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»Aber, meine Herren, was soll das bedeuten!« rief der Stabsoffizier in dem vorwurfsvollen Ton eines Menschen, der ein und dasselbe bereits wiederholt gesagt hat. »Sie dürfen sich doch nicht so weit von Ihren Posten entfernen. Der Fürst hat befohlen, daß sich niemand hier aufhalten soll. Und Sie, Herr Hauptmann«, wandte er sich an einen kleinen, mageren Artillerieoffizier, der, als die beiden eintraten, in schmutzigen Sachen, ohne Stiefel – er hatte sie dem Marketender zum Trocknen gegeben – nur in Strümpfen aufgestanden war und ein wenig gezwungen lächelte. »Und Sie, Herr Hauptmann Tuschin, schämen Sie sich denn nicht?« fuhr der Stabsoffizier fort. »Sie als Artillerist müßten doch meiner Ansicht nach den anderen ein Beispiel geben. Dabei laufen Sie hier ohne Stiefel herum. Wenn Alarm geschlagen wird, werden Sie in Strümpfen eine schöne Figur abgeben.« Der Stabsoffizier lächelte. »Also gehen Sie auf Ihre Posten, meine Herren, alle, alle!« fügte er im Ton eines Vorgesetzten hinzu.

Fürst Andrej mußte unwillkürlich lächeln, während er den Hauptmann Tuschin ansah, der schweigend und lächelnd von einem bloßen Fuß auf den anderen trat und mit seinen großen, klugen und guten Augen fragend bald den Fürsten Andrej, bald den Stabsoffizier ansah.

»Die Soldaten sagen: ›Ohne Stiefel läuft sich’s bequemer‹«, meinte Hauptmann Tuschin und lächelte dabei schüchtern; anscheinend wollte er sich durch einen Scherz aus der Verlegenheit ziehen. Doch kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, so fühlte er schon, daß sein Scherz nicht als solcher aufgenommen wurde und auch nicht recht glücklich herausgekommen war, und wurde von neuem verlegen.

»Bitte, begeben Sie sich auf Ihre Posten, meine Herren!« wiederholte der Stabsoffizier und bemühte sich, ernst zu bleiben.

Fürst Andrej betrachtete noch einmal die Gestalt des Artillerieoffiziers, der etwas Besonderes, ganz Unmilitärisches, ein wenig Komisches, aber doch außerordentlich Anziehendes an sich hatte. Darauf bestiegen der Stabsoffizier und Fürst Andrej wieder ihre Pferde und ritten weiter.

Als sie das Dorf hinter sich hatten, trafen und überholten sie unaufhörlich Soldaten und Offiziere der verschiedensten Truppengattungen. Zur Linken sah man die im Bau begriffenen Befestigungen, die von dem frischen, eben erst ausgegrabenen Lehm einen rötlichen Schimmer hatten. Mehrere Bataillone Soldaten wimmelten – trotz des kalten Windes nur in Hemdsärmeln – wie weiße Ameisen auf diesen Schanzen herum, hinter deren Wall hervor von unsichtbaren Händen Schaufeln roter Lehmerde ausgeworfen wurden. Die beiden Offiziere ritten an die Befestigungen heran, besichtigten sie und ritten dann weiter. Dicht hinter den Schanzen stießen sie auf ungefähr zehn Soldaten, die auf den Befestigungen hin und her liefen und sich dabei dauernd ablösten. Die beiden Offiziere mußten sich die Nasen zuhalten und ihre Pferde in Trab bringen, um aus dieser verpesteten Luft herauszukommen.

»Voilà l’agrément des camps, monsieur le prince«, sagte der diensttuende Stabsoffizier.

Sie ritten nun nach der gegenüberliegenden Anhöhe. Von hier aus konnte man die Franzosen schon sehen. Fürst Andrej brachte sein Pferd zum Stehen und sah sich die Gegend an.

»Sehen Sie, da steht unsere Batterie«, sagte der Stabsoffizier und zeigte auf den höchsten Punkt der Anhöhe, »das ist die Batterie jenes komischen Kauzes, der vorhin ohne Stiefel dasaß. Von dort aus kann man alles übersehen; kommen Sie, wir wollen hinreiten, Fürst.«

»Ich danke Ihnen sehr, ich werde jetzt allein weiterreiten«, sagte Fürst Andrej, der den Stabsoffizier gern loswerden wollte. »Bitte, bemühen Sie sich nicht weiter.«

Der Stabsoffizier entfernte sich, und Fürst Andrej ritt nun allein seines Weges.

