Vorn auf der Anhöhe, zwischen den Geschützen, stand ein General, der Befehlshaber der Nachhut, mit einem Offizier à la suite und betrachtete die Gegend durch ein Fernglas. Etwas weiter hinten saß auf einer Lafette Neswizkij, der vom Oberkommandierenden zur Nachhut abgeschickt worden war. Der Kosak, der Neswizkij begleitet hatte, reichte ihm Tasche und Feldflasche hin, und Neswizkij bewirtete nun die Offiziere mit Pasteten und echtem Doppelkümmel. Die Offiziere umringten ihn voller Freude: die einen lagen auf den Knien, andere wieder saßen mit untergeschlagenen Beinen auf dem feuchten Gras.
»Ja, dieser österreichische Fürst, der sich hier das Schloß gebaut hat, ist gar nicht so dumm gewesen. Eine herrliche Gegend. Aber warum essen Sie nicht, meine Herren?« sagte Neswizkij.
»Ich danke ergebenst, Fürst«, sagte einer der Offiziere, dem es ein großes Vergnügen machte, sich mit einem so hohen Stabsoffizier unterhalten zu können, »eine prächtige Gegend. Wir sind dicht am Park vorbeigegangen und haben zwei Hirsche gesehen. Und was für ein wunderbares Haus!«
»Sehen Sie nur, Fürst«, sagte ein anderer, der gern noch eine Pastete genommen hätte, sich aber ein wenig genierte und daher so tat, als betrachte er die Gegend, »sehen Sie nur, unsere Infanterie hat sich da schon ’rangemacht. Da, auf der Wiese, hinter dem Dorf, schleppen drei Mann etwas fort. Die werden sich das Schloß schon vornehmen«, meinte er mit sichtlichem Behagen.
»Ja, richtig«, erwiderte Neswizkij. »Nein, was ich aber gern möchte«, fügte er hinzu und zerkaute dabei eine Pastete in seinem schönen Mund, »mich da ’ranpirschen.«
Er zeigte auf das Kloster mit den Türmen, das auf dem Berg sichtbar war. Lächelnd kniff er seine blitzenden Augen zusammen.
»Das wäre doch fein, meine Herren.«
Die Offiziere lachten.
»Wenn wir auch bloß diese Nönnchen ein bißchen aufschrecken könnten. Es sollen junge Italienerinnen sein. Wirklich, fünf Jahre meines Lebens gäb’ ich drum.«
»Denen ist es doch gewiß auch langweilig dort«, sagte lachend ein anderer Offizier, der noch etwas dreister war.
Unterdessen zeigte der Offizier à la suite, der vorne stand, dem General einen bestimmten Punkt, und der General sah durchs Fernrohr hin.
»Ja ja, stimmt schon, stimmt schon«, brummte der General ärgerlich. Er nahm das Fernrohr von den Augen weg und zuckte die Schultern. »Sie haben recht. Gleich werden sie den Übergang beschießen. Warum trödeln aber auch unsere Leute so lange?«
Auf der andern Seite des Flusses war eine feindliche Batterie jetzt auch mit bloßem Auge zu erkennen. Ein milchig-weißes Rauchwölkchen stieg von ihr auf. Gleich darauf ertönte ein ferner Schuß, und man konnte beobachten, wie die russischen Truppen auf der Brücke auf einmal in Eile gerieten.
Neswizkij erhob sich prustend und ging lächelnd auf den General zu.
»Möchten Exzellenz nicht auch einen Bissen essen?« fragte er.
»Eine dumme Geschichte«, sagte der General, ohne ihm zu antworten. »Unsere Leute haben sich zu viel Zeit genommen.«
»Soll ich hinreiten, Exzellenz?« fragte Neswizkij.
»Ja, reiten Sie bitte hin«, sagte der General und wiederholte ihm das, was er schon einmal ausführlich befohlen hatte. »Sagen Sie den Husaren, sie sollen zuletzt die Brücke überschreiten und sie dann hinter sich abbrennen, wie ich es befohlen habe. Vorerst sollen sie aber die Brennmaterialien auf der Brücke noch gut prüfen.«
»Zu Befehl«, antwortete Neswizkij.
Er rief den Kosaken, der das Pferd hielt, herbei, ließ Tasche und Feldflasche aufpacken und schwang seinen schweren Körper behend in den Sattel.
»Ich reite jetzt zu den Nonnen, tatsächlich«, sagte er zu den Offizieren, die ihn lächelnd ansahen, und ritt dann auf einem gewundenen Pfad den Berg hinab.
