Obgleich nur kurze Zeit verflossen war, seit Fürst Andrej Rußland verlassen hatte, war doch inzwischen schon eine große Veränderung mit ihm vorgegangen. Im Ausdruck seines Gesichts, in seinen Bewegungen und in seinem Gang war fast nichts mehr von seiner früheren Blasiertheit, Müdigkeit und Schlaffheit zu merken. Er sah aus wie ein Mensch, der keine Zeit hat, über den Eindruck, den er auf andere macht, nachzudenken, weil er völlig mit einer angenehmen und fesselnden Sache beschäftigt ist. Seinem Gesicht war anzusehen, daß er mit sich und seiner Umgebung zufrieden war. Sein Lächeln und sein Blick waren fröhlicher und anziehender geworden.
Kutusow, den er noch in Polen eingeholt hatte, hatte ihn sehr freundlich empfangen und ihm versprochen, ihn nicht zu vergessen. Er hatte ihn vor allen anderen Adjutanten ausgezeichnet, ihn nach Wien mitgenommen und ihm Aufträge wichtigster Art gegeben. Aus Wien hatte dann Kutusow an seinen alten Kameraden, den Vater des Fürsten Andrej, geschrieben: »Ihr Sohn erweckt die Hoffnung, ein Offizier zu werden, der sich durch Kenntnisse, Charakterfestigkeit und pünktliche Diensterfüllung auszeichnet. Ich schätze mich glücklich, einen solchen Untergebenen bei mir zu haben.«
Unter seinen Kameraden im Stabe waren über die Person des Fürsten Andrej zwei ganz entgegengesetzte Meinungen im Umlauf, ebenso wie in der Petersburger Gesellschaft. Die einen – und das war die Minderheit – glaubten, Fürst Andrej sei etwas ganz Besonderes, etwas anderes als sie selber und alle übrigen Menschen. Sie erwarteten von ihm große Leistungen, hörten ihm aufmerksam zu, waren entzückt von ihm und suchten ihm ähnlich zu werden. Gegen diese Leute benahm sich Fürst Andrej einfach und liebenswürdig. Die andern, die Mehrzahl, liebten ihn nicht. Sie hielten ihn für einen aufgeblasenen, kalten und unangenehmen Menschen. Aber auch mit diesen Leuten verstand sich Fürst Andrej so zu stellen, daß sie ihn respektierten und sogar fürchteten.
Als Fürst Andrej aus Kutusows Arbeitszimmer in das Wartezimmer trat, ging er mit den Papieren zu seinem Kameraden, dem diensttuenden Adjutanten Koslowskij, der mit einem Buch am Fenster saß.
»Nun, was gibt es, Fürst?« fragte Koslowskij.
»Ich habe Befehl, ein Memorandum zu machen, warum wir nicht vorrücken.«
»Aber wozu denn?«
Fürst Andrej zuckte mit den Achseln.
»Sind keine Nachrichten von Mack eingetroffen?« fragte Koslowskij.
»Nein.«
»Wenn es wahr wäre, daß er geschlagen ist, so wären doch schon Nachrichten gekommen.«
»Wahrscheinlich«, versetzte Fürst Andrej und begab sich zur Ausgangstür.
Doch in diesem Augenblick kam ihm jemand entgegen, trat eilig ins Wartezimmer und schlug hinter sich die Tür zu. Es war ein großer, anscheinend eben erst angekommener österreichischer General im Überrock mit einer schwarzen Binde um den Kopf und dem MariaTheresien-Orden am Halse. Fürst Andrej blieb stehen.
»Ist General en chef Kutusow da?« fragte der angekommene österreichische General hastig mit scharfer deutscher Aussprache, sah sich nach beiden Seiten um und ging, ohne stehenzubleiben, auf die Tür des Arbeitszimmers zu.
»Der General en chef ist beschäftigt«, erwiderte Koslowskij, ging eilig auf den unbekannten General zu und versperrte ihm den Weg zur Tür. »Wen darf ich melden?«
Der unbekannte General sah verächtlich von oben bis unten den nur kleinen Koslowskij an, als wundere er sich darüber, daß man ihn hier nicht kannte.
»Der General en chef ist beschäftigt«, sagte Koslowskij noch einmal in ruhigem Ton.
Der Österreicher zog die Stirn in Falten, seine Lippen zitterten und zuckten. Er nahm sein Notizbuch vor, kritzelte etwas mit dem Bleistift hin, riß das Blatt heraus und gab es dem Adjutanten. Dann ging er mit schnellen Schritten zum Fenster, warf sich in einen Stuhl und musterte alle im Zimmer Anwesenden, wie wenn er fragen wollte, weshalb sie ihn alle so ansähen. Er hob den Kopf hoch, reckte den Hals heraus, als wolle er etwas sagen, stieß aber dann gleich darauf, wie gedankenlos vor sich hinsingend, einen seltsamen Laut aus, den er jedoch sofort wieder abbrach. Die Tür zum Arbeitszimmer ging auf, und auf ihrer Schwelle erschien Kutusow.
