»Zweite Linie … hast du das?« fuhr er, dem Schreiber diktierend, fort, »das Kiewer Grenadierregiment, das Podolsker …«
»Ich komme nicht nach, Euer Hochwohlgeboren«, sagte der Schreiber respektlos und ärgerlich und sah zu Koslowskij auf.
In diesem Augenblick hörte man hinter der Tür Kutusows Stimme erregt und unzufrieden etwas sagen. Eine andere, unbekannte Stimme unterbrach ihn. Am Klange dieser Stimme, an dem achtlosen Blick, mit dem Koslowskij ihn angesehen hatte, an der Respektlosigkeit des abgespannten Schreibers und daran, daß dieser und Koslowskij so nahe beim Oberkommandierenden auf dem Fußboden neben einem Kübel saßen und die Kosaken, die die Pferde hielten, so laut vor den Fenstern lachten – aus alledem ersah Fürst Andrej, daß sich etwas Ernstes und Unheilvolles vorbereitete.
Fürst Andrej wandte sich mit einer Frage an Koslowskij.
»Gleich, Fürst«, erwiderte Koslowskij, »Disposition für Bagration.«
»Also doch Kapitulation?«
»Keineswegs; es sind Anordnungen zur Schlacht getroffen worden.«
Fürst Andrej ging auf die Tür zu, hinter der die Stimmen zu hören waren. Doch im selben Augenblick, als er die Tür aufmachen wollte, schwiegen die Stimmen im Zimmer still, die Tür wurde von innen geöffnet, und Kutusow mit seiner Adlernase in dem aufgedunsenen Gesicht erschien auf der Schwelle. Der Fürst stand Kutusow gerade gegenüber; aber an dem Ausdrucke des einen Auges, mit dem der Oberkommandierende nur noch sehen konnte, war zu erkennen, Gedanken und Sorgen beschäftigten ihn so stark, daß sie ihn geradezu der Sehkraft beraubten. Er blickte seinem Adjutanten direkt ins Gesicht und erkannte ihn nicht.
»Nun, wie steht’s, bist du fertig?« wandte er sich an Koslowskij.
»Sofort, Euer Exzellenz.«
Bagration, ein kleiner, hagerer Mann in mittleren Jahren, mit zielbewußtem, unbeweglichem Gesicht von orientalischem Typ, trat hinter dem Oberkommandierenden aus dem Zimmer.
»Ich habe die Ehre, mich zurückzumelden«, wiederholte Fürst Andrej ziemlich laut und überreichte dem Oberkommandierenden einen Brief.
»Ah! Aus Wien zurück? Schön. Nachher, nachher!«
Kutusow trat mit Bagration vor die Tür.
»Nun, Fürst, lebe wohl«, sagte er zu Bagration. »Christus sei mit dir. Ich segne dich zu deiner großen Tat.«
Das Gesicht Kutusows zeigte plötzlich einen weichen Ausdruck, und Tränen traten ihm in die Augen. Er zog mit seiner linken Hand Bagration an sich und bekreuzigte ihn mit seiner rechten, an der er einen Ring trug, mit einer ihm anscheinend ganz geläufigen Gebärde. Dann hielt er ihm seine dicke Wange hin, Bagration aber küßte ihn auf den Hals.
»Christus sei mit dir«, wiederholte Kutusow und trat auf seine Kalesche zu.
»Setze dich zu mir«, sagte er dann zu Bolkonskij.
»Exzellenz, ich möchte mich gern nützlich machen. Gestatten Sie mir, in der Abteilung des Fürsten Bagration zu bleiben?«
»Steig ein«, sagte Kutusow, und fügte, als er bemerkte, daß Bolkonskij zögerte, hinzu: »Ich brauche selber gute Offiziere, die brauche ich selber.«
Sie nahmen in der Kalesche Platz und fuhren einige Minuten schweigend dahin.
»Noch viel, viel, alles steht uns noch bevor«, sagte Kutusow mit dem durchdringenden Blick eines alten, erfahrenen Mannes, als wisse er alles, was in Bolkonskijs Seele vorging. »Wenn von seiner Abteilung morgen nur ein Zehntel wiederkommen wird, dann werde ich Gott danken«, fügte er hinzu, als spräche er mit sich selbst.
Fürst Andrej blickte Kutusow an, und unwillkürlich blieben seine Augen auf dem ihm jetzt aus nächster Nähe sichtbaren ausgelaufenen Auge Kutusows und auf den sauber gewaschenen Falten einer Narbe an seiner Schläfe haften, wo ihm bei Ismail eine Kugel durch den Kopf gedrungen war. Ja, er hat ein Recht, so ruhig von dem Untergang anderer zu sprechen, dachte Bolkonskij.
»Daher bat ich Sie auch, mich zu jener Abteilung zu entsenden«, sagte er.
Kutusow antwortete nicht. Er schien vergessen zu haben, daß man etwas zu ihm gesagt hatte, und saß in Gedanken versunken da. Nach etwa fünf Minuten wandte sich Kutusow, der gleichmäßig auf den weichen Polstern der Kalesche hin und her schaukelte, wieder an Fürst Andrej, Auf seinem Gesicht war nicht die Spur einer Erregung mehr zu sehen. Mit feinem Spott fragte er den Fürsten Andrej nach den Einzelheiten seiner Begegnung mit dem Kaiser, nach dem Widerhall, den die Schlacht bei Krems am Hofe gefunden habe, und nach einigen Damen, die ihnen beiden bekannt waren.