Je weiter er vorwärts und dem Feinde näher kam, desto ordentlicher und fröhlicher wurde das Aussehen der Truppen. Die größte Unordnung und Verzagtheit hatte in jener Trainkolonne vor Znaim, zehn Werst vom Feinde entfernt, geherrscht, die Fürst Andrej am Morgen überholt hatte. Auch in Grund war eine gewisse Unruhe und Angst bemerkbar gewesen. Doch je näher Fürst Andrej an die französische Vorpostenkette heranritt, um so zuversichtlicher wurde das Aussehen der Truppen. In Reihen aufgestellt, standen die Soldaten in ihren Mänteln da. Feldwebel und Hauptleute zählten ihre Mannschaften ab, indem sie immer dem letzten Mann in jedem Glied mit dem Finger auf die Brust tippten und ihm befahlen, die Hand hochzuheben. Andere Soldaten schwärmten über die ganze Gegend aus, schleppten Holz und Reisig herbei und bauten kleine Hütten, wobei sie lachten und sich unterhielten. Andere saßen bekleidet oder unbekleidet um die Feuer herum, um sich Hemden und Fußlappen zu trocknen oder Stiefel und Mäntel auszubessern. Wieder andere drängten sich um die Kessel und um die Köche. Bei der einen Kompanie war das Essen schon fertig, und die Soldaten blickten mit gierigen Gesichtern die rauchenden Kessel an und warteten, bis der Offizier, der auf einem Balken vor seinem Zelte saß, das Essen gekostet hatte, das ihm der Proviantmeister soeben in einem Holznapf reichte.

In einer anderen Kompanie, die sich in noch glücklicherer Lage befand, da nicht alle Kompanien Branntwein hatten, standen die Soldaten dicht gedrängt um einen pockennarbigen, breitschultrigen Feldwebel herum, der aus einem schräg gehaltenen Fäßchen der Reihe nach Branntwein in die ihm hingereichten Feldflaschenbecher goß. Die Soldaten führten die Becher mit andächtigen Mienen an ihre Lippen, kippten sie um, behielten den Branntwein noch eine Weile im Munde, wischten sich dann den Mund mit den Mantelärmeln ab und gingen mit befriedigten Gesichtern wieder vom Feldwebel fort. Alle sahen so ruhig aus als spiele sich dies alles nicht angesichts des Feindes und kurz vor einem Gefecht ab, wo die Hälfte der Abteilung auf dem Platz bleiben mußte, sondern irgendwo in der Heimat, in Erwartung eines ruhigen Quartiers.

Nachdem Fürst Andrej an einem Jägerregiment vorbeigeritten war, gelangte er zu den Reihen der Kiewer Grenadiere, deren schmucke Mannschaften sich denselben friedlichen Beschäftigungen hingaben. Hier kam er nicht weit von der Baracke eines Regimentskommandeurs, die sich durch ihre Größe von den anderen abhob, zu der Front eines Grenadierbataillons, vor der ein Mann mit entblößtem Rücken auf der Erde lag. Zwei Soldaten hielten ihn, und zwei andere schwangen gleichmäßig biegsame Ruten und schlugen damit auf seinen entblößten Rücken los. Der Gezüchtigte schrie, als ob er am Spieße steckte. Ein dicker Major ging vor der Front auf und ab und sagte, ohne auf das Geschrei zu achten, immer wieder: »Es ist eine Schande für einen Soldaten, zu stehlen. Ein Soldat muß ehrlich, brav und tapfer sein. Bestiehlt er seine Kameraden, so hat er keine Ehre im Leib und ist ein Lump. Immer feste, immer feste!«

Wieder hörte man die Schläge der biegsamen Ruten und das verzweifelte, aber übertriebene Geschrei des Übeltäters.

»Immer feste, immer feste!« wiederholte der Major.

Ein junger Offizier trat mit erstaunter, mitleidiger Miene von dem Bestraften weg und sah sich fragend nach dem vorbeireitenden Adjutanten um.

Als Fürst Andrej bis an die vorderste Linie gekommen war, ritt er an der Front entlang. Auf der rechten und linken Flanke standen unsere und des Feindes Vorpostenkette weit voneinander entfernt; in der Mitte aber, dort, wo am Morgen die Parlamentäre herangeritten waren, kamen sich die beiden Vorpostenketten so nahe, daß sie gegenseitig ihre Gesichter erkennen und miteinander sprechen konnten. Außer den Soldaten, die an dieser Stelle die Vorpostenkette bildeten, standen auf beiden Seiten noch viele Neugierige herum, die lachend die ihnen seltsam und fremdartig vorkommenden Feinde betrachteten.

Trotz des Verbots, an die Vorpostenkette heranzugehen, konnten sich die Offiziere schon vom frühen Morgen an kaum der Neugierigen erwehren. Die Soldaten dagegen, die auf Vorposten standen, sahen wie Leute, die etwas Seltenes zur Schau stellen, schon gar nicht mehr nach den Franzosen hin, sondern beobachteten statt dessen die Herbeikommenden und warteten gelangweilt auf Ablösung. Auch Fürst Andrej hielt sein Pferd ein, um sich die Franzosen anzusehen.