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»Exzellenz, erlauben Sie, daß wir attackieren? Ich werde sie verjagen.«

»Was sollen hier Attacken«, erwiderte der Kommandeur in verdrießlichem Ton und zog die Stirn kraus, als ob ihn eine Fliege belästige. »Warum stehen Sie überhaupt noch hier? Sie sehen doch, die Patrouillen ziehen sich zurück. Führen Sie die Schwadron zurück.«

Die Schwadron überschritt die Brücke und kam aus dem Schußbereich heraus, ohne einen Mann verloren zu haben. Hinter ihr kam noch die zweite Schwadron, die in Vorpostenkette ausgeschwärmt war, über die Brücke zurück; und dann räumten auch die letzten Kosaken die andere Seite des Flusses.

Die beiden Schwadronen der Pawlograder Husaren überschritten die Brücke und ritten dann hintereinander auf den Berg zurück. Der Regimentskommandeur Karl Bogdanytsch Schubert kam zu Denissows Schwadron und ritt im Schritt an Rostow vorüber, ohne diesen zu beachten, obgleich sie sich seit der Geschichte mit Teljanin noch nicht wieder gesehen hatten. Rostow, der sich hier an der Front in der Macht dieses Menschen, vor dem er sich jetzt schuldig fühlte, zu befinden glaubte, verwandte keinen Blick von dem athletischen Rücken, dem blonden Hinterkopf und dem roten Hals des Regimentskommandeurs. Es schien Rostow, als ob diese Nichtbeachtung von seiten Bogdanytschs nur erheuchelt und dessen ganzes Sinnen und Trachten jetzt nur darauf gerichtet sei, die Tapferkeit des Junkers auf die Probe zu stellen. Daher reckte er sich hoch auf und sah sich fröhlich um. Bald schien es ihm, als reite Bogdanytsch absichtlich so nahe an ihn heran, um ihm seine schneidige Haltung an der Front zu zeigen, bald glaubte er wieder, sein Feind werde jetzt absichtlich die Schwadron in eine verwegene Attacke hineinschicken, um ihn, Rostow, dadurch zu bestrafen. Und dann wieder stellte er sich vor, wie nach der Attacke der Regimentskommandeur zu ihm hinreiten und ihm, dem Verwundeten, die Hand zur Versöhnung reichen werde.

Da kam die allen Pawlograder Husaren bekannte Gestalt Scherkows mit den hochgezogenen Schultern – er war erst kürzlich wieder aus dem Regiment ausgeschieden – auf den Regimentskommandeur zugeritten. Scherkow war, nachdem er aus dem Hauptquartier entfernt worden war, nicht lange im Regiment geblieben. Er hatte erklärt: So dumm, sich an der Front abzuschinden, sei er nicht, wenn er beim Stabe, ohne etwas zu tun zu brauchen, doch viel mehr Auszeichnungen erhalten könne. Er hatte es verstanden, als Meldeoffizier beim Fürsten Bagration unterzukommen. Jetzt ritt er zu seinem früheren Vorgesetzten hin, um ihm einen Befehl des Kommandierenden der Nachhut zu überbringen.

»Herr Oberst«, sagte er mit finsterem Ernst zu Rostows Feind und sah dabei auch gleichzeitig seine Kameraden an, »es ist befohlen, haltzumachen und die Brücke in Brand zu stecken.«

»Wer befiehlt das?« fragte düster der Oberst.

»Wer das befohlen hat, weiß ich nicht, Herr Oberst«, antwortete der Kornett ernsthaft. »Ich weiß nur, daß der Fürst zu mir gesagt hat: ›Reite zum Oberst und sage ihm, die Husaren sollen schnell kehrtmachen und die Brücke in Brand stecken.‹«

Gleich nach Scherkow langte ein Offizier à la suite mit dem gleichen Befehl beim Obersten an. Und bald hinter diesem Offizier à la suite kam der dicke Neswizkij angesprengt, auf einem Kosakenpferd, das ihn nur mit Mühe im Galopp tragen konnte.

»Aber was ist denn das, Herr Oberst?« schrie er noch im Reiten, »ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen die Brücke in Brand stecken, und jetzt ist da solch eine Verwirrung draus geworden. Dort im Stabe verlieren sie schon ganz den Verstand, niemand wird draus klug, was das heißen soll.«

Ohne irgendwelche Hast zu zeigen, ließ der Oberst das Regiment haltmachen und wandte sich an Neswizkij.