14
Kutusow hatte durch einen seiner Kundschafter am 1. November eine Nachricht erhalten, nach der sich die von ihm befehligte Armee in einer fast hoffnungslosen Lage befand.
Dieser Kundschafter berichtete, daß die Franzosen die Wiener Brücke überschritten hätten und nun mit riesigen Streitkräften gegen die Verbindungslinie vorrückten, wo sich Kutusow mit den aus Rußland kommenden Truppen vereinigen wollte. Entschloß sich dieser, in Krems zu bleiben, so schnitt Napoleons hundertfünfzigtausend Mann starke Armee ihn von allen Verbindungen ab, umzingelte seine erschöpften vierzigtausend Mann, und er befand sich dann in derselben Lage wie Mack bei Ulm. Entschied sich Kutusow aber dafür, den Weg zu verlassen, der zur Vereinigung mit den aus Rußland kommenden Truppen führte, so mußte er auf schlechten Wegen in die unbekannten Gegenden der böhmischen Berge marschieren, mußte sich gegen einen an Streitkräften weit überlegenen Feind verteidigen und jede Hoffnung auf eine Vereinigung mit Buxhöwden aufgeben. Wählte er aber den dritten Ausweg: auf der Straße von Krems nach Olmütz den Rückzug anzutreten, um sich mit den aus Rußland kommenden Truppen zu vereinigen, dann lief er Gefahr, daß die Franzosen nach Überschreitung der Wiener Brücke ihm auf diesem Wege zuvorkamen und ihn zwangen, eine Schlacht auf dem Marsche anzunehmen, also mit der ganzen Bagage und dem ganzen Train, und noch dazu mit einem Feind, der ihm dreifach überlegen war und ihn von zwei Seiten umzingelte.
Kutusow entschied sich für diesen letzten Ausweg.
Wie der Kundschafter berichtete, rückten die Franzosen, die die Brücke bei Wien überschritten hatten, in Gewaltmärschen gegen Znaim vor, das etwas über hundert Werst vor Kutusow auf der Rückzugslinie lag. Erreichte er Znaim vor den Franzosen, so waren die Aussichten, die Armee zu retten, größer. Mußte er aber geschehen lassen, daß die Franzosen ihm in Znaim zuvorkamen, so war es sicher, daß er das ganze Heer entweder einer Schmach, ähnlich der Ulmer Katastrophe, entgegenführte, oder es dem völligen Untergang preisgeben mußte. Doch den Franzosen mit der ganzen Armee zuvorzukommen, war unmöglich: der Weg, den die Franzosen von Wien bis Znaim zurückzulegen hatten, war kürzer als der des russischen Heeres von Krems bis Znaim.
In jener Nacht, als Kutusow diese Nachricht erhielt, schickte er Bagrations viertausend Mann starke Vorhut rechts durch die Berge, von der Krems-Znaimer nach der Wien-Znaimer Straße, Bagration sollte diesen Marsch, ohne auch nur einmal zu rasten, zurücklegen, dann mit der Front nach Wien und dem Rücken nach Znaim zu haltmachen, und, wenn es ihm gelungen wäre, den Franzosen zuvorzukommen, diese solange wie möglich aufhalten. Kutusow selbst rückte inzwischen mit der ganzen Bagage nach Znaim vor.
Nachdem Bagration mit seinen erschöpften und zerlumpten Soldaten, ohne Weg und Steg, durch die Berge in stürmischer Nacht fünfundvierzig Werst zurückgelegt hatte, erreichte er bei Hollabrunn die Wien-Znaimer Straße einige Stunden früher als die Franzosen, die von Wien aus auf Hollabrunn vorrückten. Kutusow hatte, um Znaim zu erreichen, mit seiner gesamten Bagage noch einen ganzen Tag zu marschieren, und daher sollte Bagration, um die Armee zu retten, mit viertausend hungrigen und erschöpften Soldaten einen vollen Tag die ganze feindliche Armee, mit der er in Hollabrunn zusammentreffen mußte, aufhalten, was augenscheinlich ein Ding der Unmöglichkeit war. Doch ein seltsames Geschick machte das Unmögliche möglich. Der Erfolg jener List, die ohne Kampf die Wiener Brücke in die Hände der Franzosen gegeben hatte, reizte Murat, eine ähnliche List auch mit Kutusow zu versuchen. Als er mit Bagrations schwacher Abteilung auf der Znaimer Straße zusammenstieß, nahm er an, dies sei Kutusows ganze Armee. Um diese nun ganz sicher zermalmen zu können, wollte er erst noch auf die Truppen warten, die auf dem Weg von Wien zurückgeblieben waren, und schlug zu diesem Zweck einen dreitägigen Waffenstillstand vor, unter der Bedingung, daß beide Armeen ihre Stellungen nicht verändern und sich auch nicht vom Platz rühren sollten. Murat versicherte, es würden bereits Friedensverhandlungen geführt, und daher schlage er, um unnützes Blutvergießen zu vermeiden, diesen Waffenstillstand vor. Der österreichische General Graf Nostitz, der auf Vorposten stand, glaubte den Worten des Muratschen Parlamentärs und zog sich zurück, wodurch er Bagrations Abteilung ohne Schutz ließ. Ein zweiter Parlamentär Murats ritt an die russischen Vorpostenketten heran, um die Nachricht von den Friedensverhandlungen zu überbringen und den russischen Truppen einen dreitägigen Waffenstillstand anzubieten. Bagration erwiderte, er selber könne den Waffenstillstand weder annehmen noch abschlagen, und schickte seinen Adjutanten mit einem Bericht über das ihm gemachte Anerbieten zu Kutusow.