillkürlich in gleichen Tritt. Hinter der Kompanie hörte man Räderrollen, das Knirschen von Wagenfedern und Pferdegetrappel. Kutusow kehrte mit seinem Gefolge in die Stadt zurück. Der Oberkommandierende winkte ab, damit die Leute ohne Ehrenbezeigung weitermarschieren sollten. Seinem Gesicht und den Mienen seines Gefolges war anzusehen, welches Vergnügen sie bei den Klängen dieses Liedes und beim Anblick des tanzenden Soldaten und der fröhlich und munter dahinmarschierenden Kompanie empfanden.
Auf der rechten Seite, wo die Kalesche die Kompanie überholte, fiel in der zweiten Reihe unwillkürlich jedem der blauäugige Gemeine Dolochow auf, der besonders flott und stramm nach dem Takte des Liedes marschierte und dabei die Gesichter der Vorbeifahrenden mit einer solchen Miene ansah, als bedaure er alle, die in diesem Augenblick nicht mit seiner Kompanie marschierten. Jener Husarenkornett aus Kutusows Gefolge, der den Regimentskommandeur nachgeahmt hatte, blieb hinter der Kalesche zurück und ritt an Dolochow heran.
Der Husarenkornett Scherkow hatte eine Zeitlang in Petersburg jener ausgelassenen Gesellschaft angehört, deren Anführer Dolochow gewesen war. Scherkow hatte im Ausland Dolochow als gemeinen Soldaten wiedergetroffen, es aber nicht für nötig gehalten, ihn zu kennen. Jetzt nach Kutusows Gespräch mit dem Degradierten wandte er sich erfreut an ihn wie an einen alten Bekannten.
»Liebster Freund, wie geht es dir?« rief er zwischen das Singen der Soldaten hinein und hielt sein Pferd in gleichem Schritt mit der Kompanie.
»Wie es mir geht?« antwortete Dolochow kühl, »nun wie du siehst.«