»Sie haben mir nur etwas von Brennstoffen gesagt«, erwiderte er. »Aber davon, daß ich die Brücke in Brand stecken soll, haben Sie mir kein Wort gesagt.«

»Aber ich bitte Sie, mein Lieber«, ereiferte sich Neswizkij, der sein Pferd angehalten hatte und die Mütze abnahm, um sich mit seiner dicken Hand die schweißtriefenden Haare glattzustreichen, »ich sollte nichts davon gesagt haben, daß die Brücke angesteckt werden soll, wenn doch schon die Brennstoffe hingelegt waren?«

»Ich bin für Sie kein ›mein Lieber‹, Herr Stabsoffizier! Sie haben mir nichts davon gesagt, daß ich die Brücke anstecken soll. Ich kenne meinen Dienst und bin gewohnt, jeden Befehl strikt zu erfüllen. Sie haben mir gesagt, die Brücke soll angesteckt werden, aber wer sie anstecken soll, das habe ich selbst vom Heiligen Geist nicht erfahren können …«

»Na ja, so ist es ja immer«, sagte Neswizkij und machte eine resignierende Handbewegung. »Wie kommst du denn hierher?« wandte er sich an Scherkow.

»Aus eben dem selben Grunde. Aber du bist ja ganz durchnäßt, darf ich dich nicht erst einmal auswringen?«

»Sie sagten, Herr Stabsoffizier …« fuhr der Oberst in beleidigtem Ton fort.

»Herr Oberst«, fiel ihm der Offizier à la suite ins Wort, »Eile tut not, sonst wird der Feind seine Geschütze nahe heranbringen und mit Kartätschen schießen.«

Der Oberst blickte schweigend den Offizier à la suite, den dicken Stabsoffizier und Scherkow an, und zog dann die Stirne kraus.

»Ich werde die Brücke in Brand stecken«, antwortete er in feierlichem Ton, als wollte er damit sagen, daß er trotz aller Unannehmlichkeiten, die man ihm bereitete, dennoch seine Pflicht erfüllen werde.

Mit seinen langen, muskulösen Beinen schlug er so ungestüm gegen sein Pferd, als ob dieses an allem schuld wäre, ritt vor die Front und befahl der zweiten Schwadron, derselben, in der Rostow unter Denissows Kommando stand, wieder zur Brücke zurückzukehren.

»Es ist schon richtig«, dachte Rostow, »er will mich auf die Probe stellen.« Sein Herz krampfte sich zusammen, und das Blut schoß ihm ins Gesicht. »Nun soll er mal sehen, ob ich ein Feigling bin«, dachte er.

Wieder zeigte sich auf all den fröhlichen Gesichtern dieser ernste Zug, der in jenem Augenblick zu bemerken gewesen war, als die Schwadron im Kugelregen gestanden hatte. Rostow sah unverwandt seinen Feind, den Regimentskommandeur, an, um auf dessen Gesicht die Bestätigung seiner Vermutung zu finden. Aber der Oberst blickte Rostow nicht ein einziges Mal an, sondern sah, wie immer vor der Front, ernst und feierlich aus. Ein Kommando ertönte.

»Schnell, schnell«, riefen einige Stimmen in Rostows Nähe.

Sporenklirrend und mit den Säbeln an den Zügeln hängenbleibend, stiegen die Husaren eilig ab, ohne zu wissen, was sie jetzt tun sollten. Sie bekreuzigten sich. Rostow sah nun nicht mehr nach dem Regimentskommandeur hin. Dazu hatte er jetzt keine Zeit mehr. Er fürchtete, fürchtete klopfenden Herzens nur das eine: er könne hinter den Husaren zurückbleiben und nicht mit ihnen mitkommen. Seine Hand zitterte, als er sein Pferd dem Pferdeburschen übergab, und er fühlte, wie mit jedem Pulsschlag das Blut nach seinem Herzen strömte. Denissow ritt, sich nach rückwärts werfend, an ihm vorüber und rief irgend etwas mit lauter Stimme. Dann sah Rostow nichts mehr als Husaren, die sporenklirrend und mit den Säbeln rasselnd an ihm vorüberliefen.

»Tragbahren!« rief eine Stimme hinter ihm.

Rostow dachte gar nicht darüber nach, was das zu bedeuten hatte, wenn Tragbahren verlangt wurden. Er lief, was er konnte, immer nur bemüht, allen voran zu sein; doch vor der Brücke geriet er, weil er nicht auf seine Füße geschaut hatte, in den morastigen, zertrampelten Schmutz, stolperte und fiel auf die Hände. Die andern rannten an ihm vorüber.

»An beiden Seiten, Rittmeister«, hörte er die Stimme des Regimentskommandeurs rufen, der vorausgeritten war und nun mit feierlichem und fröhlichem Gesicht nicht weit von der Brücke haltgemacht hatte.

Rostow rieb sich seine schmutzigen Hände an den Reithosen ab, sah sich nach seinem Feind um und wollte weiterlaufen, da er meinte, je weiter er vorwärts liefe, desto besser würde es sein. Aber Bogdanytsch, der ihn gar nicht gesehen und auch nicht erkannt hatte, rief ihm zu: »Wer läuft denn da mitten auf der Brücke. Nach rechts rüber, zurück, Junker!« schrie er ärgerlich und wandte sich dann an Denissow, der seine Tapferkeit zeigen wollte und auf die Brückenbohlen geritten war.