»Es war nicht meine Schuld, daß dieses Gespräch in Gegenwart anderer Offiziere stattfand. Vielleicht hätte ich in Gegenwart anderer nicht davon sprechen sollen. Aber ich bin eben kein Diplomat. Gerade deshalb bin ich ja in ein Husarenregiment eingetreten, weil ich dachte, daß man hier nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen brauche. Wenn er aber sagt, daß ich lüge …, so soll er mir auch Satisfaktion geben …«
»Das ist ja alles ganz gut und schön. Es denkt ja niemand daran, daß Sie ein Feigling sind. Darum handelt es sich hier nicht. Fragen Sie einmal Denissow, ob das nicht unerhört ist, wenn ein Junker von seinem Regimentskommandeur Satisfaktion verlangt.«
Denissow biß sich auf den Schnurrbart und hörte mit finsterer Miene dem Gespräch zu. Offenbar wollte er sich nicht daran beteiligen. Auf die Frage des Stabsrittmeisters schüttelte er verneinend den Kopf.
»In Gegenwart anderer Offiziere haben Sie dem Regimentskommandeur von dieser Gemeinheit erzählt«, fuhr der Stabsrittmeister fort, »und Bogdanytsch« – so wurde der Regimentskommandeur von den Offizieren genannt – »hat Sie gehörig heruntergeputzt …«
»Er hat mich gar nicht heruntergeputzt, sondern gesagt, ich spräche die Unwahrheit.«
»Nun ja, und darauf haben Sie ihm eine ungehörige Antwort gegeben und deshalb müssen Sie sich entschuldigen.«
»Auf keinen Fall!« rief Rostow.
»So etwas hätte ich von Ihnen nicht erwartet«, sagte der Stabsrittmeister ernst und streng. »Sie wollen sich nicht entschuldigen, mein Lieber? Und dabei haben Sie sich nicht nur an ihm, sondern am ganzen Regiment, an uns allen, schwer vergangen. Sehen Sie, das hätten Sie so machen müssen: Sie hätten es sich überlegen und um Rat fragen müssen, wie man in einer solchen Sache zu handeln hat. Sie aber platzen damit ohne weiteres in Gegenwart von Offizieren heraus. Was soll der Regimentskommandeur jetzt machen? Soll er den Leutnant vors Gericht bringen und das ganze Regiment dadurch bloßstellen? Wegen eines einzigen schwarzen Schafes das ganze Regiment in Schande bringen? So meinen Sie es doch, nicht wahr? Wir aber sind anderer Meinung. Bogdanytsch ist ein tüchtiger Mann, er hat Ihnen gesagt, daß Sie etwas Unwahres behaupten. Das ist unangenehm, aber was ist da zu machen, mein Lieber? Sie haben sich diese Suppe ja selber eingebrockt. Und jetzt, wo man die Sache vertuschen will, wollen Sie sich aus irgendeinem unangebrachten Stolz heraus nicht entschuldigen, sondern alles an die große Glocke hängen. Es wurmt Sie, daß Sie jetzt Strafdienst machen müssen und sich vor einem alten ehrlichen Offizier entschuldigen sollen. Wie Bogdanytsch als Mensch auch immer sein mag, jedenfalls ist er ein tapferer, ehrenhafter alter Oberst. Ihnen fällt es schwer, sich zu entschuldigen. Das Regiment aber bloßzustellen, das fällt Ihnen nicht schwer?« Die Stimme des Stabsrittmeisters fing an zu zittern. »Sie, junger Mann, sind nur vorübergehend hier im Regiment. Heute sind Sie hier, morgen irgendwo anders als Adjutant. Was kümmert es Sie, wenn man sagen wird: ›Unter den Pawlograder Offizieren gibt es Diebe.‹ Uns aber ist das nicht gleichgültig. Habe ich nicht recht, Denissow? Uns ist das nicht gleichgültig.«
Denissow schwieg immer noch und rührte sich nicht, sondern blickte nur hin und wieder Rostow mit seinen glänzenden schwarzen Augen an.
»Ihnen ist Ihr Stolz heilig, Sie wollen nicht um Entschuldigung bitten«, fuhr der Stabsrittmeister fort, »aber uns Alten, die wir hier im Regiment groß geworden sind und, geb’s Gott, auch hier mal sterben werden, uns geht die Ehre des Regiments über alles, und Bogdanytsch weiß das. Ja, uns geht die Ehre des Regiments über alles! Das ist nicht schön von Ihnen, nicht schön. Nehmen Sie es mir übel oder nicht, aber ich sage immer die Wahrheit frei heraus. Das ist nicht schön von Ihnen.«
Der Stabsrittmeister stand auf und wandte sich von Rostow ab.
»Er hat recht, hol’s der Teufel«, schrie Denissow und sprang auf. »Na, Rostow, na!«
Rostow wurde rot und blaß und sah bald den einen, bald den anderen Offizier an.
