Das muntere Lied gab der ausgelassenen Fröhlichkeit, mit der Scherkow ihn angesprochen hatte, einen ganz besonderen Ton und ließ die absichtliche Kälte, die in Dolochows Antwort lag, noch mehr hervortreten.
»Wie kommst du mit deinen Vorgesetzten aus?« fragte Scherkow.
»Ganz gut, es sind nette Leute. Wie hast du dich denn in den Generalstab hineinbohren können?«
»Ich bin abkommandiert worden. Bin du jour.«
Sie schwiegen.
klang das Soldatenlied und weckte unwillkürlich eine mutige, fröhliche Stimmung. Hätten die beiden nicht bei den Klängen des Liedes miteinander gesprochen, so hätte ihr Gespräch wohl einen anderen Verlauf genommen.
»Ist es eigentlich wahr, daß die Österreicher geschlagen sind?« fragte Dolochow.
»Weiß der Teufel, man sagt es, ja.«
»Freut mich«, antwortete Dolochow kurz und deutlich, wie es zum Liede paßte.
»Nun, wie steht’s? Komm doch mal abends zu uns, damit wir ein Spielchen machen können«, sagte Scherkow.
»Ihr habt wohl recht viel Geld?«
»Komm nur!«
»Ich kann nicht. Habe mir gelobt, nicht zu trinken und zu spielen, bis ich befördert bin.«
»Also dann nach dem ersten Gefecht …«
»Werden sehen.«
Wieder schwiegen sie.
»Also komm nur, wenn du was brauchst, beim Stabe wird man dir immer gern helfen.«
Dolochow lächelte.
»Mach dir keine Sorgen. Wenn ich was brauche, werde ich nicht erst darum bitten. Ich werde es mir selber nehmen.«
»Nun ja, ich meinte ja nur so …«
»Und ich meinte auch nur so.«
»Na, leb wohl.«
»Leb wohl.«
Scherkow gab seinem Pferd die Sporen. Aufgeregt tänzelte es von einem Fuß auf den andern und wußte nicht, mit welchem es ausholen sollte. Schließlich setzte es an und sprengte davon, jagte ebenfalls im Takte des Liedes an der Kompanie vorbei und holte die Kalesche ein.
3
Nachdem Kutusow in Begleitung des österreichischen Generals von der Besichtigung zurückgekehrt war, ging er in sein Arbeitszimmer und rief seinen Adjutanten. Er verlangte Berichte, die sich auf den Zustand der angekommenen Truppen bezogen, und noch einige Briefe, die er von Erzherzog Ferdinand, dem Oberbefehlshaber der Vorhut, erhalten hatte.
Fürst Andrej Bolkonskij trat mit den gewünschten Papieren ins Arbeitszimmer. Vor einer auf dem Tisch ausgebreiteten Landkarte saßen Kutusow und das österreichische Mitglied des Hofkriegsrates.
»Ah«, machte Kutusow, während er sich nach seinem Adjutanten umblickte, wie wenn er ihn mit diesem Wort auffordern wollte, noch einen Augenblick zu warten, und setzte dann die begonnene Unterhaltung wieder auf französisch fort.
»Ich kann Ihnen nur das eine sagen, General«, versicherte Kutusow mit jener angenehmen Eleganz der Ausdrucksweise und Betonung, die jeden zwang, seinen ohne Eile gesprochenen Worten zuzuhören, – es war Kutusow anzumerken, daß er sich auch selber mit Vergnügen reden hörte. »Ich kann Ihnen nur das eine sagen, Generaclass="underline" wenn die Sache nur von meinen persönlichen Wünschen abhinge, so wäre der Wille Seiner Majestät des Kaisers Franz schon lange erfüllt. Ich hätte mich längst mit dem Erzherzog vereinigt. Und glauben Sie mir auf mein Ehrenwort, daß es für mich persönlich eine große Freude gewesen wäre, wenn ich den Oberbefehl über die Armeen einem erfahreneren und geschickteren General – und an solchen glänzenden Generälen ist ja Österreich reich – übergeben und dadurch die schwere Verantwortung von mir abwälzen könnte. Aber die Verhältnisse sind nun einmal stärker als wir, General.«
Kutusow lächelte mit einer Miene, als wolle er sagen: Sie sind vollkommen berechtigt, mir nicht zu glauben, und mir ist es ja auch ganz gleichgültig, ob Sie mir nun glauben oder nicht, aber Sie haben keinen Grund, mir das zu sagen. Und darauf kommt es ja schließlich an.
Der österreichische General machte eine unzufriedene Miene, war aber gezwungen, Kutusow in gleicher Weise zu antworten.