»Nun wollen wir mal sehen, wie weit unsere Geschütze reichen, Hauptmann, legen Sie los!« sagte der General und wandte sich an den Artilleristen. »Sie sollen nun auch Ihren Spaß haben nach der vielen Langenweile!«
»Die Mannschaften an die Geschütze!« kommandierte der Offizier.
Im Nu kamen die Artilleristen fröhlich von den Feuern herbeigelaufen und luden die Kanonen.
»Erstes Geschütz, Feuer!« ertönte das Kommando.
Wuchtig prallte das erste Geschütz zurück. Betäubend dröhnte das Metall der Kanone, und eine Granate sauste pfeifend über die Köpfe der Unsrigen den Berg hinab. Sie flog bei weitem nicht bis zum Feind hin. Eine Rauchwolke zeigte den Platz, wo sie einschlug und platzte.
Die Gesichter der Soldaten und Offiziere hellten sich bei diesem Ton förmlich auf. Alle hatten sich erhoben und waren damit beschäftigt, zu beobachten, wie unten unsere Truppen marschierten, die ganz deutlich zu sehen waren, und wie weiter hinten der Feind heranrückte. In diesem Augenblick trat die Sonne ganz aus den Wolken heraus, und der feierliche Klang dieses einzelnen Schusses ging in den leuchtenden Sonnenglanz über und rief eine fröhliche, mutige Stimmung hervor.
7
Zwei feindliche Geschosse waren bereits über den Fluß geflogen, deshalb war das Gedränge dort sehr groß. Mitten auf der Brücke stand Fürst Neswizkij. Er war gerade vom Pferd gestiegen und drückte seinen dicken Leib gegen das Geländer. Lachend sah er sich nach seinem Kosaken um, der mit den beiden Pferden am Zügel einige Schritte hinter ihm stand. Jedesmal, wenn Fürst Neswizkij weitergehen wollte, drängten ihn Soldaten und Wagen zurück und preßten ihn wieder an das Geländer. Ihm blieb nichts anderes übrig, als zu lächeln.
»He du, Brüderchen«, sagte der Kosak zu einem Fuhrparksoldaten, der mit seinem Wagen auf die Infanterie losfuhr, die sich dicht um die Räder und Pferde drängte. »He, kannst du nicht warten? Du siehst doch, daß ein General vorbeireiten will.«
Doch auf den Trainsoldaten machte der Generalstitel nicht den geringsten Eindruck und er rief den Soldaten, die ihm den Weg versperrten, zu: »He, Landsleute, links ran! Wartet mal!«
Aber die Landsleute marschierten auf der Brücke Schulter an Schulter, so daß die Bajonette aneinanderstießen, wie eine feste Masse dahin, ohne sich aufhalten zu lassen.
Fürst Neswizkij blickte über das Geländer in den Fluß und sah den schnellen, schäumenden, kleinen Wellen der Enns zu, die kräuselnd ineinanderflossen, den Brückenpfahl umwogten und einander zu überholen strebten. Als er dann aufschaute, erblickte er auf der Brücke dieselben einförmigen, aber lebenden Wellen: Soldaten, Tschakos, Tschakoschnüre, Tornister, Bajonette, lange Gewehre und unter den Tschakos Gesichter mit breiten Backenknochen, eingefallenen Wangen und sorglos-müden Mienen, und Beine, die auf dem klebrigen Schmutz der Brückenbohlen dahinmarschierten. Bisweilen drängte sich durch diese einförmigen Wogen der Soldaten wie ein weißer Schaumspritzer auf den Wellen der Enns ein Offizier im Mantel hindurch, dessen Gesichtsausdruck von dem der einfachen Soldaten auffallend abstach. Ab und zu wurde von den Wellen der Infanterie ein zu Fuß gehender Husar, ein Offiziersbursche oder ein Einwohner wie ein auf dem Flusse tanzender Holzspan über die Brücke getragen. Dann wieder segelte ein von allen Seiten umdrängter Kompanie- oder Offizierswagen, der bis oben mit Gepäck vollgepackt und mit einem Lederüberzug bedeckt war, wie ein auf dem Fluß treibender Baumstamm über die Brücke.
»Sieh einer an, das flutet ja und flutet, als ob ein Damm gebrochen wäre«, sagte der Kosak und blieb hoffnungslos stehen. »Sind da drüben noch viele von euch?«