Der General mit dem verbundenen Kopf bückte sich, als wolle er einer Gefahr aus dem Wege gehen, und ging mit seinen dünnen Beinen in großen, schnellen Schritten auf Kutusow zu.
»Vous voyez le malheureux Mack«, sagte er mit fast gebrochener Stimme.
Das Gesicht Kutusows, der in der Tür des Arbeitszimmers stand, blieb einige Augenblicke vollständig starr. Dann liefen Falten wie Wellen über sein Gesicht, so daß sich die Stirne kraus zog. Er neigte respektvoll seinen Kopf, schloß die Augen, ließ Mack an sich vorbeigehen und schloß selber hinter sich die Tür.
Das schon vorher verbreitete Gerücht über die Niederlage der Österreicher und die Kapitulation der ganzen Armee bei Ulm fand seine Bestätigung. Nach einer halben Stunde wurden nach allen Richtungen Adjutanten mit Befehlen abgeschickt, aus denen zu ersehen war, daß auch die russischen Truppen, die bisher untätig geblieben waren, bald mit dem Feinde zusammentreffen sollten.
Fürst Andrej war einer der wenigen Offiziere, für die der Gesamtgang der militärischen Operationen das Hauptinteresse bildete. Als er Mack gesehen und die Einzelheiten seines Unglücks erfahren hatte, wußte er, daß der Feldzug nun schon zur Hälfte verloren war. Er erkannte die schwierige Lage, in der sich die russischen Truppen befanden, und stellte sich lebhaft vor, was die Armee nun zu erwarten hatte, und welche Rolle sie dabei spielen werde. Unwillkürlich empfand er ein aufregendem, freudiges Gefühl bei dem Gedanken, daß das selbstbewußte Österreich in seiner Ehre getroffen war, und daß er selber nun vielleicht in wenigen Tagen den Zusammenstoß zwischen Russen und Franzosen, den ersten seit Suworow, mitansehen und selbst daran teilnehmen könne. Aber er fürchtete das Genie Bonapartes, das sich stärker erweisen könne als alle Tapferkeit der russischen Truppen, und doch konnte er es auch wiederum nicht über sich gewinnen, seinem Helden eine schmähliche Niederlage zu wünschen.
Aufgeregt und gereizt durch diese Gedanken ging Fürst Andrej in sein Zimmer, um seinem Vater, an den er jeden Tag schrieb, einen Brief zu schreiben. Auf dem Korridor traf er mit seinem Zimmerkameraden Neswizkij und dem Spaßvogel Scherkow zusammen, die wie immer über irgend etwas lachten.
»Warum bist du so finster«, fragte Neswizkij, als er das blasse Gesicht und die blitzenden Augen des Fürsten Andrej bemerkte.
»Jetzt hat wohl keiner Ursache, vergnügt zu sein«, antwortete Bolkonskij.
In dem Augenblick, als Fürst Andrej mit Neswizkij und Scherkow zusammentraf, kamen ihnen von der anderen Seite des Korridors das am Abend vorher angekommene Mitglied des Hofkriegsrates entgegen und Strauch, jener österreichische General, der bei Kutusows Stabe stand, um die Verpflegung der russischen Armee zu beaufsichtigen. Auf dem breiten Korridor war genügend Raum, so daß die Generäle bequem an den drei Offizieren hätten vorbeigehen können; aber Scherkow drängte Neswizkij mit dem Arm beiseite und rief ganz atemlos: »Sie kommen, sie kommen! Treten Sie zur Seite. Weg frei, bitte, Weg frei!«
Die Generäle gingen vorbei, und ihren Mienen war anzusehen, daß sie gern lästige Ehrenbezeigungen vermieden hätten. Auf dem Gesicht des Spaßvogels Scherkow erschien plötzlich ein dummfrohes Lächeln, als könne er seine Freude gar nicht unterdrücken.
»Eure Exzellenz«, sagte er auf deutsch, trat vor und wandte sich an den österreichischen General, »ich habe die Ehre, zu gratulieren.« Er neigte den Kopf und machte wie Kinder, die tanzen lernen, zuerst mit dem einen, dann mit dem andern Bein einen Kratzfuß.
Der General, Mitglied des Hofkriegsrates, sah ihn streng an; aber als er die Echtheit dieses dummen Lächelns bemerkte, konnte er es nicht über sich bringen, dem Redenden nicht für einen Augenblick Gehör zu schenken. Er kniff die Augen zusammen und zeigte damit, daß er ihn anhören wolle.