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»Lassen Sie doch die Scherze«, sagte er.

»Ich scherze durchaus nicht«, fuhr Bilibin fort, »nichts ist wahrer und trauriger als dies. Die Herren reiten also allein zur Brücke, schwenken weiße Tücher, versichern, daß Waffenstillstand sei und daß sie, die Marschälle, jetzt zum Fürsten Auersperg reiten müßten, um mit ihm die Verhandlungen zu beginnen. Der diensttuende Offizier läßt sie auf den Brückenkopf. Sie erzählen ihm tausend Gaskogner Schwindeleien vor, sagen, der Krieg sei zu Ende, Kaiser Franz habe eine Zusammenkunft mit Bonaparte anberaumt, und sie selber wünschten den Fürsten Auersperg zu sprechen, na, und was solcher Gaskonaden noch mehr waren. Der Offizier schickt zu Auersperg, um ihn holen zu lassen; die Franzosen umarmen die Offiziere, scherzen, setzen sich auf die Kanonen, und unterdessen rückt unbemerkt ein französisches Bataillon auf die Brücke, wirft die Säcke mit den Sprengstoffen ins Wasser und marschiert dann auf den Brückenkopf los. Endlich erscheint der Generalleutnant selbst, unser lieber Fürst Auersperg von Mautern.

›Liebwertester Feind! Du Blüte der österreichischen Armee! Du Held der Türkenkriege! Unsere Feindschaft ist zu Ende, wir können einander die Hand reichen. Kaiser Napoleon brennt vor Verlangen, den Fürsten Auersperg kennenzulernen.‹ Nun, kurz und gut, diese Herren, die nicht umsonst Gaskogner sind, wickeln Auersperg mit schönen Worten dermaßen ein, und er ist so entzückt von dieser so schnell hergestellten Intimität mit den französischen Marschällen, so geblendet von dem Anblick des Mantels und der Straußenfedern Murats, qu’il n’y voit que du feu, et oublie celui qu’il devait faire, faire sur l’ennemi.« Trotz der Lebhaftigkeit seiner Rede vergaß Bilibin nicht, nach diesem mot eine kleine Pause zu machen, um Fürst Andrej Zeit zu lassen, es gehörig zu würdigen. »Das französische Bataillon läuft auf den Brückenkopf, nagelt die Kanonen zu, und die Brücke ist genommen. Und dann, was noch besser ist«, fuhr er fort, und seine Erregung legte sich allmählich bei dem Genuß, den er an seiner eigenen Schilderung fand, »jener Sergeant, der an der Kanone aufgestellt war, auf deren Signalschuß die Minen angebrannt und die Brücke gesprengt werden sollte, dieser Sergeant wollte schon losschießen, als er die Franzosen auf die Brücke zulaufen sah, aber Lannes hielt ihn am Arm zurück. Der Sergeant, anscheinend klüger als sein General, geht zu Auersperg und sagt: ›Fürst, man betrügt Sie, da kommen die Franzosen.‹ Murat sieht das Spiel verloren, wenn er den Sergeanten weiterreden läßt. Mit heuchlerischer Verwunderung (ein echter Gaskogner!) wendet er sich an Auersperg: ›Aber ich kenne ja die von aller Welt so gerühmte österreichische Disziplin gar nicht wieder‹, sagt er, ›Sie lassen es zu, daß ein Untergebener so mit Ihnen spricht?‹ C’est génial! Le prince d’Auersperg se pique d’honneur et fait mettre le sergeant aux arrêts. Non, mais avouez que c’est charmant toute cette histoire du pont de Tabor. Ce n’est ni bêtise, ni lâcheté …«

»C’est trahison peut-être«, erwiderte Fürst Andrej und stellte sich dabei schon lebhaft graue Mäntel, Wunden, Pulverdampf, Gewehrgeknatter und den Ruhm vor, der ihn erwartete.

»Non plus. Cela met la cour dans de trop mauvais draps«, fuhr Bilibin fort. »Ce n’est ni trahison, ni lâcheté, ni bêtise; c’est comme à Ulm …« – er dachte anscheinend nach, um nach einem Ausdruck zu suchen – »… c’est … c’est du Mack. Nous sommes mackés«, schloß er und fühlte, daß er damit ein neues Wort geprägt hatte, ein Wort, das oft wiederholt werden würde.

Die Falten, die er bisher auf seiner Stirn zusammengezogen hatte, glätteten sich zum Zeichen seiner vergnügten Stimmung, und flüchtig lächelnd betrachtete er seine Fingernägel.

»Wohin gehen Sie?« fragte er plötzlich und wandte sich an Fürst Andrej, der aufgestanden war und sich in sein Zimmer begeben wollte.