»Nein, meine Herren, nein … Denken Sie nicht … Ich verstehe Sie … doch Sie denken nicht richtig von mir … ich … für mich … ich bin stets für die Ehre des Regiments … und wie! Ich werde es im Gefecht zeigen, daß für mich die Ehre der Fahne … nun ja, es stimmt, ich bin schuld! …« Tränen standen in seinen Augen. »Ich habe mich arg vergangen, arg vergangen! … Nun, was wollen Sie noch mehr?«
»So ist’s recht, Graf«, schrie der Stabsrittmeister, drehte sich um und schlug ihm mit seiner großen Hand auf die Schulter.
»Ich hab dir gesagt«, schrie Denissow, »daß er ein famoses Kerlchen ist!«
»So ist es recht, Graf«, wiederholte der Stabsrittmeister, als wolle er Rostow für sein Eingeständnis durch die Anrede mit seinem Grafentitel belohnen. »Gehen Sie hin und bitten Sie um Entschuldigung, Euer Erlaucht, gehen Sie!«
»Meine Herren, ich will alles tun, niemand soll von mir auch nur ein Wort von dieser Sache weiter hören«, sagte Rostow mit flehender Stimme, »aber um Entschuldigung bitten, nein, das kann ich bei Gott nicht. Machen Sie, was Sie wollen. Soll ich mich etwa entschuldigen und um Verzeihung bitten wie ein Schuljunge?«
Denissow lachte.
»Das wird dann für Sie nur um so schlimmer sein. Bogdanytsch trägt einem so etwas nach. Sie werden für Ihre Dickköpfigkeit büßen müssen«, sagte Kirsten.
»Herr Gott, das ist doch keine Dickköpfigkeit! Ich kann es Ihnen nicht beschreiben, was für ein Gefühl … ich kann nicht …«
»Nun, wie Sie wollen«, sagte der Stabsrittmeister. »Wo ist denn aber dieser Schuft eigentlich geblieben?« fragte er Denissow.
»Er hat sich krank gemeldet. Es ist der Befehl gekommen, ihn morgen vom Offizierskorps auszuschließen«, erwiderte Denissow.
»Das muß bei ihm krankhaft gewesen sein, anders kann man das gar nicht erklären«, sagte der Stabsrittmeister.
»Ob es nun krankhaft war oder nicht, mir soll er nicht noch einmal unter die Augen kommen, ich schlage ihn tot«, schrie Denissow blutdürstig.
Da trat Scherkow ins Zimmer.
»Wie kommst du denn hierher?« wandten sich die Offiziere sofort an den Eintretenden.
»Es geht los, meine Herren, Mack hat sich ergeben, vollständig, mit der ganzen Armee …«
»Das ist ja Schwindel!«
»Ich habe ihn selber gesehen.«
»Wie? Mack hast du gesehen? Mack, wie er leibt und lebt?«
»Es geht los! Es geht los! Gebt ihm eine Flasche Wein für diese Nachricht. Wie bist du aber hierher geraten?«
»Eben wegen dieses Kerls, wegen Mack, haben sie mich wieder ins Regiment zurückgeschickt. Ein österreichischer General hat sich beschwert. Ich hatte ihm zu Macks Ankunft gratuliert … Aber was ist denn mit dir, Rostow? Du siehst ja so rot aus, als kämst du gerade aus dem Dampfbad?«
»Ja, Kamerad, hier spielt jetzt eine dumme Geschichte seit zwei Tagen.«
Da trat der Regimentsadjutant ein und bestätigte die von Scherkow gebrachte Nachricht. Der Marschbefehl für morgen war eingetroffen.
»Also es geht los, meine Herren.«
»Nun Gott sei Dank, wir haben auch schon zu lange stillgesessen.«
6
Kutusow zog sich in der Richtung nach Wien zurück und zerstörte hinter sich die Brücken über den Inn bei Braunau und über die Traun bei Linz. Am 23. Oktober überschritten die russischen Truppen die Enns. Der russische Train, die Artillerie und die Truppenkolonnen kamen gegen Mittag durch die Stadt Enns, die auf beiden Seiten des Flusses liegt.
Es war ein warmer, regnerischer Herbsttag. Die weite Aussicht, die sich von jener Anhöhe erschloß, wo die russischen Batterien zum Schutz der Brücke aufgestellt waren, wurde bald durch den feinen Schleier eines schräg fallenden Regens verdeckt, bald lag sie wieder im hellen Sonnenschein da, der alle Gegenstände wie mit Lack überzogen aussehen ließ. Unten, zu ihren Füßen, sahen die Soldaten das Städtchen liegen mit seinen weißen Häusern und roten Dächern, seiner Kirche und einer Brücke, auf der zu beiden Seiten russische Truppen dichtgedrängt vorüberfluteten. An einer Biegung der Donau sah man Schiffe, eine Insel und ein Schloß mit einem Park, der vom Wasser der Enns umspült wurde, die sich hier in die Donau ergießt. Das linke, felsige, mit Fichtenwäldern bedeckte Donauufer trat deutlich hervor, und weiter, in geheimnisvoller Ferne, dämmerten grüne Höhen; aus einem wilden Fichtenwald, den, wie es von weitem schien, noch keines Menschen Fuß je betreten hatte, ragten die Türme eines Klosters hervor. Und weiter hinten auf einem Berge, jenseits der Enns, sah man die Vorposten des Feindes.