»Im Gegenteil«, sagte er in einem knurrigen und ärgerlichen Ton, der zu der schmeichelhaften Bedeutung der von ihm gebrauchten Redensarten durchaus nicht paßte, »im Gegenteil, die Teilnahme Eurer Exzellenz an der gemeinsamen Sache wird von Seiner Majestät außerordentlich hoch eingeschätzt, aber wir fürchten, daß die gegenwärtige Verzögerung die ruhmgekrönten russischen Truppen und ihren Oberkommandierenden der Lorbeeren berauben könnte, die sie in den Schlachten zu ernten gewohnt sind«, schloß er seine Rede, auf die er sich offenbar vorher vorbereitet hatte.
Kutusow verbeugte sich und lächelte unverändert weiter.
»Ich bin außerdem vollkommen überzeugt und vermute auf Grund des letzten Briefes, mit dem mich Seine Kaiserliche Hoheit Erzherzog Ferdinand beehrt hat, daß die österreichischen Truppen unter dem Befehl eines so geschickten Feldherrn, wie es General Mack ist, jetzt bereits einen entscheidenden Sieg davongetragen haben und unsere Hilfe gar nicht mehr brauchen«, fuhr Kutusow fort.
Der General runzelte die Stirn. Wenn man auch keine positiven Nachrichten von einer Niederlage der Österreicher erhalten hatte, so waren doch zu viele Umstände vorhanden, welche die allgemein verbreiteten ungünstigen Gerüchte bestätigten. Daher klang Kutusows Vermutung von einem Sieg der Österreicher fast wie Spott. Doch Kutusow lächelte sanft, und zeigte immer noch dieselbe Miene, die da sagte, daß er zu dieser Annahme ganz berechtigt sei. Und in der Tat berichtete der letzte Brief, den er von Macks Armee erhalten hatte, von einem Sieg und der außerordentlich vorteilhaften strategischen Lage der Armee.
»Gib mal bitte den Brief her«, sagte Kutusow und wandte sich an den Fürsten Andrej. »Bitte, sehen Sie!«
Mit einem spöttischen Lächeln in den Mundwinkeln las Kutusow dem österreichischen General folgende Stelle aus dem Brief des Erzherzogs auf deutsch vor:
»Wir haben vollkommen konzentrierte Kräfte, nahe an siebzigtausend Mann, um den Feind, wenn er den Lech passiert, angreifen und schlagen zu können. Da wir Herren von Ulm sind, können wir auch des Vorteils, Herr der beiden Donauufer zu bleiben, nicht verlustig gehen, mithin auch jeden Augenblick, wenn der Feind den Lech nicht passieren sollte, über die Donau gehen, uns auf seine Kommunikationslinie werfen, die Donau weiter unterhalb wieder überschreiten und dem Feind, wenn er sich mit ganzer Macht gegen unsere treuen Alliierten wenden sollte, diese seine Absicht alsobald vereiteln. Wir werden daher dem Zeitpunkt, da die Kaiserlich-Russische Armee ausgerüstet sein wird, mutig entgegenharren und sodann gemeinschaftlich leicht die Möglichkeit finden, dem Feind das Schicksal zu bereiten, das er verdient.«
Kutusow seufzte schwer auf, als er diese langen Sätze zu Ende gelesen hatte. Aufmerksam und freundlich sah er das Mitglied des Hofkriegsrates an.
»Aber Eure Exzellenz kennen doch die weise Regel, die da gebietet, man soll immer nur das Schlechteste vermuten«, sagte der österreichische General, der anscheinend mit diesen Späßen ein Ende machen und zur Sache kommen wollte.
Unwillkürlich sah er sich nach dem Adjutanten um.
»Entschuldigen Sie, General«, unterbrach ihn Kutusow und wandte sich gleichzeitig an den Fürsten Andrej. »Höre, mein Lieber, hole doch mal von Koslowskij alle Berichte unserer Kundschafter. Hier sind zwei Briefe vom Grafen Nostiz, hier ein Brief Seiner Kaiserlichen Hoheit, des Erzherzogs Ferdinand, und hier noch mehr«, sagte er und gab ihm einige Papiere. »Aus allen diesen Schriften stelle auf französisch ein sauberes Memorandum zusammen, einen Auszug zur Übersicht all der Nachrichten, die wir von den Operationen der österreichischen Armee erhalten haben. Wenn du das gemacht hast, übergib es Seiner Exzellenz.«
Fürst Andrej neigte den Kopf zum Zeichen, daß er vom ersten Wort an nicht nur alles verstanden habe, was Kutusow gesagt hatte, sondern auch das, was Kutusow damit sagen wollte. Er nahm die Papiere, machte eine Verbeugung gegen beide und ging mit leisen Schritten über den Teppich ins Wartezimmer.