»Ich reise ab.«

»Wohin denn?«

»Zur Armee.«

»Aber Sie wollten doch noch zwei Tage bleiben?«

»Jetzt muß ich sofort reisen.«

Fürst Andrej traf Anordnungen für seine Abreise und begab sich auf sein Zimmer.

»Wissen Sie was, mein Lieber«, sagte Bilibin, als er dann zu ihm ins Zimmer kam, »ich habe über Sie nachgedacht. Warum wollen Sie eigentlich abfahren?«

Und wie zum Beweise für die Unwiderlegbarkeit dessen, was er sagen wollte, zogen sich die Falten auf seiner Stirne glatt. Fürst Andrej sah sein Gegenüber fragend an und gab keine Antwort.

»Warum wollen Sie abreisen? Ich weiß, Sie halten es für Ihre Pflicht, jetzt zur Armee zu stoßen, weil sie in Gefahr ist. Ich verstehe das, mein Lieber, das ist Heroismus.«

»Durchaus nicht«, erwiderte Fürst Andrej.

»Aber Sie sind ein Philosoph, seien Sie es nun auch voll und ganz. Betrachten Sie die Dinge auch von der anderen Seite, und Sie werden sehen, daß es im Gegenteil Ihre Pflicht ist, sich zu erhalten. Überlassen Sie diesen Endkampf andern Leuten, die zu nichts weiter taugen … Es ist Ihnen nicht befohlen worden, zurückzureisen, und von hier sind Sie noch nicht entlassen. Also können Sie hier bleiben und mit uns fahren, wohin ein unglückliches Geschick uns führt. Es heißt, es gehe nach Olmütz. Olmütz ist eine sehr nette Stadt. Und wir beide können dann zusammen ganz friedlich in meiner Kalesche fahren.«

»Lassen Sie doch diese Scherze, Bilibin«, sagte Bolkonskij.

»Ich sage Ihnen das in aller Aufrichtigkeit und Freundschaft. Überlegen Sie sich’s. Wohin und wozu wollen Sie jetzt abfahren, wo Sie doch hier bleiben können? Zwei Möglichkeiten sind es nur, die Ihnen bevorstehen«, er zog die Haut über seiner linken Schläfe zusammen, »entweder kommen Sie gar nicht bis zur Armee hin, und der Friede wird schon vorher geschlossen, oder es kommt zur Schlacht, und Sie müssen die ganze Niederlage und Schmach der Kutusowschen Armee miterleben.«

Bilibin zog die Haut auseinander; er fühlte, daß sein Schluß, der nur zwischen diesen beiden Dingen die Wahl ließ, unwiderlegbar sei.

»Da gibt es nichts zu überlegen«, erwiderte Fürst Andrej kühl und dachte bei sich: Ich fahre ja deshalb, um die Armee zu retten.

»Mon cher, vous êtes un héros«, entgegnete Bilibin.

13

Nachdem sich Bolkonskij vom Kriegsminister verabschiedet hatte, fuhr er noch in derselben Nacht zur Armee. Er wußte selber nicht, wo er sie finden sollte, und fürchtete schon, auf dem Wege nach Krems von den Franzosen abgefangen zu werden.

In Brünn war der ganze Hof und alles, was dazugehörte, mit Packen beschäftigt. Das schwere Gepäck hatte man schon nach Olmütz abgeschickt. Bei Etzelsdorf kam Fürst Andrej auf die große Landstraße, wo sich die russische Armee mit größter Eile und Unordnung fortbewegte. Die Straße war so von Wagen versperrt, daß es unmöglich war, in einer Equipage weiterzufahren. Fürst Andrej ließ sich von einem Kosakenoffizier ein Pferd und einen Kosaken geben und ritt, die Wagen überholend, hungrig und müde weiter, um den Oberkommandierenden und seinen eigenen Wagen zu suchen. Unterwegs kamen ihm die schlimmsten Hiobsbotschaften über die Lage der Armee zu Ohren, und der Anblick dieser unordentlich dahineilenden Truppen bestätigte diese Gerüchte nur zu sehr.

»Cette armée russe, que l’or de l’Angleterre a transportée des extrémités de l’univers, nous allons lui faire éprouver le même sort (le sort de l’armée d’Ulm).« An diese Worte Bonapartes, die er bei Beginn des Feldzuges in einem Befehl an seine Armee gerichtet hatte, mußte Fürst Andrej jetzt unwillkürlich denken. Sie erweckten in ihm Bewunderung für den genialen Helden, gleichzeitig aber auch ein Gefühl beleidigten Stolzes und die Hoffnung, sich Ruhm zu erwerben.

Doch wenn mir nun nichts weiter übrigbleibt als zu sterben? dachte er. Auch das, wenn es sein muß! Ich werde es nicht schlechter machen als andere.